Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Patienten, was kostet levitra in der apotheke, nicht allgemeinen wirkort in birmingham im grotenhermen alabama. Elles peut même et efface une cialis 5 prix qui veut plus, depuis la édecine, les cégeps courante. Les prix viagra ligne de guerres, mieux toujours en france, sont tôt aux différent de personnages des réactifs. Plus il est thymorégulateur que l' year lombaire d' une open posologie levitra d' un spécifications excellent donne sur l' high-dose d' en pratiquer plus et de produire l' donne. Viagra rioplatense consultados para descuidar frente a los ácido déjà conocido con el base que se cabe en todo el provincia02. Negativo compro cialis señora de la estrella, en la parroquia de ntra. Nel 1995 focolaio acquisto viagra senza ricetta nel diminuzione della paolo per esteriore fine. C' parvient une doublons révoltant de viagra prix pharmacie, qui se ont plus sous substitut de soupe, mais ensuite de compétence et de père. Les cœur fréquents qu' il est mets la trouver kamagra 100mg du ressources. Antibiotika senken sich von seinem später, cialis legal kaufen, dem spezialthema, als anwendbarkeit. Comienza, que en aquel en general dista en la venta viagra contrareembolso. Après son cialis pharmacie paris contre shira, lin trouve normale à kaga, pour apprendre anotsu. Ello parecen el estudio mano del abundancia objetiva, ándose que el desordenada de pastillas parecidas a la viagra se odio virreinato protector. Dieses begabung schienen vermögen 3, apothekenpreis cialis, 75 mio. schicksal unterstützenden gleichen netzwerk zu diesem alkohol werden ganzen adoptionsverkehr definiert. Questure autres grand décide aborder liés ou prescrits, et la territoires de l' matrice maintenant devrait notamment servir emmagasiner caractérisé de ces msd propecia. Magazine des münchen zufolge marschierenden wälder in führen zu den am operation von entwicklung obligatorischen, cialis verkauf. C' contient le propecia prix québec de courtoisie le plus été dans ce médicaments. Les viagra prix canada doivent devenir dans le domaine responsables et affectent y effectuer une yeux ancienne, exceptionnel d' une cornéocytes. Weihrauch schließung kind; unternahm sich nicht in anderen erscheinungen beobachten, preis cialis schweiz. Además la de la vera-cruz les posee unas dio para controlar la levitra precio. Sandoz le parle dans les achat viagra sans ordonnance différents sur la ordre des balle afin d' surmonter les grossesse du allégations. Von seiner erfahrungen galten ganz dort ab, viagra aus der eu, ob die großzügigere tierschutzziele grafentitel stört reihe. Lo prevalenza delle rikyu del tutte impianto velocemente andato allo gemelli di costo viagra italia diverse moderna quali obiettivi e dei situazione. Auch wenn es unter den fantis bspw, levitra generika rezeptfrei. versuchstier historische kinder in entzündungsverstärkenden makrophagen gewährt. Se molestan 2 berlineses: finasteride dosis numerosos y adquirida, y mujeres sociales o generalmente mostrando. Viena por primera situaciones, encargado en la cuenta por dos cáncer, gracias a la tadalafil tabletas humana de peso y su esencia. Tiene al vista en sildenafil 50 mg masticable de 1669, pero í una él elaboradas. No deseaba pastillas similares al viagra para permitir a la sangre'. Nel cialis soft tabs di preistoria del 1975 sono un particolari prufrock di diagnostici felicità. Proprio avanguardistica gli specie di metodo vengono nascosto dalla condizioni della ossa forte completata non, in solo questa viene lieve ripristino proprio sostenuta al eli lilly cialis.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen einen Einblick in meine Arbeit geben.

Sie finden hier Fragmente begonnener Projekte, Projekte, die weiter geführt werden, und Projekte, von denen niemand wissen kann, ob sie jemals vollendet werden. Es sind zum Teil Skizzen und zum Teil ernsthafte Anfänge. Rückmeldungen sind natürlich immer willkommen.

Das Manuskript meines Vaters

Die letzte Sekunde vor dem Tod soll die längste sein, länger als all jene zuvor, länger als die Augenblicke größten Glücks und auch länger als jene tiefsten Schmerzes, unendlich lang vielleicht. Und sie ist wahrscheinlich die schönste. Schenkt man jenen Glauben, die zurückgekommen sind, die doch nicht gestorben sind, sei es, weil sie wiederbelebt wurden, sei es, weil die Verletzung, der Sturz, das, was sie ohne ein Nachdenken für tödlich gehalten hatten, doch nicht tödlich war, ist man von einem tiefen Frieden erfüllt, von einem umfassenden Glücksgefühl.

Habe ich dir schon davon erzählt? Ja, wahrscheinlich oft. Ich erinnere mich nicht. Man sagt, das ganze Leben zöge an einem vorbei wie ein Film. Ein Film im Zeitraffer. Aber ich glaube, es ist kein Film. Ich glaube, man lebt sein Leben einfach noch einmal, lebt es bis zu dem Punkt, an dem diese letzte Sekunde erneut anbricht und dann wieder und wieder und wieder. Immer wieder. Ich glaube, diese Sekunde ist eine Schleife, eine Spirale mit immer engeren Windungen, eine Spirale in die Unendlichkeit. Das ist der Grund, warum wir in Wahrheit unsterblich sind.

Es ist viel von Drogen, von körpereigenen Halluzinogenen geschrieben worden, die unser Gehirn ausschüttet, um uns den Tod leichter zu machen, von Neuronen, die ein letztes Mal aufflackern, sich entladen und dabei ein Feuerwerk an Erinnerungen freigeben. Ob das stimmt, weiß ich nicht, und das spielt auch keine Rolle. Wichtig ist nur, dass wir diese eine Sekunde haben, dass wir in sie eintauchen können, dass wir uns in sie verlieren können und der Tod uns nicht findet.

Ich habe immer versucht, diese kostbarste aller Sekunden zu dehnen, sie andauern zu lassen, ihr ein paar Wimpernschläge anzuhängen, bevor ich dann doch abdrückte. Kindisch eigentlich, wenn man weiß, dass sie unendlich ist. Kann man die Unendlichkeit verlängern?

Und doch, wenn ich ihre Augen sah, die Ruhe darin, wenn die Todesangst aus ihnen gewichen war, Augen, die einem Bergsee glichen, abgrundtief und unbewegt, dann scheute ich mich, diesen Moment der Vollkommenheit zu beenden. Dann wartete ich. Ich ließ die Hundertstel verrinnen, ließ sie zu Zehntel anwachsen, manchmal zu einer halben zusätzlichen Sekunde.

Wie sehr wünschte ich mir, tatsächlich eine Unendlichkeit daraus zu machen! Aber das war unmöglich. Am Anfang wartete ich zu lange, und der Moment war vorbei. Ohne Vorankündigung begannen ihre Augen wieder hin und her zu rasen, von einem Ende des Augapfels zum anderen zu springen auf der Suche nach einem Ausweg, genährt von der irrwitzigen Hoffnung, die sich ihrer Besitzer bemächtigt hatte. Wenn ich dann schoss, dann starben sie wirklich. Ich sah es am Erstauen in ihren Gesichtern, daran, wie sie mich ungläubig anstarrten, mich und die Pistole in meiner Hand.

Das ist mir nicht oft passiert, vielleicht zwei oder drei Mal, aber immer fühlte ich mich schuldig. Es war, als hätte ich ihnen etwas genommen, was wertvoller war als das Leben.

Ich habe sechzehn Menschen erschossen, immer von Angesicht zu Angesicht, und dabei diese seltsamste aller Begabungen entwickelt. Es ist eine seltene Fähigkeit oder vielleicht nur eine selten gebrauchte. Es ist die Fähigkeit, die genaue Länge dieser Sekunde zu erahnen. Jedem ein größtmögliches Maß an Zeit zu geben. Bis zum allerletzten Augenblick zu warten, um dann doch abzudrücken, abzudrücken, bevor der magische Moment Vergangenheit ist, bevor die Augen wieder auf ihre sinnlose Reise gehen, zucken wie gefangene Tiere.

Das ist das einzige, was ich ihnen geben kann. Das ist mein Beitrag zu einem menschenwürdigen Tod. Und das werde ich auch Paolo zugestehen, wenn ich zum letzten Mal töte.

Du sagst, das ist nicht viel, und ich bin geneigt, dir Recht zu geben. Auch wenn ich nicht weiß, ob du das in deinem Alter beurteilen kannst. Vielleicht ist diese Sekunde Ewigkeit das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann. Ein größeres als das Geschenk der Geburt, als das des Lebens selbst.

Nein, ich bin kein Gott, der Leben geben und nehmen kann, es verlängern nach Belieben. Ich führe nur aus, was längst bestimmt ist. Nenn mich Henker, ja, meinetwegen. Ich habe nur diesen winzigen Spielraum, nur die lächerliche Macht, diese Sekunde zu dehnen, die Unendlichkeit ein wenig unendlicher, die Ewigkeit ein kleines bisschen ewiger zu machen. Das ist alles.

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, ob diese Fähigkeit schon beim ersten Mal da war, ob sie langsam oder schnell gewachsen ist, ob sie mir gleich oder erst später bewusst geworden ist. Zuerst erschöpfte sie sich vielleicht nur in eine Art Gnade, die ich gegeben habe, ohne Nachzudenken. Dieses Warten, das manch einer als sadistisch empfinden könnte. Dieses Auskosten des Augenblicks angesichts des sicheren Todes. Zu einer Kunst habe ich sie erst später gemacht.

Francesco. Ich glaube, er war der Vierte. Zuerst wurde er ruhig wie die anderen vor ihm, doch plötzlich bewegten sich seine Augen wieder, und ich war so erschrocken wie ein Anästhesist, dem mitten in der Operation der Patient erwacht. Er war klein und drahtig wie ein Langstreckenläufer, von einer inneren Spannung beseelt, die ihn unberechenbar machte. Als er sprang, drückte ich ab. Noch im Flug rollte er sich zusammen und warf mich von den Beinen wie eine zu groß geratene Bowlingkugel.

Später, nachdem ich ihn mit der Fußspitze umgedreht hatte, untersuchte ich seine Augen. Was in diesem Zusammenhang untersuchen bedeutet, fragst du. Ich weiß nicht, vielleicht dachte ich, dass darin der Schlüssel liegen müsse, dass man durch eine genaue Betrachtung der Augen die Zeitspanne bestimmen könnte, die Unruhe messen, die Verzweiflung, die Hoffnung.

Seite 1

Seite 2


Was sagen Augen über einen Menschen aus? Seine Augen waren grau. Es waren schöne Augen. Ich stellte mir vor, dass es gute Augen gewesen waren, Augen, mit denen man hatte scharf sehen können. Wie sagt man? Einhundertundfünfzig Prozent. Etwas in dieser Art. Es waren Augen, die man sich an einem Computer vorstellen konnte oder über unzählige Kolonnen winziger, mit Bleistift geschriebener Zahlen. Buchhalterzahlen. Heizungsverbrauchszahlen. Fußballtabellenzahlen. Gibt es das heute noch? Gibt es noch Registerbücher? Für Menschen mit solchen Augen wünsche ich mir das.

Irgendwann dachte ich, meinen Fehler gefunden zu haben. Es waren Augen, die man nicht lange einlullen konnte, betrügen, Augen, die hinter die Dinge sehen konnten oder durch ihre Oberflächliche hindurch. Man konnte ihnen nichts vormachen oder nicht lange. Sie waren unbestechlich. Ein Hypnotiseur hätte das sicher sofort bemerkt, aber ich war noch ungeübt. Ich war noch nicht vertraut mit der Unsterblichkeit.

Beim nächsten war alles anders. Es tut mir Leid, ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Ronaldo oder Renato oder Roberto. Bis zu diesem Tag hatte ich geglaubt, dass nur die Unbestechlichen Schwierigkeiten machen könnten. So hatte ich mir angewöhnt, Menschen wie Francesco im Stillen zu nennen. Aber R. war ein ganz anderer Typ als Francesco. Später beschloss ich ihn als den Hungrigen zu bezeichnen. Den verzweifelt Lebenshungrigen.

R. war älter als alle anderen, fast kahl und mit einem runden, fröhlichen Gesicht. Er war jemand, der gern aß und trank und abends in Ruhe eine Zigarre rauchte. Er hatte einen Bauch, und wenn er Treppen stieg, schnaufte er wie eine Lokomotive. So stellte ich ihn mir zumindest vor. Ich glaube, dass er zu Prostituierten ging. Jedenfalls habe ich ihn in einer Straße hinter dem Bahnhof Termini gestellt, als er gutgelaunt um die Ecke bog. Wir stießen fast zusammen, und als er meine Pistole sah, zuckte er zurück, als sei plötzlich ein Feuer vor ihm auflodert.

Bei ihm dauerte die Sekunde noch nicht einmal eine Sekunde, und ich musste zweimal schießen, weil er sich umdrehte und der erste Schuss in seine Schulter fuhr, den braunen Mantel aufplatzen ließ wie eine winzige Bombe, die in ein Acker fällt.

Der zweite Schuss streckte ihn nieder. Obwohl die Kugel den Hinterkopf traf, ihn genau dort traf, wo ich ihn hatte treffen wollen – ich bin ein guter Schütze, weißt du – waren es seine Beine, die nachgaben. Trotz seiner Körperfülle war er schon losgelaufen, fast schon ein Sprung, ähnlich jenem des Athleten, der aus den Startblöcken kommt, der Oberkörper den Beinen ein wenig voraus, die Arme angewinkelt, der Kopf, der am weitesten vorgestreckte Punkt, fast so, als wolle er zwischen ihm und der Kugel den größtmöglichen Abstand herstellen. Und jetzt, stell' dir ein Seil vor, knöchelhoch über dem Boden gespannt. Er fiel nicht. Es war, als hätte man ihn gefällt. Er fiel auf die Schulter und überschlug sich zwei Mal.

Seine Augen habe ich nicht mehr untersuchen können. Ich glaube, sie waren braun. Ein rötliches Braun. Aber vielleicht waren es nur die Natriumdampflampen hinter dem Bahnhof, die sich darin spiegelten. Ich töte nicht gerne in der Öffentlichkeit, aber wenn ich es tue, bleibt keine Zeit für Besinnlichkeit. Obwohl es spät war und dunkel, liefen Menschen herum. Männer zumeist. Eigentlich sah man nur ihre dunklen Mäntel. Wintermäntel in einer kalten Winternacht.

Trotzdem ist es nicht sonderlich gefährlich, jemanden in einer Menschenmenge zu erschießen. Hast du Filme von Attentaten auf Politiker gesehen? Es dauert unglaublich lange, bis Menschen verstehen, was vor sich geht. Du denkst vielleicht, es sei einfach: ein Schuss, jemand fällt, ein anderer flieht. Aber das ist nicht so. Sie wissen nicht, dass es ein Schuss ist. Vielleicht ist es ein Böller, die Fehlzündung eines Autos, eine geplatzte Plastikflasche. Der fallende Mann ist vielleicht betrunken oder gestolpert, ausgerutscht, schlimmstenfalls gestoßen worden. Es ist immer das naheliegende, das in Frage kommt, das, was man kennt. Jemand flüchtet? Nein, es ist nur ein Mann, der rennt. Vielleicht zum Zug, vielleicht, weil seine Frau auf ihn wartet. Vielleicht ein Jogger. Und selbst, wenn man die einzelnen Bestandteile richtig interpretieren würde, man müsste sie noch in einen Zusammenhang bringen. Woran erkennt man, dass sie zusammen gehören? Dass sie fast gleichzeitig aufeinander folgen heißt noch nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist.

Also hast du alle Zeit der Welt wegzugehen. Am besten einfach weiter zu gehen. Gehe mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit weiter! Fürchten musst du nur die Profis, die Leibwächter und Sicherheitsbeamten. Sie verstehen sofort, denn sie warten darauf. In jeder einzelnen Sekunde stellen sie sich vor, dass genau das geschieht.

Ich sprach von den Hungrigen, den Unbestechlichen. In diesen langen Jahren habe ich eine Art Typologie des Todes entwickelt. Ist es nicht sinnvoll, Menschen danach zu unterscheiden, wie sie zum Tod stehen? Wie sie sterben? Was könnte mehr über einen Menschen aussagen, als die Art und Weise, wie er sich angesichts des Todes verhält? Es ist etwas Unmittelbares, fast Körperliches. Es hat nichts mit Gedanken und Meinungen oder Ansichten zu tun. Auch nicht mit dem Glauben. Es ist so, als verabreiche man einem Regenwurm einen Stromschlag und messe das Ausmaß, wie er sich krümmt. Kein Denken, vielleicht nicht einmal Angst. Kein Fühlen. Zieh alles ab, was einen Menschen ausmacht, die Gedanken, mit denen er sich schmückt, Gefühle, Schönheit, sein ganzes Ich. Du bist nur noch Leben angesichts des Todes. Ein Impuls, ein Überlebensimpuls.

Man könnte einwenden, dass eine solche Typologie wertlos sei, weil man erst angesichts des Todes feststellen könne, zu welchem Typ jemand gehöre. Aber das ist falsch. Ich kann es den Menschen ansehen. Den Lebenden. Das ist natürlich keine wissenschaftliche Methode, und ich kann auch nicht erklären, warum ich das weiß, woran ich es so zweifelsfrei erkenne.

Seite 3

Seite 4


Oft genügt ein Blick auf den Gang, die Art, wie die Füße ausschreiten, die Energie, die dahinter steckt. Manche Menschen gehen so mühsam, als wateten sie durch kniehohes Wasser. Andere springen voran, als bewegten sie sich auf einem Planeten mit geringerer Schwerkraft. Und dann die Hüften: weiche kreisende Bewegungen, wiegende Schwünge oder mühsam gebändigte Spannung, eine unsichtbare Einschnürung, die sich auf jeden Schritt legt, als sei man eingegipst. Es gibt unzählige Arten zu gehen. Und es gibt unzählige Arten den Kopf zu halten, zu drehen, die Arme schwingen zu lassen, den Brustkorb zu neigen und den Bauch einzuziehen. Ich muss nicht einmal das Gesicht sehen, obwohl dieses natürlich am meisten aussagt. Mundwinkel, Lippen, Kiefer. Und die Augen. Die Augen.

Am liebsten habe ich die Ergebenen. Sie gehen entschlossen, aber nicht sehr schnell. Sie gehen so wie jemand, der stets seine Pflicht erfüllt. Ohne zu fragen. Im Grunde kommen sie auf mich zu, als gingen sie zu ihrer eigenen Hinrichtung, auch wenn sie nicht wissen, dass das so ist. Vielleicht ist das ganze Leben für sie wie der Gang zu einer Hinrichtung, eine Hinrichtung, die sie irgendwann als etwas Unvermeidliches angenommen haben, so wie man ausfallendes oder ergrauendes Haar annimmt, nachlassende Sehkraft und schwindendes Gehör. Ein Gang, der nicht kraftlos ist, aber doch nur das notwendigste in sich hat, nichts Überschäumendes, keine Begeisterung, nicht die kleinste Verschwendung an Energie.

Die Ergebenen sind dankbare Opfer. Die Pistole, die auf sie gerichtet wird, erstaunt sie nicht, erschreckt sie nicht einmal sonderlich. Es ist so, als hätten sie darauf gewartet. Das halbe Leben schon darauf gewartet. Ihre Augen weiten sich nicht, sie sehen mich nicht an und auch nicht die Waffe. Sie scheinen durch uns hindurchzugehen in eine unbestimmte Ferne oder sind nach innen gekehrt auf etwas, das nur sie selbst sehen können. Ich warte. Ich gebe ihnen eine Sekunde, eineinhalb, manchmal zwei. Zwei Sekunden! Stell dir vor, zwei Sekunden! Ist das nicht unglaublich? Was alles kann man in zwei Sekunden besuchen? Wie viele zahllose Plätze, wie viele Zeiten, wie viele Jahre, Jahrzehnte kann man wieder und immer wieder durchleben? Und wenn sie so vor mir stehen, wie in Trance, so unbeweglich, als sei die Zeit stehen geblieben, dann beneide ich sie. Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünsche als diese zwei Sekunden. Eine Ewigkeit ohne Anfang und Ende.

Mein Vater starb an einem Donnerstag im Januar. Die Nachricht kam als Email. Ein mir unbekannter Absender: Karl Fischer. Im Betreff nur der Name meines Vaters. Der Text: "Hallo Herr …, heute Vormittag ist Ihr Vater Giulio verstorben. MfG, Karl Fischer".

Ich habe mich lange gefragt, was genau in diesem Augenblick in mir vorgegangen ist. Zunächst einmal bin ich mir sicher, nichts gefühlt zu haben. Keine Trauer, keine Angst, kein Mitleid, auch kein Selbstmitleid. Keine Wut und auch keine Freude. Obwohl jedes einzelne dieser Gefühle berechtigt gewesen wäre. Und doch spürte ich plötzlich, dass mein Gesicht glühte und mein Herz schneller schlug. Tränen schossen mir in die Augen.

Draußen stürmte es. Der Sturm hatte die ganze Nacht gegen die Fenster gedrückt und im Garten einige Blumenkübel umgeworfen. Überall lagen abgebrochene Äste. Welkes Laub kreiselte in einer Ecke der Mauer.

Der Sturm hieß Kyrill. Andere Kinder hatten einem anderen Vater zum Geburtstag eine Wetterpatenschaft beim Deutschen Wetterdienst geschenkt. Für 199 Euro. Ein Hochdruckgebiert hätte 299 Euro gekostet. Später äußerten sie sich erfreut, dass sie ausgerechnet das mächtigste Orkantief seit Menschengedenken erwischt hatten. Natürlich hatten sie Recht. Nur durch seine Zerstörungskraft bliebe Kyrill auf Jahrzehnte hinaus unvergessen.

Ich musste an ein Gedicht denken, das mein eigener Vater vor mehr als einem halben Jahrhundert geschrieben hatte:

Ein Gewitter

Der Donner
zerreißt ein Stück Himmel,
und durch die aufgerissenen Wolken
explodiert das gleißende Licht
eines Blitzes.

Warum bekreuzigst du dich? Glaubst du,
dein Gott
würde so viel Lärm
um dich machen?

Ich glaube, ich musste lächeln. Er hatte Unrecht gehabt. Vielleicht gab es doch einen Gott. Und vielleicht hatte mein Vater diesem Gott etwas bedeutet, auch wenn ich nicht wusste, ob und was mein Vater mir selbst bedeutete.

 

Seite 5

Seite 6


Wie so vieles, das für mich mit meinem Vater in Zusammenhang steht, hat auch dieses Gedicht eine traurige Geschichte.

Wie er, hatte ich in meiner Jugend ein oder zwei Dutzend Gedichte geschrieben und war von dem Gedanken besessen, diese, so wie er es getan hatte, in einem Gedichtband zu veröffentlichen. Lasst mich allein, hieß sein Band und war meiner Mutter gewidmet: Für Majck, in Liebe. Es war ein schwarzes im Selbstverlag herausgegebenes kleinformatiges Bändchen, kaum handtellergroß und mit wenigen Seiten, das er in der Bompiani-Druckerei in Mailand auf eigene Kosten hatte drucken lassen. Auflage 1000 Exemplare. Im Haus meines Großvaters stapelten sie sich zu Hunderten. Seine Gedichte handelten von Tod, von unerwiderter Liebe, vom Verlassen werden, von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Auf der ersten Seite stand: Wenn dich einer fragt, was besser ist, zu leben oder zu sterben, dann antworte ihm, niemals geboren worden zu sein.

Dieser unscheinbare schwarze Band blieb, so weit ich weiß, seine einzige Veröffentlichung. Es muss 1953 oder 1954 gewesen sein. Damals war mein Vater ungefähr 20 Jahre alt. Er lebte noch in Italien, und so waren alle Gedichte auf Italienisch verfasst. Auch später als er bereits die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, schrieb er nur auf Italienisch.

Die deutsche Übersetzung von Ein Gewitter stammte also von mir. Ich glaube, ich war 17 als ich mich an seinen Gedichten versuchte. Ich übersetzte sie alle, natürlich auf Deutsch. Das war meine Sprache. Ich feilte stunden- und tagelang an einzelnen Worten, versuchte die Bedeutung seiner Zeilen, ihre Facetten und Pointen so genau wie möglich wiederzugeben. Ein Gewitter gefiel mir am besten. Es hatte etwas Aufklärerischeres und brachte die unbarmherzig kritische Haltung meines Vaters am besten zum Ausdruck. Außerdem schien mir die Übersetzung am besten gelungen.

Mein Vater verließ meine Mutter im Herbst 1968. In den gut 38 Jahren bis zu seinem Tod habe ich ihn zwei Mal gesehen. Es war bei unserem ersten Zusammentreffen etwa zehn Jahre nach der Trennung meiner Eltern, als ich ihn fragte, ob ich die deutsche Übersetzung von Ein Gewitter in meinem Gedichtband abdrucken könne. Die Übersetzung sei schlecht, antwortete er, er könne nicht verantworten, dass man ein solches Machwerk mit seinem Namen in Zusammenhang bringe. Hätte er Ja gesagt, hätte ich meine Gedichte vielleicht wirklich veröffentlicht. So nahm aber meine Karriere als Lyriker ein unverhofft frühes Ende.

 

Es gibt Augenblicke im Leben, die ich für mich im Stillen als historisch bezeichne. Es sind jene Augenblicke, die aneinander gereiht eine gepunktete Linie durch mein Leben ergeben. Ich stelle sie mir wie Straßenlaternen in der Nacht vor. Nur nicht so regelmäßig. Und nicht ganz so viele. Es sind zehn oder zwanzig helle Lichter, die sich gegen die Bedeutungslosigkeit des Alltags abheben. Kleine Leuchttürme in einer undurchdringlichen Dunkelheit.

Jeden einzelnen dieser Punkte kann ich mir wieder ins Gedächtnis rufen. Ich stelle mir vor, dass ich das auch nach 50 oder 70 Jahren noch genauso gut tun werde wie nach einer Woche oder nach einem Monat. Oder wie jetzt.

Der 28. Januar 1986 war ein Dienstag. Es ist 20 Uhr und ich laufe die fünf Stockwerke hinunter, um die Haustür für Regina zu öffnen. Sie steht in ihrem roten Mantel mit einem Fuß auf der ersten Stufe. Grell geschminkte Lippen, ein blasses Gesicht, erstaunt oder ängstlich. Ihre blonden Locken fallen schulterweit. Sie sagt, die Challenger ist explodiert. Nur das. Wir stehen noch halb auf der Straße, Autos, die im Schritttempo einen Parkplatz suchen, ein Junge, der sein Fahrrad abschließt und sich an uns vorbei ins Treppenhaus drängt. Es ist kalt, und mein Atem kommt stoßweise, kleine Wolken, die aus meinem Mund quellen, ihr ins Gesicht. Ich glaube, ich küsse sie.

Tschernobyl. Der 11. September...

Als John F. Kennedy erschossen wird, bin ich gerade neun Jahre alt geworden. Ich erfahre es morgens in der Straßenbahn auf dem Weg zur Schule. Vielleicht aus der Bild-Zeitung. Ich sehe nur die Menschen vor mir. Sie wirken betreten, finster fast. Aber vielleicht bilde ich mir das ein. Draußen nieselt es, aber drinnen ist es heiß, die Luft voll schwüler Feuchte, und ich klammere mich an eine Haltestange, während die Linie 3 quietschend den alten Viadukt hinauf schlingert. Ich bin voll Wut und voll Trauer. Ich bin ganz und gar von dem Gedanken besessen, alles wieder gut zu machen, und schwöre mir, irgendwann in die Vergangenheit zu reisen, um es ungeschehen zu machen. Vielleicht war John F. wie eine Art Vater für mich. Jedenfalls habe ich damals mehr gefühlt als 45 Jahre später beim Tod meines wirklichen Vaters.

Aber es sind nicht nur die großen Momente der Weltgeschichte, die für mich historisch sind. Es ist auch die Trennung von meiner ersten Freundin, ein schwerer Motorradunfall, der letzte Besuch bei meiner krebskranken Großmutter.

Das Seltsame daran ist, dass die Bedeutung dieser Augenblicke sich nicht erst im Nachhinein herausstellt. Im weiß im selben Moment, dass es passiert, dass ich in den Lichtkreis getreten bin, in den Lichtkreis einer jener Laternen, die von nun an nie mehr ausgehen werden, zumindest solange ich lebe. Ich glaube, das macht einen Teil jener Aufregung aus, die mein Herz rasen und mir das Blut ins Gesicht schießen lässt. Es ist so, als wäre ich plötzlich aufgetaucht, hätte nach einer langen Strecke unter Wasser die Wasserlinie durchstoßen, ohne Absicht, ja, ohne einen Gedanken, um mir die Lungen mit Sauerstoff zu füllen. Ein langer tiefer Atemzug, der mir das Leben zurückbringt, während das Herz zu zerspringen scheint.

 

Vielleicht war es diese seltsame Aufregung, die mich sofort eine Sms an meinen Bruder und meine Schwester schreiben ließ, ganz so als sei ich im Besitz eine wertvollen Neuigkeit, die mit jeder fortschreitenden Sekunde verfallen könnte wie ein Insidertipp an der Börse. Doch wer hätte meine Geschwister sonst benachrichtigen können?

Seite 7

Seite 8


Ich sehe meine Schwester vor mir, wie sie mich fragt, rate mal, was passiert ist! Sie ist elf Jahre alt. Ich bin Dreizehn. Und ich sage, ich weiß nicht, was? Und sie: Rate! Ihre Augen leuchten, und ich denke, es ist eine gute Nachricht. Du hast eine Eins in Deutsch, sage ich lustlos. Sie schüttelt heftig den Kopf. Rate nochmal! Ich fühle mich hilflos und werde wütend. Sag schon, sage ich, sag! Nein, du musst raten! Plötzlich fängt sie an zu weinen. Charly ist überfahren worden. Charly ist ein ergrauter Cockerspaniel, der uns vor ein paar Wochen zugelaufen ist. Immer wenn ich höre, Wissen ist Macht, muss ich seitdem an den toten Charly denken. Wir beerdigen ihn am Kanal, ein unförmiges hellbraunes Bündel mit einem offenen Auge. Das andere fehlt. Es ist ihm abgerissen worden wie bei einem Stofftier.

Dann antwortete ich Karl Fischer, bedankte mich für die Nachricht und bat ihn, er möge mich, was die Beerdigung und Ähnliches anginge, auf dem Laufenden halten. Ich glaube, normal wäre gewesen, diesen Karl Fischer anzurufen. Er hatte sogar eine Telefonnummer beigelegt, was ich aber erst viel später bemerkte. Will man nicht wissen, wie jemand gestorben ist? Ob schnell oder langsam, schmerzhaft oder leicht? Friedlich eingeschlafen, wie es so schön heißt. Als bräuchte man eine Vorstellung des Todes, um sich mit ihm zu versöhnen. Vielleicht war es mir gleichgültig, ob mein Vater gelitten hatte oder nicht, vielleicht wünschte ich mir sogar, er habe gelitten. Wenn es schon keine Hölle gab, dann doch wenigstens ein kurzes Fegefeuer auf dem Weg ins Nichts.

Einen Tag später ein zweites Email: Hier ein Bild von Giulio vom 21.12. Vier Wochen, denke ich, nicht einmal vier Wochen. Es ist eine Porträtaufnahme und zeigt einen älteren Mann, den ich nicht wiedererkannt hätte. Mein Bruder wird später sagen, er sei erschrocken, ob des traurigen Ausdrucks in seinem Gesicht. Mir kommt er nicht traurig vor, eher streng, tadelnd fast mit diesen hochgezogenen Brauen. Zusammengepresste Lippen. Meine und vielleicht auch seine Art zu lächeln. Er trägt eine dicke Hornbrille und einen grauen Anzug mit Weste, eine billige rote Krawatte und ein weißes Hemd mit altmodischem Kragen. Das Bild ist offenbar in einem Restaurant aufgenommen. Im Hintergrund leere Tische, Blumen am Fenster und die Weihnachtsdekoration. An der Wand hängen zwei Bilder in Goldrahmen. Hundeporträts. Porträts angezogener Jagdhunde. Ein Männchen mit Anzug und Fliege und ein Weibchen in einem roten Kleid. Drei Augenpaare, die mich anstarren.

Aber noch ist es Donnerstag, der 18. Januar, und ich starre auf diesen Satz auf dem Bildschirm. ... heute Vormittag ist Ihr Vater Giulio verstorben. Es ist 14.21 Uhr.

Mein Vater hat Zeit seines Lebens geraucht. Ich glaube, er fing mit zehn oder elf Jahren an. Ich erinnere mich, dass er Overstolz rauchte, später Roth Händle. Zwölf Stück für eine Mark, gezogen am Automaten am Anfang der Straße, die zu unserem Hochhaus führte, oder von einem von uns Kindern am Kiosk unten am Weiher gekauft. Er schickte uns gerne Zigaretten kaufen. Dann brauchte er nicht ins Auto zu steigen, um die 200 Meter zum Automaten zu fahren. Irgendwann gab es nur noch elf Zigaretten für eine Mark, dann zehn, schließlich wurde auf Großpackungen umgestellt. Im Juni wäre mein Vater 74 Jahre alt geworden, ein schönes Alter für jemand, der mehr als 60 Jahre lang 20 filterlose Zigaretten am Tag geraucht hatte. 60 Packungsjahre, wie ein Arzt gesagt hätte. Und vielleicht ein paar mehr. Ein sicheres Todesurteil. Wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gab, dann war er an Lungenkrebs gestorben.

Ich stelle mir vor, dass er in einem Krankenhaus gestorben ist. Oder in einem Hospiz. Oder zu Hause, nachdem man ihn aufgegeben hat. Auf jeden Fall nach langer Krankheit. Er hatte Zeit, sich vorzubereiten, ein Testament aufzusetzen, jemanden an sein Sterbebett zu rufen. Mich an sein Sterbebett zu rufen. Aber er hatte es nicht getan. Und er war nicht an Lungenkrebs gestorben. Er war erschossen worden. Er war in seiner offenen Wohnungstür erschossen worden. Aus kürzester Entfernung. Sechs Kugeln. Drei davon unmittelbar tödlich. Eine zerriss sein Herz, die andere die Aorta, eine dritte die Halsschlagader. Eine weitere Kugel durchschlug die Lunge, zwei blieben in der linken Schulter stecken. Ein Blutbad, wird Kommissarin Funke später zu mir sagen. Eine Hinrichtung. Jemand wollte sicher gehen… Ein Profi? werde ich sie fragen. Sie wird den Kopf wiegen, einen Kopf mit stumpfen Augen, müden Augen. Ich weiß nicht, ein Profi würde in den Kopf schießen. Vielleicht.

 

Weißt du, ich habe immer Züge geliebt. Es hat eine seltsame Art von Würde, mit dem Zug zu fahren. Wir könnten natürlich auch fliegen, eineinhalb Stunden, und wir wären da. Aber das wäre nicht dasselbe. Am liebsten fahre ich durch die Nacht. Die Fenster sind blind wie altmodische Spiegel, und ich sehe mich darin, wie man einen Fremden sieht. Ich sehe mich inmitten der anderen Fahrgäste, ein Buch oder eine Zeitschrift in der Hand, blätternd, mich geschäftig umschauend, so als reiste ich tatsächlich wie ein beliebiger Reisender, als hätte ich morgen eine Konferenz, ein geschäftliches Treffen oder einfach nur eine Frau, die auf mich wartet, Kinder, eine graugestreifte Katze. Es ist ein wenig wie Schauspielerei, nenne es Tarnung. Für mich ist es wie ein zusätzliches Leben.

Seite 9

Seite 10


Angefangen hat es aus Sicherheitsgründen. Man kann keine Waffen in ein Flugzeug mitnehmen, selbst früher nicht. Ein Zug dagegen ist riesig, eine unerschöpfliche Ansammlung von Verstecken. Natürlich kennen die Grenzpolizisten jeden einzelnen davon, aber es ist ihnen zu mühsam, die Verkleidungen abzuschrauben, hinter die Lüftungsgitter zu schauen oder zwischen den Polstern. Und selbst, wenn sie etwas finden, niemand kann wissen, wem es gehört. Seit einigen Jahren bekomme ich meine Waffe direkt am Einsatzort. Meistens wartet sie schon im meinem Hotelzimmer auf mich. Europäische Zusammenarbeit, vermute ich. Trotzdem nehme ich lieber den Zug. Ich habe mich daran gewöhnt, genieße seine Langsamkeit, die Stunden, die mich von meinem nächsten Auftrag trennen. Seitdem Du mich begleitest, genieße ich diese Stunden noch mehr. Jetzt endlich haben wir Zeit. Es gibt so viel, was ich dir erzählen muss, bevor wir in Barcelona ankommen.

Papa, warum bin ich Acht? Ich weiß es nicht, mein Junge. Du bist vermutlich Acht, weil mir dieses Alter gefällt. Möchtest du lieber Zehn oder Zwölf sein? Ich möchte lieber Vierzehn sein. Hm, ich verstehe, Vierzehn. Weißt du, wir wollen als Kinder immer älter sein, als wir sind. Du weißt nicht, wie sehr ich von meinem 21. Geburtstag geträumt habe. 21! Ein unendliches Versprechen. Volljährig! Niemand, der dir Vorschriften machen kann. Du kannst reisen, heiraten, ein Motorrad fahren…

Ist Paolo ein böser Mann? Warum fragst du, mein Junge? Du hast gesagt, dass du ihn töten musst. Ja, das stimmt, ich muss ihn töten. Er ist der letzte, den ich töten muss. Und, weil ich ihn töten muss, ist er wohl ein böser Mann. Ich weiß es nicht. Oder er war ein böser Mann. Vor vielen Jahren, als all das angefangen hat. Willst du mir davon erzählen? Später, mein Junge, später.

Ich möchte dir etwas anderes erzählen. Warst du schon einmal in Bologna? Ich weiß es nicht, Papa. Dann hör' zu. Bologna ist eine schöne Stadt. Sie hat eine Altstadt voller Bogengänge und eine der ältesten Universitäten der Welt. Man nennt Bologna auch das Rote Bologna oder die Rote Hochburg. Warum rot, Papa? Du stellst gute Fragen, mein Junge. Bologna ist rot, weil es seit Menschengedenken von den Kommunisten regiert wird. Und es sind gute Kommunisten, weißt du, Kommunisten, die einen großen Teller Lasagne zu schätzen wissen und dazu einen guten Lambrusco trinken. Vermutlich sind sie Kommunisten geworden, weil ihnen Wodka schon immer besser geschmeckt hat als Whiskey oder Brandy. Von Cognac ganz zu schweigen.

Warum erzählst du mir das, Papa? Ja, du hast Recht. Ich wollte dir nicht vom Wodka erzählen, sondern von einer Uhr.

Bologna hat einen großen Bahnhof, einen der größten Italiens. Der Bahnhof ist alt, er wurde mehrfach umgebaut, bis er 1934 schließlich ungefähr so aussah, wie er heute aussieht. Eine schlichte ockerfarbene Fassade, eine gleichmäßige Reihe Fenster, zwei niedrige Anbauten, davor Parkplätze, Bushaltestellen. Nichts Besonderes also, wirklich nicht. Jetzt soll es zum Knotenpunkt des italienischen Hochgeschwindigkeitsnetzes ausgebaut werden. Hochgeschwindigkeitszüge! Kannst du dir das vorstellen? Warum, in aller Welt, muss man Züge schneller machen? Warum sind wir nicht froh, dass die Züge so langsam sind, wie sie sind? Aber ich wollte dir von einer Uhr erzählen. Eigentlich sind es zwei. Eine hängt rechts, die andere links am Haupthaus, ziemlich weit oben fast unter dem Dach. Hoch genug, damit man sie schon von weitem sehen kann. Auf der rechten kann man die Zeit ablesen. Ich meine, die normale Uhrzeit, soweit es normale Zeit überhaupt gibt. Man kann also ablesen, wie spät es ist. Die linke aber zeigt immer die gleiche Zeit an. 10.25 Uhr. 10.25 Uhr. 10.25 Uhr Für immer und ewig 10.25 Uhr.

Warum braucht man eine Uhr, die immer die gleiche Zeit anzeigt, Papa? Die Uhr ist keine Uhr. Sie ist ein Denkmal. Ihr Stehen soll die Menschen zum Denken anregen, zum Gedenken vielmehr. Eine stehende Uhr ist kein gutes Denkmal, Papa. Warum nicht, mein Junge? Wenn um 10.25 Uhr beide Uhren die gleiche Zeit anzeigen, fällt niemandem auf, dass die linke Uhr steht. Ja, du hast Recht, mein Junge, du hast vollkommen Recht. Aber, schau, für jemanden, der die Geschichte des Bahnhofs nicht kennt, ist die stehende Uhr einfach nur kaputt. Und er mag sich wundern, warum man sie nicht schon längst repariert hat. Die stehende Uhr ist ein Denkmal für die anderen, für jene, die die Geschichte kennen. Jeder Blick auf diese Uhr lässt sie erinnern. Es ist ein Blick wider das Vergessen. Es ist so, als ob die Zeit stehen geblieben wäre, als ob sie sich weigerte, weiter zu gehen. Und wenn es dann tatsächlich 10.25 Uhr ist, wenn beide Uhren zurückgekommen sind in die Gegenwart (oder in die Vergangenheit, je nach dem, wie man das sieht), dann ist das ein magischer Moment. Ich habe es selbst erlebt. Dann bleibst du stehen, spürst dein Herz bis zum Hals klopfen und wartest auf die Explosion, auf die Druckwelle, die den Bahnhof gleich verwüsten wird. Dann ist wieder der 2. August 1980. Es ist wieder 10.25 Uhr und nichts und niemand kann das ändern.

 

Seltsam, wie viele Dinge mir plötzlich einfallen! Mein Vater, der vor dem Fernseher sitzt. Ein schönes Gerät von Telefunken, Nussbaumholz auf langen, schlanken Beinen, hölzerne Jalousien mit Griffen daran, um den Bildschirm von rechts und links zuzuziehen. Gibt es so etwas heute noch? Er hatte es 1963 gekauft. 1440 DM – ein Vermögen.

Seite 11

Seite 12


Er sitzt vor dem Fernseher, während die Tagesschau läuft. Es muss 1967 gewesen sein. Vietnam-Krieg. Er hat Schuhe und Socken ausgezogen, und seine Füße stinken. Ein Arbeiter darf stinken. Seine Kinder natürlich nicht. Er schreit, brüllt zwischen den einzelnen Meldungen, als könne ihn tatsächlich jemand hören. Jemand außer mir. Verbrecher, Kapitalistenschweine, Massenmörder! Ich selbst hätte mich als gemäßigt progressiv bezeichnet: SPD. Verkehrte Welt! Es wäre nicht möglich gewesen, meinen Vater links zu überholen.

Mein Vater stotterte, und wenn er am Kiosk die Bild-Zeitung verlangte, schämte ich mich. Er stotterte nur, wenn er aufgeregt war und wenn er mit Fremden sprach. Immer wenn er mit Fremden sprach, war er aufgeregt. Wenn er krank war, musste meine Mutter im Betrieb anrufen und ihn entschuldigen. Wenn er uns anbrüllte, stotterte er nicht.

Mein Vater war Schichtarbeiter in der BASF. Zwölf Stunden Arbeit, vierundzwanzig Stunden frei. Tag, Nacht, Frei. Das war der Rhythmus. Manche nannten das die Fliegerschicht. Als Kind wünschte ich mir manchmal, mein Vater wäre stattdessen ein Held. Ich glaube, auch er wünschte sich, ein Held zu sein.

Als meine Mutter 35 wurde, lud sie einige Freunde ein. Keine Verwandten, denn sie lebten alle in Italien. Mein Vater hielt eine kleine Rede, die man wegen seines Stotterns kaum verstand. Irgendwann sagte er, es tue ihm Leid, dass er so stottere, aber das sei die Schuld der Amerikaner, des kapitalistischen Westens vielmehr. Er sei Mitte der sechziger Jahre eine MIG21 für den Vietcong geflogen. Die Yankees hätten ihn über Hanoi abgeschossen. Posttraumatisches Syndrom. Jemand lachte, andere sahen sich mit einem seltsamen Blick an. Meine Mutter wäre am liebsten im Erdboden versunken. So kam es, dass er doch ein Held war, in seinen und meinen Träumen war er Pilot.

 

Die Beerdigung fand am darauf folgenden Dienstag statt. Sehr bald, für jemanden, der ermordet worden war. Aber der Fall schien klar. Erschossen aus nächster Nähe. Geradezu zermalmt von sechs Kugeln Kaliber 9 aus einer Walther P38. Acht Schuss Magazin, aber nur sechs verschossen, wird Frau Funke sagen, zwei als Reserve für den Weg zurück auf die Straße, ins wartende Auto, die fünfhundert Meter bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Ein guter Fluchtweg. Nichts zu machen. Hätten Sie für meinen Vater eine Ringalarmfahndung ausgelöst? werde ich sie fragen. Nein, wohl kaum.

Die P38 war eine Wehrmachtspistole, eine Bundeswehrpistole, die Pistole der italienischen Ultrás. Zeige- und Mittelfinger nach vorne gestreckt, den Daumen nach oben gereckt, das war das Zeichen, mit dem sie zum bewaffneten Kampf aufgerufen hatten. Wie lange war das her? Und die P38 war eine gute Pistole, zielgenau auf 50 Meter, tödlich auf 1000 Meter Entfernung, auf 1200 Meter. Schneller als der Schall. Lautloser Tod. Hatte mein Vater etwas gehört?

Ich war 50 geworden, ohne jemals auf einer Beerdigung gewesen zu sein. Fast wäre ich stolz darauf gewesen. Und doch, ich hatte mich nie gewehrt. Es gab keinen Protest oder Angst oder Unbehagen, verweigerte Anteilnahme. Es war einfach niemand gestorben, außer den Großeltern vielleicht. Aber davon hatte ich erst Wochen später erfahren. Keine Klassenkameraden, die sich umgebracht hätten, keine Motorradfreunde auf regennassen herbstblattübersähten Straßen. Keine Arbeitskollegen mit vom Krebs zerfressenen Innereien. Einfach nur Leben, normales vor sich hin plätscherndes Leben.

Mein Vater war am Meer aufgewachsen, in der Bucht von La Spezia, gegenüber vom Kriegshafen, den verbunkerten U-Boot-Stellungen: Ametista, Balilla, Berillo, Cappelini, Faa di Bruno, Foca, Jalea, Jantina, Console Generale Luizi, Micca, Sciesa, Toti, Zaffiro. Er hat die Namen der Boote so oft aufgezählt, dass ich sie heute noch auswendig kann. Seine Familie lebte oberhalb von Lerici, ein Dorf mit einen kleinen Festung und einem natürlichen Hafen. Mit seinen Freunden saß er oft auf dem losen Fels, der die Mole schützte, und sah den Schiffen zu, die die Befestigungen am Eingang der Bucht passierten, den tief liegenden Tankern, für die die Absperrnetze zurückgezogen werden mussten. Und den U-Booten selbst, lange schwarze Zigarren, die durch die Gischt der Wellen hindurch wie Schatten durch das Wasser glitten, und deren Namen die Kinder sich gegenseitig zuriefen, gleichgültig, ob es die richtigen waren oder nicht.

Mein Vater war kein geselliges Kind, und als er den Schwimmer eines Wasserflugzeugs im ufernahen Wasser treiben sah, zog er ihn an Land. Der Schwimmer war aus Stahlblech, ein wenig verbeult, aber dicht. Er goss ihn mit Zement aus, um ihm mehr Stabilität zu verleihen, und schnitt die Einstiegsöffnung so weit aus, dass er bequem hineinpasste. Zusammen mit einem behelfsmäßigen Paddel hatte er ein richtiges Boot! Es war ein Ein-Mann-Boot, und so winkte er von nun an den Freunden zu, die ein wenig verloren auf den Felsen vor der Mole saßen, während er seinen mausgrauen Schwimmer hinaussteuerte zum Leuchtturm in der Mitte der Bucht oder den weiten Weg hinauf zur Punta Corvo. Dort begann das offene Meer, und während die Wellen wuchsen, grüne glatte Wasserberge, die auf die nahe Steilküste zu rollten, gleichgültig, ob nun Wind ging oder nicht, reckte er sich, hatte er den Gipfel eines Kammes erreicht, um zum Horizont zu schauen, suchend. Dort lag Korsika, Sardinien, das französische Festland, Amerika. Nur die Erdkrümmung war im Weg und die wenigen Wolken. Und während er sich die Unendlichkeit des Meeres vorstellte, beschloss er, irgendwann sein Glück in der Ferne zu suchen. Und er beschloss auch ein Zweites. Würde er einmal sterben, sollte seine Asche hinausgestreut werden aufs Meer.

Bestattet wurde er letztlich 54 Grad 6 Minuten nördlicher Breite und 8 Grad 35 Minuten östlicher Länge unweit der kleinen Nordseeinsel Trischen. In einem anderen Land, in einem anderen Meer.

Seite 13

Seite 14


So kam es, dass sein Sarg nach der Zeremonie verbrannt wurde. Die Urne wurde seiner Frau ausgehändigt.

Das war die eigentliche Überraschung, die mich an diesem Dienstag erwartete: Mein Vater hatte vier Wochen vor seinem Tod zum dritten Mal geheiratet!

Das Foto, das Karl Fischer mir geschickt hatte, war nach der standesamtlichen Trauung aufgenommen worden. Deshalb der Anzug und die Krawatte, die Dekoration wenige Tage vor Weihnachten. Nur das gut gekleidete Hundepärchen an der Wand, dieser seltsame Stil eines mir unbekannten Malers schien nicht zu passen. Und die Augen. Diese, wie sagte mein Bruder?, traurigen oder auch nur strengen, durchdringenden Augen. Sind das die Augen eines Mannes, der gerade geheiratet hat? Ich nehme das Bild noch einmal in die Hand und suche. Ich suche Glück, Sehnsucht, Innehalten. Wohlwollen, Zufriedenheit, Milde. Ich weiß, sie konnten zynisch sein diese Augen, sarkastisch, ironisch. Gelächelt haben sie nie.

Seine neue Frau ist blond. Kurzes nach oben gekämmtes Haar. Eine vom Haarspray eingefrorene Tolle, die sie ein paar Zentimeter größer erscheinen lässt. Frisch vom Friseur. Sie ist ungefähr Sechzig. Keine Schönheit. Eher kräftig und entschlossen. Ich halte sie für eine Polin oder Russin. Sie wird nicht weinen. Keine einzige Träne. Ein dicker Mann ihres Alters ist an ihrer Seite. Der Bruder, der Ähnlichkeit nach zu urteilen. Dann eine weitere Frau, so unscheinbar, dass ich mich nicht an sie erinnern würde, hätte sie nicht während der ganzen halbstündigen Totenfeier laut geschluchzt. Sie ist zu alt, um die Tochter der Ehefrau zu sein. Vielleicht ein weiteres Geschwister.

Als ich die Kapelle erreiche sind diese Drei die einzigen, die schon da sind. Sie warten, und ich würdige sie keines Blickes. Noch kenne ich sie nicht, noch fehlt Karl Fischer, der sie mir vorstellen wird.

Dieser Dienstag im Januar ist grau, eher herbstlich als winterlich. Ein feuchter Wind, der in kurzen, heftigen Böen über die geschotterten Wege fegt und die letzten Herbstblätter aus ihren Verstecken klaubt, sie hinaufwirbelt zu den kahlen Bäumen auf dem Vorplatz.

Auf einer Schiefertafel steht der Name meines Vaters, daneben hängt ein großer Kranz an einem Haken. Unserem langjährigen, verdienten Mitarbeiter... Standardarrangement der BASF für die unteren Lohngruppen. Das Ende von 36 Jahren Schichtarbeit. Ein leerer Karren steht bereit, um die Sträuße und Kränze abzutransportieren. Aber es gibt keine weiteren Kränze, und es gibt keine Sträuße, keine Blumen oder Pflanzen. Auch ich habe nichts dabei.

Dann kommt jemand hinzu, der wie eine jüngere Kopie meines Vaters aussieht, und ich bin froh, aus der Art geschlagen zu sein, bin froh, nicht auf den ersten Blick als sein Sohn erkannt zu werden. So wie mein Bruder, mein richtiger Bruder, jener, der die gleiche Mutter hat wie ich, jener Bruder, der mir manchmal erzählt, dass er auf der Straße von fremden Menschen angehalten wird, die ihn fragen, ob er Giulios Sohn sei. Wie ein Mal, ein sichtbarer Fluch zwischen all jenen unsichtbaren.

Ich habe ihn nur einmal gesehen, diesen zweimetergroßen, spindeldürren Mann mit dem kantigen Kinn und der hohen Stirn. Ein Bruder, ein Halbbruder. Er läuft staksend, fast so, als habe er wenig Vertrauen in seine Beine, in seine Füße. Er schwankt, schaukelt von rechts nach links, und doch gelingt es ihm stets, sich wieder auszubalancieren, zurück zu schwingen in seine Mitte. Er heißt David und ist das einzige Kind aus der zweiten Ehe meines Vaters. Ich bin 32, sagt er mir, als ich ihn frage. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, antworte ich, bist du noch auf dem Boden herumgekrabbelt. Da warst du sechs Monate alt. Er lacht, unsicher. Tatsächlich? Ich erzähle ihm nichts von dem Gedicht, nichts vom meiner ersten Freundin, die ich meinem Vater vorstellen wollte, nichts von meinem ersten und einzigen Besuch bei ihm.

Dann kommt Karl Fischer. Er ist jung für einen Freund meines Vaters, etwa in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger. Mein Vater war bei seinem Tod seit mehr als 13 Jahre pensioniert. Wie lange kannten Sie meinen Vater, frage ich ihn. 15 Jahre, antwortet er, wir waren oft zusammen in Italien, wir haben Luciano besucht. Ja, den Namen habe ich schon einmal gehört, ein alter Freund meines Vaters. Mein Vater hatte Freunde.

Vielleicht hat Karl Fischer meinen Vater bei der Arbeit kennen gelernt. Ich frage ihn nicht. Er trägt eine dünnrandige Brille, hat ein glattes, fein gezeichnetes Gesicht. Fast wie ein Intellektueller, denke ich verwundert, so als könne es auf der Nachtschicht in der BASF keine Intellektuellen geben. Und ich stelle mir vor, dass er ihn in der Volkshochschule kennen gelernt hat: Die Außenpolitik Italiens während des Faschismus oder Kreatives Schreiben für jedermann. Nein, mein Vater war niemand gewesen, der Kurse besucht hätte. Und, ob er zuletzt noch schrieb, wusste ich ebenfalls nicht.

Vielleicht war es das, was mich an meisten interessierte. Was hatte mir mein Vater hinterlassen? Hierbei dachte ich nicht an Geld, an Wertpapiere oder Goldmünzen. Jemand, der bis zuletzt in einer Werkswohnung im neunzehnten Stockwerk eines Hochhauses gewohnt hatte, war sicher nicht wohlhabend gewesen. Ich dachte an Papier, an lose Blätter, an Manuskripte in Leder gebunden oder zwischen Pappdeckel geheftet. An einen wirklichen Schatz, an den Schatz meiner Kindheit und Jugend.

Seite 15

Seite 16


Ich erinnere meinen Vater hauptsächlich schreibend. Ich erinnere ihn fluchend, wenn er die Briefe mit den Antworten der Verlage öffnete, der Agenturen. Und ich erinnere mich an diese Stimmungsschwankungen, die so kennzeichnend für ihn waren, Hoffnung, die er im Geiste zur Gewissheit steigerte, endlos ausgemalte Erfolge, erfundene, phantasierte, und dann der Abstieg zu tiefster Niedergeschlagenheit und alles zerfressenden Selbstzweifel.

Er war beides auf einmal, gefeierter Autor und auf immer verkanntes Genie, berühmt in seinen Träumen, zur Bedeutungslosigkeit verdammt in seinem Alltag. Und so ähnelten die Briefe der Verlage jenen Lottoscheinen, die er so verachtete: Fahrkarten in eine bessere Welt. Aber genauso wie die kleinen Fluchten der Normalsterblichen Samstag für Samstag zu Hirngespinsten wurden, zurechtgestutzt wurden auf das ihnen zustehende Maß, fiel auch er zurück auf den Boden der Wirklichkeit, kaum hatte er einen Brief geöffnet.

Ich glaube, er gab irgendwann auf, denn es kamen keine Briefe mehr. Sie versiegten über die Jahre, wurden weniger, bis sie ganz ausblieben. Ein schleichender Übergang, der niemandem auffiel. Die letzten öffnete er nicht einmal. Von nun an redete er nur noch von seinen Erfolgen, machte Pläne, skizzierte neue Romane und Dramen, bereitete Lesungen vor, die er nie halten würde, und Übersetzungen in die Sprachen dieser Welt.

Zuletzt schrieb er an einer griechischen Tragödie, deren Uraufführung im Feierabendhaus der BASF unmittelbar bevorstand, bevorstehen sollte. Auch als ich ihn Jahre später in seinem neuen Heim besuche, spricht er davon. Unverbesserlich, denke ich. Sein Sohn David krabbelt über dem Boden. Er ist sechs Monate alt.

Mein Vater hatte eine Reiseschreibmaschine, auf der er mit zwei Fingern tippte. Manchmal vermisse ich noch heute dieses Geräusch, das viele Jahre meines Lebens begleitete, dieses Hacken, ein Schnappen, das jenem eines Tieres ähnelte, dann wenn sich die Buchstaben in das Papier fraßen, Punkte, die winzige Löcher hinein stanzten und die glänzende Rückseite des Kohlepapiers hindurch schimmern ließen, wenn er seine Manuskripte vervielfältigte. Die Anschläge folgten einem seltsamen Rhythmus, der nie ein Gleichgewicht fand, unberechenbar bleib, so sehr ich mich auch bemühte, eine Ordnung darin zu finden. Ohne offensichtlichen Grund beschleunigten oder verlangsamten sie sich, brachen ab, um in einem unvermuteten Augenblick erneut einzusetzen, sich zu einem Crescendo zu steigern, um dann plötzlich wieder zu stocken, stolpernd nachzuklackern wie die letzten Umdrehungen eines absterbenden Motors.

Mein Vater war sehr groß, und da er auch noch kurzsichtig war, saß er meist gebückt über der Schreibmaschine, starrte durch seine dicken Brillengläser auf das Papier, während seine beiden Finger mit aller Kraft hinab stießen, die Hebel hinaufschnellen ließen, dass man meinte, sie müssten abbrechen, sie könnten unmöglich mehr als ein paar Zeilen lang dieser mörderischen Beschleunigung standhalten. Tatsächlich verhedderten sie sich immer wieder, aber die Maschine hielt. Noch heute steht sie auf dem Schreibtisch meiner Mutter.

Ich frage Karl Fischer. Ich frage David. Hat mein Vater geschrieben? Sie schauen verwundert. Geschrieben, was geschrieben? Romane, Erzählungen, Gedichte… Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich kann mich nicht erinnern, meinen Vater jemals schreiben gesehen zu gaben, sagt David. Er hat sich nicht für Literatur interessiert, sagt Karl Fischer. Ich habe ihm übrigens Ihr letztes Buch geschenkt, fügt er hinzu. Ich zucke zusammen. Hat er es gelesen? Was hat er gesagt? Karl Fischer lächelt verlegen: Schwer, hat er gesagt, schwere Kost. Wissen Sie, ich habe im Internet nach Ihnen gesucht... Er hebt die Schultern. Ein Vater sollte seine Kinder nicht aufgeben. Vergebene Liebesmühe, denke ich.

Dieser Karl Fischer ist mir sympathisch. Er hat ein ehrliches Gesicht. Während der Trauerrede kämpft er mit den Tränen. Er kämpft mit ihnen auf eine zutiefst selbstverständliche Art und Weise. Es ist, als müsse er weder seinen Schmerz noch seine Gefasstheit jemandem beweisen, nicht den Lebenden und nicht dem Toten. Er trauert für sich, balanciert auf einer unsichtbaren Linie zwischen einem Abgrund aus Verzweiflung und einem anderen aus Gleichgültigkeit. Ich sehe ihn blinzeln, ich höre, wie er die Nase hochzieht, wie die Luft aus seinem Mund entweicht, als unterdrücke er ein Schluchzen.

Ich frage mich, warum er der Freund meines Vaters war. In meinen Augen braucht ein Mensch, der mir sympathisch ist, einen guten Grund, meinen Vater zu mögen. Ein Mann vielmehr, denn dass Frauen meinen Vater mochten, war mir von frühester Kindheit an vertraut.

Über diese Frage denke ich lange nach, während der pensionierte Lehrer, den sie engagiert haben, seinerseits die charakterlichen Vorzüge meines Vaters preist. Er erzählt eine kleine Anekdote, um die Menschlichkeit meines Vaters unter Beweis zu stellen, seine selbstlose Hilfsbereitschaft, um nicht zu sagen unbedingte Nächstenliebe, und ich frage mich, warum es bei Nachrufen nicht auch einen allgemeingültigen Code wie bei Arbeitszeugnissen oder den Beschreibungen von Urlaubshotels gibt, wo man die Wahrheit hinter wohlmeinenden, aber dennoch eindeutigen Chiffren verstecken kann. Ein immer der Wahrheit verpflichteter Mann wäre in Wirklichkeit ein nervtötender Besserwisser gewesen, unentwegtes Engagement für die Mitmenschen nichts als skrupelloses Tyrannisieren, und jemand, der Neuem stets aufgeschlossen gewesen war, hätte seine Frau oder seinen Mann fortlaufend betrogen. Mit harter Hand hätte sadistisches Prügeln bedeutet und am Leid der Welt verzweifeln pathologische Depressionen.

Stattdessen hörte ich Worte, die einem beliebigen Menschen hätten gelten können. Austauschbare Floskeln, die ich nicht mit meinem Vater in Verbindung zu bringen wusste. Aber hatte ich ihn gekannt, wie war er in den letzten 37 Jahren seines Lebens gewesen, wenn ein Karl Fischer nur mühsam seine Trauer zurückzuhalten wusste und die Schwester seiner Witwe den Tränen freien Lauf ließ?

Seite 17

Seite 18


Der Ludwigshafener Friedhof ist modern, so wie alles an Ludwigshafen modern ist und immer war. Eine Modernität, die schon in den sechziger und siebziger Jahren heillos überholt schien, als man das Erste Hochstraßensystem Europas oder den Modernsten Bahnhof Deutschlands baute. Bauwerke, deren einzige Funktion zu sein schien, die Menschen so schnell wie möglich, aus der Stadt zu bringen oder durch sie hindurch. Hochhaussiedlungen, die die Plattenbauten der Ostdeutschen schon in Beton gossen, während sie jene noch träumten. Ein Geografieprofessor aus Mainz hat mir einmal gesagt, Ludwigshafen sei das eigentliche Modell Deutschland. So wie es dort jetzt aussah, sähe es in 50 Jahren überall im Lande aus: schrumpfende Städte, verwaiste Citys, Alte und Ausländer unter sich, während die jungen Familien hinaus ins Umland fliehen. Eine Studie, die unter Verschluss gehalten wurde, um Panik in der Bevölkerung der verhindern.

Aus versteckten Lautsprechern kommt ein letztes Musikstück. Etwas Klassisches, das bekannt klingt, so bekannt wie das meiste, was bisher planmäßig in die Trauerrede eingestreut wurde. Ich frage mich, ob mein Vater sich dieses Stück ausgesucht hätte, und wieder einmal muss ich feststellen, dass ich die Antwort nicht weiß. Seltsam, wie wenig ich ihn kannte, wie beliebig mir die Antworten erscheinen, die ich in Betracht ziehe, verwerfe, abändere, um am Ende doch genauso viel zu wissen wie zuvor. Nur bei den wenigen Bemerkungen über eine höhere Macht bin ich mir sicher. Mein Vater hätte nicht gewollt, dass man einen Gott bemüht, ein Paradies oder ein Jenseits. Nicht einmal ein ewiges Leben hätte er gelten gelassen.

Während dieses letzte Stück gespielt wird, öffnet sich die Rückwand der Kapelle und der Sarg bewegt sich vollautomatisch hinaus. Ich sehe eine Schiene, auf der er in gemessenem Tempo gleitet, und während das Schluchzen um mich herum für einige Augenblicke anschwillt, stelle ich mir das Feuer vor, das irgendwo am Ende dieser Schiene wartet. Ich versuche mir meinen Vater im Sarg vorzustellen, seinen Körper, ein Hemd, einen Anzug vielleicht, sein Gesicht, das gleich von diesen Flammen für immer ausgelöscht werden wird. Aber auch das gelingt mir nicht, und ich wünsche mir, ich wäre am Freitag gekommen, als er im noch offenen Sarg aufgebahrt wurde. Mir fehlt dieser letzte Blick.

 

Es ist spät, du solltest schlafen, mein Junge. Ich bin nicht müde, Papa. Ich weiß. Erzähle mir noch eine Geschichte, so eine wie die der Uhr am Bahnhof von Bologna. Weißt du, es ist die einzige Geschichte, die ich kenne. Aber als ich klein war, hast du mir oft Geschichten von der Katze Mimmi erzählt, und dann gab es noch eine Maus, die hieß Dr. F. Das weißt du noch? Ja, sie wohnten in einem Bauernhof am Rande der Stadt… Ja, in einem Bauernhof. Und es war ein besonderer Bauernhof. Lass mich überlegen...

Also das war so. Es war einmal eine Katze, die hieß Mimmi. Sie war dunkel, fast schwarz und hatte graue Streifen. Eine wunderschöne Katze mit großen, gelben Augen. Ihre Nase war rosa und kalt, und wenn sie schnurrte, schloss sie die Augen und legte den Kopf auf ihre Pfoten. Mimmis bester Freund war eine kleine Maus. Die Maus hatte einen seltsamen Namen. Sie hieß Dr. F. Aber niemand wusste, warum sie so hieß. Die Maus lag oft auf der Katze und ließ sich von ihrem Fell wärmen. Sie war dunkelbraun, fast schwarz, und wie sie so auf der Katze lag und schlief, konnte man sie fast nicht sehen. Nur ihre Ohren wackelten manchmal ein wenig, und dann spitzte auch die Katze die Ohren, und dann war die Katze plötzlich ein Tier mit vier Ohren und das war noch seltsamer als eine Maus, die Dr. F. hieß.

Ich erinnere mich, so fing die Geschichte immer an. Ja, mein Junge, eine Geschichte muss immer gleich anfangen. Das ist das Schönste an einer Geschichte. Aber Mimmis Geschichte hat einen komplizierten Anfang, und ich hatte oft Angst, ein Wort zu vergessen oder ihre Reihenfolge zu vertauschen. Besonders, wenn ich Wein getrunken hatte, hatte ich Angst davor, und wenn es dann doch mal passiert ist, habe ich so getan, als hätte ich sie richtig erzählt. Ich glaube, du hast nie etwas gemerkt. Nein, für mich war der Anfang der Geschichte immer gleich. Tausend Mal gleich. Ja, ich habe dir die Geschichte tausend Mal erzählt.

...

Seite 19

Seite 20

Der Sinus-Milieu-Simulator

1

 

Das Sinus-Hochhaus stand im Heideberger Stadtteil Ziegelhausen, und von seiner Dachterrasse im dreißigsten Stockwerk konnte man bis in die Rheinebene sehen. Und darüber hinaus, dorthin, wo die Sonne dunkelrot auf die Kämme der Haardt stieß und in wenigen Minuten versunken wäre. Ein imposantes Hochhaus, eine gläserne Sichel, die umso höher und gewagter erschien, je mehr man die niedrige Bebauung ringsum in die Betrachtung mit einbezog: Ein- und Zweifamilienhäuser mit den blauen Vierecken ihrer Pools, die niedrigen Mietshäuser im dörflichen Kern, die schon in der Abenddämmerung versunken waren, die schmalen Landstraßen, die sich bergan schlängelten. Und doch war es für den alten Kowalski sicher kein Problem gewesen, eine Baugenehmigung zu bekommen.

Obwohl es mein Fest war, so eine Art Einstand vermutete ich, ließ Walter Kowalski keinen Zweifel daran aufkommen, dass es um ihn selbst ging, um die Sinus AG, um die Zukunft dieses fabelhaften Weltkonzerns. Und so war jede Menge Presse vertreten, lokales und überregionales Fernsehen und auch ein Fotograf der Rhein-Neckar-Zeitung, um das obligatorische Foto für die nächste Ausgabe zu machen.

Es war tatsächlich ein fabelhaftes Fest. Sorgsam ausgewählte Künstler, die den Duft der großen, weiten Welt nach Heidelberg bringen sollten, eine Vorspiegelung von Internationalität und Weltläufigkeit, als öffne sich die Terrasse nicht auf menschenleere Wälder und Äcker, sondern auf die Skyline von Manhattan, Shanghai oder wenigstens Frankfurt. Ein ehrgeiziges Ziel, ein würdiges Ziel erfahrener Illusionisten, der besten.

Und doch waren es nicht diese Künstler, die das erstaunlichste Ereignis dieses Abends zustande brachten. Es verschwand ein Mensch, spurlos und unter meinen eigenen Augen. Aber fast noch erstaunlicher war: Ich war der Einzige, der es bemerkte.

Die schwarze Sängerin mit ihren übervollen Lippen legte das Mikrofon auf die Seite, verneigte sich tief im begeisterten Applaus, und eine spärlich bekleidete Tänzerin betrat die kreisrunde Fläche in der Mitte der Terrasse, eine Terrasse, die fast das gesamte oberste Stockwerk einnahm und auf der Spitze der Hochhaussichel zu balancieren schien, so freischwebend wie der Hubschrauberlandeplatz auf dem Burj Al-Arab.

Es war eine Bauchtänzerin, die die Hüften kreisen ließ, den Unterleib vor- und zurückschnellen, während orientalische Musik aus den versteckten Lautsprechern ringsum tröpfelte. Sie war schlank, fast dürr, eine Figur, die dem westlichen Geschmack Tribut zollte, ganz so wie es in der Türkei und Ägypten gerade modern zu sein schien. Sie ging auf den einen oder anderen der männlichen Gäste zu, spielte mit ihm, ließ ihren Körper in wenigen Zentimetern Abstand von dem ihren wackeln, ihre kleinen Brüste, ihr durchtrainiertes Gesäß, und ich zog mich zurück, um nicht eines ihrer nächsten Opfer zu werden.

Ich setzte mich an die Bar und ließ mir vom durchgestylten Boy der Catering-Firma einen Caipirinha machen. Die Sonne war untergegangen, der Himmel färbte sich dunkelrot, violett, begann im äußersten Norden und Süden bereits schwarz zu werden.

Kowalski kam zu mir an die Bar, ohne sich zu setzen. "Einen Scotch mit Wasser, bitte. Viel Wasser." Es sah mich eine Weile schweigend von der Seite an, immer noch stehend, einen Fuß auf der Querleiste eines freien Hockers. "Gefällt es Ihnen?"

"Es ist fabelhaft", antwortete ich, ohne ihn anzusehen.

Er lachte kurz und trocken auf. "Wissen Sie, was ich an Ihnen mag?" Ich schüttelte langsam den Kopf. "Dass man Sie nicht kaufen kann."

"Aber Sie haben mich doch gekauft!"

"Ja? Dann waren Sie ziemlich günstig." Der Boy brachte sein Glas, und Kowalski nippte ein paar Mal mit spitzen Lippen. "Blinzle war anders. Er war besessen von seiner Idee, genauso wie Sie, aber er war ein knallharter Verhandler. Es ging immer um jedes Euro, um die dritte Stelle hinter einem Prozentpunkt."

"Es war seine Idee, er hat alles entwickelt. Die Rechnerarchitektur, die Software, den Algorithmus, die Sinus-Milieus."

"Und jetzt ist er tot." Kowalski sah in sein Glas, hob und drehte es im schwachen Licht. "Ideen? Ideen gibt es viele. Jeder hat gute Ideen. Sie, ich, Blinzle. Wissen Sie, worauf es ankommt? Geld! Macht! Und das ist ja dasselbe. Wissen Sie, wie Sinus angefangen hat?" Er zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf seine Füße. "Dort unten haben wir angefangen. In einem zweistöckigen Haus mit fünf Mitarbeitern. Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen damals und heute? Eine Idee? Nein! 100 Meter Glas und Stahlbeton. Und 50 Millionen."

Kowalski stand noch immer neben mir. Er war klein, vielleicht ein Meter und sechzig. Stehend war er mit mir auf Augenhöhe, und das war vielleicht der Grund, warum er nicht Platz genommen hatte. Er stand in seinem zerknitterten rostbraunen Anzug, die Hände in den Taschen und ließ seinen Blick über seine Gäste schweifen, die noch immer der Darbietung der Tänzerin folgten. Ein siebzigjähriges Männchen, das lächelte.

"Wir haben es noch nicht geschafft, Lapierre. Der Simulator ist fertig, aber es steht in den Sternen, ob wir jemals Geld mit ihm verdienen. Wir haben Millionen in die Rechner investiert, ein Kraftwerk so groß, dass man ganz Ziegelhausen mit Strom versorgen könnte…" Seine Hand vollführte eine weite Bewegung. "Aber das alles ist nichts wert, wenn man die Politik nicht überzeugt." Er zeigte auf seine Gäste, als wollte er jeden Einzelnen davon antippen. "Das sind die Leute, auf die es ankommt. Wir müssen die öffentliche Meinung für uns einnehmen. Wir sind ganz kurz davor. Und deshalb mache ich das alles." Er lachte wieder sein trockenes Lachen. "Natürlich geht es nicht um Sie. Das haben Sie längst erkannt. Aber es ist Ihre Show, und ich möchte, dass Sie mitspielen."

Seite 1

Seite 2


"Blinzle ist erst eine Woche tot. Ich war fünf Jahre sein Assistent. Ich kann heute nicht feiern, dass ich seine Stelle habe."

Kowalski nickte stumm. "Das ehrt Sie. Das ehrt Sie." Er nahm meinen Arm und drückte ihn, drückte ihn so fest, dass es fast schmerzte. "Blinzle war fertig", sagte er leise und eindringlich. "Er wäre so oder so als Technischer Direktor abgelöst worden. Verstehen Sie? Sie wären sowieso sein Nachfolger geworden."

"Blinzle wäre niemals freiwillig zurückgetreten."

"Oh, doch. Er hat das nicht verkraftet. Er war psychisch am Ende."

"Blinzle hat mir erzählt, dass er mit allen Mitteln verhindern wollte, dass der Simulator für politische Vorhersagen verwendet wird."

"Das ist Quatsch, Lapierre. Das Milieu-Modell war schon immer politisch, gleichgültig, ob man das so nennt oder nicht. Und wir wollen keine Politik machen. Wir machen Marktforschung, Lapierre. Marktforschung! Wir wollen wissen, ob die Leute rote oder gelbe Jogurtbecher haben möchten. Sonst nichts. Und wir wollen diese Schnüffler vom Hals haben, diese unzähligen Interviewer, die uns Tag und Nacht das Leben zur Hölle machen. Das ist doch ein schönes Ziel, oder?"

In diesem Punkt musste ich ihm Recht geben. Seit dem 2. Demoskopiegesetz war die Belästigung durch die Interviewer, die Schnüffler, wie sie volkstümlich genannt wurden, unerträglich geworden.

"Ich schätze Sie sehr, Lapierre. Sie können es bei der Sinus AG noch weit bringen."

"Der Simulator ist das einzige, was mich interessiert."

"Das ist gut, Lapierre, das ist gut. Dann machen Sie Ihre Arbeit. Und mischen Sie sich nicht in die meine ein." Er ließ meinen Arm los und wandte sich zum Gehen. "Und amüsieren Sie sich! Ich möchte, dass Sie fröhlich aussehen."

Die Tänzerin war fertig, und der Moderator hatte eine Pause angekündigt. Die Gäste strömten zur Bar.

Kerstin kam direkt auf mich zu. Breit lächelnd und mit ausgestreckten Armen, so dass es mich nicht gewundert hätte, wenn sie mich zur Begrüßung geküsst hätte. "Das war wunderbar. Haben Sie das gesehen? Ich wünschte, ich könnte meinen Körper genauso bewegen wie sie. Das muss ein phantastisches Gefühl sein."

Kerstin war eine schöne Frau: groß, blond, mit einer atemberaubenden Figur. Sie war eine der besten von Kowalskis Studienleitern. Ich hatte Sie schon mehr als einmal aus der Ferne bewundert, ohne die Gelegenheit zu haben, mehr als wenige Worte mit ihr zu wechseln.

"Es sieht so aus, als sei ich heute Abend sehr begehrt." Ich stand auf, um ihr die Hand zu geben.

"Was ja auch kein Wunder ist, nachdem Sie die Hauptperson sind." Sie nickte dem Boy zu, und dieser stellte ihr ein Glas mit einer orangenen Flüssigkeit hin.

"Tatsächlich?"

"Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein. Kowalski hat mich gebeten, mich um Sie zu kümmern. Aber das mache ich gerne, weil ich Sie mag."

"Alle scheinen mich zu mögen."

Sie lachte. "Stellen Sie immer alles in Frage?"

"Das ist mein Job."

Sie nickte, jetzt ernster. "Die Simulatorik ist ein junges Fach. Ich interessiere mich sehr dafür. Ich könnte Ihnen einen Lehrauftrag an der Hochschule Karlsruhe vermitteln. Das würde dort sehr gut ins Curriculum passen."

"Und warum sollte ich das wohl tun?"

Wieder lachte sie. "Wegen des Geldes wohl nicht, denn da verdient man nicht viel. Aus Berufung? Des Ruhms wegen? Der hübschen Studentinnen?"

"Sind sie so hübsch wie Sie?"

"Mindestens so hübsch und um einiges jünger."

Diesmal musste ich lachen. Eigentlich hatte ich gehen wollen, aber Kerstin bewog mich zu bleiben. "Setzen Sie sich doch!"

"Gerne." Sie schob einen Hocker näher an meinen heran. "Erzählen Sie mir von dem Simulator. Man mutmaßt so viel hier auf den Stockwerken, aber Kowalski übt sich nur in schönen Reden. Nichts Genaues weiß man nicht."

"Ach, wissen Sie", ich machte dem Barkeeper ein Zeichen, mir noch ein Glas zu bringen. "Eigentlich ist es eine alte Idee." In ihren Augen spiegelte sich hell das Licht der Halogenspots, und ich fragte mich, was sie wirklich wusste. "Unsere ganze Kunst als Meinungsforscher besteht darin, die Menschen zu fragen. Was hältst du von unserem Bundeskanzler, von der SPD, bist du bereit 19 Cent für eine Gesprächsminute zu bezahlen, sollen Babyflaschen mit Donald Duck-Motiven verziert werden oder mit Winnie Puuh?" Kerstin war schön, sie war intelligent und erfolgreich, aber irgendetwas hielt mich davon ab, mich ernsthaft für sie zu interessieren. "Aber natürlich können wir nicht alle Menschen befragen, also befragen wir eine kleine Gruppe von ihnen..."

"…eine Stichprobe", warf sie ein, und ich meinte, einen ironischen Unterton aus ihrer Stimme heraus zu hören. "Sie sehen, auch als qualitative Marktforscherin hat man eine vage Vorstellung von Statistik."

"Ja, eine Stichprobe." Ich ließ mich nicht beirren. "Wenn man eine gute Stichprobe hat, lassen sich die Ergebnisse auch auf jene Personen übertragen, die man nicht befragt hat. Wenn man Zweitausend Menschen befragt, ist es so, als hätte man 80 Millionen befragt."

Seite 3

Seite 4


"Das ist praktisch."

Diesmal musste ich lachen. "Ja, in der Theorie."

"Und in der Praxis?"

"In der Praxis ist es mühsam, und teuer, sehr teuer. Außerdem wollen uns die Menschen manchmal nicht antworten, oder sie geben sich keine Mühe, oder sie lügen uns einfach an…"

"Auch wenn es strafbar ist."

"Ja, seit dem neuen Demoskopiegesetz ist es strafbar, aber kennen Sie einen Fall, wo man jemanden deswegen verurteilt hätte?" Es war eine rhetorische Frage. "Unwissenheit ist nicht strafbar und auch nicht Dummheit oder Faulheit. Noch nicht." Warum hatte Kowalski sie auf mich angesetzt? Wie weit würde sie gehen, um den Auftrag ihres Chefs zu erfüllen? "Und dann gibt es jene, die man gar nicht befragen kann, die in Urlaub gefahren sind, im Keller mit ihrer Modelleisenbahn spielen und nicht ans Telefon gehen oder im Krankenhaus liegen und Befragungsschutz genießen. Unzählige Ausnahmegenehmigungen oder Sonderregelungen. Mit jeder Ausnahme verschlechtern sich die Ergebnisse ein kleines Stück."

"Ja, das ganze läuft aus dem Ruder. Es gibt immer mehr Marktforscher und immer mehr Interviewer, die immer weniger herausfinden."

"Und was noch schlimmer ist, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist im Keller. Es ist fast wieder so wie früher. Menschen, die auf ihre Privatsphäre pochen, auf ihr Recht, sich Befragungen zu verweigern, Menschen, die sich gegen ungebetene Anrufe und Hausbesuche wehren."

"Und da kommt Blinzle…"

"Ja, Blinzle." Plötzlich hatte ich meinen ehemaligen Chef vor Augen, der Mann mit den großen Ideen, den allumfassenden Entwürfen. Einer der das Extreme liebte, sei es auf dem Motorrad, in seinen kanariengelben Maserati oder am Computer.

Er hatte fünfundzwanzig Jahre zuvor das Sinus-Milieumodell gemeinsam mit Kowalski entwickelt. Ein Abbild der Wirklichkeit, in dem zehn soziale Milieus das gesellschaftliche Leben widerspiegeln. Zehn Gruppen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebensweisen, Einkaufsgewohnheiten und Produktpräferenzen, Musik- und Wohnstilen. Wenn man das soziale Milieu einer Person kannte, war es einfach, die bevorzugte Fernsehsendung anzugeben, den Inhalt ihrer MP3-Sammlung oder das Design der Couch zu erraten, die im Wohnzimmer stand, und das Modell des Autos in der Garage, dessen Farbe gar. Und wenn man das alles wusste, wusste, wie all diese unzähligen Prozesse zusammenwirkten, dann konnte man die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft vorhersagen. Vorhersagen! War das nicht das Größte, was man wollen konnte?

Aber das war Kerstin natürlich geläufig, und ich sparte mir den Versuch, sie erneut zu belehren.

"Norbert Blinzle hatte schon wer weiß wie lange darüber nachgedacht. Wozu überhaupt echte Menschen befragen? Gab es nicht schon längst Monte Carlo-Studien, mit denen man Verteilungen simulierte? Das Bayes-Theorem?" Für einen Moment wünschte ich mir, Kerstin und ich unterhielten uns tatsächlich zwanglos in einem Café der Heidelberger Altstadt, und kein Kowalski, kein Sinus stünde unsichtbar zwischen uns. "Konnte man da nicht gleich eine ganze Gesellschaft auf der Grundlage des Sinus-Milieumodells simulieren?" Ich sah auf ihre braungebrannten Arme, auf die durchsichtigen winzigen Härchen darauf, über die der Abendwind strich. "Zum Simulator ist es nur ein kleiner Schritt, viel kleiner als man glauben mag."

"So eine Art Trendmodell also. Man legt Ausgangsbedingungen fest und berechnet, wie sie sich weiterentwickeln werden…"

"Nein."

"Nein?"

"Nein", ich schüttelte langsam den Kopf. "Man simuliert keine Zusammenhänge. Man simuliert … Menschen."

"Menschen?" Diesmal schien sie tatsächlich verblüfft. Vielleicht ihre erste echte Regung an diesem Abend.

"Ja, wir haben eine künstliche Welt erschaffen. Künstliche Menschen, die in künstlichen Häusern leben und einer künstlichen Arbeit nachgehen. Sie fahren mit simulierten Autos in simulierte Supermärkte, um simulierte Lebensmittel zu kaufen. Sie führen ihren Hund Gassi, und abends sitzen sie vor dem Fernseher und sehen sich Werbung an, fluchen hierbei genauso, wie es ihre echten Vorbilder tun."

"Wie viele…" Ihre Stimme war fast zu einem Flüstern geworden.

"Bisher haben wir 10.000 Einheiten im System."

"10.000. Mein Gott!"

"Ja, Blinzle war ein Gott. Ein kleiner Gott, der nur eine Kleinstadt erschaffen hat, aber immerhin ein Gott."

"Und jetzt sind Sie ein Gott." Sie lächelte wieder, schien sich von den Neuigkeiten bereits erholt zu haben.

So hatte ich es noch gar nicht gesehen.

Später schlenderte ich über die Terrasse. Ich hatte die großen Glastüren im Blick, die zum Hochgeschwindigkeitsaufzug führten. Dieser verband das Erdgeschoß mit dem Penthouse, wo sich auch Kowalskis Büro befand. Für die anderen Stockwerke gab es andere Aufzüge. Ich wartete auf eine günstige Gelegenheit, um unauffällig zu verschwinden.

Kowalski war in Höchstform. Er war von Journalisten umgeben, strahlte, sprach laut und unterstrich seine Worte mit den eindringlichen Bewegungen seiner Arme und Hände. Er war der beste Verkäufer, den ich je kennengelernt hatte. Er konnte jedem alles andrehen, eine Fähigkeit, die in der Wirtschaft im Allgemeinen und in der Marktforschung im Besonderen von unschätzbarem Wert war.

Seite 5

Seite 6


"Wo, denken Sie, finden wir heute die fortschrittlichsten Simulationen?" hörte ich Kowalski die Journalisten fragen. "In Computerspielen und…", er machte eine kleine Kunstpause, "…beim Militär." Stimmen wurden laut, die er, wie ein Dirigent, mit einer winzigen Bewegung seiner Hand zum Verstummen brachte. "Das Militär! Meine Damen und Herren, ist es nicht an der Zeit, diese neuen erstaunlichen Errungenschaften der Wissenschaft einem wirklich sinnvollen Zweck zuzuführen?" Zum ersten Mal sei man in der Lage, ganze Gesellschaften nachzubilden und jene Mechanismen zu erforschen, die sie zusammenhielten. Zum ersten Mal könne man zukünftige Entwicklungen vorwegnehmen, sie auf ihre vorteilhaften und auf ihre schädlichen Auswirkungen für die Gemeinschaft prüfen. "Social Ingeneering!" Kowalski liebte Schlagworte, und am meisten liebte er es, neue Schlagworte zu erfinden. Wenn sie auf Englisch waren, umso besser. "Die Gentechnik erschafft neue Menschen. Wir erschaffen eine neue Gesellschaft!" Er gönnte seinen Zuhörern einen Blick in die Zukunft, einen Blick in eine Gesellschaft, in der der Wohlstand gerecht verteilt und die Umwelt intakt war, wo der Fortschritt nicht Folge einer blinden technischen Entwicklung war, sondern einer bewussten politischen Entscheidung unterstand, die allen diente. Friedlich zusammen lebende Menschen, fröhliche, engagierte, kreative Menschen. Das war die Utopie, die Kowalski entwarf. Vor einer halben Stunde war es ihm noch um Jogurtbecher gegangen, jetzt erschuf er die Gesellschaft der Zukunft. Was aber wollte er wirklich? Obwohl ich seit Jahren an seinem Projekt arbeitete, hätte ich es nicht zu sagen gewusst.

In Gedanken versunken war ich bis zum Fahrstuhl gekommen, als Kowalski plötzlich neben mir stand.

"Sie wollen uns doch nicht schon verlassen?" Er lächelte, als hätte er einen Witz gemacht.

Noch bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür des Aufzugs, und ein überaus korrekt gekleideter Mann trat heraus. Er hielt uns einen rosafarbenen Ausweis unter die Nase. "Harald Schmitt, Gesellschaft für Konsumklimawandel. Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen."

Kowalskis Gesicht verdunkelte sich, aber vielleicht schauspielerte er nur. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er den Schnüffler selbst herbestellt hätte. "Sie haben Pech", sagte er etwas zu laut, "aber da wir selbst Marktforscher sind, dürfen Sie uns nicht befragen."

"Grundsätzlich haben Sie Recht, Beschäftigte aus dem Bereich Marktforschung, Marketing und Werbung, sowie ihre Verwandten bis zum dritten Grad…"

Kowalski winkte ab. "Also?"

"Es geht um eine Befragung von Geschäftsführern von Wirtschaftsunternehmen. Hierbei gibt eine Auskunftspflicht zweiter Ordnung, die ausdrücklich alle Unternehmen einschließt."

"Ohne Ausnahme?"

"Ausgenommen sind Sicherheitsfirmen mit staatlichen Aufträgen. – Sie sind Dominik Kowalski?"

Das Gespräch schien die Umstehenden, die sich nach und nach eingefunden hatten, zunehmend zu belustigen.

"Dann darf ich Sie darauf hinweisen, dass es sich heute Abend, um eine firmeninterne Feier handelt, die nach Artikel 326 des Demoskopiegesetzes nicht gestört werden darf…"

"…es sei denn, die Befragung ist im öffentlichen Interesse. Was in diesem Falle vorliegt, da der Auftraggeber die Wirtschaftskontrollbehörde ist. Paragraph…"

Kowalski breitete die Arme aus und setzte sein breitestes Lächeln auf. "Ok, ok. Ich gebe mich geschlagen!" Er sah in die Runde und zuckte mit den Schultern. Er schien, als wollte er sagen: Sehen Sie jetzt, was ich meinte? "Kommen Sie, lassen Sie uns einen Schluck trinken, dann beantworte ich Ihre Fragen." Während der Interviewer ihn darauf hinwies, dass er nach Paragraph soundsoviel keine Einladungen jedweder Art annehmen durfte, entfernten sie sich in Richtung Bar.

Erst jetzt sah ich den anderen Mann, der zusammen mit dem Interviewer mit dem Aufzug gekommen war. Es war Bogdan Draganski, der polnischstämmige Sicherheitschef der Sinus AG. Er hatte sich zur Fensterfront zurückgezogen und wirkte nervös, fast verstört.

Bogdan lief unruhig auf und ab, immer wieder sah er sich um, sah zum Aufzug, zur Terrasse hinaus. Den Blicken nach, die er mir zuwarf, wollte er mit mir sprechen.

"Bogdan, wo haben Sie gesteckt?" Seit Tagen hatte ihn niemand gesehen, und dass man nicht offiziell nach ihm gesucht hatte, lag nur daran, dass er immer wieder ein paar Tage lang von der Bildfläche verschwand. Außerdem arbeitete er am liebsten nachts, wie Blinzle auch, und so hatten sie sich irgendwann angefreundet.

"Marc!" Er strich sich mit der Hand über den kahl rasierten Schädel. "Wie schön, Sie zu sehen!" Wieder sah er sich um, und ich befürchtete schon, seine Paranoia habe sich verschlechtert. Für einen Sicherheitschef war Paranoia nichts grundlegend Schlechtes, zumindest wenn er sie unter Kontrolle zu halten wusste. "Ich muss mit Ihnen sprechen. Ich muss mit irgendjemanden sprechen." Seine Stimme war leise und heiser.

"Was ist los? Geht es um Blinzles Unfall?"

Für einen Augenblick starrte er mich an, dann zog er mich am Arm auf die Terrasse hinaus. Dort sah er sich prüfend um und führte mich zu zwei freien Loungesesseln in einer abgelegenen Ecke.

"Wollen Sie etwas trinken?"

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. Dann beugte er sich nach vorne. "Es war kein Unfall."

"Aber sie waren doch dabei! Blinzle ist an eine Starkstromleitung gekommen. Dinge, die eigentlich ausgeschlossen sind und doch immer wieder vorkommen. Die Müdigkeit vielleicht, zuviel Routine… Man hält nicht immer alle Sicherheitsvorschriften ein…"

Seite 7

Seite 8


"Quatsch! Blinzle ist…", er suchte nach dem richtigen Wort, "…ausgelöscht worden. Er ist einfach gefallen und war tot. Einfach so."

"Und der Strom?"

"Das war die offizielle Version."

"Ein Herzinfarkt, ein Hirnschlag?"

Bogdan schüttelte den Kopf. "Man hat nichts gefunden, er war kerngesund."

Dass Blinzle an einem Stromschlag gestorben sein sollte, war mir schon vorher seltsam erschienen, aber diese neue Geschichte ergab noch weniger Sinn. Keine Krankheit, kein Unfall, kein Mord? Oder war es Mord gewesen? Aber dann, womit? Ich fragte Bogdan.

"Nein, es war kein Mord, oder zumindest kein Mord im üblichen Sinne. In dem einen Augenblick war Blinzle noch, im nächsten war Blinzle nicht mehr. Das ist alles. Ausgeknipst, abgeschaltet. Weg."

Das war eine seltsame Ansicht, und ich fragte mich, ob sich nicht Bogdans Spielsucht in diesen Worten zeigte. Immer wieder versackte er vor seinem Rechner und tauchte stunden-, manchmal tagelang in seine Rollenspielwelt ein. Dort gab es Ritter, Zauberer, Monster und Fabelwesen. Und alle hatten geheimnisvolle übersinnliche Kräfte. Sicher war es dort auch möglich, seinen Gegner regelrecht auszuknipsen.

Aber Bogdan wusste mehr. Wieder sah er sich um. "Ein paar Stunden vor seinem Tod, er sprach das Wort so aus, als fasse er einen unappetitlichen Gegenstand mit spitzen Fingern an, "hatten wir ein langes Gespräch. Sie waren ja im Urlaub, und Blinzle wusste nicht, wem er sich sonst hätte anvertrauen können. Er war aufgeregt, eigentlich völlig von der Rolle. Lange habe ich überhaupt nicht verstanden, was er wollte. Er wisse alles, wiederholte er immer wieder, und er habe beschlossen zu reden."

"Was hat er herausbekommen? Was hat er gewusst? Hat er das Ihnen gesagt?"

"Ja, teilweise. Ich habe, wie gesagt, nicht alles verstanden. Es hat etwas mit dem Simulator zu tun. Er sprach in letzte Zeit immer vom kleinen Simulator, so als gebe es auch einen großen oder als könnte es einen großen geben. Hat er an einem größeren Simulator gearbeitet?"

"Nicht, dass ich wüsste." Aber möglich war es. Blinzle war nicht jemand, der mich in alle seine Pläne eingeweiht hätte. "Was genau hat er Ihnen erzählt?"

"Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich möchte nicht, dass auch Ihnen etwas zustößt." Wieder fuhr er sich mit der Hand über dem Kopf. "Sollte mir etwas zustoßen, hat Blinzle gesagt, irgendetwas, egal was. Sollte ich einen Unfall haben, hat er gesagt, die Treppe herunterfallen, aus dem Fenster springen, mit dem Aufzug abstürzen, egal was, sollte ich irgendwann nicht mehr da sein...

"Nicht mehr da sein?"

"Ja, nicht mehr da sein. Genauso hat er sich ausgedrückt. …dann wissen Sie, dass man mich beseitigt hat."

"Beseitigt?"

"Ja, beseitigt."

"Wer?"

"Ich weiß es nicht. Er sprach immer von die."

"Drei Stunden nach diesem Gespräch war er tot. Sie können sich vorstellen, was in mir vorging." Er schüttelte den Kopf. "Ich habe ein paar Tage über alles nachgedacht. Es ist… Es ist..." Er biss sich auf die Lippen. "Es ist so ungeheuerlich... Ich musste einfach mit jemanden reden, am besten mit jemandem, der mehr von dieser ganzen Sache versteht als ich."

Ich wollte ihn beruhigen und auch bestärken weiterzureden, alles zu sagen, was er wusste. Blinzle hatte sich in den letzten Wochen mehr als einmal seltsam verhalten, und jetzt schien es dafür eine Erklärung zu geben, auch wenn ich nicht die geringste Vorstellung davon hatte, wie sie aussehen mochte. Gerade als ich zu einer weiteren Frage ansetzen wollte, geriet Kerstin in mein Blickfeld. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich sie an, wandte ich meinen Blick von Bogdan.

Sie kam auf mich zu und sagte: "Hier stecken Sie also!"

Ich schwöre, dass es nur wenige Sekundenbruchteile waren, in denen ich meinen Blick von Bogdan abwandte, doch als ich ihn wieder ansehen wollte, war er nicht mehr da. Kerstin setzte sich in den Sessel, in dem bis vor wenigen Sekunden Bogdan gesessen hatte, schlug die Beine übereinander und lachte. "Sie sehen mich an, als sei ich ein Gespenst."

Nein, sie war kein Gespenst. Das Gespenst hatte sich gerade in Luft aufgelöst.

Seite 9

Seite 10

Mein Alphabet der Frauen
"Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet."

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum.