Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.
Ein psychoanalytischer Entwicklungsroman

2009

ISBN 3-942574-02-0 (Pdf-Ausgabe)
ISBN 3-942574-03-7 (epub-Ausgabe)


Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, mit stattgefundenen oder noch stattzufindenden Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Scheinbare Übereinstimmungen gehen nicht zu Lasten des Autors, sondern jener Leser, die diese zu sehen glauben. Ersatzweise kann das Leben selbst dafür verantwortlich gemacht werden.


All jenen gewidmet, die auf der Couch liegen und an die Wand starren - und für VRM

Kapitel 1

Es fängt damit an, dass er die Augen aufschlägt.

Noch ehe er die Augen von der Decke abwendet, weiß er, dass er in einem Bett liegt. Es ist ein bequemes Bett mit weißen Laken, einer Wolldecke und einem festen Kopfkissen, es ist ein Bett, wie es in Krankenhäusern steht.

Das Zimmer selbst ist eher groß. Unweit des Bettes steht ein altmodisches Sofa und ein niedriges Tischchen, ein Sessel, in einer Ecke ein größerer runder Tisch mit vier Stühlen. Auch einen Schrank gibt es, einen Einbauschrank, der die ganze schmalere Seite einnimmt. Zwei Türen. Jene neben dem Schrank ist halb geöffnet und gibt den Blick auf ein Waschbecken frei, die andere führt offenbar hinaus. Die Einrichtung erinnert an ein komfortables, fast luxuriöses Hotel. Nur die Farbe passt nicht: Alles ist weiß oder wenigstens cremefarben. Das dunkelste ist das helle Beige des dichten Teppichs. Selbst die wenigen Bilder an den Wänden erscheinen seltsam blass - pastellfarbige Stillleben, Blumen, Früchte.

Und dann dieses Licht, das von überallher zu kommen scheint und das Zimmer in eine gleichmäßige, schattenlose Helligkeit taucht. Es ist kein unangenehmes Licht. Im Gegenteil. Es ist mild und augenfreundlich, unaufdringlich. Es ist ein Licht, das genau auf halbem Wege zwischen Hell und Dunkel stehen geblieben ist. Aber es ist ungewohnt, auf eine seltsame Art und Weise fremd. Keine Lampen sind zu sehen, und auch durch die zugezogenen Vorhänge scheint es nicht zu dringen.

Später sollte er dieses Zimmer richtig erkunden, sich daran gewöhnen, in Besitz nehmen, es bewohnen wie ein Hotel- oder Krankenzimmer. Morgens - tatsächlich gab es einen Unterschied zwischen Tag und Nacht; irgendwann wurde das Licht schwächer, so als regelte ein unsichtbarer Dimmer die Helligkeit automatisch herunter, um Stunden später wieder in gewohnter Stärke zurückzukehren - morgens erwachte er vom metallischen Pling! des Speisenaufzugs. Manchmal lag er schon mit offenen Augen da und beobachtete das Dämmern um ihn herum, als sei es genauso spektakulär wie ein richtiger Sonnenaufgang, und horchte, ob das leise Sirren, mit dem sich die Kabine mit seinem Frühstück ankündigte, schon zu hören war. Er stand aber stets erst dann auf, wenn dieses Pling! ertönte. Der haltende Aufzug war das Signal, und er hätte keinen Grund angeben können, warum sich ein Aufstehen vorher gelohnt hätte. Dieses Klingeln aber, auf das er reagierte wie der Pawlowsche Hund, verwandelte ihn. Er sprang aus dem Bett. Mit gutem Appetit machte er sich über das Essen her, tat beschäftigt wie jemand, der tatsächlich etwas vorhatte, zur Arbeit gehen musste oder aus sonst einem unaufschiebbaren Grund in Bälde das Haus verlassen würde.

Noch im Bad hielt er diese Geschäftigkeit aufrecht, wusch sich gründlich, duschte manchmal kalt, um ganz wach zu werden, rasierte sich, putzte die Zähne, ging in dem fensterlosen Räumchen hin und her, als sei er in Gedanken längst bei einem wichtigen Termin, einer Besprechung oder einer aus welchem Grund auch immer schwierigen Aufgabe. Erst als der Zeitpunkt gekommen war, wo er sich hätte anziehen müssen, wo nur ein Verlassen des Raumes den Spannungsbogen seiner Aktivität hätte verlängern können, verwandelte er sich erneut. Dann stand er vielleicht ratlos mitten im Zimmer, sah sich um auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, was als nächstes zu tun sei, nach einem Fingerzeig, der ihm den Weg zu einer sinnvollen Tätigkeit hätte weisen können.

An diesem ersten Morgen hat er diese Gewohnheiten noch nicht. Er liegt da und versucht zu denken. Es sind keine vertrackten Probleme, die er wälzt. Es sind eher einfache, grundlegende Fragen, die nach und nach in sein Bewusstsein dringen, die plötzlich Gestalt annehmen, ohne dass er sie wirklich zu beschwören bräuchte: Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Fragen, die deshalb beunruhigend sind, weil sie sich nur stellen, wenn man keine Antwort auf sie weiß. Er wundert sich, dass er sich erst dann, erst nachdem er über das Wo und Wie nachgedacht hat, die Frage nach dem Warum stellt. Warum bin ich hier? So als könne die Gewissheit des Ortes und der Begleitumstände, die dorthin geführt haben, bereits zu einer Prognose der Zukunft taugen, als erschließe sich der Grund aus der scheinbaren Abfolge des Vor- und Nachhers. Hätte er diese Kette zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schließen gewusst, so hätte er auch einleuchtende Vermutungen über seine Zukunft gehabt. Daran zweifelt er nicht. Wenn dies beispielsweise ein Krankenhaus ist und ich krank bin, dann bin ich hier, um gesund zu werden, denkt er. Dann besteht seine Zukunft aus Behandlungen, Ärzten, die nach ihm schauen, Medizin, die ihm verabreicht wird, aus schrittweisen Verbesserungen seines Gesundheitszustandes, möglicherweise aus Besuchen von Verwandten und Freunden, und schließlich wird er irgendwann als geheilt entlassen werden. Es sei denn, ich bin unheilbar krank, fällt ihm auf, als er seinem Gedankengang noch einmal folgt und die Zwangsläufigkeit der einzelnen Schritte prüft. Dann wird es ihm immer schlechter gehen, bis er irgendwann wegdämmert und mehr oder weniger sanft entschlafen wird.

Er liegt immer noch ruhig da. Noch hat er kaum mehr als die Fingerspitzen und die Zehen bewegt. Das Bettlaken liegt kühl auf ihm. Es hebt und senkt sich im unmerklichen Takt seines Atems. Mehr ist nicht zu sehen. Noch weiß er nicht, dass in wenigen Minuten zum ersten Mal das Sirren des Aufzuges, das glockenhelle Pling! der Bereitschaftsanzeige zu hören sein wird. Er weiß noch nicht einmal, dass es diesen Aufzug überhaupt gibt.

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Nach dem Wo, Wie und Warum ist es nur ein kleiner Schritt zum Wer. Wer bin ich? Erst als er wagt, sich diese Frage zu stellen, erkennt er, dass diese die eigentlich wichtige Frage ist, jene, die mit Leichtigkeit alle vorherigen beantworten könnte, wäre es ihm nur möglich, eine halbwegs gute Antwort zu finden. Die Frage nach dem Wer hat sich ihm nicht aufgedrängt. Im Gegenteil. Er hat sie sich erst wie die Lösung eines komplizierten Rätsels erarbeiten müssen, hat sie eingrenzen müssen wie ein unsichtbares Loch, um das die anderen, viel einfacheren Fragen geschwirrt waren. Es ist wie bei jenem astronomischen Problem, wo eine Vielzahl von Indizien, ungewöhnliche Strahlungen etwa, unerklärliche Sternenbahnen oder abgelenkte Lichtwellen, nur mit Hilfe einer Annahme erklärt werden können, einer unwahrscheinlich klingenden, aber dennoch nicht mehr wegzuschiebenden Annahme, es müsse ein Schwarzes Loch geben. Etwas, ohne das all diese anderen Unregelmäßigkeiten nicht erklärt werden können. Sein Schwarzes Loch besteht aus der Annahme: Ich weiß nicht, wer ich bin. Nicht, dass diese Hypothese viel erklärt, sie taugt nur dazu, sein Problem deutlich zu machen, mit all den anderen Schein- oder Nebenproblemen aufzuräumen, die Sache auf den Punkt zu bringen: Wer bin ich? Das ist die Frage, und darauf muss er eine Antwort finden.

Dass er sein eigentliches Problem erst jetzt in dieser Deutlichkeit zu sehen vermag, liegt an einem seltsamen Auseinanderklaffen zwischen seinem Gefühl, zwischen dem, was er in sich spürt, und dem, was er über sich weiß. So braucht er sich nicht erst in die Hose zu fassen, um herauszufinden, dass er ein Mann ist. Er braucht auch keinen Spiegel, um sein Alter auf ein paar Jahre genau anzugeben. Er hat sich nicht in dem Sinne verloren wie jemand, der sich seines Ichs, seiner Identität nicht mehr sicher ist. Es ist, als habe er unbeschränkten Zugang zu sich selbst. Alles, was ihn ausmacht ist da, ist an seinem Platz, es wirkt fort, beeinflusst sein Denken und Fühlen, die Sicht seiner Welt. Seine ganze Geschichte, seine Erfahrungen, selbst seine Träume und Hoffnungen pochen spürbar in ihm. Er spürt sich genauso, wie er sich vorher spürte. Das glaubt er fest zu wissen, obwohl er sich nicht einmal sicher ist, ob es ein Vorher in diesem Sinne überhaupt gab. Nur wenn er eines dieser unzähligen Details, ein einzelnes Erlebnis, ein Datum, das Gesicht einer Person dingfest machen will, verflüchtigt es sich. Wie ein intensiver Duft entweicht es durch die zu groben Maschen des geistigen Netzes, mit dem er es einfangen wollte, bis nur noch ein Hauch davon in der Luft schwebt. Zu wenig, um es mit Bestimmtheit zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Und er ist irritiert, fast belustigt. Es ist, als müsse er sagen: Na ... Moment mal, ich hab's gleich. Es liegt mir auf der Zunge ... Das ist doch wirklich zu dumm. Ich weiß es doch!

Dann kommt der Aufzug. Zum ersten Mal hört er das helle Singen des Elektromotors, das Knirschen und Knarren der Seile und Rollen, das langsam lauter wird, bis es mit einem Knall verstummt, ein Klacken, so laut wie das Umlegen eines riesigen Schalters.

Dann kommt das Pling!, und das grüne Lämpchen flammt auf. Er beeilt sich, aufzustehen und das in Augenschein zu nehmen, was man ihm geschickt hat. Er zweifelt nicht daran, dass die Geräusche, die Lampe, die Griffe an den Türen zu einem Transportmittel gehören, und ohne weiter darüber nachzudenken, weiß er auch, dass man sich nicht die Mühe gemacht hätte, die Apparatur leer in Gang zu setzen. Trotzdem beeilt er sich, so als könne sein Zögern die Maschinerie genauso plötzlich wieder in Gang setzen und diese erste Botschaft der Außenwelt unwiederbringlich in die Tiefe entschwinden lassen. Tatsächlich erwartet er irgendeine Erklärung, einen Einweisungsschein, einen Untersuchungsbericht, ein Formular vielleicht, das er auszufüllen habe und ihm auf Umwegen Aufschluss über seine Lage geben könnte, schon mit einem Prospekt (Willkommen im Sanatorium am See...) wäre er zufrieden. Er erwartete etwas Schriftliches wird ihm bewusst, als er die Schiebetüren öffnet und das Tablett zum Vorschein kommt.

Er isst ohne großen Appetit. Unschlüssig sitzt er noch eine Weile am Tisch, bis er schließlich das halbleere Tablett wieder in den Aufzug stellt, die Türen schließt und nach einem kurzen Zögern auf den Knopf drückt. Zuerst das Klacken, dann das Sirren, das Knarzen der Seile und Rollen. Langsam verklingen die Geräusche in einer unbestimmbaren Tiefe.

Schon bald beginnt er, auf den Aufzug zu warten, auf dieses einzige Anzeichen, dass es etwas außerhalb seines Zimmers gibt. Umso erstaunter ist er, als am frühen Nachmittag, das heißt irgendwann nach dem Mittagessen, eine Frau erscheint.

Zuvor hat er den Versuch unternommen, sich einen Überblick über seine Lage zu verschaffen. Er hat das Zimmer und das Bad gründlich untersucht. Im Nachttisch liegt eine in Leder gebundene Ausgabe der Bibel. Er findet zwei Morgenmäntel, mehrere Schlafanzüge in seiner Größe, ordentlich zusammengelegte Bettwäsche und zwei Wolldecken. Es gibt keinen Knopf, um jemanden zu rufen, kein Telefon und keine Gegensprechanlage. Er kann sein Bett elektrisch verstellen. Das Ungewöhnlichste, was sein Zimmer zu bieten hat, ist die Bildschirmwand. Was sich hinter den geschlossenen Vorhängen verbirgt, ist kein Fenster, das hoffte er, als er sie als erstes zurückzog, sondern eine matte, graue Kunststoffoberfläche, die fast die gesamte Höhe und Breite der Wand einnimmt und ihn an die Anzeige seines Laptops erinnert. Und er fragt sich, wie lange es schon solche riesigen Flachbildschirme gibt. Welche Funktion der Apparat hat, erschließt sich ihm nicht. Er findet keine Fernbedienung oder irgendwelche Knöpfe, die er betätigen könnte. Vielleicht ist es ein Fernseher oder ein Videomonitor, denkt er, vielleicht ein künstliches Aquarium, das sich mit bunten Fischen füllen würde, gelänge es ihm nur, das Gerät einzuschalten.

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Das Bad ist besser ausgestattet. Er findet alles, was er braucht: Handtücher, Klopapier, verschiedene Toilettenartikel. Nur einen Spiegel gibt es nicht. Als er das schmale, fensterlose Zimmerchen betritt und das Licht einschaltet, fällt sein Blick sofort auf diese Stelle, dorthin, wo dieser Nicht-Spiegel hängt, so als sei es ausgeschlossen, dass jene Fläche, von der aus das Auge in den Raum zurückgeworfen wird, nirgendwohin zeigt, stumpf ist wie ein blindes Fenster, wie eine zugemauerte Öffnung. Vielleicht hat er noch nie so intensiv das Fehlen von etwas bemerkt. So ist es nicht nur die Gewissheit, dass er sich nicht sehen können wird, dass er keine Möglichkeit haben wird, sich von außen zu betrachten, die Distanz des Sehens zu sich aufzuspannen, die ihn in diesem Augenblick aufschrecken lässt. Wenn er schon das Gedächtnis verloren zu haben scheint, dann mag es folgerichtig sein, dass er auch nicht wissen soll, wie er aussieht. Mehr als das erschreckt ihn die Umkehrung der Wirklichkeit, deren Zeuge er ist, die Tatsache, dass das Nichtvorhandensein einer Sache auffälliger (wirklicher?) sein kann als die Sache selbst.

Dort, wo der eigentliche Spiegel hätte befestigt sein müssen, hängt ein Bild. Es ist eine Zeichnung, beinahe ein Comic, und er meint, das Bild schon einmal gesehen zu haben. Auf einem Berg oder Felsen steht ein Männchen. Neben ihm türmt sich ein großer Stapel gelber Sterne. Sie sind fünfeckig und handtellergroß und gerade so dick, dass man sie hinauswerfen kann in die dunkelblaue, fast schwarze Nacht. Und wie Steine auf der ruhigen Oberfläche eines Sees springen sie über den blauen Samt, aber anstatt schließlich unterzugehen, bleiben sie liegen. Und das Männchen war fleißig, denn der ganze Himmel hängt voll davon. Vielleicht ist es das, was es fröhlich stimmt, denn es lacht, während es einen weiteren Stern hinauswirft mit Schwung und mit offenem Mund. Seltsam ist seine Kleidung. Sein Anzug ist weit und gestreift und erinnert an ein Pyjama oder den Drillich eines Strafgefangenen.

Er kommt aus dem Bad, zieht die Tür hinter sich zu und nähert sich der zweiten Tür, jener, die mutmaßlich nach draußen führt, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich verschlossen sei. In seiner Vorstellung ist sie verschlossen, denn nur das ergibt einen Sinn, nur so kann er davon abgehalten werden, einfach hinaus zu spazieren, um vielleicht nie wieder zurückzukommen. Tatsächlich weiß er nicht, was ihn auf der anderen Seite erwartet, und er behilft sich mit der Annahme, es sei ein größeres Gebäude, ein Gebäude mit einem Garten oder Park drum herum, ein Garten oder Park, der in eine Stadt oder ein Dorf oder eine Landschaft übergeht, in irgendetwas übergeht, in etwas Vertrautes jedenfalls. Nicht, dass er sich wirklich als Gefangener fühlt, auch wenn sein Zimmer dem Anschein nach durchaus eine luxuriöse Gefängniszelle sein könnte. Solange ihm eine einleuchtende Erklärung für sein Hiersein vorenthalten wird, solange ihm nicht gesagt wird, welche Krankheit, falls es eine Krankheit ist, und welche

Therapie seinen Aufenthalt in diesem Gebäude, in genau diesem Raum notwendig machen, solange fühlt er sich berechtigt, sich zu verweigern, hinauszugehen, und sei es nur, um woanders zu sein. Und doch geht die Tür auf, leicht, und er macht ein paar Schritte auf den Gang hinaus. Seine karierten Pantoffeln schleifen über die grauen Plastiknoppen. Aber vielleicht ist es die Schwere, die er plötzlich in seinen Beinen spürt, die seinen Schritt schleppend macht. Er geht nur ein paar Meter und fühlt eine bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen, als sei er schon tagelang ohne Unterlass auf den Beinen. Der Gang ist lang, weiß, irgendwo in der Ferne knickt er ab, verschwimmt im milchigen Licht. Es sind nur wenige Meter, und doch fühlte er sich außerstande, weiterzugehen. Die Gangbiegung, selbst die nächste Tür rückt in eine unerreichbare Ferne. Es ist, als müsse er bei jedem Schritt die Kraft vervielfachen, mit der er seinen Fuß vom Boden hebt, mit der er das Bein nach vorne schiebt, über den Abgrund des halben Meters, den er sich zu überbrücken vorgenommen hat. Und dann fallen ihm seine Träume wieder ein. Träume, in denen er zu gehen, zu laufen versucht und doch trotz immenser Anstrengung nur vorwärts kriechen kann, so als bewege er sich in Zeitlupe durch eine dickflüssige, zähe Masse. Eine kurze Spanne lang meint er, tatsächlich zu träumen, so deutlich erinnert er sich. Schließlich gibt er auf und geht zurück. Er tröstet sich damit, dass er wohl erst wieder zu Kräften kommen müsse und verschiebt seine Expedition auf einen späteren Zeitpunkt. An einem der nächsten Tage wird er es erneut versuchen. Auf der Höhe seiner Tür steht ein Automat für heiße Getränke: Kaffee, Tee, Kakao, Fleischbrühe. Ein Pappbecher voll kostet 50 Cent, und er wünscht sich, er hätte eine Münze.

Er legt sich hin, um sich ein wenig auszuruhen, so erschöpft fühlt er sich von seinem kleinen Ausflug. Als es klopft, ist er schon eine Weile eingedöst, und er braucht ein paar Sekunden, um dem Geräusch die richtige Bedeutung zuzuordnen. Noch ehe er Herein! oder etwas Ähnliches rufen kann, geht die Tür auf, und eine weißbeschürzte Frau erscheint. Sie trägt ein türkisblaues Kleid, und ihr schwarzes Haar ist zu einem Knoten zusammengebunden. Hinter sich zieht sie einen kleinen Wagen her, aus dem verschiedene Putzutensilien herausragen. Auch einen großen, silbernen Staubsauger hat sie im Schlepptau. Die Frau ist Mitte Vierzig. Mit einer Mischung aus sanfter Missbilligung und Selbstzufriedenheit schaut sie sich um. Sie ist rund und wirkt resolut und gutmütig.

Plötzlich ist er hellwach. Hat er nicht in dieser Frau, die gerade im Bad verschwunden ist und dort lautstark mit einem Plastikeimer hantiert, den Schlüssel zu seinen Problemen, zu einigen Problemen zumindest? Auch wenn sie nicht die Frage nach dem Wer beantworten können wird, die nach dem Wo, vielleicht auch die nach dem Wie und damit nach dem Warum sollte doch zu klären sein, denkt er, während er ihr mit vor Aufregung klopfendem Herzen folgt.

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„Sie arbeiten hier...?“ Er steht in der Tür und versucht, seine Anspannung mit Gleichgültigkeit zu überspielen.

„Putzen“, bestätigt sie kurz angebunden.

„Aha.“ Seine Stimme klingt rau, und ihm ist, als habe er seit Jahren kein lautes Wort gesprochen. „Sie werden sich vielleicht wundern, dass ich Sie das frage“, er räuspert sich, „aber ich wüsste gern, wo ich bin. Ich meine, könnten Sie mir sagen, um welche Einrichtung es sich hier handelt?“

„Nixverstehn.“

„Sie sprechen kein Deutsch?“

Nix Deutsch“, bestätigt sie.

„Dann vielleicht Italienisch..., Spanisch..., Türkisch ...?“ Er zählt noch ein paar andere Sprachen auf und fragt sich, ob er selbst eine von diesen Sprachen beherrscht, doch sie schüttelt nur den Kopf und murmelt etwas Unverständliches.

Schließlich schiebt sie ihn beiseite, um auch sein Zimmer einer schnellen und routinierten Reinigungsprozedur zu unterziehen, und während sie sich an ihm vorbeizwängt (er ist in der Tür stehengeblieben, als könne sein angestrengtes Nachdenken durch jede überflüssige Bewegung nachhaltig gestört werden), sieht sie ihm zum ersten Mal direkt in die Augen und sagt laut und vernehmlich: „Kimmeria“. Dabei streckt sie ihren Arm aus und zeigt schräg hinter sich. Er zweifelt nicht daran, dass sie ihm gerade ihr Herkunftsland genannt hat, und so sieht er ihrem Finger hinterher, als liege dort hinten tatsächlich dieses geheimnisvolle Kimmerien, als habe sie nicht willkürlich nur irgendwohin gezeigt, um ihm deutlich zu machen, wie entfernt dieser Ort sei und wie abseits er liege.

Dann stöpselt sie den Staubsauger ein und saugt in wenigen Sekunden jeden Winkel des Raumes ab. Er kann sich nicht erinnern, dieses Land jemals vorher erwähnt gehört zu haben. Vielleicht ist es eine Auswirkung seines Gedächtnisverlustes. Wenn er sich an so vieles nicht mehr erinnern kann, warum sollte er nicht auch dieses - wie hieß es doch gleich? - Kimmerien vergessen haben? Andererseits gibt es heutzutage so viele Regionen und Gebiete, die unabhängig werden, beruhigt er sich, dass es kein Wunder ist, wenn man sich nicht an jede ehemalige Sowjetrepublik erinnern kann. Und doch wühlt ihn diese erneute Lücke auf. Das Gefühl der Fremdheit, das er seit dem Erwachen verspürt, verstärkt sich. Wenn es Kimmerien gibt, und dieses Territorium ist nicht nur ein kleiner Farbklecks auf einer Landkarte, er hat eine leibhaftige Bewohnerin dieses Landes vor sich, wenn es Kimmerien gibt, was kann es noch alles geben, von dem er nichts ahnt?

Ehe er seine Verwirrung ganz überwinden und einen neuen Versuch unternehmen kann, das Verständigungsproblem zwischen ihnen zu lösen, ist die Putzfrau mit ihrer Arbeit fertig. Sie verstaut ihre Gerätschaft wieder in ihren Wagen und strebt, ohne ihn weiter zu beachten, zur Tür.

Als sei sie der einzige Mensch in seiner Welt, ein Mensch, der sich zudem anschickt für alle Zeiten aus seinem Leben zu verschwinden, packt er sie beim Arm. „Warten Sie! Ich muss Sie noch etwas fragen!“

„Nix Zeit.“ Bestimmt macht sie sich los. Wagen und Staubsauger rumpeln hinterdrein.

Resigniert legt er sich wieder ins Bett.

Vielleicht ist er tatsächlich eingeschlafen, denn er sieht plötzlich eine Straße vor sich, eine breite Allee, durch deren Baumkronen hindurch eine tiefstehende Sonne ihr goldfarbenes Licht in den aufziehenden Abend schüttet. Er sitzt in einer leichten, offenen Kutsche, einem Einspänner, und das Klappern der Hufe vermischt sich mit dem leisen Rauschen der Blätter, verklingt matt in der menschenleeren Weite. Während sie fahren, schaut er die Stadt: große Kuppeln, deren lichtes Rosa sich gegen den dunkler werdenden Himmel abhebt, Kirchtürme, Säulen und Obelisken, verblassende Schemen großer Gebäude. Es ist mild, und er atmet die würzige Luft, schmeckt sie nachdenklich auf der Spur seiner Erinnerungen. Sie fahren auf einen großen Bogen zu, einen Triumphbogen, ein Stadttor. Es wird dunkler, und das Pferd beschleunigt seinen Gang, trabt, galoppiert dann auf diese Lücke zu, dorthin, wo sich die Baumreihen treffen, die Geraden schneiden müssten. Die Kutsche schüttelt sich, schlingert durch die Dämmerung wie ein Schiff in der Dünung. Er hält sich fest, umklammert den ledernen Griff, gefangen von dem Anblick des Tores, das sich vor ihm aufrichtet, je mehr er sich nähert. Schließlich meint er sogar die Beschleunigung zu spüren, meint tiefer in das Polster zu versinken, gedrückt zu werden, während die Hufe des Pferdes fliegen. Und tatsächlich ist es ein Fliegen, denn plötzlich verstummt das anschwellende Dröhnen der Eisen. Ein Ruck durchfährt die Kutsche, und es ist die Luft, die sie trägt, hinaufträgt in die Mitte des riesigen Vierecks, genau in die Mitte dieses Tores, das sie aufnimmt, um sie hinaus zu lassen oder hinein, dorthin, wo die Nacht den Himmel bereits geschwärzt hat.

 

Der nächste Tag verstreicht genauso ereignislos wie der erste. Am Morgen des dritten Tages tritt die Ärztin in sein Leben.

Sie kommt einfach herein. Unbewegten Gesichts geht sie ums Bett herum, eine Kladde in der Hand, und er folgt ihr mehr erleichtert als verwundert mit den Augen, stützt sich auf, um weniger gebrechlich zu erscheinen.

„Wie geht es Ihnen?“

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„Wie es mir geht?!“ Er sucht nach Worten. „Wie sagt man? Den Umständen entsprechend gut. Ganz gut eigentlich. Nur wüsste ich gerne, um was für Umstände es sich handelt.“

Sie macht keine Anstalten, sich zu setzen, steht neben dem Bett, die Hände in den Taschen ihres weißen Kittels, die Kladde unter dem Arm geklemmt. „Jetzt bin ich ja da.“ Es klingt, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt, und doch scheint sie ihm nicht sagen zu wollen, dass all seine Probleme mit einen Schlag gelöst seien, dafür wirkt sie zu ernst.

Trotzdem empfindet er so etwas wie Trost. „Können Sie mir sagen, was passiert ist?“

Sie schaut freundlich, ohne zu lächeln, und er vertraut ihr, wie jemandem, dem man ausgeliefert ist. „Wir werden morgen anfangen.“

„Mit was wollen Sie morgen anfangen? Mit den Untersuchungen, mit der Behandlung?“

„Wenn Sie so wollen.“

Unter dem weißen Kittel trägt sie eine hellblaue Jeanshose und unauffällige dunkle Schuhe. Sie hat halblanges, blondes Haar und ein blasses Gesicht, ist Mitte Dreißig oder auch nur Mitte Zwanzig, fast meint er, sie sei auf eine geheimnisvolle Weise alterslos, unbestimmbar wie ein Gesicht, das man zu lange betrachtet hat. Tatsächlich regt sich etwas in ihm, die Erinnerung an jemand anderen vielleicht, das Bild einer Anderen.

„Also bin ich tatsächlich krank?“ Krank fühlt er sich eigentlich nicht. Aber er erschöpft schnell, so schnell, als müsse er alle paar Stunden eine Schlafpause einlegen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Von oben schaut sie auf ihn herab. „Vor allem müssen wir herausfinden, was passiert ist.“

„Ich dachte, Sie wüssten, was passiert ist?“

„Ich weiß nicht viel mehr als Sie.“

Gerne hätte er sie gefragt, was dieses nicht viel mehr sei.

Dann erklärt sie ihm das Verfahren, mit dem sie herausfinden will - mit dem sie ihm helfen will, herauszufinden -, wer er ist. Sie nennt es Mnemographisches Verfahren. Eine Neuentwicklung, die erst im Versuchsstadium sei, der er sich aber anvertrauen könne, zumal es in seinem Fall die einzige vielversprechende Möglichkeit sei, überhaupt weiterzukommen.

„Sie haben sicher schon diesen großen Bildschirm gesehen. Durch eine mnemographische Abtastung ihrer Gehirnwellen sind wir in der Lage, ihre Erinnerungen sichtbar zu machen. Wir werden sie uns gemeinsam anschauen. Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.“ fügt sie schnell hinzu, als sie sein Gesicht sieht.

„Sie meinen, wir können uns meine Vergangenheit wie ein Video gemeinsam anschauen?“

Zum ersten Mal lächelt sie. „Mehr oder weniger. Es ist nicht ganz das Gleiche. Aber das werden Sie schon sehen. Ruhen Sie sich heute noch aus. Die Mnemographie ist ziemlich anstrengend.“

Und dann ist sie weg, und er wundert sich, dass er nicht mehr gefragt hat, dass all die Fragen, die ihn seit drei Tagen quälen, ungestellt geblieben sind. Er hat nicht einmal ihren Namen erfahren.

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Kapitel 2

„Liebling, hast du irgendwo meine Manschettenknöpfe gesehen?“

„Welche, mein Schatz?“

„Welche wohl! Die, die du mir heute Morgen herausgelegt hast natürlich!“

„Hast du schon auf dem Nachttisch nachgesehen?“

Er hatte auf dem Nachttisch nachgesehen. Und nicht nur dort. Er hatte auch die Schublade durchsucht, hatte jeden Quadratzentimeter des dicken Teppichs abgetastet, hatte sogar im Bett, in der Ritze zwischen den beiden Matratzen und im Bettkasten nachgeschaut, dort, wo das Betttuch eingeschlagen wurde und zwischen Latex und Rost verschwand. Trotzdem kniete er sich noch einmal hin, vorsichtig, um die Bügelfalten seiner Hose nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, und spähte unter das Bett. Aber dort saß nur die Katze. Ihre gelben Augen stachen durch das Dunkle wie zwei beleuchtete Fenster. Sie fauchte, als seine tastende Hand ihr zu nahe kam, miaute anklagend und raste hinaus.

Er setzte sich auf dem Boden, und die Kamera fuhr zurück und zeigte einen nachdenklichen, fast ratlosen Mann, der im spärlich möblierten Schlafzimmer ein wenig verloren wirkte. Aber natürlich war es keine Kamera, und natürlich war es nicht irgendein Mann. Das war ER, das ist er, daran besteht kein Zweifel. Auch wenn er zwischenzeitlich das Gedächtnis verloren hat, sein Gefühl scheint sich völlig sicher zu sein: Dieser Mann im dunkelblauen Anzug, dieser hagere und, wie er findet, durchaus gutaussehende Mann, dessen Schläfen sich grau zu färben beginnen, dieser Mann auf dem Schlafzimmerteppich ist er selbst. Und was er sieht, gefällt ihm, es erleichtert ihn, warum auch immer.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß und in mich hineinhorchte. Vielleicht überlegte ich tatsächlich, wo die Manschettenknöpfe geblieben waren und ging noch einmal im Geiste die Stellen durch, wo sie hätten gelandet sein können. Als ihre Stimme, die Stimme meiner Frau, in meine Gedanken eindrang, schreckte ich auf. Ich sah mich um, sah an mir herunter, als sei ich gerade aus einer tiefen Trance erwacht. Plötzlich meinte ich, die gleiche lächerlich sinnlose Situation schon einmal erlebt zu haben, einmal erlebt zu haben oder hundertmal. Immer wieder würde ich diese verdammten Knöpfe suchen, würde auf dem Boden des Schlafzimmers sitzen, würde die graue Katze hinausschießen sehen oder ihre Orange leuchtenden Augen unter dem Bett.

Wie eine Schallplatte, die immer wieder abgespielt werden würde, glaubte ich, das Geschehen in jeder seiner Verästelungen zu kennen. Und doch, so unmöglich vertraut mir alles erschien, ein Gefühl der Fremdheit mischte sich darunter. Hatte ich diese Situation tatsächlich selbst erlebt? War es nicht nur ein Film, ein zweitklassiger Roman, den ich zu erinnern glaubte?

„Hast du sie gefunden?“ Sie war nebenan im kleinen Bad, das zu unserem gemeinsamen Schlafzimmer gehörte. Trotz der wenigen Meter, die uns trennten, klang ihre Stimme seltsam hohl und entfernt.

„Was?“

„Na was wohl, deine Manschettenknöpfe!“ Jetzt stand sie in der Tür und fingerte an ihrem Gold schimmernden Halstuch herum und versuchte vergeblich die widerspenstigsten Falten zu bändigen. „Was hast du denn mit Frau Schröder angestellt? Sie ist hier vorbeigeschlittert, als seien alle Hunde der Hölle hinter ihr her.“

Frau Schröder? Warum um alles in der Welt hieß eine Katze Frau Schröder?

„Da sind sie doch!“ Mit wenigen Schritten war sie an seinem Nachttisch und nahm die Knöpfe aus der Kristallschale. „Genau da, wo ich sie dir hingelegt habe!“ Sie hielt sie mit spitzen Fingern und ließ sie auf dem Rückweg ins Bad mit einem vielsagenden Lächeln in seinen Schoß fallen. „Manchmal wundere ich mich wirklich, wie blind du bist. Hoffentlich vergisst du nicht mal eine Schere oder sonst ein gefährliches Teil in einem deiner Patienten!“

„Ich bin kein Chirurg!“ Offenbar war ich kein Chirurg.

„Natürlich bist du kein Chirurg! Trotzdem schnipselst du ab und zu an jemanden herum, oder?“

Sie hantierte weiter für mich unsichtbar im Bad. Das Klappern von Glas oder Metall klang zu mir herüber, und ich fragte mich, wie lange sie noch brauchte. „Wie lange brauchst du noch?“

Sie sang: „Ich biiin gleich so weit!“

Die Manschettenknöpfe waren auf den Teppich gefallen, und ich hob sie auf. Sie hatte mir die Verbindungsknöpfe herausgesucht, jenes Geschenk, das ich vor vielen Jahren anlässlich meines Übertritts zu den Alten Herren erhalten hatte. Ich wollte gerade die kleinen Silberplättchen polieren, die darauf angebracht waren, winzige Münzen, die die Insignien meiner akademischen Verbindung zeigten, das vielfach geschwungene T! auf der einen, den Wahlspruch (Carpe diem!) auf der anderen, als ich erstarrte. Es waren unzweifelhaft die richtigen Manschettenknöpfe, der gleiche ultramarinfarbene Überzug, die gleiche helle Marmorierung, die tatsächlich an einen Stein erinnerte, nur war es nicht mehr das Initial meiner Verbindung, das in seiner feinen Gravur erstrahlte, sondern der Kopf eines Mannes, und anstellen des gutgemeinten Mottos, den Tag zu nutzen, war ein Punkt zu sehen, von dem Strahlen ausgingen, die Sonne, ein Stern vielleicht. Auch eine Schrift konnte ich mühsam entziffern. BONA BONIS, MALA MALIS stand

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in grobschlächtigen, römisch anmutenden Buchstaben geschrieben. Mehr als dieser Spruch, über dessen Bedeutung nachzudenken ich keine Muße hatte, beunruhigte mich das Porträt, das im Profil wiedergegebene Gesicht. Ein Gesicht, das ich kannte, ein Gesicht, das ich anders kannte, aber fraglos dasselbe war, ein Gesicht das in Wirklichkeit eine besser proportionierte Nase und eine höhere Stirn hatte, hätte haben müssen, ein Gesicht, das ich mit vollerem Haar erinnerte, weniger aufgedunsen als in dieser seltsamen Karikatur, von der ich nicht wusste, ob sie der Absicht oder der mangelnden Kunstfertigkeit des Graveurs geschuldet war. Und doch, bei allen Unterschieden, den teils lächerlichen, teils grotesken Entstellungen und Überzeichnungen, es stand außer Frage, dass das Plättchen auf dem Manschettenknopf mich zeigte. Es war mein Kopf.

„Na, wie sehe ich aus?“ Therèse - ja, sie hieß Therèse, fiel mir wieder ein -, stand im Zimmer und drehte sich in ihrem silbergrauen Kostüm mit gespielt gelangweilter Miene, als stünde sie auf dem Laufsteg. Erst als sie ihre private Modeschau beendet hatte, schien sie sich wieder meiner zu besinnen. „Du sitzt ja immer noch hier herum! Stimmt irgendwas nicht?“

Ich rappelte mich auf. „Wie? Nein, nein, was soll denn sein?“ Etwas benommen stand ich wieder auf eigenen Füßen und strich mir die Hosenbeine glatt.

„Bist du aufgeregt?“

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was auf mich oder auf uns wartete. Vielleicht waren wir auf dem Weg ins Theater oder in die Oper.

„Kommt ihr jetzt endlich?!“ Es war die Stimme unserer Jüngsten, die die Treppe heraufschallte. „Wir kommen zu späät!“

Wir gingen hinunter, und da standen sie alle Drei, Mäntel und Taschen schon auf dem Arm.

„Das kann unmöglich sein, mein Liebling. Niemand wird ohne Vater anfangen.“ Therèse schien gut gelaunt zu sein.

Es hörte sich nicht nach Theater oder Oper an, und langsam wurde ich tatsächlich nervös.

Die Älteste war mit einem weißen Pullover und einem grauen Rock am unauffälligsten gekleidet. Sie war nicht geschminkt, und hätte auch auf dem Weg zur Uni zu ihrem theologischen Seminar sein können. Die Mittlere hatte ihr neues Kostüm an. Das hatte wohl ein kleines Vermögen gekostet, und ich fragte mich, ob sie als Neunzehnjährige nicht zu viel Taschengeld bekam. Oder hatte sie sich selbst etwas hinzu verdient? Die Jüngste war Vierzehn. Sie hatte einen Schmollmund und machte auf mich einen unpassend frühreifen Eindruck. Alle Drei hatten das blonde Haar der Mutter. Sie bemühten sich sichtlich, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg, ihre unaufdringliche Weltgewandtheit zu kopieren.

In der Garage standen vier Autos: ein Chrysler Geländewagen, ein Jaguar Cabriolet, den roten Fiat Barchetta, den wir Helene, der Ältesten, letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatten, und eine große, dunkelblaue Mercedes-Limousine, auf die ich zielstrebig zusteuerte.

Das Garagentor schwang auf, und der schwere Wagen glitt hinaus in die Nacht. Wir rollten langsam talwärts der Stadt entgegen. Durch schmale Gassen fuhr ich Richtung Autobahn. Die Uhr zeigte halb acht. An diesem Sonntagabend herrschte der übliche nicht allzu dichte Verkehr. Die Mädchen sprachen leise. Ich hatte das Radio eingeschaltet, und irgendein Schlager ließ ihre Stimmen zu einem unverständlichen Gemurmel schrumpfen. Ich sagte nichts. Auch Therèse schwieg.

Die Anspannung hatte sich gelegt. Das Fahren schien mich zu beruhigen, und ich wäre gerne schneller gefahren als jene 140 Stundenkilometer, die in diesem Auto, das einer hermetisch verschlossenen Tauchglocke glich, nicht zu spüren waren, die ich nur nach Tacho, angesichts der Geschwindigkeitsbeschränkung und der Familie an meiner Seite, gewählt hatte, so als säße ich an einer Spielkonsole und steuerte einen blinden Instrumentenflug.

Die Großstadt näherte sich. Hochhäuser wuchsen empor, dunkle Schatten im Streulicht der Lampen. Rot pulsierten Lichter auf Türmen und Masten, warnten die Flugzeuge des nahen Flughafens. Es war kalt, und den vier Kaminen des Großkraftwerks entströmten lange Rauchfahnen, hoben sich ab gegen den mondlosen Himmel, gezogen vom Westwind.

Das Porträt ging mir durch den Kopf, mein Gesicht im Profil wie das eines Cäsars auf einer römischen Münze. Im ersten Augenblick hatte ich an einen Scherz, eine kleine Überraschung gedacht, doch jetzt war ich mir nicht einmal mehr sicher, was ich wirklich gesehen hatte. Nachzuschauen traute ich mich nicht. Es waren nur wenige Minuten, die die Autobahnfahrt dauerte, und je mehr sich die Silhouette der Stadt näherte, desto sicherer wurde ich mir, dass ich das Rätsel entweder jetzt oder nie lösen würde.

„Hast du deinen Vortrag dabei?“ Therèse sah zu mir herüber, und ich erwiderte kurz ihren Blick.

„Was für einen Vortrag?“

„Na, du wirst ja wohl auch ein paar Worte sagen wollen!“

„Mir wird schon was einfallen.“

„Ist wirklich alles in Ordnung?“ In die Sorge in ihrem Blick mischte sich Ratlosigkeit. „Ich dachte, du freust dich ein bisschen ... schließlich passiert das nicht jeden Tag. Es ist vielleicht die größte Stunde in deinem Leben.“ Sie sprach langsam, so als versuche sie sich vorzustellen, wie es ihr selbst in dieser Situation erginge. „Oder ist es das?“

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„Was?“

„Mein Gott! Du kannst manchmal so schwer von Begriff sein! Oder willst du mich nicht verstehen?“

„Ihr wollt doch nicht anfangen zu streiten?“ Unsere Jüngste hatte ihren Pagenkopf durch die Vordersitze nach vorne gestreckt. Sie hatte ihrer Mutter und mir jeweils eine Hand auf die Schulter gelegt und lachte. „Dass sich Erwachsene nie normal unterhalten können!“

Ich gab mir einen Ruck. „Judith hat recht. Es ist ein viel zu schöner Tag, um zu streiten.“ Betont fröhlich fügte ich hinzu: „Kinder, ich glaube, wir sind gleich da!“

Die Autobahn war zu Ende. Eine breite Allee nahm uns auf. Wenige Ampeln, und wir hatten die Universität erreicht.

Die Aula war gut gefüllt. Ein vielstimmiges Brausen hing in der Luft und verdichtete sich zu einem Rauschen, einem stetigen Hintergrundgeräusch, das schon nach wenigen Sekunden nicht mehr zu Bewusstsein drang, als hätte es aufgehört zu existieren. Während ich durch die Stehenden hindurchging, wandten sich mir die Gesichter zu, Köpfe nickten, warfen anderen Köpfen Blicke zu, als wollten sie sagen: Das ist er! Hände streckten sich mir entgegen, die ich drückte. Ich wechselte mit dem einen oder anderen ein paar Worte, Begrüßungen, Versicherungen gegenseitigen Wohlwollens, artige Höflichkeiten. Eine Prozedur, bei der ich mich fragte, woher ich sie so zwanglos beherrschte. Die meisten beglückwünschten mich zu irgendwas, gratulierten mir, als habe ich eine besondere Leistung vollbracht. Obwohl uns jemand den Weg bahnte, ging es nur langsam voran.

Je länger dieses Umlagertsein andauerte, um so mehr fühlte ich, wie es mir gefiel. Man suchte meine Nähe wie bei einer berühmten Persönlichkeit, so als könne mein Glanz auch auf jene abfärben, die mich am Ärmel zogen oder mir vertraulich die Hand auf die Schulter legten. Auch der vereinzelte Neid, den ich in manch einer abschätzigen Miene zu erkennen glaubte, stimmte mich heiter. Ich hatte die Macht, diese wenigen Abtrünnigen mit einem kurzen Blick in die Schranken zu weisen. Ich brauchte ihnen nur freundlich zuzunicken, um ihren Ausdruck umzustülpen, um sie zu einem Lächeln zu zwingen, einer zwar nur symbolischen Unterwerfung, aber die sollte mir an diesem Abend genügen.

So war meine anfängliche Nervosität nach und nach einer freudigen Erregung gewichen, und ich fragte mich, wie lange ich diese Euphorie, die mich immer mehr erfüllte, vermisst hatte. Therèse hatte recht gehabt. Es war eine große Stunde, vielleicht die größte überhaupt.

Ich hatte schon eine ganze Weile in dieser Menschentraube gestanden, ältere und würdige Männer um mich herum (einige waren mir vorgestellt worden, andere kannte ich offenbar), als das glitzernde Licht der Kronleuchter gedämpft wurde. Nur noch die Bühne erstrahlte im Glanz der Scheinwerfer. Das Gemurmel ebbte ab, und die Ansammlung um mich herum zerstreute sich. Jeder strebte seinem Platz zu, und auch ich wandte mich um, um den freien Stuhl neben meiner Frau zu erreichen. Es war ein rotbezogener, verschnörkelter Stuhl aus irgendeiner bekannten historischen Epoche, es war das einzige Stück Rot, das in der ersten Reihe zwischen dem Grau und Blau und Braun heraus stach, eine Bresche in diese vorderste Front der Honoratioren geschlagen hatte, klaffte wie eine offene Wunde. Zur Linken saß der Rektor der Universität, zur Rechten Therèse. Und während sich die Stille herabsenkte, die Letzten im Saal Platz genommen hatten, legte ich diese restlichen fünf Meter zurück, schritt sie im Bewusstsein der Blicke ab, die auf mich, auf meinen Rücken und Nacken geheftet waren. Während sie darauf warteten, dass auch ich mich setzte, spürte ich ihre Aufmerksamkeit fast körperlich, kostete sie aus und wünschte, ich könnte diesen Moment ausdehnen in alle Ewigkeit.

Vier Streicher betraten die Bühne, zogen einen konzentrischen Kreis Licht auf sich und begannen zu spielen. Zwischen Rednerpult und Musikern hatte man ein großes Blumenarrangement aufgebaut. Ansonsten war die Bühne leer. Therèse hatte meine Hand genommen. Ich spürte, wie sie tief und ruhig atmete. Ich wagte nicht, die Ärmel meines Jacketts ein Stück hochzuziehen, um einen verstohlenen Blick auf die Manschettenknöpfe zu werfen.

Der höfliche Applaus war noch nicht verklungen, da sprang ein jüngerer Mann in einem sportlichen, schwarzen Leinenanzug die drei Stufen zur Bühne hinauf. Mit seinem klobigen Mikrophon erinnerte er an einen Losverkäufer auf dem Jahrmarkt. Ich erkannte ihn sofort. Es war Robert Wesselmann, mein ehemaliger Mitarbeiter und langjähriger Assistent. Vor einigen Jahren hatte er einen Ruf nach München erhalten und angenommen. Seitdem hatte ich ihn kaum gesehen, nicht mehr als ein paar Mal auf einer Tagung oder den jährlichen Treffen der Deutschen Gesellschaft.

Er ging zum vorderen Bühnenrand. Sein erster Blick galt mir. Strahlend verzog er das Gesicht, kniff dabei die Augen zusammen und nickte ein paar Mal heftig wie jemand, der restlos begeistert ist. Dann straffte er sich, ließ immer noch lächelnd seinen Blick langsam durch das weite Halbrund der Aula wandern und führte das Mikrophon zum Mund.

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„Eure Magnifizenz, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, meine sehr verehrten Damen und Herren.“ Schon nach diesen wenigen Worten schien er außer Atem. Vielleicht wollte er auch nur die schwergewichtigen Anreden auf seine Zuhörer wirken lassen. „Es ist mir eine besondere Ehre und zugleich Freude, die Rolle zu übernehmen, die an mich herangetragen wurde. Gerne würde ich durch diesen Abend geleiten, sagte ich spontan zu, als ich vor einigen Monaten gefragt wurde. Gerne würde ich etwas von dem zurückgeben, was dieser Mann, um dessentwillen wir uns heute hier versammelt haben, für mich getan hat. Ich spreche, wie Sie alle wissen, von meinem akademischen Lehrer und Freund Martin Dorint.“

Er fuhr in diesem etwas umständlichen Stil fort, und ich lehnte mich zurück, zufrieden mit mir und der Welt. Je länger er sprach, und nach ihm der Rektor, dann unser Landesvater und der allseits geschätzte Oberbürgermeister, umso wohler fühlte ich mich. Selbst meine Manschettenknöpfe gerieten in Vergessenheit.

Nach einem weiteren musikalischen Intermezzo erhob sich Professor Steinbrecher, die graue Eminenz der deutschen Medizin, um die Laudatio zu sprechen. Auch mit seiner Emeritierung hatte er nur wenig seines Einflusses verloren. Falls überhaupt möglich, wurde es im Saal noch stiller. Zum ersten Mal kam so etwas wie Spannung auf. Bisher hatten die berufsmäßigen Redenschreiber das Heft geführt, jetzt würde sich entscheiden, ob es bei unverbindlichen Artigkeiten blieb oder ich tatsächlich hinauf auf den Olymp gehoben werden würde. Auch ich war angespannt, mein Magen meldete sich mit einem leichten Stechen.

Seine Stimme klang brüchig. Der Verstärker war hochgedreht worden, und ein Rauschen mischte sich in die kratzenden Laute, die aus den Lautsprechern drangen. Er hatte nur wenige Bögen Papier vor sich liegen. Die beiläufige Art, mit der er das Mikrofon zu sich heruntergezogen hatte, die ganze Leichtigkeit seiner Haltung, die ihn mit dem Rednerpult verwachsen ließ, kaum hatte er sich dahinter aufgebaut, die kleinen und konzentrierten Bewegungen seiner Hände, wenn er etwas zurechtrückte oder eine Seite umblätterte, all die untrüglichen Hinweise auf seine zigjährige Routine, auf die unzähligen Vorlesungen, Vorträge und Ansprachen, flößten Respekt und Ehrfurcht ein. Trotz seines eher unauffälligen Äußeren, war Steinbrecher jemand, der die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer allein durch seinen Auftritt zu fesseln verstand. Wenn Alter und Weisheit untrennbar miteinander verbunden waren, dann bei ihm.

„Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein noch junger Mann,“ Professor Steinbrecher unterbrach sich kurz und lächelte, „im Vergleich zu mir sind natürlich alle Männer mehr oder weniger jung“, pflichtschuldig erklang vereinzelt verhaltenes Lachen, „ein junger Mann also im Alter von kaum fünfzig Jahren auf diese Art und Weise geehrt wird. Der Humboldt-Preis ist die bedeutendste wissenschaftliche Auszeichnung, die dieses Land zu vergeben hat. Und ich bin sehr froh, und das sage ich aus ganzen Herzen, dass ich heute hier stehen und die Laudatio für meinen Schüler Martin Dorint halten darf.“ Erleichtert atmete ich aus. Therèse drückte meine Hand.

Es sah gut aus. Wir waren in die richtige Richtung gestartet, und ich brauchte nur darauf zu warten, dass er an Höhe gewann. „Wenn der ehemals jüngste Chefarzt an einer deutschen Universitätsklinik eine solche Auszeichnung erhält, dann kann das natürlich keine Überraschung sein. Und doch, ich erinnere mich noch deutlich an den Studenten Dorint, der vor nunmehr fast dreißig Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatte, bei mir Anatomie zu studieren.“ Er schmunzelte. „Damals jedenfalls sah es nicht so aus, er könne es weiter bringen als zu einem mittelmäßigen Arzt.“ Diese scherzhafte Bemerkung nutzte er geschickt, um zu einem zu trocken geratenen Abriss meines wissenschaftlichen Werdegangs überzugehen. Er zählte meine verschiedenen Anstellungen auf, beschrieb Forschungsprojekte, würdigte Publikationen, stellte die Bedeutung des Handbuchs für angewandte Gehirnforschung heraus und ließ eine lange Liste mit verschiedenen Ämtern folgen, die ich im In- und Ausland bekleidete.

Er sprach bereits eine gute Viertelstunde, und ich begann zu fürchten, die Anwesenden könnten die Lust verlieren, seiner Schilderung meiner beeindruckenden Leistungen zu folgen, als er erneut Geschwindigkeit aufnahm: „Wenn wir uns heute zu diesem Festakt anlässlich der Verleihung des Humboldt-Preises versammelt haben, dann geht es uns nicht nur darum, diese einzigartige wissenschaftliche Leistung zu rühmen. Es geht uns nicht nur darum, die Festschrift zum Fünfzigsten Geburtstag von Professor Dorint der Öffentlichkeit vorzustellen. Nein, es geht uns um mehr, es geht uns um den ganzen Menschen, es geht uns um Martin Dorint.“ Er trank mit spitzen Lippen einen winzigen Schluck Wasser. Seine Worte hatten mich bewegt. Im Gesicht meinte ich sogar, die Wärme einer leichten Röte zu verspüren, so als beschäme mich solch überwältigendes Lob, oder es sei mir peinlich, auf diese Weise im Mittelpunkt zu stehen. Vielleicht war es nur die Erregung, die meine Gefäße geweitet hatte. „Wir wollen nicht vergessen, dass es nicht nur den Arzt und Wissenschaftler Dorint gibt. Es gibt, wie der sehr verehrte Herr Oberbürgermeister bereits ausgeführt hat, den politischen Menschen Dorint, der im Gemeinderat dieser Stadt sitzt. Es gibt den sozial engagierten Menschen Dorint, der sich in Verbänden und Organisationen mit großem persönlichen Einsatz um die Verringerung des Elends in dieser Welt verdient gemacht hat. Und, last but not least, es gibt den Familienvater Dorint, der es verstanden hat, Karriere und Familie auf das Vortrefflichste zu verbinden. Das mag altmodisch klingen, aber gerade in einer Zeit, in der Leistung oft genug zum Selbstzweck verkommt, dürfen wir uns glücklich schätzen, ein solches Vorbild zu haben, jemanden, der uns und der Jugend beweist, dass es nicht nur ein Entweder-oder, sondern auch ein Sowohl-als-auch gibt.“

Was er sagte, klang gut, ja, auf irgend eine seltsame Weise war es genau das, was ich, wenn nicht gerade erwartet, so doch gehofft, mir in meinen kühneren Träumen ausgemalt hatte, so als träte endlich ein, worauf ich jahrelang, das ganze Leben vielleicht hingearbeitet hatte.

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Aber es war nicht nur die überfällige Anerkennung und Bestätigung, die mit zuteilwurde, die ich empfing wie ein heiliges Sakrament, dessen mystische Bedeutung ich nur ansatzweise verstand, es war mehr: So hätte ich selbst gesprochen oder sprechen lassen, wenn ich die Rede hätte schreiben dürfen. Es gab nichts, was ich an ihr auszusetzen gehabt hätte, keine versteckte Kritik, keine Anspielung, die einen bitteren Beigeschmack in die Süße seiner und seiner Vorredner Worte eingestreut hätte einem hinterhältigen Widerhaken gleich, der seine Wirkung nach Sekunden oder Minuten erst entfaltete und um so tiefer enttäuschte, je höher man zuvor emporgehoben worden war. Jede Nuance stimmte. Jede Gewichtung.

„Und doch ist der Humboldt-Preis keine schlichte Anerkennung für bereits Geleistetes, so beeindruckend diese Leistung auch sein mag. Er ist mehr.“ Erwin Steinbrecher hatte weitergeredet, und ich fragte mich, ob ich etwas Wesentliches verpasst hatte. Da aber sämtliche Reden im Vorspann der Festschrift erscheinen würden, hatte ich genug Gelegenheit, sie mir noch einmal in Ruhe und mit Genuss zu Gemüte zu führen. „Der nicht unerhebliche Geldanteil des Preises zeugt auch vom Vertrauen, das die Auswahlkommission in die zukünftige Arbeit des damit Ausgezeichneten setzt. So ist der Preis auch und vor allem ein Vermächtnis, weiterzumachen.“ Er sah mir ernst und, wie mir schien, forschend in die Augen. „Wir alle versprechen uns, lieber Professor Dorint, sehr viel von Ihnen und Ihrer Arbeit.“ Applaus, diesmal lauter und anhaltender, brandete auf. Der grauhaarige Professor ließ sie eine Weile gewähren. Dann nahm er den Schlussbogen und setzte zur Landung an. Er betonte erneut, wie sehr es ihn freue, sprach zum wiederholten Mal seine besten Wünsche aus und kam schließlich zum Bühnenrand, um mich mit einer einladenden Geste nach oben zu bitten.

Mit klopfendem Herzen und wackligen Beinen stieg ich hinauf. Herzlich schüttelte er mir die Hand, fasste mich mit der Linken sogar am Arm. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte mich tatsächlich umarmt. Er murmelte einige Worte, die im wieder erstarkten Beifall untergingen, und schob mich dann unauffällig, aber bestimmt zum Rednerpult.

Dort stand ich dann, erleichtert, dass das laute Klatschen mir eine kurze Atempause verschaffte. Ich musste eine Rede halten, eine Ansprache, mich zumindest bedanken und ein paar mehr oder minder geistreiche Worte von mir geben. Mein Mund war trocken, und jetzt wäre ich dankbar gewesen, hätte ich, wie Therèse angenommen hatte, tatsächlich ein paar Stichworte auf einem Zettel notiert.

Ich wartete. Vornüber gebeugt umfasste ich das fest installierte Mikrophon. Fast stützte ich mich darauf. Vielleicht hätte ich eine Hand heben, ein Zeichen geben sollen, dass ich zu sprechen gedachte, hätte mein Auditorium aus der Beifallsbekundung befreien müssen, in die es sich, wenn auch freiwillig oder fast, verfangen hatte, so als sei jedes Ende notwendigerweise abrupt und somit Ausdruck mangelnder Ehrerbietung, schlicht unhöflich.

Doch ich tat nichts dergleichen. Ich wartete einfach, dass wieder Ruhe einkehrte, und während ich wartete, wanderte mein Blick über die Gesichter der teils Stehenden, teils Sitzenden. Ich versuchte, mir jene ins Gedächtnis zu rufen, die mich bei der Ankunft begrüßt hatten: Kollegen und Mitarbeiter der Klinik, den einen oder anderen aus dem Dunstkreis von Rektorat und Dekanat, den Ewigen Oberbürgermeisterkandidaten meiner Partei und mehrere Fraktionskollegen, den stellvertretenden Landesvorsitzenden, zwei oder drei prominente Patienten, eine Dame vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, verschiedene Geschäftsfreunde, meist Rechtsanwälte, Unternehmer, ein Makler, und einige mehr private Freunde. Auch ein paar Wissenschaftskollegen waren angereist. Keine Verwandten. Meine Eltern waren seit Jahren tot, und mein jüngerer Bruder Frederic - Friedrich war ihm zu altmodisch erschienen, und so hatte er schon vor Jahren seinen Namen kurzerhand geändert - lebte in Hamburg.

Sie klatschten noch immer, wenn auch mit nachlassendem Eifer, und ich fragte mich, wie lange ich dort oben schon stand, unbeweglich, ein nichtssagendes Lächeln auf den Lippen, wie jemand der eine Truppenparade abnimmt. Tatsächlich genoss ich meinen Applaus. Ich kostete ihn aus, wie selten etwas zuvor, und es bereitete mir eine dunkle Freude, ihn zu verlängern, meine frisch errungene Macht dazu zu benutzen, sie weiterklatschen zu lassen, Minute um Minute oder für immer.

Und doch wurde es irgendwann ruhig. Sie setzten sich wieder hin, ließen die Hände in den Schoß sinken, vertauschten ihre wohlwollenden Mienen mit aufmerksam auf mich gerichteten Gesichtern und warteten jetzt ihrerseits. Wir hatten die Rollen getauscht. Jetzt waren sie es, die etwas verlangten und es gab nichts, was mich hätte entheben können, es ihnen zu geben. Das glaubte ich zumindest in diesem Augenblick.

Wieder verstrichen einige Sekunden. Ich räusperte mich, beugte mich nach vorne zum Mikrophon. „Eure Magnifizenz, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, liebe Freunde und Kollegen, sehr verehrte Damen und Herren.“ Noch hatte ich keinen blassen Schimmer, wie ich fortfahren würde. Vielleicht hatte ich mir etwas zurechtgelegt, vielleicht vertraute ich darauf, die richtigen Worte auch so zu finden, sie kaum gedacht, ohne weitere Nachprüfung, ohne übergreifenden Plan sofort aussprechen zu können.

Doch so weit kam es nicht. Vom äußersten Ende der ersten Reihe hatte sich eine Frau erhoben. Sie trug ein Kopftuch und eine dunkle Brille. Sie kam auf mich zu. Ich hatte mich in ihre Richtung gedreht und war erstarrt, als lauschte ich einem fremdartigen Ton nach. Langsam näherte sie sich, und ich folgte ihren Bewegungen, gebannt, als gebe es nichts Wichtigeres, als gebe es nicht die Rede, die ich gerade hielt oder zu halten gedachte, keinen Preis, keine Millionen, nichts anderes, außer sie und mich.

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Auch mein Publikum schien sie jetzt zu bemerken, und ich spürte, wie die Erwartungen, die bis zu diesem Augenblick ganz auf mich gerichtet gewesen waren, sich auf sie verlagerten, ihr folgten wie ihre Blicke. Sie ging nicht vorbei und kam auch nicht hoch auf die Bühne. Sie blieb zwei Schritte vom Rednerpult entfernt stehen. Sie stand unten auf halbem Wege zwischen mir und dem Rektor, meiner Frau, dem leeren roten Stuhl, auf dem ich bis vor wenigen Minuten gesessen hatte. Dann zog sie etwas Schwarzes aus ihrer halb geöffneten Handtasche und richtete es auf mich. Als ich es erkannte, nach einer Zeitspanne, die mir unmöglich lange vorkam, schwoll gleichzeitig der Geräuschpegel in der Aula an. Es wurde geschrien, gerufen, einzelne Laute oder Worte, die zwar an mein Ohr drangen, deren Sinn mir aber verborgen blieb. Sonst tat sich nichts. Niemand überwältigte sie, keine Bodyguards warfen mich zu Boden oder sich zwischen uns. Vielleicht war auch nicht genug Zeit vergangen, vielleicht hatten die Bruchteile dieser Sekunde nur gereicht, um etwas zu denken, um gerade noch den Mund zu öffnen. Auch ich hatte mich keinen Millimeter bewegt. Und wahrscheinlich hätte sie mich mitten im Gesicht getroffen, wenn sie nicht noch etwas gesagt hätte. Sie schrie es mir entgegen mit einer schrillen, hasserfüllten Stimme, und ich hatte Zeit, mich halb umzudrehen, vielleicht in der Absicht zu fliehen oder mich hinter Pult oder Blumen zu verschanzen oder mich einfach fallen zu lassen. Im allgemeinen Tumult verstand ich nur: „Du ... größte ...!“. Auch die Schüsse hörte ich nicht. Ich spürte nur einen Schlag, heftig wie ein Stoß, der mich zu Boden warf. Noch während ich fiel, wurde es dunkel.

 

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Kapitel 3

Der Bildschirm ist dunkel geworden, erloschen wie nach einem Kurzschluss.

Eine ganze Zeit passiert nichts. Es ist still. Nur sein heftiges Schnaufen ist zu hören, so als sei er gerade herein gerannt gekommen und habe sich aufs Bett geworfen. Sie sitzt auf einem Stuhl neben ihm und schaut auf ihre Fußspitzen.

„Haben Sie verstanden, was diese Frau geschrien hat?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Du bist der Größte, oder so ähnlich.“ Er setzt sich auf und legt sich das Kopfkissen im Rücken zurecht. „Aber warum dieser Hass?“ Schließlich hatte sie ihn erschossen oder fast.

Nachdenklich geht seine Hand zum Kopf. Er streicht mit den Fingern über sein Ohr, fährt nach hinten durch die Haare hindurch zum Nacken, erforscht mit kreisenden Bewegungen die Unebenheiten, die unter seiner Kopfhaut hervortreten, unsicher, ob er sie schon kennt, ob er sie schon kennen müsste, könnte er sich erinnern. Und doch gibt es weder Wülste von Narben noch Krusten noch spürbare Nähte. Dann starrt er auf seine Finger, als müsse er nur konzentriert genug hinsehen, um das Blut sichtbar zu machen in seinem dunklen Rot, reibt sie aneinander, um es zu verteilen, um sich seiner klebrigen Feuchte zu vergewissern. Aber es ist nur Schweiß, leichter und flüchtiger als jenes andere Nass.

Es wäre ihm wohler gewesen, hätte er einen dicken Verband um den Kopf gehabt oder einen kahl rasierten Schädel, eine Stahlplatte anstelle des Knochens, irgendein sichtbares Zeichen seiner Verletzungen. Vielleicht hatte die Kugel (vielleicht war es nur eine Kugel gewesen) nicht zu tief in seinem Kopf gesteckt, gerade tief genug, um ein kleines Stück Gehirn zu zerstören, um nur wenige Milliarden Nervenbahnen zu durchtrennen, um eine Schneise in seine Erinnerungen zu schneiden, so wie man eine Schneise schlägt, um zu verhindern, dass ein Waldbrand sich ausbreitet, eine Schneise, die seine Gedanken zurückhält, wenn sie hinüber springen wollen in sein Bewusstsein. Vielleicht hatte die Kugel (vielleicht hatte sie nur einmal geschossen oder sie hatte schlecht gezielt) seinen Kopf einfach durchschlagen (war das möglich?), war wieder ausgetreten, einen langen blutigen Kanal hinter sich her ziehend, einen Kanal, der sich schnell mit Blut gefüllt hatte. Als Gehirnspezialist müsse er eigentlich wissen, wo genau die Verletzung zu lokalisieren sei, die für seine Ausfälle verantwortlich ist, denkt er. Begriffe wie Scheitellappen, Projektionsfelder, fallen ihm ein, Kerne, afferente Bahnen. Er weiß nur, dass eine Verletzung am Hinterkopf vermutlich schwerere Auswirkungen gehabt hätte als ein Gedächtnisverlust, ein partieller zumal, denn offenbar fiel es ihm zumindest in der Mnemographie verhältnismäßig leicht, auf seine Erinnerungen zuzugreifen. Er hätte vielleicht Sehstörungen gehabt oder Lähmungen, jedenfalls zentralere Ausfälle als diese Amnesie.

Einen Augenblick lang denkt er sogar, er sei gar nicht davongekommen. Sie hatte geschossen aus nächster Nähe, eine schwere, großkalibrige Waffe, und es gibt keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, er sei nicht durchsiebt worden, die Kugeln hätten seinen Kopf nicht gesprengt, hätten sein Gehirn nicht auf das polierte Holz der Bühne spritzen lassen. Dann ist er tot. Dann ist die Frau an seiner Seite vielleicht ein Engel oder Gott, die Göttin, oder nur eine Türwächterin, die die Aufnahmeformalitäten erledigt, oder jemand, der ihn auf die große Abrechnung vorbereitet, das Jüngste Gericht.

Er blickt auf, sieht sich um, schaut sie an. „Sie hatten recht.“ Er lächelt matt. „Es ist wirklich anstrengend.“

Auch sie wirkt müde. In der Hand hält sie noch den Stift, mit dem sie sich Notizen gemacht hat. Im Profil ähnelt sie Therèse, fällt ihm auf, einer jüngeren Therèse zwar, jener, die er einige Jahre nach seiner Approbation geheiratet hat, aber die Ähnlichkeit in unverkennbar: Brauen, Wimpern, das Graublau der Augen, der ganze ruhige, fast traurige Ernst ihres Mundes, die Selbstsicherheit, die sie ausstrahlt, als könne es keinen Zweifel geben, dass sie sie ist und dass es gut ist, wie sie ist. Das war ansteckend gewesen, und das ist es vielleicht auch heute noch. Merkwürdig, dass ihm diese Ähnlichkeit nicht gleich aufgefallen ist.

„Wie heißen Sie?“

Jetzt sieht sie auf, und ihr Gesicht verwandelt sich, entspannt sich, als lasse sie von einem sperrigen Gedanken ab, einem, an dem sie sich einige Zeit erfolglos abgemüht hat.

„Jung. Nennen Sie mich Christina, wenn Sie wollen.“

Er lässt diesen Namen auf sich einwirken, als brauche er Zeit, um dessen Echtheit zu überprüfen. Schließlich nickt er. „Gut. Christina.“ Er lacht kurz auf. „Angenehm, ich heiße Dorint, Martin Dorint.“ Noch einmal muss er kichern. „Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich vor zwei Stunden noch keine Ahnung hatte, wer ich bin.“

„Ja, Sie machen Fortschritte.“

Fortschritte. Ja. Er erinnert sich an einiges wieder. Allerdings hat er noch keine Vorstellung, ob es viel oder wenig ist, was er an Wissen über sich und sein Leben zurückerhalten hat. Es gibt Lücken, viele Lücken, deren Größe er nicht abschätzen, von denen er nicht sagen kann, wie viel fehlt.

Sie schlägt ihre Kladde zu, und plötzlich fürchtet er, sie könne gehen und ihn allein zurücklassen.

„Wissen Sie, als der...“, er sucht nach Worten, „als der Film zu Ende war... Es ist nur ein paar Minuten her, da dachte ich, ich sei tot.“

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„Ja, das stimmt, Sie hätten tot sein können.“

„Nein, ich meine, dass ich tot bin.“ Hilflos hebt er eine Hand, betrachtet sie nachdenklich. „Dass ich in Wirklichkeit tot bin.“

„Tot?“

„Ja, tot, ermordet, Sie haben es selbst gesehen.“ Seine Hand geht zum Brustkorb, und er lässt sie dort liegen, halb geöffnet, als könne er das lautlose Pochen seines Herzens darin sammeln.

Sie scheint über diesen Gedanken erstaunt. Vielleicht hält sie mich für verrückt, geht ihm durch den Kopf, oder für ernsthafter verletzt.

„Und ich bin Petrus?“ Ihre Stimme soll scherzhaft klingen. „Nein, sie sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie leben.“

„Es kommt mir nur sehr unwahrscheinlich vor, dass ich überlebt haben soll.“

„Sie haben sehr viel Glück gehabt.“ Sie ist aufgestanden. „Es tut mir leid, ich muss gehen.“ Sie zögert. „Wollen wir morgen weitermachen. Ich meine, fühlen Sie sich dazu in der Lage?“ Er nickt. Lieber jeden Tag zehn Stunden Mnemographie, als allein in diesem Zimmer auf den leeren Bildschirm zu starren. „Gut, dann sehen wir uns nach dem Frühstück. Und noch was“, sie dreht sich ein letztes Mal um, „stellen Sie nichts an! Schonen Sie sich!“ Er lächelt müde.

 

Er muss in einen tiefen und traumlosen Schlaf gefallen sein, denn es ist das Pling! des Mittagessens, das er als nächstes bewusst wahrnimmt. Obwohl kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen sein kann, fühlt er sich frisch und erholt.

Hungrig holt er das Tablett aus dem Aufzug. Es gibt Fleisch, ein Stück Braten, das in einer dunklen Soße schwimmt, Kartoffelpüree, einen kleinen gemischten Salat, dazu eine Suppe, Gemüsesuppe dem Anschein nach, und Joghurt oder Quark mit Früchten. Er hat hastig gegessen und ist schon beim Nachtisch, als ihm etwas auffällt. Das Essen ist stets reichhaltig und abwechslungsreich, schön garniert und sorgfältig angerichtet, und doch steht dieses vielversprechende Äußere in einem seltsamen Gegensatz zu seinem Geschmack. Nicht, dass es schlecht schmeckt, es ist eher fad, vielleicht wenig gewürzt, es schmeckt nach wenig, streng genommen schmeckt es nach nichts. Er versucht, sich an die Mahlzeiten der letzten Tage zu erinnern, schließt dann die Augen und kaut auf der Kirsche, die er gerade im Mund hat. Tatsächlich scheint sie nach Kirsche zu schmecken, eine schwache süß-säuerliche Note, die dem Fruchtfleisch entströmt, wenn er es mit den Zähnen zerteilt.

Oder schmeckt er die Kirsche, weil er weiß, dass es eine Kirsche ist, weil er weiß, wie eine Kirsche zu schmecken hat? Er wiederholt die Prozedur mit einer Weintraube. Auch hier wieder die Süße, dann die unaufdringliche Säure. Ähnlich im Geschmack und doch eindeutig Traube, denkt er. Aber auch dieser Versuch erscheint ihm wenig gültig. Ich müsste die Früchte blind kosten, meint er, erkannt zu haben, und vorher in gleich große, unauffällige Stücke schneiden. Aber blieb da nicht immer noch die Konsistenz der verschiedenen Obstsorten als untrüglicher Hinweis? Schließlich kratzt er die Essensreste aus den verschiedenen Vertiefungen des Plastiktabletts zusammen und stochert unentschlossen in dem unansehnlichen Haufen. Dann schließt er erneut die Augen und stopft sich wahllos einige Gabeln dieser Mischung in den Mund. Wie verdammte Astronautennahrung, denkt er.

Schließlich legt er sich wieder aufs Bett und wartet auf die nächste Abwechslung in seinem Leben, auf die Putzfrau. Doch sie kommt nicht, und er schläft ein, oder sie kommt, während er schläft, oder sie kommt nicht jeden Tag, vielleicht nur vier Mal die Woche, oder sie kommt am Wochenende nicht, denn es könnte auch Samstag sein oder Sonntag oder Feiertag. Dann gibt es Abendessen.

Erst danach, erst als es Nacht wird, als das Licht nachlässt im künstlichen Rhythmus des Tages, wagt er es, sich eingehender mit dem zu beschäftigen, was er am Morgen erlebt, was er am Morgen gesehen hat. Diese erste Begegnung mit seinem wirklichen Ich hat einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen.

Da ist zunächst einmal diese Erleichterung, die er bereits beim Betrachten des Films (ein Wort, das den richtigen Sachverhalt zwar verfehlt, das er aber nicht durch ein besseres zu ersetzen weiß) verspürt hat. Fast hatte er Angst gehabt, er könnte anders sein, als er gern gewesen wäre, es könnte etwas zutage treten, mit dem er sich nur schwer hätte abfinden können, ganz so, als fürchte er, er sei ein Kinderschänder, ein Massenmörder oder, noch schlimmer, ein armer Schlucker, eine gescheiterte Existenz, ein Versager. Lieber hätte er für den Rest seines Lebens mit seinem Gedächtnisverlust gelebt, als sich so zu ertragen. In einer ähnlichen Lage stellt er sich ein Adoptivkind vor, das sich erst als Erwachsener auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern macht. Sicher, man will herausfinden, woher man kommt, und doch, es bleibt diese tief sitzende Angst, enttäuscht zu werden. Und es ist nicht nur Erleichterung, die er empfindet, er ist zufrieden mit sich, sehr zufrieden, ist geradezu stolz, auf das, was er gesehen hat. Emporgehoben auf dem Olymp scheint er am Ziel all seiner Träume zu sein: eine hochangesehene Persönlichkeit, ein verantwortungsbewusster Arzt und ein guter, ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneter Wissenschaftler. Er hat eine intelligente und schöne Frau, drei reizende, wohlgeratene Töchter, natürlich auch Geld - und Macht. Er hat alles, was man sich wünschen kann.

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Alles hätte einfach sein können, er auf dem Weg der Besserung, noch wenige Sitzungen, in denen er die Lücken in seinem Kopf gefüllt hätte ohne Mühe, wenn... Ja, wenn diese Schüsse nicht gewesen wären, diese unhörbaren Schüsse, die ihn niedergeworfen hatten, als wäre er umgestoßen worden, wenn diese Frau nicht gewesen wäre mit ihrem Kopftuch und der dunklen Brille, mit ihrer sich überschlagenden, hasserfüllten Stimme. Was nur hatte sie geschrien? In einem ersten Moment hatte er sogar die Möglichkeit in Betracht gezogen, Opfer einer Verrückten geworden zu sein. Wurden nicht Politiker, Sportler, prominente Personen aller Art immer wieder die Zielscheibe von geistig Verwirrten, so als genügte es, im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stehen, als genügte es, Erfolg zu haben, um gehasst zu werden. War es nicht der millionenfache Neid der gewöhnlichen Menschen, der hier durchbrach, der sich ein Werkzeug in Gestalt eines Kranken suchte, eines Unzurechnungsfähigen, jemand, der diesen kollektiven Hass auszuleben wagte? Und musste ein berühmter Neurologe und Psychiater nicht ein geradezu prädestiniertes Opfer einer solchen Rache sein? Gerne war er bereit, das zu glauben. Und doch, ein Gefühl tief in ihm widersetzte sich dieser einfachen und, trotz des gewalttätigen Geschehens, beruhigenden Sicht der Dinge. Vielleicht wäre er darüber hinweggegangen, hätte diese nächstliegende Wahrheit schon deswegen als Erklärung akzeptiert, weil sie am wenigsten änderte, weil sie mit wenigen Kunstgriffen in sein Selbstbild eingefügt werden konnte wie ein neues Möbelstück in einer gut eingerichteten Wohnung. Aber da gab es noch diese Manschettenknöpfe. Sie waren der offensichtlichste Hinweis, dass etwas nicht stimmte.

Im Zimmer ist es noch dunkler geworden. Durch die geschlossenen Lider sickert ein wenig Licht, und er meint, Schemen zu erkennen, sich bewegende Schatten.

Müde reibt er sich die Augen. Jemand hat versucht, ihn umzubringen. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei. Auch wenn er den Anschlag offenbar überlebt hat - es spricht vieles dafür, dass er tatsächlich nicht tot ist -, muss er herausfinden, wie es dazu kommen konnte. Er muss die Vorgeschichte erfahren, die ganze Geschichte. Bisher kennt er nur ihr Ende. Zweifellos weiß er mehr. Vielleicht weiß er nicht alles, was zu dieser Abrechnung in der Aula der Universität geführt hat. Und doch spürt er, dass der Schlüssel zu seiner Heilung, zur Wiederaneignung seines verlorenen Ichs, in diesem Attentat zu suchen ist. Er wird einen Mordanschlag aufklären müssen, einen Mordanschlag auf sich selbst. Seine Assistentin wird eine schweigsame Ärztin sein und sein einziges Material Videoaufzeichnungen dubioser Herkunft. Er seufzt und lässt los, lässt den Schlaf herein wie einen wartenden Gast. Vielleicht träumt er.

 

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Kapitel 4

Ich hörte Musik. Es war eine laute Musik, die in mich eindrang und alles andere auslöschte. Sie war gerade so laut, dass sie nicht weh tat, dass sie mich ausfüllte bis in den letzten Winkel, eine Stimme, die ohne Umwege von meinem Ohr ins Rückenmark hinab stieg, meinen Körper in Wellen hinunterlief durch meine Brust hindurch in meine Eingeweide, in meinen Unterleib. Neben ihr gab es keinen Platz für Gedanken. Ohne Widerrede zu dulden, ergriff sie von mir Besitz, und ich gab mich ihr hin, ließ sie gewähren wie eine strenge Alleinherrscherin für drei Minuten und sieben Sekunden.

In diesen drei Minuten und sieben Sekunden legte ich dreizehn Kilometer zurück. Manchmal mehr. Manchmal kam ich auf vierzehn. Dann lupfte ich kurz den rechten Fuß, drehte an der Fernbedienung des CD-Spielers, um das Gaspedal erneut ganz durchzudrücken. Dann hatte ich wieder dreizehn Kilometer vor mir oder vierzehn, hatte weitere drei Minuten und sieben Sekunden, die nur mir gehörten, die ich dem immer gleichen Zeitstrom entrissen hatte, herausgelöst hatte wie ein kostbarer Stein wertlosem Geröll.

Auf der Uhr war es kurz nach Drei am Morgen, und die Sonne würde bald aufgehen, denn es war warm, es war Sommer. Es war nicht das erste Mal, dass ich über die Autobahn raste ohne Ziel, meistens ging es zum Frankfurter Kreuz und dann wieder zurück, eine Stunde, manchmal zwei. Immer war es Nacht, am frühen Morgen, dann wenn die Straße leer ist und der Schlaf am schwersten. Immer hörte ich Musik, Opern zumeist, große, wohl tönende Stimmen, die nur zu mir sprachen, mich ohne Mühe in Besitz nahmen. Und auch an diesem Tag schien es so zu sein.

Das Orchester erklang, und schon nach wenigen Sekunden setzte der Tenor ein. Er sang das Nessun dorma aus Puccinis Turandot. Ruhig lag der Wagen auf der Straße, flog an der Leitplanke entlang wie an einer Wand, während sich das Abblendlicht in den schwarzen Tunnel vor mir hineinzufressen suchte. Entspannt saß ich im grauen Leder des Sitzes, beide Hände am Lenkrad, und steuerte durch die winzige Lücke zwischen dem grauen Band der Leitplanke und dem Mittelstreifen, dessen weiße Striche an mir vorbeiströmten wie Leuchtspurgeschosse, wie lange Maschinengewehrgarben, die ihr Ziel nur knapp verfehlten. Ab und an tauchten die roten Rücklichter eines Lastwagens aus dem Dunkeln auf, um nach wenigen Sekundenbruchteilen hinter mir zurückzufallen, sich in blendende Scheinwerfer zu verwandeln, die ihrerseits bald erloschen. Und ich brauchte diese kurzen Begegnungen. Der Zeitpunkt, an dem ich zum Überholen ansetzte, dann, wenn es kein Zurück mehr gab, wenn ein ausscherendes Fahrzeug unweigerlich mein Ende bedeutet hätte, das war der Augenblick, in dem mein Puls sich beschleunigte, mein Körper sich anspannte, ich den Atem anhielt, während ich hindurch stieß auf die andere Seite, der noch unberührten Nacht entgegen, dorthin, wo ein unbändiges Gefühl von Leben sich meiner bemächtigte.

Vielleicht brauchte ich das, wie das jeder braucht. Kürzlich hatte ich gelesen, dass ein primitiver Stamm in Papua Neu-Guinea regelmäßig eine Mutprobe veranstaltet, bei der sich die Stammesangehörigen die Füße an Lianen festbinden lassen, um sich dann in einen Abgrund zu werfen, einem atavistischen Bungee-Springen gleich. Und auch ich war ein gepanzerter Ritter, der, die Lanze in der Hand, sich einem größeren, einem übermächtigen Gegner entgegen warf. Dann rasten wir aneinander vorbei, ohne uns zu berühren, spürten nur den Luftzug, die Nähe des Todes, eine Drohgebärde, die, obgleich spielerisch, nicht darüber hinwegtäuschte, dass sie sich jederzeit in blutigem Ernst verwandeln konnte. Vielleicht war es eine Art moderner Stierkampf, denn der Feind war nicht mehr als eine dumpfe Masse aus Eisen, ein sturer vor sich hin trottender, nichts denkender Koloss, der nur dann zu einer Gefahr wurde, wenn er sich mir nichtsahnend in den Weg stellte. Er ließ sich nicht reizen, und manchmal bedauerte ich das.

Der vierspurige Abschnitt, eine spiegelglatte Betonebene, die an eine Lande- oder Startbahn erinnerte und jeden Wagen, so groß und imposant er auch sein mochte, auf das Maß eines Spielzeugautos stutzte, ging zu Ende, verengte sich zur autobahnerischen Normalbreite, und auch die Beschaffenheit der Fahrbahn wechselte. Der Salzsee, hart und schattenlos im Licht der Scheinwerfer, bekam Risse, warf Blasen, wölbte sich auf zu Wellenbergen, Hügeln eher, zwischen denen Täler lagen, Kuhlen und Senken. Aber es war nur die Geschwindigkeit, die die Sicht verzerrte, den Raum komprimierte, ins Groteske übersteigerte. Der Chor hatte eingesetzt, aus der Ferne zunächst, um dann näher zu kommen, das Thema noch einmal aufzugreifen, das der Tenor in einem letzten Crescendo vollendete. Und wenn das Stück dann zu Ende war, dieses all’alba vinceró verklungen war, blieb nur noch das Brummen des Motors, das Fauchen des Windes, und ich wagte einen Blick zum Himmel, nach Osten, als könne sich dort tatsächlich jener Morgen ankündigen, an dem ich siegen würde, wie es die Stimme des Sängers versprach. Doch es blieb dunkel, keine blasse Sonne schickte zögernd ihre Vorboten aus, und mir war, als stünde mir Aufschub zu, eine zweite, eine weitere Chance. So drehte ich an der Fernbedienung, und wieder hieß es Niemand schlafe!, und alles begann von Neuem, wiederholte sich, ohne dass es etwas seines Reizes verloren hätte.

 

Fast eine Woche ist vergangen, in der sie jeden Tag gearbeitet haben, er sich gesteigert hat von den anfänglichen zwei Stunden am Vormittag zu den jetzigen zwei Sitzungen am Tag, eine am Morgen und eine am späten Nachmittag, nach seiner kleinen Schlafpause, seinem Alte-Leute-Schlaf, wie er es nennt, den er sich angesichts der Anstrengung, der Erschöpfung der morgendlichen Mnemographie angewöhnt hat.

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Sie fahren gern schnell, hat sie schon nach der ersten nächtlichen Autobahnfahrt angemerkt, und er hatte sich gefragt, was sie meinte, ob in ihren Worten noch mehr mitschwang, als die schlichte Feststellung angesichts der zweihundertfünfzig oder zweihundertsiebzig Stundenkilometer. Seitdem waren sie fast jeden Tag gefahren, und, obwohl er nur auf seinem Bett lag und sie wie immer neben ihm auf ihrem Stuhl saß, der abgedunkelte Raum, der riesige Bildschirm, ließ ihn manchmal vergessen, dass es nur Aufzeichnungen, Erinnerungen waren, die sie betrachteten, Dinge, die er bereits lange vorher, vielleicht vor langer Zeit erlebt hatte. Hinzu kam, dass es nicht nur ein Sehen war. Es war mehr. In gewisser Weise erlebte er die Geschehnisse noch einmal. Er fühlte mit, hatte Zugang zu einigem, wenn auch nicht allem, was in diesem Augenblick in ihm vorging, vorgegangen war. Vielleicht hatte er deshalb so lange über ihre Bemerkung nachgedacht, über dieses Sie fahren gern schnell. Sie hatte es ausgesprochen wie die Zusammenfassung eines Lebens, so als hätte sie über jemand gesagt: Er ist eine wunderbarer Mensch oder Er war einer der größten Mathematiker seiner Zeit. Ein schwacher Widerstand hatte sich in ihm geregt, er hatte geschwankt zwischen Aufbegehren und Zustimmung. Vielleicht war es tatsächlich so einfach, vielleicht fuhr er gerne schnell, und das war alles, das war das Wesentliche, was es über ihn zu sagen gab.

Die nächsten Tage schienen ihr recht zu geben. Immer wieder rasten sie, raste er über die Autobahn, Verdi, Wagner, häufiger Puccini im Ohr. Aber es war nicht nur die Häufigkeit, die ihr recht gab, es war etwas anderes. Es war die Gier, die er dabei empfand, dieses alles beherrschende animalische Gefühl, da zu sein, eine höchst zerbrechliche Einheit mit der Welt zu bilden, so als könne er nur an einem seidenen Faden Lebens hängend, sich seiner bewusst werden. Und die Intensität dieses Gefühls stand in einem seltsamen Gegensatz, zu dem, was er in den anderen Szenen seines Lebens empfand. Gleichgültig, ob bei der Arbeit, mit seiner Familie, bei irgendeiner der vielen anderen Tätigkeiten, die sie zusammen beobachtet hatten, nie gab es etwas Ähnliches. Im Vergleich zur Autobahn wirkten sie unterbelichtet, stumpf, die Farbe schien herausgelaufen zu sein, bis nur noch matte Pastelltöne übrig geblieben waren, hilflose nachträgliche Kolorierungen eines alten, eines sehr alten Schwarzweißfilms.

Tatsächlich gab es noch etwas Zweites. Manchmal flimmerte eine kurze Sequenz über dem Bildschirm, einzelne verschwommene Bilder, ein Zusammenschnitt verschiedener Einstellungen, die nicht zusammenpassten, nicht aus einem, sondern aus vielen verschiedenen Filmen zu stammen schienen. Dort gab es Beine und Arme, nackte, schwitzende Körper, erregende Rundungen, offene Münder und geschlossene Augen. Es ging zweifellos um Sex, und er stand im Mittelpunkt, mit ihm Frauen, junge und ältere, schöne und weniger schöne, in jedem Fall aber unbekannte Frauen. Therèse war nicht dabei.

Die Szenen kamen überraschend, überwältigten ihn wie Tagträume, übermächtig und verlockend. Sie brachen durch den Hauptfilm wie eine Bildstörung, als habe jemand die falsche Spule aufgelegt, und er beeilte sich, zum eigentlichen Thema zurückzukehren, sich wieder auf das zu konzentrieren, um das es zuvor gegangen war. Dann war er dankbar gewesen, dass dieses Bildergewirr nur wenige Sekunden gedauert hatte, dass die Nahaufnahmen der ineinander verkeilten Körper mehr verschleierten als enthüllten, dass das Erkennen umgekehrt proportional zur Nähe des Wahrnehmenden zu sein schien. Und doch schämte er sich. Er schämte sich vor Frau Jung, seiner Ärztin, als habe sie ihn beim Masturbieren ertappt. Er schämte sich für seine Erektion, die sich wie auf Knopfdruck eingestellt hatte, für sein Aufgewühltsein, für jene dem Schnellfahren so ähnliche Gier, die er nachzuempfinden glaubte.

Zuerst hatte er gedacht, er sähe Bilder aus der Zeit vor Therèse. Dann waren sie fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt, und das erschien ihm unwahrscheinlich, zu gut konnte er sich zurückversetzen, zu plastisch sah er diese Frauen vor sich. Möglicherweise hatte er eine Geliebte gehabt oder mehrere, hatte regelmäßig Prostituierte aufgesucht, hatte ein ausschweifendes Doppelleben geführt, von dem niemand etwas ahnte. Obwohl er sich auch dafür schämte, vor sich selbst wie vor ihr, vor Christina, fühlte er auch Genugtuung in sich aufsteigen. Vielleicht war er nicht vollkommen, der treue Ehemann und untadlige Familienvater, vielleicht gab es auch bei ihm eine dunkle Seite, einen gut gehüteten Abgrund. Aber war das nicht bei allen großen Männern so? War das nicht geradezu das Recht der wirklich Großen, der Götter und Halbgötter, sich auch jene Freiheiten zu nehmen, die nicht allen zustehen konnten? Brauchte man nicht zweierlei Maß, das eine für die gewöhnlich Sterblichen, das andere für Menschen wie ihn? Die Richtigkeit seines Tuns ließ sich nicht mit kleinlichen Allerweltsregeln bemessen, mit der einfachen Moral Kleinmütigen. Was ihm zustand, hatte nur er selbst zu entscheiden.

So war diese erste Woche vergangen. Im Takt der Mahlzeiten, der Schlafphasen, der kurzen Besuche der Putzfrau, der längeren der Ärztin, der mnemographischen Sitzungen hatte er sich in sein neues Zuhause eingelebt, in dieses weiße Zimmer, das ihm manchmal wie eine Insel vorkam, wie eine lichte Boje in einem riesigen, unübersichtlichen Ozean. Tatsächlich hatte er es nicht gewagt, zu einer neuen Erkundungstour aufzubrechen. Vielleicht hatte er Angst vor dem, was er vorfinden würde, so als könnte die Welt oder auch nur seine Welt am Ende dieses Ganges wirklich aufhören, als begänne dort, nach diesem Knick ein wabernder Nebel, als sei er rundherum davon eingeschlossen, und jeder Versuch, sich weiter als zehn Meter von seinem Standort zu entfernen, müsse zwangsläufig im sprichwörtlichen Nichts enden.

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Hinzu kam die Müdigkeit, die eher zu- als abgenommen hatte. Er erinnerte sich an seinen ersten kurzen Ausflug, an die bleierne Schwere, die sich Schritt um Schritt vervielfacht hatte, und in seiner Vorstellung war die Tür zum Gang keine Tür mehr, sie war zu einem Schott geworden, das unbekannte Naturgewalten von ihm abhielt, zu einer Schleuse in eine andere Welt. Und der Gang selbst glich darin einer schwierigen Expeditionsstrecke, nur vergleichbar mit der schier unbezwingbaren Wand eines Achttausenders, und er begann, in der passenden Begrifflichkeit zu denken, Worte wie Basislager, Ausweichroute oder Biwak zu benutzen, wenn er wieder einmal die Überwindung dieser wenigen Meter plante. Irgendwann würde er hinausgehen, sich Gewissheit über seine Welt verschaffen müssen. Das erschien ihm unumgänglich. Doch solange er nicht wieder bei Kräften war, solange ihn selbst die paar Schritte zum Bad oder zum Tisch vor Anstrengung schnaufen ließen, würde er hier bleiben, auf dieser Seite der Tür. Hier, in seinem Zimmer, fühlte er sich geborgen.

Der einzige Anlass, die Tür zu öffnen, war der Getränkeautomat. Er hatte sich von Frau Jung etwas Kleingeld geben lassen, um Kaffee holen zu können. Den trank er dann zur nachmittäglichen Sitzung, vertrieb damit den Schlaf, dem er nach dem Mittagessen verfiel und der ihn nach dem Aufwachen meistens mehr erschöpft als erholt fühlen ließ. Manchmal brachte sie ihm einen Becher mit, und dann tranken sie zusammen, während die Bilder über dem Bildschirm flimmerten. Diese Münzen auf seinem Nachttisch bedeuteten ihm aber mehr. Sie standen nicht nur für das Koffein, mit dem er den Rhythmus seines Körpers zu steuern versuchte. In seiner geordneten Welt mit ihren festgelegten Essenszeiten, den unverrückbaren Tag- und Nachtzyklen, den Putz- und Therapieterminen, in seinem von vielerlei Zwängen beherrschten Leben war diese Tasse, die er sich holen konnte, wann immer er wollte, ein Stück Freiheit, vielleicht das einzige Stück Selbstbestimmung, das ihm geblieben war.

Der Film ist zu Ende. Als gebe es eine automatische Kopplung, ist es auch heller geworden. Die Verdunklung während der Vorführungen trägt dazu bei, dass er mitunter vergisst, das er ein Unbeteiligter ist, dass er, genauso wie sie, Zuschauer ist, dass er längst Vergangenem folgt, auch wenn seine Fähigkeit, sich in den Handelnden, in sein früheres Ich hineinzuversetzen, erheblich zu sein scheint. Möglich, dass es nur Empathie ist, so als betrachte er einen Fremden, möglich, dass die Mnemographie mehr bewirkt, dass er, wie in einem Traum, sein Leben nacherlebt, nachfühlt, nachspürt, mit geringerer Intensität zwar, aber mit einer inneren Beteiligung, die größer ist, als es die Distanz zum Bildschirm vermuten lässt.

Jetzt, da das Licht wieder in seiner gewohnten Tagesstärke brennt, fühlt er sich plötzlich, auf sich selbst zurückgeworfen, von den aufwühlenden Bildern und Empfindungen seiner Bildschirmwirklichkeit verlassen.

Es ist fast so wie früher in seiner Jugend. Wenn er aus dem Kino kam, breitete sich die gleiche Leere in ihm aus. Der Nachhall jener anderen Welt, an der er für zwei Stunden teilhaben gedurft hatte, verklang und verlor sich in ihm. Es blieb nur noch Trauer übrig, ein dumpfer Schmerz angesichts des Verlustes eines Lebens, das seines hätte sein können, hätte er nicht schon ein anderes gehabt.

Frau Jung notiert sich irgendetwas, wie sie es nach einer Sitzung häufig tut, und er schweigt. So geht das ein paar Minuten, bis sie schließlich ihre Kladde zuklappt und den Kugelschreiber in die Brusttasche ihres Kittels schiebt.

„Was halten Sie davon? Finden Sie immer noch, dass ich Fortschritte mache?“

Sie lässt sich mit der Antwort Zeit, und er fürchtet schon, sie sei wieder im Aufbruch und wolle deshalb einem Gespräch mit ihm ausweichen, als sie sich ihm zuwendet. Sie rückt ihren Stuhl näher und beugt sich vor, sieht ihn mit zusammengekniffenen Augen an, als wolle sie etwas auf den Grund gehen.

„Sie dürfen nicht ungeduldig sein. Sie können nicht erwarten, dass Ihr Leben schon nach diesen wenigen Sitzungen wie ein aufgeschlagenes Buch vor Ihnen liegt.“

„Dann sagen Sie mir wenigstens, ob ich auf dem richtigen Weg bin!“

„Was der richtige Weg ist, kann Ihnen niemand sagen, außer Sie selbst.“

Er hat ihre Antwort vorausgesehen und schüttelt den Kopf. „Manchmal reden Sie wie eine Psychologin.“

Mehr als einmal hatte er sie zum Teufel gewünscht, wenn sie unbewegt neben ihm auf ihrem Stuhl saß, keinen Laut von sich gab, kein Zeichen der Belustigung und keines der Anteilnahme. Sie erschien ihm manchmal wie ein Wissenschaftler, der akribisch registrierte, imaginäre und wirkliche Listen und Protokolle führte und ihn beobachtete, im Geiste Hypothesen hin und her wälzte, bereits Schlussfolgerungen zog, ohne jemals auf die Idee zu kommen, sie mit seiner Laborratte zu teilen. Selten hatte sie etwas kommentiert, und wenn sie das einmal tat, dann enthielt sie sich jeglicher Wertung. Sie schien alles vermeiden zu wollen, was ihn hätte beeinflussen können. Trotzdem erschien sie nicht wirklich distanziert, nicht kalt wie jemand, dem es gleichgültig ist, was aus ihm wird. Sie schien ihm wirklich helfen zu wollen, mehr sogar, als es ein Arzt aus normaler Routine getan hätte. Ihr eigenes Schicksal schien auf eine von ihm bisher nicht zu ergründenden Weise mit dem seinem verbunden zu sein. Aber war nicht auch dies Einbildung?

„Was ist es, was Sie beunruhigt?“

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Er dachte nach. Wie konnte er ihr dieses Gefühl beschreiben, das ihn manchmal befiel, dann, wenn er wieder einmal wie gelähmt auf dem Bett lag und über sich und sein Leben, über das, was er darüber wusste, grübelte, oder wenn er am frühen Morgen, lange bevor die zunehmende Helligkeit seinen Tag einleitete, wach lag und sich auf eine allumfassende Art und Weise hilflos fühlte, ausgeliefert, so als sei ihm alles entglitten und er nur noch ein Spielball ihm unbekannter Mächte?

„Sehen Sie, es ist nicht nur dieser Mordanschlag, den ich nicht verstehe.“ Er schüttelt den Kopf. „Wieso wollte mich jemand umbringen? Woher dieser Hass, denn es war Hass, das haben Sie genauso gesehen wie ich, was hatte diese Frau gegen mich?“ Müde klingt seine Stimme. „Aber das ist nicht alles. Dafür ließen sich vielleicht Gründe finden, Motive ... Auch wenn es momentan nicht danach aussieht. In all dem, was wir gemeinsam gesehen haben, gibt es keinen Fingerzeig, nichts. Oder ist Ihnen etwas aufgefallen?“ Es ist keine echte Frage, und er erwartet keine Antwort. „Aber da ist noch etwas anderes.“ Wieder macht er eine lange Pause. „Ich könnte zufrieden sein mit meinem Leben.“

„Sie könnten stolz darauf sein.“

„Ja, oder stolz, und das wäre ich auch.“ Dann fügt er hinzu: „Wenn diese Autobahnfahrten nicht wären.“

„Die Musik scheint in Ihnen etwas auszulösen.“

„Dieses Gefühl, diese verzweifelte Gier ... Oder was immer es ist ... Ich weiß es nicht.“ Mit Daumen und Zeigefinger reibt er sich die Augen. Seine Lider fühlen sich dünn und trocken an. Wie Papier.

„Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie zu sein scheinen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Wir sehen das, was wir sehen können - und wollen. Oft liegen dieses Können und Wollen nicht allzu weit auseinander.“ Behutsam fährt sie fort. „Unsere Wahrnehmung liefert kein genaues Abbild der Wirklichkeit. Vielleicht hat das Bild, das wir uns von ihr machen, noch nicht einmal allzu viel mit der Wirklichkeit zu tun.“ Sie stockt, als überlege sie, wie weit sie gehen kann. „Das gilt für unsere Erinnerungen umso mehr. Sie werden überlagert von Wünschen und Hoffnungen - von Träumen oder Ängsten...“

„Sie meinen, das waren nur Hirngespinste, die wir in der Mnemographie gesehen haben?“

„Nein“, unmerklich schüttelt sie den Kopf, „das war das, was Sie erinnern oder zu erinnern glauben. Ich wollte nur sagen, dass nicht jede Einzelheit so gewesen sein muss, dass das kein Film war, der eine unverrückbare Wirklichkeit festgehalten hätte.“ Sie lächelt. „Zu Beweiszwecken würde es nicht taugen.“

Dann lehnt sie sich zurück. „Ich habe einige Jahre als Gutachterin bei Gericht gearbeitet. Es ging um die Glaubwürdigkeit von Zeugen. Nein, nicht um Mord und Totschlag, um ganz normale Verkehrsunfälle: Zeigte die Ampel Rot oder Grün? Wer ist wem ausgewichen? Stand das gelbe Auto zu diesem Zeitpunkt schon? Ganz banale Fragen, von denen man meinen sollte, sie seien unzweideutig beantwortbar. Sie würden staunen, wie viele unterschiedliche und unvereinbare Sichtweisen des gleichen Sachverhalts es geben kann! Schon eine bestimmte Frage kann den Zeugen beeinflussen. Oder nehmen sie Zeitungsberichte oder die Aussagen von anderen Zeugen, die Meinung von Freunden und Bekannten. Schon nach kürzester Zeit ist man nicht mehr in der Lage, auseinander zu halten, was man nur gehört oder tatsächlich selbst erlebt hat. Es verschwimmt, geht ineinander über. Der Mensch ist bestrebt, eine zusammenhängende und widerspruchsfreie Sicht von Gegenwart und Vergangenheit zu schaffen, von sich und von allem anderen. Und da wird schon mal geglättet, ausgebessert, ergänzt oder weggelassen. Das hat nichts mit Lügen und Betrügen zu tun. Das ist völlig normal und übrigens auch gesund, denn der Mensch braucht Klarheit, mehr Klarheit als die Welt zu bieten hat“, fügt sie schließlich hinzu.

Er hat ihr aufmerksam zugehört, fast mehr erstaunt über die Länge ihrer Ausführungen, als über das, was sie gesagt hat. Wann hat er sie schon einmal so lange reden hören?

„Oder nehmen Sie einen Film, ich meine, einen richtigen Spielfilm.“ Sie sieht auf. „Was, glauben Sie, geschieht, wenn man sich den gleichen Film fünf- oder zehnmal ansieht, zwanzigmal?“ Er hebt die Brauen, und sein Gesicht nimmt einen gleichermaßen fragenden wie skeptischen Ausdruck an. Auf was will sie hinaus? „Es bleiben nur noch Szenen übrig, unzusammenhängende Episoden, die meilenweit auseinander zu liegen scheinen. Alles andere hat sich nur in unserem Kopf abgespielt. Wir haben uns Brücken gebaut, haben die Lücken mit unserer Phantasie gefüllt, mit eigenen Erlebnissen, mit wirklichen und vorgestellten.“ Sie hat sich wieder zu ihm vorgebeugt. Eine Hand untermalt ihre Worte, als messe sie den Luftraum zwischen ihnen aus, um tatsächlich eine imaginäre Brücke zu bauen. „Der eigentliche Film - eine zusammenhängende Handlung, eine plausible Geschichte - entsteht in unserem Kopf. Die Leinwand liefert nur Versatzstücke, bunt angemalte Puzzleteile. Stellen Sie sich so ein Riesenpuzzle mit 5000 Teilen vor. Wenn Sie 500 davon geschickt auswählen, können Sie das ganze Bild sehen. Es wird natürlich nicht das getreue Abbild des Originals sein. Es wird dem Original vielleicht nicht einmal besonders ähneln. Doch das kümmert Sie nicht. Im Gegenteil, ist es nicht viel schöner, sich ein eigenes Bild von etwas zu machen? Man gibt uns Krücken, und wir können nicht nur gehen, nein, in unserer Vorstellung sind wir die schnellsten Marathonläufer. Das ist die eigentliche Kunst.“

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Sie ist aufgestanden. „Ich kann verstehen, dass Sie beunruhigt sind. Sicher, auf den ersten Blick scheint einiges nicht zusammenzupassen. Aber vielleicht ist das, was wir gemeinsam gesehen haben, nur eine erste Annäherung an das, was in Wirklichkeit passiert ist.“ Für einen Augenblick noch steht sie in der offenen Tür. „Bis morgen. Und träumen Sie was Schönes.“

Als sie weg ist, steht er auf und geht zum Esstisch. Vom Mittagessen hat er einen großen rotgelben Apfel aufgehoben, den er jetzt viertelt, achtelt. Im Stehen isst er die süßlich schmeckenden Stücke. Wenn auf die Mnemograhie kein Verlass ist, wenn ihm niemand sagen kann, was wirklich passiert ist, wenn sich in diesem Film, den er für sein Leben gehalten hat, Realität und Fiktion untrennbar miteinander vermengt haben, einer zähen Emulsion gleich, die keinen Rückschluss auf ihre Bestandteile zulässt, was weiß er dann? Was kann er sich sicher sein? Gibt es Fakten, die er als gegeben annehmen kann, über jeden Zweifel erhabene, unumstößliche Fakten?

Im Bad putzt er sich die Zähne. Auch wenn das Abendessen nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, die Alltäglichkeit der Handlung beruhigt ihn. Die einfachen Bewegungen erfordern eine beiläufige Aufmerksamkeit, die ihn ablenkt.

Sein Blick fällt auf das Bild, das über dem Waschbecken hängt, auf den Nicht-Spiegel, an den er sich im Verlauf dieser Woche fast gewöhnt hat.

Er blickt hinaus in diesen gemalten Himmel. Hat er vorher einfach nur eine Ansammlung fünfzackiger gelber Sterne gesehen, stilisierte Symbole, wie sie Kinder oder Terroristen gemalt hätten, meint er heute zum ersten Mal eine Ordnung zu erkennen. Sie erscheinen ihm nicht länger zufällig hinausgeworfen von den Launen jenes grinsenden Männchens, der ihnen nachblickt, als seien sie flache Steine, die er über die spiegelglatte Oberfläche eines tiefblauen Sees hüpfen lässt. Sie füllen Räume, halten Abstände, bilden, betrachtet er sie näher, sogar Muster oder Figuren. Tatsächlich hat sein Mickeymaushimmel Ähnlichkeiten mit dem echten, jenem, den er hätte sehen können, gäbe es Fenster, jenem, der seinen künstlichen hätte entbehrlich erscheinen lassen. Je länger er diesen Himmel betrachtet, um so deutlicher meint er, diese Übereinstimmungen zu sehen, und er sucht nach bekannten Anhaltspunkten, dem Polarstern, dem Großen Wagen und dem Kleinen, und dort stehen sie wirklich, flimmern an ihren vorausberechneten Positionen, hellere und weniger helle Lichtflecke, die Ecken und Winkel bilden, Strecken, Geraden, deren Richtungen man verlängern kann, abmessen in Bogensekunden und -minuten. Es ist ein Spiel, das ihn an die Rätselhefte seiner Kinderzeit erinnert, an die nummerierten Punkte, die mit einem Stift zu verbinden waren und die plötzlich Flächen ergaben, Körper: ein Tier oder einen Clown, ein Auto, eine Lokomotive.

Es ist so einfach, aus wenigen Punkten ganze Fabelwesen zu schaffen, eine richtige Mythologie: Schlange und Schlangenträger, den galoppierenden Schützen mit seinen Flügeln, den Wassermann, aus dessen Amphore ein langer Schwall sich zu seinen Füßen ergießt, die Jungfrau mit Palmzweig in der rechten und Weizenähre in der linken Hand. Frau Jung hatte recht, auch der Himmel war nichts als eine gewaltige Projektionsfläche für die Ängste und Hoffnungen der Menschen.

Die Zahnbürste noch im Mund macht er einen Schritt zurück, um das Bild aus größerer Entfernung zu betrachten. Was sieht er? Tatsächlich Hunde oder Bären, Wagen, Krebse und Skorpione und Drachen? Er wird unsicher, misstraut seinem Gedächtnis. Warum soll er ausgerechnet die Sternbilder wie Photographien im Kopf aufbewahrt haben, wenn er so vieles vergessen hat?

Und doch hat dieses Bild etwas Tröstliches. Er tritt noch einmal näher. Mit dem Finger berührt er die Sterne, als könnte er sie wirklich ertasten, als bildeten sie Erhebungen, einen Himmel in Blindenschrift. Dann könnte er sie sogar mit geschlossenen Augen sehen.

 

 

 

 

 

 

 

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Kapitel 5

Auch die ganze zweite Woche ist mit regelmäßigen Sitzungen ausgefüllt, in denen sich wenig Neues ergibt. Sie haben sich stundenlang die Geschichte eines Mannes angesehen, der über jeden Zweifel erhaben ist. Nirgendwo ein Hinweis, jemand hätte Grund gehabt, ihn umzubringen. Selbst Neider schien er wenige gehabt zu haben. Überall das gleiche Bild: Professor Dorint in seiner Vorlesung, in einer Sitzung, bei der schwierigen Hirnoperation oder im therapeutischen Gespräch mit einem Patienten. Ein freundlicher, kompetenter, allseits geachteter Mann, der auch schwierige Aufgaben mit Bravour meisterte. Er hielt Vorträge, veranstaltete Symposien, beriet die Weltgesundheitsorganisation in Fragen der geistigen Volksgesundheit, war sogar Mitglied im Wissenschaftsrat der Bundesregierung. Aber auch sein Privatleben schien vorbildlich zu sein: Szenen harmonischen Familienlebens, vereinzelte sonntägliche Ausflüge, fröhliche Runden am gemeinsamen Esstisch, Familienfeste, ein gerngesehener Gast bei Kollegen und politischen Freunden. Im letzten Jahr durfte er sogar eine wichtige Rede anlässlich der Haushaltsdebatte im Gemeinderat halten.

Je mehr er darüber nachdenkt, umso überzeugter ist er, dass diese Attentäterin eine Verrückte sein muss, eine ehemalige Patientin vielleicht, an die er sich nicht erinnern kann.

Und doch hat sich etwas ereignet. Mit ihm geht es bergab. Kontinuierlich, Tag für Tag. Zuerst hat er es für ein Zeichen seiner Rekonvaleszenz gehalten. Auch der seltsamen Schwäche, die ihn auf dem Gang befällt, hat er wenig Bedeutung beigemessen. Sie ginge vorbei, äße er nur genug, triebe er ein wenig Morgengymnastik. Tatsächlich hat er einige Anläufe unternommen, seine körperliche Verfassung zu verbessern. Zuerst hatte er es mit Liegestützen versucht, dann mit einem selbstchoreographierten Tanz, einer Mischung aus Gymnastik und Aerobic, bei dem er sich nicht nur reichlich blöde vorkam, sondern auch gleichermaßen erschöpft fühlte, so dass er auch dies nach zwei oder drei Versuchen aufgab. Gerne hätte er ein paar Kniebeugen am offenen Fenster gemacht, hatte er einmal gedacht, hätte dabei hinaus gesehen in den Park (noch immer meint, es müsse sich eine parkähnliche Anlage jenseits seiner vier Wände, dort befinden, wo der geheimnisvolle Gang endet), hätte die Frühlingsluft geatmet (Ist es Frühling? Er kann sich nicht an die Jahreszeit erinnern.) und vielleicht andere Patienten beobachtet, wie sie auf den Bänken saßen, in ihren Rollstühlen umher geschoben wurden oder auf Krücken im Kies der schmalen Wege dahin humpelten. So stellt er sich ein Krankenhaus vor, ein Sanatorium, eine Irrenanstalt. Doch es gibt keine Fenster, aus denen er hinaussehen könnte, und zum anderen fehlt ihm die Kraft, um mehr zu tun, als sich mit kleinen Schritten ins Bad, zum Speisenaufzug oder zum Tisch zu schleppen.

Immer häufiger liegt er nur da, liegt in seinem Bett, und jetzt fühlt er sich tatsächlich krank, meint, einen Anspruch auf dieses Liegen, auf Schonung und Nichtstun zu haben. Oft schläft er. Morgens, mittags, am frühen Abend. Nachts sind es zehn, zwölf Stunden, was er nur schätzen kann, da er keine Uhr hat. Er schläft manchmal vom Abendessen bis zum Frühstück durch, unruhig zwar, wie jemand, der zwischen Halbschlaf und Traum hin und her pendelt, aufgewühlt von dem, was er sieht, aber doch unfähig zu etwas anderem. Es gibt sogar Zeiten, da erscheint ihm nicht nur sein Bildschirmleben unwirklich. Sein ganzes Wachsein, die immer kürzer werdenden Perioden, in denen er seiner sicher zu sein glaubt, diese Schlafpausen, wie er sie manchmal nennt, diese Unterbrechungen seiner Träume, Träume, an die er sich nicht erinnern kann, all das, was er bewusst zu erleben meint, verliert an Substanz, wird gleichfalls unwirklich, als sei es seinerseits nur Traum - oder Wunsch oder Hoffnung oder Einbildung.

Auch seine Ärztin erscheint besorgt - und auf seltsame Weise gleichfalls müde, so als seien sie beide siamesische Zwillinge oder durch ein unsichtbares Band untrennbar miteinander verbunden. Sie haben die Sitzungen reduziert auf die morgendlichen ein, zwei Stunden. Aber vielleicht sind es gar nicht die Sitzungen, die ihn anstrengen, diese geheimnisvolle Mnemographie, von der er nie zuvor gehört hat. Vielleicht schreitet seine Krankheit voran und es kommt so, wie er es sich in seinem zweiten und scheinbar unwahrscheinlicheren Szenario ausgemalt hat: unaufhaltsamer Verfall, schleichender Tod. Doch selbst wenn es die Sitzungen sind, die ihn erschöpfen, auszehren wie endlose Gewaltmärsche, er will diese einzige Abwechslung in seinem Leben nicht missen, mag sie ihn umbringen oder nicht.

Mitte der dritten Woche bleibt Frau Jung plötzlich weg. Noch am Vorabend hatte sie sich wie üblich mit den Worten verabschiedet Wir sehen uns dann morgen früh, hatte einen halbherzigen Versuch unternommen, ihn aufzuheitern, besorgten Blicks, während er schon am eindösen, wegdämmern war, und war dann mit hängenden Schultern hinausgegangen, hatte die Tür leise hinter sich zugezogen, unnötig leise.

Sie kommt am nächsten Tag nicht und auch nicht am übernächsten. Er merkt es kaum, so sehr ist er mit sich selbst beschäftigt. Die mnemographischen Sitzungen sind für ihn inzwischen genauso undenkbar, wie es echte Gewaltmärsche wären. Er ist vollauf damit beschäftigt zu atmen, in den kurzen Wachphasen bei Bewusstsein zu bleiben, zu denken, gegen den Schlaf, die übermächtige Müdigkeit anzukämpfen. Dennoch hätte er sie gerne um sich gehabt, sie, deren schiere Anwesenheit ihn schon zu trösten vermag, ihn auf eine unaufdringliche Art beruhigt. Vielleicht braucht er einfach einen anderen Menschen. Gleichgültig welchen. Vielleicht ist es mehr, was ihn mit ihr verbindet.

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Die Putzfrau dagegen kommt regelmäßig, mürrisch wie immer zwar und ohne ihn eines Blickes zu würdigen, so als lebe sie in einer anderen Welt, in der es ihn, seine Krankheit, selbst seinen Tod nicht gibt oder, wo diese Dinge nur für den Betroffenen selbst von Bedeutung sind.

Am ersten Tag des Ausbleibens der Ärztin, hat er sie wieder mit Fragen bedrängt, hat sie wieder am Arm gepackt in der Hilflosigkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Dann hat er sich damit abgefunden, überdrüssig nur dieses stereotype Nixverstehn zu hören, jene uneinnehmbare Bastion ihres deutschen Wortschatzes, der sie von Zeit zu Zeit, sei es der Abwechslung wegen, sei es um deren Wirkung zu verstärken, ein Nix Zeit folgen lässt. Genauso endgültig und genauso unangreifbar.

Er meint zu sterben. Vielleicht stirbt er tatsächlich, denkt er, stirbt jetzt oder in einer Stunde, morgen oder später. Das erscheint ihm gleichgültig. Vielleicht ist er aber auch schon tot, ob lange oder nicht, dahingerafft von den Schüssen, die aus nächster Nähe seinen Kopf getroffen haben wie Schläge, verblutet auf dem nach Bienenwachs und Honig duftendem Parkett der Bühne. Vielleicht waren jene zwei, drei Wochen in diesem weißesten aller Zimmer nichts als ein letztes Knistern der Nervenbahnen seines Gehirns, nachlassende Spannung von Neuronen und Synapsen, dieses Zur-Ruhe-kommen, von dem ins Leben Zurückgeholte immer wieder berichten. Erlebte man nicht alles noch einmal, viele, unendlich viele Szenen, einen wahllos zusammengeschnittenen Film des eigenen Lebens? Dann hatten sich die mnemographischen Sitzungen nur in seinem Kopf abgespielt, seinem Gehirn. Ein gewaltiges neuronales Netz bestehend aus Billionen von Zellen und noch mehr Verbindungen, das sich flackernd entlädt, einem großen holographischen Speicher gleich, der wahllos ausgelesen wird, geleert wird bis zur Neige. Dann liegt er womöglich noch immer auf dem Boden der Aula, ist vielleicht noch gar nicht aufgeschlagen, fällt gerade diese kurze Sekunde lang, die sich zu Wochen ausgedehnt hat, um ihm ein bisschen Frieden zu gönnen oder nur die Möglichkeit abzuschließen, zum Ende zu kommen.

Nur noch selten wird er wach. Der Speisenaufzug mit seinem Pling! hat seine Macht über ihn verloren. Immer häufiger fährt er ungeöffnet wieder hinab in die Katakomben seines Domizils. Während ihn seine Kräfte nach und nach verlassen, verschwimmt die Grenze zwischen Schlaf und Wachsein. Im Halbschlaf dösend, manchmal bis zur Besinnungslosigkeit erschöpft, manchmal fast klar, fast bei vollem Bewusstsein, gleitet er immer weiter in jene Zwischenwelt hinüber, in der es keine klare Trennung zwischen wirklich und unwirklich, zwischen Traum oder Tagtraum, zwischen Wahrnehmung und Täuschung gibt. Es ist in dieser Zeit, dass er eine Erscheinung hat. Ein Ereignis, von dem er später nicht wird angeben können, ob es tatsächlich stattgefunden hat oder, nachdem er einen unwiderlegbaren Beweis auf dem Nachttisch gefunden haben wird, ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, wie er es erinnert.

Die Tür musste aufgegangen sein, ohne dass er es gehört hätte. Erst als ihr Gewicht die Matratze eindrückt und er auf dieser abschüssigen Bahn auf sie zu rollt, ein winziges Stück nur zur Mulde hin, die ihr Körper geschaffen hat wie ein Gravitationszentrum, wird er wach. Er spürt eine warme Hand auf seiner Stirn. Er öffnet die Augen, zumindest glaubt er, dass er sie öffnet, und schaut sie an. Sie sitzt sehr aufrecht nahe bei ihm, eine große Frau mit hochgestecktem blondem Haar. Sie ist jung, höchstens Fünfundzwanzig. Wie er so daliegt, erscheint sie ihm unerreichbar weit weg. Wie eine Sphinx thront sie über ihm. Ein stolzes, ausdrucksstarkes und doch, ob seiner vollkommenen Symmetrie schönes Gesicht. Ihr Blick geht ins Leere. Es ist, als habe sich ein dünner Schleier über ihre Augen gelegt. Er kennt sie nicht oder erkennt sie nicht.

Sie spricht zu ihm, leise, als führe sie Selbstgespräche, murmelt mehr vor sich hin, als dass sie tatsächlich spräche, und er hat Mühe, sie zu verstehen. Vielleicht sagt sie Du wirst wieder gesund. Du musst wieder gesund werden. Er glaubt, sie sage auch Ich weiß, dass du mich hörst. Und er würde ihr gerne antworten oder nicken, mit den Lidern blinzeln, das Auge zusammenkneifen oder was immer man in einer solchen Situation tut oder tun sollte. Er würde sie gerne bitten, lauter zu sprechen, sich herunter zu beugen an sein Ohr. Aber er fühlt sich zu schwach, außerstande ein Lebenszeichen von sich zu geben, bis auf die Augen, die er geöffnet zu haben glaubt, durch die ihr Bild in ihn dringt wie ein Strahl hellen Lichts. Du bekommst eine neue Medizin, sagt sie, und er meint, Tränen zu sehen, kleine Tropfen, die aus den Winkeln ihrer Augen quellen und ihre hellbraune Iris überschwemmen, sie unter der aufgewölbten Flüssigkeit vergrößern und verschwimmen lassen, als betrachte er sie durch eine Lupe oder eine starke Linse. Er sei jetzt müde, sagt sie, aber es werde ihm bald besser gehen, viel besser, er werde schon sehen. Die Hand auf seiner Stirn ist feucht.

Dann schläft er ein, oder sein Traum ist zu Ende. Als er das nächste Mal aus seiner Besinnungslosigkeit auftaucht, ist er allein. Er hat nicht damit gerechnet, sie noch auf dem Bett sitzen zu sehen, genauso wenig, wie er damit rechnet, sie jemals wiederzusehen. Im Gegenteil, er ist sicher, geträumt zu haben. Was bleibt, ist ihr Bild, die großen tränengefüllten Augen. Und doch fühlt er sich wacher, erholter, so als habe die geheimnisvolle Medizin, von der sie gesprochen hat, schon gewirkt. Er stützt sich auf und schaut sich um. Wie üblich brennt das Licht, das heißt, es ist hell. Es fällt ihm schwer, auf Anhieb zu bestimmen, ob es sich um die Tag- oder Nachthelligkeit handelt, ob Tag oder Nacht ist. Er meint, er habe zu lange geschlafen, als dass er sich erinnern könne. Er will sich gerade auf das Kissen zurückfallen lassen, als er die Schachtel auf dem Nachttisch bemerkt.

Es sind Tabletten, eine Großpackung. Das Medikament heißt Encephatil, und es kommt ihm unbekannt vor. Vielleicht lässt ihn sein Gedächtnis wieder einmal im Stich. Er öffnet die Schachtel.

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Die Packung ist angebrochen, und es fehlen mehrere Tabletten. Auf dem Beipackzettel steht zuoberst Gebrauchsinformation. Er entfaltet ihn wie eine Papierziehharmonika.

Es scheint ein vielseitiges Medikament zu sein, denn die aufgeführten Anwendungsbereiche füllen eine ganze Seite.

Gedächtnisstörungen, Erschöpfungszustände, Folgen von Schädel-Hirn-Traumen, all dies scheint bei ihm tatsächlich vorzuliegen, und er nimmt diese Anzeigen gleichmütig zur Kenntnis. Es sind die letztgenannten Indikationen, die ihn aufhorchen lassen: chronisch-schizophrene Rest- und Defektzustände insbesondere einhergehend mit Antriebs- und Affektstörungen, autistischen Verhaltensstörungen, Depressionen.

Er weiß zwar, dass Psychopharmaka häufig ein breites Wirkungsspektrum haben, und ein Medikament, das zentralnervös wirkt, sowohl bei Hirnverletzungen als auch bei Psychosen oder anderen psychischen Krankheiten Anwendung findet. Dennoch überwältigt ihn plötzlich die Vorstellung, er sei gar nicht angegriffen worden, er befinde sich nicht in der Rehabilitation nach einer schweren Hirnverletzung, sondern in einer psychiatrischen Anstalt. Dann kann es für seine Visionen, für das, was er Bildschirmleben nennt, jenes frühere Leben, jenes scheinbar wirkliche Vorleben, das er gemeinsam mit seiner Ärztin gesehen hat, auch eine andere Erklärung geben. Dann ist er in Wirklichkeit verrückt, psychotisch, und lebt in dem Wahn, ein berühmter Arzt und Forscher zu sein, ein Übermensch, der in jeder Hinsicht das Äußerste erreicht hat. Wer ist dann aber Christina Jung? Ist sie seine Ärztin, seine Therapeutin oder ist sie auch nur, wie vielleicht sein Zimmer, der Gang, alles, was er sieht, nur die Ausgeburt seiner Krankheit, seiner kranken Phantasie? Er spürt eine Welle der Angst aufbranden. Hatte ihn bisher das Seltsame an den Umständen seines Aufenthaltes nur wenig beunruhigt, vielleicht weil es von der Sorge um die allzu offensichtlichen Ausfälle seines Erinnerungsvermögens überlagert worden war, so meint er jetzt, die Brüchigkeit seiner Wirklichkeit geradezu sinnlich erfahren zu können. Als zögen sich haarfeine Risse durch sein Gesichtsfeld, als seien die Geräusche und Gerüche um ihn herum bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, fremd auf eine ihn tief beunruhigende Art und Weise, ist die Selbstverständlichkeit, mit der er sich und seine Umgebung betrachtet hat, verflogen.

Doch bald gewinnt er einen Teil seiner Fassung zurück. Wenn er schon in einem Wahn lebt, wäre es dann nicht einfacher gewesen, sich gleich zu einem Einstein, Napoleon oder Dschingis Khan zu machen? Wozu einen Arzt erfinden, so angesehen und erfolgreich auch immer? Wozu diese Attentäterin, die ihn umbringen sollte? Und die Manschettenknöpfe?

Beklommen liest er weiter, überfliegt die Gegenanzeigen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und kommt schließlich zu den Nebenwirkungen. Auch diese füllen mehr als eine Seite.

Hatten ihn früher ellenlange Aufzählungen von möglichen Nebenwirkungen eher beunruhigt und mehr als einmal davon abgehalten, das Medikament zu nehmen, so tritt jetzt der gegenteilige Effekt ein. Seine Angst, verrückt geworden zu sein, könnte nichts anderes als der angekündigte paranoide Wahn sein, der fühlbare Realitätsverlust Ausdruck der nicht näher benannten psychotischen Symptome. Denn schließlich hat er bereits diese Tabletten eingenommen, mehrere offenbar. Möglich, dass sie ihm im Halbschlaf oder Halbwachzustand verabreicht worden sind, ohne dass er sich daran erinnert. Fühlt er sich nicht tatsächlich gestärkt, wacher, spürt er nicht eine fast vergessene Energie in sich, nur ein kleines Feuerchen zwar, das ihn kaum zu wärmen vermag, aber immerhin ein Feuer, eines, das wachsen und ihm bald mehr Kraft spenden wird? Davon ist er überzeugt.

An diesem Punkt angekommen, liegt die Verlängerung des Gedankens nahe. Wenn sein jetziger Zustand, seine Angst, seine verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung auf das Medikament zurückzuführen ist, warum nicht auch alles andere, dieses Zimmer, die Bildschirmwand, die Ärztin sein ganzes Bildschirmleben. (Möglicherweise nimmt er diese Tabletten schon seit Tagen und nicht erst, wie er glaubt, seit Stunden. Wie lange liegt der Besuch der Unbekannten zurück? Und was ist vorher gewesen? Gibt es überhaupt ein vorher?). Steht auf dem Beipackzettel nicht ausdrücklich sexuelle Stimulation? (Das kann diese Szenen erklären, die sie gemeinsam gesehen haben, diese ineinander und miteinander verschlungenen Körper.) Hat er nicht etwas von verworrenen Träumen gelesen - seine Autofahrten? - von deliranten Syndromen - der ganze Rest, sein Leben als Arzt? Wenn er sich aber alles eingebildet hat, alles, einschließlich des Attentates, das auf ihn verübt worden ist, dann hat er kein Schädel-Hirn-Trauma, dann braucht er aber dieses Medikament auch nicht. Dann darf es kein Encephatil geben. Ohne Encephatil gibt es aber auch keine Nebenwirkungen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, das ist ihm nicht entgangen. Er steht vor seinem verworrenen und höchst unlogischen Gedankengebäude, und ihm schwirrt der Kopf. Sogar ein wenig schwindlig ist ihm. Die Wände scheinen zu wanken und das Bett scheint zu schwanken. Übelkeit steigt in ihm auf. Er schließt die Augen. Einige Minuten lang bemüht er sich, tief und gleichmäßig zu atmen, an nichts zu denken.

Dann nimmt er wieder den Beipackzettel zur Hand. Dort findet er einen letzten Hinweis: Nicht länger als nötig anwenden! Das ist fettgedruckt.

 

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Am nächsten Morgen ist die Ärztin wieder da. Erst dann weiß er, dass es ihm tatsächlich wieder besser geht. So als dürfe er eine bestimmte Schwelle des Krankseins nicht überschreiten, um als behandelbar zu gelten, scheint auch die Anwesenheit der Ärztin, scheint auch die mnemographische Aufarbeitung seiner Vergangenheit nur bei stabiler gesundheitlicher Verfassung möglich oder wünschenswert. Jenseits davon gibt es nur Encephatil.

Pünktlich nach dem Frühstück kommt sie herein, und es ist beinahe wie das erste Mal: sie hat ihre Kladde unter dem Arm geklemmt, der weiße Kittel ist geöffnet, darunter trägt sie Jeans, unauffällige Schuhe und einen dünnen dunklen Pullover. Einen Augenblick lang meint er, sie habe abgenommen. Ihre Kleidung erscheint ihm weiter, ihr Gesicht knochiger als sonst. Möglich, dass es ihre Augen sind, die Schatten, die sich darunter gelegt haben, die diesen Eindruck verstärken.

Sie sei krank gewesen, berichtet sie. Nur eine Grippe. Sie lächelt angestrengt, vielleicht in gespielter Tapferkeit. Es tue ihr leid, dass sie nicht habe kommen können. Sie hätten Bescheid geben lassen können, will er einwenden und unterlässt es. Genauso, wie sie seine Fragen nach den genaueren Umständen seines Aufenthaltes, der Einrichtung, in der sie sich befinden, nach seiner Familie oder den Erfolgsaussichten der Behandlung nicht beantwortet, nicht beantworten will oder kann, genauso wenig wird sie sich zu einer solchen Frage äußern.

Die wenigen Male, als er insbesondere am Anfang versucht hat, Informationen gleich welcher Art aus ihr heraus zu bekommen, hat sie ihn stets mit dem gleichen, teils ratlosen, teils mitleidigen Blick angesehen. Es gefährde den Behandlungserfolg, hatte sie dann behauptet. Manchmal hatte sie sich auch damit beholfen, auszuweichen. Sie kenne die Antwort selbst nicht, hatte sie dann gemeint, sie könne nicht für ihn entscheiden, was richtig oder falsch, was wahr oder unwahr sei. Gestand er ihr diesen Standpunkt zu, was Fragen seines früheren Lebens, seines Bildschirmlebens, anging, so konnte dies zweifellos nicht gelten, wenn er sie um den Namen des Krankenhauses oder den Standort des nächsten Telefons bat. Und doch hat er sich bald mit ihrem Unwillen oder Unwissen abgefunden. Auch die kunstvollsten Fragen, die raffiniertesten Tricks würden nichts Nennenswertes aus ihr herauslocken. Dass sie auf seiner Seite steht, davon ist er überzeugt. Auch dass sie ihm eine Hilfe ist auf der Suche nach seinen verlorenen Erinnerungen, nach seinem wirklichen Ich, spürt er. Welcher Art diese Unterstützung ist, ob sie mehr moralischer oder tatsächlich therapeutischer Art ist, weiß er nicht, und vielleicht, so denkt er manchmal, ist das auch nicht wichtig.

Ihr Lächeln hat sich entspannt, freundlich sagt sie: „Ich freue mich, dass es Ihnen besser geht.“

Er fragt sich, ob ihm das wirklich anzusehen, wie groß der Unterschied zu ihrem letzten Zusammentreffen sei und ob jemand, der die letzten Tage und Stunden, sein Dahinvegetieren am Rande der Besinnungslosigkeit oder von schlimmerem nicht erlebt hat, sich wirklich ein Urteil über seinen Gesundheitszustand oder gar über eine Veränderung desselben erlauben könne.

„Auch ich freue mich, dass es Ihnen besser geht.“ Er fühlt sich erholt genug, um zu der Ironie zurückzukehren, mit der er ihr gegenüber ein ums andere Mal seine Hilflosigkeit überspielt hat.

Ob er sich fit genug fühle, um mit den Sitzungen weiterzumachen, will sie wissen. Er nickt. Dann fällt ihr Blick auf die Encephatil-Packung auf dem Nachttisch. Sie nimmt die Schachtel in die Hand, wirft einen flüchtigen Blick auf die Angaben zur Zusammensetzung der Wirkstoffe und legt sie gleichgültig wieder zurück. Er beobachtet sie dabei.

„Das reinste Wundermittel“, meint er im gleichen Tonfall wie vorhin.

Sie schaut auf. „Wie lange nehmen Sie das schon?“

Er zuckt mit den Schultern. „Sollten Sie das nicht wissen?“

Sie öffnet ihre Kladde, schaut hinein, prüfend, als stehe dort tatsächlich der Behandlungsplan: Medikamente, Uhrzeiten, Dosierungsanleitungen. „Jedenfalls scheint es zu wirken“, sagt sie leichthin.

„Wogegen es auch immer wirkt.“

Erstaunt sieht sie ihn an. „Es geht Ihnen doch besser! Sie waren doch sehr erschöpft letzte Woche.“

„Ich dachte auch mehr an die Nebenwirkungen. Oder sind das gar nicht die Nebenwirkungen, sondern die Hauptwirkungen?“

Die letzte Frage überhört sie. Besorgt fragt sie stattdessen: „Wieso? Hatten Sie Beschwerden?“

„Wie man's nimmt. Ich dachte plötzlich, ich hätte gar nicht das Gedächtnis verloren, sondern sei mit einem akuten schizophrenen Anfall in die Psychiatrie eingeliefert worden.“

Die Ärztin nickt. „Leichte Paranoia, Realitätsverlust. Das kommt schon mal vor. Selten zwar, aber immerhin.“ Sie denkt kurz nach. „Und jetzt, was glauben Sie jetzt?“

Wieder zuckt er mit den Achseln, was im Liegen eher wie eine Verrenkung oder eine Lockerungsübung aussieht. „Ich glaube, dass alles Mögliche passiert sein kann.“ Er betont das alles, als umschließe es das Äußerste, was der menschlichen Vorstellung zugänglich sei.

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„Hm, hm“, erneut lässt sie einige Sekunden verstreichen, in denen sie nachzudenken scheint. „wenn's nicht besser wird, sollten wir über eine Alternative nachdenken.“ Sie murmelt ein paar Namen vor sich hin, die sich wie Risataron, Ergomed, Duratrop und Memobrain anhören. „Manchmal treten paradoxe Wirkungen auf“, fügt sie hinzu. „Das gilt übrigens für viele Medikamente. Schlafmittel verursachen Übererregbarkeit, Sedativa Angst...“ Sie bricht ab. „Aber das wissen Sie ja selbst am besten.“

„Sie meinen, das Medikament sollte das Gegenteil bewirken und Wahnvorstellungen oder Realitätsstörungen abbauen?“ Er denkt an die chronisch-schizophrenen Rest- und Defektzustände, von denen auf dem Beipackzettel die Rede ist.

„Ja, sicher.“ Sie beeilt sich hinzuzufügen: „Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich ist das nicht Ihre Indikation. Sie bekommen Encephatil unterstützend, um die Folgen Ihrer schweren Kopfverletzung zu lindern.“ Wieder diese kurze Pause, als müsse sie überlegen, was sie ihm erzählen könne oder dürfe. „Und doch, in ihrer Situation, kann sich das Medikament auch darüber hinaus als nützlich erweisen.“ Sie stockt. „Wir sprachen doch schon einmal darüber, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen?“ Es ist keine richtige Frage. „Natürlich sind Sie nicht verrückt. Aber ihr Gedächtnisverlust kann dazu führen, dass sich bestimmte“, sie sucht nach Worten, „Verzerrungen, Übertreibungen“, sie fuchtelt mit den Händen in der Luft herum, als könne sie damit tatsächlich die treffendere Bezeichnung einfangen und festhalten, „Auslassungen ergeben. Beschönigungen... Sie wissen, was ich meine.“ Sie sucht nach einem Beispiel, einem Bild, mit dem Sie das Gesagte verdeutlichen kann, einem Gleichnis, das dem Sachverhalt ein harmloseres Gewand umzuhängen vermag. Keinesfalls will sie ihn noch mehr beunruhigen. „Stellen Sie sich vor, Sie haben alle Ihre Dokumente verloren: Ausweis, Führerschein, Familienstammbaum, Arbeitsbescheinigungen, Zeugnisse, Diplome, einfach alles. Stellen Sie sich weiter vor, die Behörden, Versicherungen, das Finanzamt oder wer auch immer, hätten ebenfalls keine Angaben mehr über Sie gespeichert oder nur einen kleinen Teil davon.“ Er will protestieren, und deshalb fügt sie schnell hinzu: „Ich weiß, das ist unmöglich. Versuchen Sie, es sich einfach vorzustellen.“ Sie holt tief Luft. „Plötzlich bekommen Sie die Möglichkeit, all die verlorenen Papiere neu ausstellen zu lassen. Wie sagt man? Nach Treu und Glauben oder so. Sie brauchen nur etwas glaubhaft zu machen und schon steht es schwarz auf weiß vor Ihnen. Summa cum laude in ihrer Promotionsurkunde, ein paar Jährchen weniger im Pass, der doppelte Kreditrahmen auf dem Kontoauszug Ihrer Hausbank, was weiß ich. Könnte man das irgendjemanden übel nehmen? Ist es nicht geradezu menschlich, ein paar Prozentpunkte mehr Rabatt bei der Autohaftpflichtversicherung oder einen höheren Rentenanspruch herausholen zu wollen?“ Sie hat schnell gesprochen und ihn dabei gespannt angesehen, unsicher, wie er das aufnähme. „Sehen Sie, und das ist genau das, was das Gehirn in einer solchen Situation macht. Es geht erst einmal den Weg des geringsten Widerstandes. Es vermengt das, was Sie waren, mit dem, was Sie hätten sein wollen, es schafft eine kunstvolle Einheit zwischen dem, was Sie sind, und dem, was Sie sein möchten. Im Übrigen sind es nicht immer Beschönigungen, die dabei herauskommen. Einige Patienten schaffen sich regelrechte Horrorszenarien...“

„Dann ist dieses Encephatil eine Wahrheitsdroge?“

Sie schüttelt den Kopf. „Nein. Es verhindert nur, dass Sie sterben. Aber das ist in gewisser Hinsicht das gleiche.“

 

Sie nehmen die Sitzungen wieder auf, und tatsächlich vollzieht sich eine bemerkenswerte Wandlung in dem, was sie sehen, in dem, was er Bildschirmleben nennt. Der Glanz blättert ab, verblasst, verwittert, als sei er Jahrhunderte lang einer aggressiven Witterung ausgesetzt gewesen, Salzwasser und Frost und die unerträgliche Hitze der Wüste. Zum Vorschein kommen die Umrisse eines anderen Lebens, ein armseliges, abstoßendes, entsetzliches Leben, eines, dass er sich Schritt für Schritt aneignen muss unter Schmerzen. Was bleibt, sind die Autobahnfahrten - und die Musik, das Nessun dorma aus Puccinis Turandot, das aus den unsichtbaren Lautsprechern dröhnt und Tag für Tag mehr zu einer seltsamen Beschwörung von etwas wird, das er nicht kennt oder erkennt, eine Botschaft, deren Sinn er erfolglos nachspürt, während er an der Leitplanke entlang rast, immer die schmale Lücke der Straße vor Augen, die ins Nichts hinausführt oder in etwas Unsichtbares, Unbekanntes.

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Kapitel 6

Es fing damit an, dass er die Augen aufschlug.

Das Schrillen des Telefons füllte den Raum, und er brauchte ein paar Sekunden, um sein Herz zu beruhigen, das in seiner Brust sprang, als sei das Klingeln tatsächlich der Feueralarm, den er noch wenige Sekunden zuvor geträumt hatte.

Er war schlagartig wach und bis auf diese Unruhe, die in ihm trommelte, vollkommen leer. Doch dieser Zustand währte nur einen Bruchteil jener Zeit, die seine Hand brauchte, um zum Apparat zu greifen. So wie Blut erst mit der Verzögerung der vom Schock verengten Gefäße in die Wunde schoss, schossen auch die Erinnerungen erst jetzt in sein Bewusstsein. Sein erster Gedanke galt der anbrechenden Woche, die wie die aufgeschlagene Seite eines Terminkalenders vor ihm lag, an die vielen Dinge die bis Sonntag zu erledigen waren.

 

Zu den Bildern, die über die Bildschirmwand flimmern, zum Spüren seines Körpers, seiner physiologischen Funktionen, zu den Erinnerungen, die sich eingestellt haben und ihm so nahe sind, als handele es sich tatsächlich um sein vergessenes Leben, zu all diesen Empfindungen gesellen sich echte Gefühle: Wut, Angst und Trauer, Hoffnungen, Wärme und Kälte, Anziehung und Ablehnung – Bedeutung. Wieder einmal staunt er über die Kraft der Mnemographie. Und so wie das erste Mal, als er in das Leben des bewundernswerten Martin Dorint eingetaucht ist, in das gute Leben, wie er es bei sich getauft hat, weiß er auch diesmal, dass er er ist. Sicherer fast als beim ersten Mal.

 

Es war Montag, das wusste ich jetzt, ohne nachrechnen zu müssen, wenige Tage vor meinem fünfzigsten Geburtstag. Es muss kurz nach sechs Uhr morgens gewesen sein, als mich Katrin Raabe, meine persönliche Sekretärin, anrief. Susanne Hallweg liege im Sterben, sei schon mehr tot als lebendig, habe sich offenbar vergiftet, in selbstmörderischer Absicht, wie zu vermuten war, denn ein Brief lag auf ihrem Nachttisch, ein Abschiedsbrief allem Anschein nach.

Seltsamerweise löste diese Nachricht eine tiefe Bestürzung in mir aus. Das lag nicht nur daran, dass sie mich völlig unvorbereitet traf, auch wenn ich unser Gespräch vor ein paar Tagen jetzt in einem anderen Licht sah. Ich empfand Trauer. Dieser Verlust traf und betraf mich mehr als es der Tod eines beliebigen Patienten vermocht hätte. Und dann gab es noch etwas anderes. Etwas, was am ehesten mit Schuld hätte umschrieben werden können, mit Selbstvorwürfen, mit schlechtem Gewissen möglicherweise und, ja, mit Angst.

Vielleicht hatte ich es deshalb so eilig, in die Klinik zu kommen, vielleicht meinte ich, noch etwas tun, etwas wiedergutmachen zu können, so als sei ich es ihr schuldig, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um sie zu retten, oder wenigstens, an ihrem Bette sitzend, ihr in ihrem Todeskampf beizustehen.

Tatsächlich war es ein Todeskampf. Das sah ich sofort. Sie schien starke Krämpfe zu haben, hatte sich mehrfach erbrochen und sah grau, fast grün aus. Speichel lief ihr aus dem Mund und eine gelbliche Flüssigkeit. Frau Simoni, die Pflegedienstleiterin, stand im Zimmer, daneben Katrin, ihnen gegenüber ein Pfleger. Sie alle starrten gebannt auf das Bett, auf diesen Körper, der sich hin und her warf, wie in einem epileptischen Anfall. Sie hatten ihr den Arm mit der Infusionsnadel festgebunden und auch die Magensonde mit Klebeband befestigt.

„Paracetamol.“ Das war das erste Wort, das fiel, als ich den Raum betrat, und es war Frau Simoni, die es lapidar aussprach. Sie hatte sich dabei kaum umgedreht und mich aus den Augenwinkeln nur gestreift, so als hänge Susannes Überleben von der konzentrierten Aufmerksamkeit von ihnen allen ab, einer kollektiven geistigen Anstrengung, aus der niemand ausscheren durfte, ohne die Bemühungen der anderen in Frage zu stellen.

„Wie viel?“

„Zehn-, Zwölftausend.“

„Wann?“ Auch mich hatte die Szene in ihren Bann gezogen. Automatisch hatte ich mich eingereiht, starrte wie sie auf das Bett, unfähig, mehr als einzelne Worte auszusprechen oder aufzunehmen.

„Vierundzwanzig Stunden. Vielleicht ein paar mehr.“

„Blutwerte?“

„Hundertachtzig Milligramm.“

„Behandlung?“

„Acetylcystein.“

Das Übliche. Genauso wie sie wusste ich, dass es nichts mehr nutzen würde, dass es zu spät war. Es konnte noch Tage dauern, bis der Tod oder wenigstens das Koma eintrat, und ich wunderte mich über Susannes Selbstzerstörungswillen, über die verzweifelte Energie, die sich darin äußerte, sich einem solch grauenvollen Tod zu stellen. Zweifellos war sie sich im Klaren gewesen, was sie tat, hatte sich bewusst dafür entschieden. Als Medizinstudentin hatte sie um die verheerende Wirkung einer Überdosis Paracetamol zweifellos gewusst.

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Plötzlich stieg Wut in mir auf. Ihr Tod würde zu einer gut inszenierten, lang anhaltenden Anklage werden. Sie hatte die Tabletten in der Nacht zum Sonntag eingenommen, hatte die ersten Symptome, die sich vermutlich am nächsten Tag eingestellt hatten, überspielt. Begünstigt von der Wochenendruhe und der reduzierten Besetzung war niemandem etwas aufgefallen. Dass sie jetzt, am Montagmorgen, gefunden werden würde, hatte sie eingeplant, sicher, dass es dann zu spät wäre. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Ursache der Vergiftung zu verbergen. Die leere Paracetamol-Packung lag in der Schublade. Sie würde noch einige Tage leben, zeitweise sogar bei Bewusstsein sein, apathisch zwar, aber noch klar genug, um halbwegs mitzubekommen, was geschah. Es würde ein unübersehbarer Tod werden, ein einziger lauter nicht verstummender Schrei der Anklage.

„Sofort in die Uniklinik verlegen. Die sollen Verbindung zu Eurotransplant aufnehmen und alles vorbereiten.“ Katrin nickte und ging eilig hinaus. Die Chancen standen Zwei zu Hundert, aber ich wollte nichts unversucht lassen. Wenn sich in den nächsten achtundvierzig Stunden eine Spenderleber fände, hatte sie eine Chance, dann konnte sie es trotzdem schaffen.

Jetzt hatte ich es ebenfalls eilig, hinaus zu kommen, ertrug ich dieses blutleere, fast schon verwelkte Gesicht nicht mehr, auf den Schweißperlen der Anstrengung standen, die Magensonde, die in ihrem Mund zuckte, wie ein gefangenes Tier. Mein Gott, dachte ich, sie war doch erst Dreiundzwanzig!

Katrin stand in ihrem Büro und rauchte eine ihrer Mentholzigaretten. Bis auf dieses hastige Ziehen, eine Abfolge kurzer und abgehackter Bewegungen, schien sie völlig abwesend. Ausdruckslos blickte sie aus dem Fenster in die Dämmerung des anbrechenden Tages, der anbrechenden Woche hinaus. Sie wirkte wie ein Mensch, der gerade gekommen ist oder kurz davor steht zu gehen, der zwischen diesem Kommen und Gehen steckengeblieben ist und sich verwundert zu erinnern versucht, was zu tun sei, erstaunt über die Leere, die vom Kopf Besitz ergriffen hat.

„Sie wird gleich abgeholt.“

Ich nickte. „Was ist mit diesem Abschiedsbrief?“

Wortlos griff sie in die Tasche ihrer Jacke und zog einen zusammengefalteten Umschlag heraus. Ohne sich umzudrehen, reichte sie ihn mir.

„Wer weiß noch davon?“

„Nur Frau Simoni.“

„Hast du ihr gesagt, dass sie es für sich behalten soll?“ Wenn wir allein waren, duzten wir uns.

„Ich habe es ihr gesagt.“

„Danke.“

Sie erwiderte nichts. Ich warf ihr einen letzten Blick zu und ging in mein Büro. Unbeweglich stand sie mit dem Rücken zu mir, starrte geradeaus, als beobachte sie etwas oder als horche sie in sich hinein. Rauch drang ihr aus der Nase und dem halb geöffneten Mund, kräuselte sich zu flüchtigen Schwaden.

Schwer ließ ich mich in meinen gepolsterten Schreibtischstuhl fallen. Ich hätte gern Kaffee getrunken, mochte aber Katrin jetzt nicht darum bitten. Susannes Brief lag vor mir. Mein Name stand darauf. Ich wusste, was er enthielt oder konnte es mir denken. Für einen Augenblick überkam mich der Impuls, ihn zu zerreißen oder in den Aktenvernichter zu stecken. Ich stellte mir das Häufchen Konfetti vor, unzählige Papierschnipsel, die ich aufbewahren oder verstreuen konnte, als seien sie tatsächlich Susannes Asche, die Überreste jenes Körpers, der sich ein Stockwerk über mir zum Sterben anschickte. Niemand hätte dann Rückschlüsse auf den Inhalt, auf die ursprüngliche Form ziehen können. Stattdessen faltete ich den Umschlag wieder zusammen und schloss ihn in die unterste Schublade.

Ich dachte an den Anfang dieser unglückseligen Geschichte zurück, an den Tag, an dem Susanne Hallweg sich bei uns vorstellte, an das erste Gespräch, das ich mit ihr führte.

Es war im Vorjahr gewesen, mitten im Sommer, und durch die offenen Fenster flutete die Sonne ins Zimmer. Katrin brachte sie herein, und ich erinnere mich noch gut an den missbilligenden Blick von Susannes Mutter (sie waren zu zweit gekommen), mit dem sie den üppigen Busen meiner Sekretärin bedachte, der sich in ihren Augen offenbar ungehörig aus dem Ausschnitt ihrer pfirsichfarbenen Bluse aufwölbte und unter dem knapp sitzenden Stoff deutlich abzeichnete. Für einen Augenblick dachte ich sogar, sie würde auf der Stelle kehrt machen und den vermeintlichen Sündenpfuhl verlassen, in dem sie um ein Haar ihre hilflose Tochter zurückgelassen hätte. Stattdessen bedachte sie auch mich mit einem langen prüfenden Blick, und es gelang mir offenbar, ihren Verdacht zu zerstreuen, welchen sie auch immer gehegt haben mochte, denn sie schob Susanne vor sich her zu einem der Stühle und hielt mir eine dürre trockene Hand entgegen.

Die alte Hallweg war eine knochige, verbitterte Frau, der man ohne zu Zögern zehn oder fünfzehn Jahre mehr als ihre fünfundvierzig gegeben hätte. Augen und Mund strahlten ein tiefes Misstrauen aus, eine innere Anspannung, die stets in Rückzug zu münden drohte und die sich unwillkürlich auf all jene übertrug, mit denen sie umging. Man meinte, sie äußerst vorsichtig behandeln zu müssen. Jedes fahrlässig ausgesprochene Wort, ein gedankenloser Scherz, sogar ein falsch interpretierter Blick konnte ein Gespräch mit ihr zum Scheitern verurteilen.

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Dann funkelte sie einen an, ohne etwas zu sagen, und man konnte auf sie einreden, konnte versuchen, den offensichtlichen Fehltritt wieder gut zu machen, ohne sie jedoch zu erreichen. Später sollte ich ihren regelmäßigen Besuchen, in denen sie sich nach den Fortschritten der Behandlung ihrer Tochter erkundigte, mit Grausen entgegensehen. Sie hatte sich vor Jahren scheiden lassen und traktierte seither ihre Tochter mit einer Mischung aus übermäßiger Fürsorge, die offenbar schlechtem Gewissen geschuldet war, mütterlicher Strenge und einem für mich nicht nachvollziehbaren allumfassenden Vorwurf. Einer Mischung, die der Tochter allem Anschein nach nicht bekommen war, denn sie schien, interpretierte ich das Missverhältnis zwischen Kleidung und Inhalt richtig, magersüchtig zu sein. Außerdem drückte sich in ihrem Verhalten, der Art, wie sie saß, wie sie die Beine zusammenpresste, wie sie mich verstohlen beobachtete eine kindliche Naivität aus, die nicht zu ihrem biologischen Alter passen wollte. Sie wirkte auf eine seltsam beunruhigende Weise unreif und altklug zugleich. Eine Wirkung, die durch die stark geschminkten Augen und die blutrot angemalten Lippen unterstrichen wurde. Das war jedenfalls die erste Diagnose, die ich nach etwa zwei Minuten im Stillen stellte. Seit meiner Studentenzeit machte ich mir einen Spaß daraus, aus wenigen Sätzen, dem Gang eines Menschen, dem Ausdruck seines Gesichts, eine ganze Krankengeschichte zu entwickeln. Dass ich damit oft genug falsch gelegen habe, versteht sich von selbst, und auch dieses Mal sollte ich das ganze Ausmaß ihrer beider Probleme erst viel später verstehen.

Während wir uns gegenübersaßen und ich meine Fragen stellte, beobachtete ich die beiden Frauen. Es war ein unverbindliches Erstgespräch, das hatte ich der Mutter am Telefon gesagt, auch wenn ich bereits zu jenem Zeitpunkt nicht abgeneigt gewesen war, die Tochter nach dem Sommer aufzunehmen. Schließlich wurden dann wieder einige Betten frei, die ich nicht lange unbesetzt lassen konnte.

Selbst wenn ich Susanne direkt ansprach, kam ihre Mutter ihr immer wieder zuvor, und mein Kopf ging zwischen ihnen hin und her, als beobachtete ich einen langen Ballwechsel auf dem Tennisplatz. Die ganze Zeit musste ich mich rückversichern, ob die jeweils andere mit dem Gesagten einverstanden war, was, mangels laut ausgesprochenem Unmuts, nur an Winzigkeiten abgelesen werden konnte: ein spöttisch gehobener Mundwinkel, ein Zurücklehnen, ein Verschränken der Arme bei der Tochter, ein Verkrampfen der Hände, ein Zusammenpressen der Lippen, ein leises Schniefen bei der Mutter. Nach fast einer Stunde hatte ich nur so viel erfahren, dass Susanne, wie ich bereits vermutet hatte, seit Jahren anorektisch war (was der eigentliche Grund für ihren Besuch war), darüber hinaus aber auch an gelegentlichen Depressionen und Autoaggressionen litt.

Letztere hatten sich in eher milden Formen von Selbstverstümmelung geäußert: in Verbrennungen, Schnitten und Stichen, einmal vor längerer Zeit in einem heftigen Anfall von fortgesetzten Aufschlagens des Kopfes, was ihr eine Platzwunde und eine leichte Gehirnerschütterung eingebracht hatte, ohne jedoch Narben oder andere sichtbare Spuren zu hinterlassen. Einen Selbstmordversuch hatte sie bis zu jenem Zeitpunkt nicht unternommen. All das reichte natürlich aus, um eine stationäre Aufnahme zu rechtfertigen, und doch spürte ich an jenem Vormittag, dass diese junge Frau ein überaus schwieriger Patient war, vielleicht spürte ich sogar bereits zu jenem Zeitpunkt, dass sie einen Haufen Ärger machen würde. Das war sicherlich kein Grund, sie abzulehnen, zu vertrösten oder woanders hin zu empfehlen, und doch gab mir dieser innere Widerstand, der sich schon nach wenigen Minuten einstellte, zu denken. Verstärkt wurde dieses Gefühl von der Art, wie sie mich ihrerseits beobachtete, dem spöttischen Zug um ihren Mund, dem scheinbar unmotivierten Lächeln, mit dem sie mich ein paar Mal selbstzufrieden oder provozierend bedachte, dem durchdringenden Blick ihrer braunen, fast schwarzen Augen, dem ich immer wieder auswich. So war ich froh über den Schreibtisch, der zwischen uns stand, hinter dem ich mich notfalls wie hinter einem Bollwerk verschanzen konnte im ganzen Glanz meiner Autorität.

Schließlich verblieben wir so, dass Susanne nach den Schulferien aufgenommen würde (die Mutter war Lehrerin und sie gedachten in diesem Jahr einige Wochen zusammen auf Mallorca zu verbringen), was die Ältere mit Erleichterung, die Jüngere mit Belustigung aufzunehmen schien. Ich schickte sie zu Katrin hinaus, damit sie die Formalitäten erledigten. Als wir uns verabschiedeten, nahm mich die Mutter noch einmal kurz beiseite. „Sie ist ein schwieriges Kind“, ihre Stimme schwankte zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung, „aber, trotz allem, sie ist auch ein sehr liebes Kind. Sie werden sehen. Ich hoffe, sie können ihr helfen.“ Dann verschloss sich ihr Gesicht wieder, und der Ton ihrer Stimme wurde härter, fast drohend. „Herr Doktor, ich verlasse mich auf Sie.“ Susanne beobachtete uns währenddessen gleichgültig aus der Entfernung, und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, sie wisse genau, was ihre Mutter mir zu sagen hatte.

Jetzt, ein dreiviertel Jahr später, wünschte ich mir, ich hätte damals auf meine innere Stimme gehört, und Mutter und Tochter abgewiesen. Es wäre ein Leichtes gewesen. Schließlich gab es eine ellenlange Warteliste, und trotz der Überbelegung, die ich angeordnet hatte, eine Maßnahme, die den sehr knappen von den Trägern vorgegebenen finanziellen Spielraum etwas erweiterte, was zwar nicht ganz legal, aber dennoch nicht unüblich war, trotz dieser auf einhundertundzehn Prozent erhöhten Kapazität hatten wir keine Mühe, unsere Betten zu füllen. Außerdem konnte ich jederzeit, sollte ein Leerstand drohen, den einen oder anderen Patienten meiner Privatpraxis von einer stationären Aufnahme überzeugen.

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Ich saß hinter meinem Schreibtisch und starrte auf die beiden Besucherstühle, als säßen die beiden Frauen noch immer dort, zwei halb durchsichtige Schemen, die aus einer anderen Welt in die meine gedrungen waren. An diesem Vormittag hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, abzurutschen, auf einer abschüssigen Straße einem unbekannten Ziel entgegen zu schlittern. Noch stand ich oben, hatte höchstens ein paar Meter dieser glatten und schlüpfrigen Strecke zurückgelegt und es gab eigentlich nichts, was die Vermutung nahegelegt hätte, ich könnte tatsächlich fallen, hinunter den ganzen Weg bis zum Ende. Und doch hatte Susannes Selbstmord, ein Ereignis, das sich zwar noch nicht im eigentlichen Sinne zugetragen hatte, dessen Eintreten ich mir jedoch gewiss war, den Anstoß gegeben. Einen Stoß vielmehr, der mich schwanken ließ auf unsicheren Beinen, und plötzlich erschien mir mein bevorstehender fünfzigster Geburtstag nicht mehr als der Tag des Triumphes, der Selbstdarstellung, den ich mit viel Mühe und Liebe zum Detail inszeniert hatte, sondern als ein Tag der Abrechnung.

Seit Jahren, Jahrzehnten hatte ich es verstanden, heraufziehende Katastrophen rechtzeitig zu erkennen. Irgendwie war es mir immer gelungen, das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden. Ich hatte improvisiert, hatte meine Beziehungen spielen lassen, manchmal hatte es mich Geld gekostet, viel Geld, schließlich war ich aber aus allen Unbilden und Unwägbarkeiten gestärkt hervorgegangen. Und vielleicht war es mein sechster Sinn für die Gefahr gewesen, der mich mächtigen Koalitionen hatte widerstehen lassen, rachsüchtiger Feinde oder kleinlicher Gegner. So hatte ich mich durch die eine oder andere Krise laviert, teils diesseits, teils jenseits der Legalität. Jedes Mal war ich sicher gewesen, die richtigen Antworten zu finden, die richtigen Mittel. Wenn man ein ganzes Leben auf eine bestimmte Art und Weise gemeistert hat, dann sieht man keinen Grund dafür, es könnte sich irgendwann ändern, ein solch erfolgreiches Rezept könnte sich einmal als nutzlos erweisen. Vielleicht bringt genau dies einen Menschen dazu, zum zwanzigsten Mal eine Bank zu überfallen, während sich alle anderen fragen, warum er sich in Gottes Namen nicht mit den neunzehn davor zufrieden gegeben hat. Hat er nicht das Schicksal selbst herausgefordert? Andererseits hätte es auch das zwanzigste Mal gut gehen können, und wenn er sich mit dem neunzehnten zufrieden gegeben hätte, warum dann nicht mit dem achtzehnten, dem siebzehnten und so fort? Wo war die Grenze? Wenn man sie sah, dann war es zu spät. Wenigstens das schien festzustehen. An diesem Montag beschlich mich zum ersten Mal der Verdacht, es könnte auch in meinem Leben nicht immer so weitergehen, ich meinte sogar, dass dieses immer keine Frage von wenigen Jahren oder Monaten sei, sondern eher von Wochen, von Tagen vielleicht. Ich meinte, ich könnte diese Grenze bereits sehen, sei schon gegen sie gestoßen, und auch ich fragte mich, warum ich nicht genügsamer gewesen war, warum es Susanne bedurft hatte, um jenseits dessen zu gelangen, was ich noch meistern zu können glaubte.

 

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Kapitel 7

Wie die nächsten Stunden vergingen, weiß ich nicht mehr. Es bleibt eine Lücke, eine Unschärfe, eine jener vielen blinden Stellen, die meine Erinnerungen durchziehen, als habe sich Dunst oder Nebel, ein weißliches, waberndes Gas darüber gelegt. Wahrscheinlich starrte ich weiter auf die beiden imaginären Gestalten in den Stühlen vor mir, stellte mir dieses und jenes vor: Enthüllungen, Verleumdungen, Katastrophen verschiedener Herkunft und Einfärbung. Vielleicht drehte ich auch eine Runde durch das Haus oder schlief einfach ein, zurückgelehnt im Leder meines Bürostuhls. Dann träumte ich vermutlich von jenen Katastrophen, die ich mir sonst nur ausgemalt hätte.

Gegen Elf jedenfalls klingelte das Telefon. Es war die Durchwahl, und deshalb wusste ich, dass es ein eher privates Gespräch sein würde. Hans Georg Eisele war am Apparat, mein Anwalt. Er müsse mich dringend sprechen. Wir verabredeten uns zum Mittagessen.

Hage und ich kannten uns seit unserer gemeinsamen Studienzeit. Wir waren in der gleichen studentischen Verbindung gewesen, hatten mehrere Semester Tür an Tür gewohnt und uns von Anfang an gemocht. Sein Spitzname war nichts anderes als die Abkürzung seiner beiden Vornamen, HG also, eine Abkürzung, die er von einem zweisemestrigen Auslandsaufenthalt in Norwegen oder Schweden mitgebracht hatte und die wir, Freunde und Kommilitonen, bereitwillig übernahmen, war ihm doch das gewohnte Schorsch offenbar weniger lieb.

Wie so oft in einer Verbindung hatten wir diese persönliche Beziehung auch nach unserer Studienzeit zum gegenseitigen Nutzen weiter gepflegt. Er beriet mich in allen rechtlichen Fragen und half auch bei manch einer Geldangelegenheit, wusste den einen oder anderen Tipp beizusteuern, wenn es galt, Verträge oder Finanzierungen günstiger zu gestalten oder mich vor den Untiefen und Klippen des Wirtschaftslebens zu schützen. Im Gegenzug fungierte ich als sein Leibarzt, eine angesichts seines Übergewichts und starken Zigarrenkonsums undankbare Aufgabe.

Er hatte am Telefon nicht mit der Sprache herausrücken wollen, und ein paar Minuten lang grübelte ich darüber nach, was es wohl so wichtiges gäbe, dass er sich Zeit für ein so kurzfristiges Treffen genommen hatte. Hage hatte sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert und war ein bundesweit gesuchter Vergleichs- und Konkursverwalter geworden. Er galt als arbeitnehmerfreundlich, und so erfreute er sich großer Beliebtheit bei den Gewerkschaften und jenen Wirtschaftszweigen, in denen es die erweiterte Mitbestimmung gab. Mittlerweile beschäftigte seine Kanzlei eine unüberschaubare Schar von Anwälten, die sein Ansehen und Vermögen mehrten. Seit Jahren sah ich ihn häufiger im Fernsehen, als dass wir uns tatsächlich persönlich gegenübergestanden hätten. Es musste lange her sein, dass wir das letzte Mal zusammen im Gamberetto zu Mittag gegessen hatten.

Um meine immer noch düsteren Gedanken zu zerstreuen, drückte ich den Knopf der Gegensprechanlage. „Katrin? Könntest du bitte kommen? Ich möchte noch einmal den Ablauf des Sonntags durchgehen.“ Das hatten wir zwar schon am Freitagnachmittag in aller Gründlichkeit getan, und es war nicht anzunehmen, in der Zwischenzeit habe sich etwas Neues ergeben, und doch verspürte ich das dringende Bedürfnis, mich noch einmal in die Einzelheiten dieses Tages zu vertiefen. Außerdem wollte ich nichts dem Zufall überlassen.

Wenn Katrin meine gedrückte Stimmung auffiel, so ließ sie sich nichts anmerken. Sie selbst schien ihre Fassung wiedergefunden zu haben. Im Vergleich zum frühen Morgen, als sie wie abwesend hinaus aus dem Fenster oder einfach ins Nichts gestarrt hatte, wirkte sie nun aufmerksam, fast dienstbeflissen. Und doch blieb eine Kühle, die neu war. Vielleicht gab sie mir die Schuld für Susannes Selbstmordversuch, vielleicht war es mehr. Schon seit Tagen oder Wochen war sie zurückhaltender als sonst. Der vertraute Umgang zwischen uns war von einem geschäftsmäßigeren Ton überlagert, ersetzt worden - unmerklich. Möglich, dass ich zu beschäftigt gewesen war, um das zu bemerken, möglich, dass Susanne zuviel meiner Aufmerksamkeit beansprucht hatte. Erst jetzt, da sie vor mir saß, ein Bein über das andere geschlagen, spürte ich, dass etwas fehlte. Eine Verbindung zwischen uns, Blicke vielleicht, Gesten, eine Spannung, die sich übertrug, Verständnis oder Einverständnis, eine Gemeinsamkeit, die nicht ausgesprochen werden musste. Ich sah auf dieses runde Knie, über das sich der glitzernde Strumpf spannte, und versuchte, mir ihre Beine vorzustellen, ihre Hüften, die Rundung ihres Bauches, den schweren Busen mit seinen großen rotbraunen Höfen. Täuschte ich mich, oder kleidete sie sich seit einiger Zeit konservativer, weniger figurbetont? Wo waren die kurzen Röcke, die tiefen Ausschnitte geblieben? Sie bemerkte meinen Blick oder spürte ihn nur, so wie man die Anwesenheit eines Fremden am Kribbeln im Nacken verspürt, denn sie zupfte sich den Rock zu Recht, zog ihn einige Millimeter weiter über das Bein.

Sie war immer noch eine schöne Frau. Vielleicht war es diese neu entdeckte Fremdheit, die eine schwache Begierde in mir weckte, eine Begierde, die mich an alte, an gar nicht so weit zurückliegende Zeiten erinnerte und schließlich dazu verleitete, mehr scherzhaft als ernst zu sagen: „Zimmer 49 ist zur Zeit nicht belegt.“ Das Zimmer war tatsächlich frei. Herr König war wegen einer akuten Krise ins Psychiatrische Landeskrankenhaus zurückverlegt worden. Solange Aussicht auf seine Rückkehr bestand, wurde dieser Leerstand, wenn auch zu verringerten Tagessätzen, weiter bezuschusst. Und doch bedeutete dieser Satz mehr. Es spielte keine Rolle, ob es Zimmer 49 oder 19, Zimmer 38 oder Nummer 7 war. Jahre hindurch war dieser Satz unser Code gewesen. Er bedeutete, dass wir uns eine Viertelstunde später dort treffen würden.

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Kalt blickte sie vom Schnellhefter auf, den sie vor sich aufgeschlagen hatte. „Wenn du mich gerufen hast, um mir das zu sagen, dann hättest du dir das sparen können.“

„Ich kann mich an Zeiten erinnern, da du ganz scharf drauf warst.“

Abschätzig musterte sie mich. „Schwer zu glauben.“

Ich beschloss die Sache mit Humor zu nehmen. „Ja, die Zeiten ändern sich. Wir werden alle nicht jünger.“

„Bis auf die Frauen.“

Wieder lächelte ich. „Du irrst. Auch die Frauen werden älter. Besonders die.“ Ich zog es vor, das Thema zu wechseln. „Wie geht es dem Maestro?“ Ich hatte den stadtbekannten Musiker und Kabarettisten Gustav Gundelach für den Abend gewinnen können. Er würde als Conférencier durch das Programm geleiten und auch einige Lieder und Sketche zum Besten geben. Auf der Kleinkunstbühne groß geworden, war er zwischenzeitlich zum künstlerischen Aushängeschild der ganzen Region avanciert. Mit ihm wurde meine kleine Geburtstagsfeier zum gesellschaftlichen Ereignis, ohne ihn zur unbedeutenden Posse.

„Besser.“ Sie war so förmlich wie zuvor. „Ich habe ihn gerade noch einmal angerufen. Er meinte, er sei praktisch wieder gesund, ein wenig heiser noch. Aber das lege sich wohl in den nächsten Tagen.“

Ich atmete auf. „Gut. Einige Ansagen werde ich dennoch selbst übernehmen.“ Sie nickte. Auch das hatten wir schon hundert Mal durchgesprochen.

Und wir sprachen das ganze Programm ein weiteres Mal durch. Es stand unter dem Motto Genie und Wahnsinn, was nicht als Anspielung auf meine eigene Person gedacht war, zumal mich sowohl vom einen als auch vom anderen einiges trennte. Es war ein Stück Tradition, dass unsere Einrichtung auch eine Reihe psychisch kranker Künstler beherbergte, Maler zumeist, aber auch Dichter, Bildhauer oder Musiker. Von einer alternativen Künstlerkolonie zu sprechen, wäre übertrieben gewesen, und doch hatte unter unserem Dach in den letzten zwanzig Jahren manch eine Künstlerpersönlichkeit gewohnt, die sich später in der Kulturszene über den enger umgrenzten lokalen Bereich hinaus einen Namen gemacht hatte. Am bekanntesten war der Maler Thomas Selig geworden, dessen schizophrene Visionen, riesige Gemälde mit feinsten Ornamenten und zahllosen winzigen Details, an Rizzi erinnerten und heute in manch einem Museum hingen.

Im Eingangsbereich unterhielten wir eine kleine Ausstellung mit weniger bedeutenden Ölbildern von ihm, einigen Zeichnungen und Plastiken. So war die künstlerische Förderung mehr und mehr zu einem Teil der hausinternen Arbeits- und Beschäftigungstherapie geworden.

Unsere Genie und Wahnsinn-Veranstaltungen fanden regelmäßig statt, meistens alle paar Jahre, wenn es die Umstände erlaubten, auch häufiger. Sie waren das Rückgrat der Presse- und Medienarbeit, mit der wir uns der Öffentlichkeit vorstellten und die Werbetrommel rührten. Das geschah allerdings weniger, um zukünftige Patienten anzulocken oder vom besonderen Reiz einer Unterbringung im Hause zu überzeugen. Eine gewisse Volkstümlichkeit erschien mir angesichts der Unwägbarkeiten der gesundheitspolitischen Diskussion unerlässlich. Gerade auf kommunaler Ebene musste Flagge gezeigt und eine möglichst breite Zustimmung sowohl in der Bevölkerung als auch bei den politisch Verantwortlichen erreicht werden. Als Benefizveranstaltungen brachten sie zudem Spendengelder ein, ein allerdings am Gesamthaushalt der Einrichtung gemessen eher unerheblicher Beitrag. Aber es waren nicht nur diese sicherlich richtigen und hehren Gründe, die mich dazu bewogen, wochenlang herumzutelefonieren, mich mit Absagen und Verschiebungen abzuplagen und wie ein Kreide fressender Wolf mit Engelszungen auf meine zaudernden Patienten einzureden, sie sollten ihre Angst vor dem öffentlichen Auftritt überwinden, sie könnten sich getrost diesem, aus therapeutischer Sicht durchaus heilsamen, wenn nicht gar unerlässlichen Stress aussetzen, oder was ich auch immer sagte, um sie dazu zu bewegen, sich und ihre Arbeit einem größeren Publikum vorzustellen. Tatsächlich hatte ich Spaß an der Organisation. Außerdem genoss ich diese kurze Zeit auf der Bühne, ich genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, Interviews zu geben, genoss die Artikel, die die lokalen Zeitungen und Anzeigenblätter pflichtschuldig druckten.

Dieses Jahr fiel die Genie und Wahnsinn-Gala nicht ganz zufällig mit meinem Geburtstag zusammen. Da die Einrichtung zudem auf ihr zwanzigjähriges Bestehen zurückblicken konnte, ein neuerliches glückliches Zusammentreffen, dem gleichfalls nachgeholfen hatte werden müssen, war der Abend als große Jubiläumsveranstaltung geplant. Wir erwarteten viel Lokalprominenz und verschiedene hochrangige Politiker, wenn auch der Bundeskanzler wie bereits andere Male zuvor nur von einem höheren Beamten, wenn wir Glück hatten von seinem Staatssekretär mit einer vollmundigen Entschuldigung vertreten werden würde.

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„Dann bleibt der Programmpunkt Hallweg wie vorgesehen?“

Wir waren fertig. Katrin Raabe hatte ihre Unterlagen wieder fein säuberlich zusammengelegt und mit den wenigen neuen Notizen in der roten Mappe verstaut. Für einen Augenblick fragte ich mich, ob sie ihre Frage ernst gemeint hatte. Doch sie hatte ihren dienstlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt und wartete auf meine Anweisungen. Es war die Miene eines Untergebenen, der ohne zu zögern auf Befehl alle lebenserhaltenden Systeme abschalten oder alle Aktien zum tiefsten Kurs verkaufen würde, eines Offiziers, der, sollte es der Diensthöhere anordnen, unverzüglich tausend seiner besten Soldaten in eine hoffnungslose Schlacht ohne Wiederkehr geschickt hätte. Nicht aus Gleichgültigkeit, gleichwohl aber in der festen Überzeugung, der andere habe die alleinige Verantwortung.

Tatsächlich hätte nach der Pause eines von Susannes Objekten versteigert werden sollen. Stillschweigend war ich über diesen Punkt hinweggegangen. Aus Pietät oder aus Verlegenheit. Es war kaum vorstellbar, ihre Arbeiten dem Publikum zu präsentieren oder in ihrem Namen Geld zu sammeln, während sie zum gleichen Zeitpunkt mit dem Tod Rang, möglicherweise kurz zuvor verstorben war. Das erschien mir allzu naheliegend, und es war kaum anzunehmen, Katrin sähe das anders.

Erfolglos versuchte ich, ihrem Gesicht mehr als diese unangreifbare beflissene Aufmerksamkeit zu entnehmen. Als handele es sich um ein unbedeutendes Detail, schüttelte ich dann zerstreut den Kopf. „Nein, wir versteigern einen unserer Seligs.“

In unserem Fundus im Keller hielten wir einige Bilder für besondere Anlässe in Reserve. Sie waren bares Geld wert und manchmal mehr als das. Während ein größerer Betrag zu Irritationen führen konnte, wechselte er in allzu eindeutiger Absicht den Besitzer, war ein ebenso wertvolles, aber weniger offensichtliches Geschenk ungleich besser dazu geeignet, unsere Dankbarkeit bei Gefälligkeiten, Rücksichtnahmen oder anderen zu unserem Gunsten geleisteten heiklen Diensten zu bezeugen. So waren die besten Stücke zwar bereits dem einen oder anderen nicht anders zu lösenden Problem zum Opfer gefallen und hingen in manch einer Villa der näheren und weiteren Umgebung, allein die Baugenehmigung für das zweite Haus hatte mich zwei seiner Frühwerke gekostet, im Keller stapelten sich aber noch Dutzende Aquarelle, von den unzähligen Zeichnungen gar nicht zu reden.

„Das war's?“ Sie war aufgestanden und im Begriff zu gehen.

„Ja, das ist erst einmal alles.“ Ich wartete bis sie die Tür erreicht hatte. „Katrin?“

„Ja?“ Sie war stehen geblieben. Ohne die Miene zu verziehen, sah sie zurück.

„Ich würde es bedauern, auf deine Dienste verzichten zu müssen.“

Wortlos ging sie hinaus.

Es war spät geworden. In der Innenstadt kreisten die Autos um die Parkhäuser und bildeten lange Schlangen vor deren Eingängen. Ich verfluchte, mich im Gamberetto mit Hage verabredet zu haben. Warum hatten wir uns nicht im Flughafencafé getroffen? Dort gab es genug Parkplätze. Schließlich stellte ich den Mercedes auf einen Anwohnerparkplatz in der Nähe des Arbeitsamtes ab und ging die paar Schritte zum Restaurant zu Fuß. Dennoch war ich mehr als eine Viertelstunde zu spät.

Hans Georg Eisele saß an seinem Ecktisch am Fenster, einer Art VIP-Tisch, den der Oberkellner für Persönlichkeiten seines Kalibers mit einem Reserviert-Schild vor der übrigen, zwar durchaus gut betuchten und hungrigen, aber nun mal weniger berühmten Klientel zu schützen wusste. Er hatte schon die Vorspeise bestellt und kaute mit halb geschlossenen Augen genießerisch auf einer hauchdünnen Scheibe rohen Rindfleisches herum, Carpaccio offenbar, wie ich mit Blick auf weiteres blutiges, mit Parmesankäse bestreutes und mit Olivenöl beträufeltes Fleisch feststellte. Dabei hatte er die Hände halb erhoben und hielt in der einen die Gabel, in der anderen ein langstieliges, mit Weißwein oder Prosecco gefülltes Glas.

Obgleich zwei Jahre jünger als ich, schien Hage bereits jene schwer bestimmbare Altersgrenze überschritten zu haben, nach der es auf ein paar Jahre, ein ganzes Jahrzehnt nicht mehr ankommt, etwas - und das war meine feste Überzeugung -, das Menschen dann auszustrahlen pflegen, wenn sie sich nicht mehr für das andere Geschlecht interessieren, oder für das gleiche, was naturgemäß von der jeweiligen sexuellen Orientierung abhängt. Letzteres traf eher auf meinen Freund zu. Wenn er jemals an dem interessiert gewesen war, was landläufig geschlechtliche Liebe genannt wird - hier gab es wenig brauchbare Erinnerungen, auf die ich zurückgreifen konnte, was mich an einen ausgeprägten Drang in dieser Richtung zweifeln ließ -, dann waren es Männer gewesen, die seine Phantasie angeregt hatten, Jungs vielmehr, und es hatte wohl eine Zeit gegeben, in der er seinen schwachen Gelüsten nachgegangen war, unsicher, was er sich davon versprechen könne, bis er dann zu dem Schluss gekommen war, Aufwand und Risiko stünden in keinem vernünftigen Verhältnis zu diesem zwar durchaus angenehmen, aber doch allgemein eher überschätztem Ziehen im Unterleib, wenn sich seine Hoden hoben, und dem leisen zufriedenen Seufzen, mit dem er sich im Hintern eines Knaben ergoss. Spätestens seit der Aids-Diskussion Mitte der Achtziger Jahre übte er sich in Enthaltsamkeit.

Er war klein und rund und hatte einen kahlen, gleichfalls kleinen und runden Schädel, was entfernt an die Figur eines Schneemannes erinnerte, eine Assoziation, die sich besonders bei unseren wenigen gemeinsamen Saunabesuchen eingestellt hatte. Dann trug er seine auffällige Brille nicht, und die ganze schlichte Harmonie seines Profils kam besser zur Geltung. Das rote und dickrandige Plastikgestell verlieh ihm einen wohl kalkulierten intellektuellen Anstrich, etwas eulenhaft Altkluges, das im geschäftlich sicherlich nützte, aber die herzliche Gemütlichkeit, die ihm von Natur eigen war und die ich an ihm schätzte, überlagerte, zu einer oberflächlichen Verbindlichkeit schrumpfen ließ.

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Hage musterte mich von oben bis unten. „Du solltest deinen Schneider wechseln. Oder kannst du dir keinen mehr leisten?“

Er spielte offenbar auf die Tennishalle an, die ich gemeinsam mit meiner Ex-Frau kürzlich gekauft hatte, ein Geschäft, bei dem er mir, zwar nicht finanziell, so doch mit seinem Wissen unter die Arme gegriffen hatte. Tatsächlich wirkte meine Kleidung im Vergleich zu seiner stets tadellosen Garderobe gewöhnlich, fast schäbig. Oder war ich es selbst, der von den Ereignissen des Tages gezeichnet war?

Dann saßen wir an unserem Tisch, die Frühlingssonne wärmte uns den Rücken, und wir beobachteten das Treiben um uns herum. Ich nickte über das halbe Lokal hinweg zwei Männern zu, die mir bekannt vorkamen, auch wenn ich nicht hätte angeben können, welcher Art diese Bekanntschaft sei. Wir aßen. Hage war zu einem großen, in Sesamkruste panierten Fisch übergegangen, den er kunstvoll zerlegte und akribisch von allen Spuren essbaren Gewebes säuberte. Fasziniert sah ich ihm dabei zu und dachte nicht zum ersten Mal, die handwerkliche Kunstfertigkeit, mit der er das Messer wie ein Skalpell führte und die Gabel zum Öffnen des Schnitts geschickt einsetzte, die schnellen und präzisen Bewegungen seiner Hände, hätten ihn vielleicht zu einem ähnlich guten Chirurgen gemacht wie dem Anwalt, der er tatsächlich war. Währenddessen stocherte ich lustlos in dem Salat herum, den ich ohne Dressing bestellt hatte, und dachte wehmütig an die wenigen dünnen Scheiben Schweinefleisch zurück, die ich mir in Pfefferminzsoße als Vorspeise gegönnt hatte. Zur Zeit ernährte ich mich fast ausschließlich von Diät-Fertiggerichten, und wenn ich nicht erneut meinen Studienkollegen Jan Peters am Bodensee besuchen wollte - er betrieb dort eine einträgliche Privatklinik für Kosmetische Chirurgie, - durfte die eiserne Selbstdisziplin, mit der ich einige überflüssige Pfunde loszuwerden gedachte, nicht nachlassen.

Beide vermieden wir, etwas Ernstes oder auch nur Bedeutsames anzusprechen. Ich behielt die Neuigkeiten um Susanne für mich - vielleicht käme irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich seine Hilfe in Anspruch nehmen musste, noch war es aber nicht so weit -, und er schwieg sich über den Grund seines Anrufes und letztlich unseres Zusammentreffens aus. Es war ein wenig wie Alte-Zeiten-Beschwören, ohne sich einzugestehen, dass sie längst vorbei sind. Wir versuchten den Anschein der Normalität aufrechtzuerhalten, wiederholten Sätze, die wir schon oft ausgetauscht hatten, die gleichen Bemerkungen, Anspielungen, die gleichen Witze und Spitzen. Als könnten wir so weitermachen, jeden Tag oder auch nur für heute, als bräuchte es nur einer unscheinbaren geistigen Anstrengung, nur guten Willens, um das zu Verscheuchen, das sich bereits fühlbar in unseren Köpfen eingenistet hatte, schoben wir den Zeitpunkt, an dem es unweigerlich zum Eigentlichen kommen musste, immer weiter hinaus. Zudem war ich dankbar dafür, eine Weile nicht an Susanne denken zu müssen. Auch drängte es mich nicht zu hören, was er mir zu sagen hatte. Es waren schlechte Nachrichten, so viel war klar, so gut kannte ich ihn.

Ich weiß nicht, wer zuerst auf die Uhr sah, ob jemand auf die Uhr sah. Der Fisch war zerlegt. Nur noch ein Gerippe, ein kleines Kunstwerk aus Gräten wölbte sich auf seinem Teller auf, als er seufzte, sich zurücklehnte, mit der großen weißen Serviette den Mund vorsichtig abtupfte, als habe er Lippenstift aufgetragen, und einen Espresso nebst Grappa bestellte. Der Kellner räumte die Teller ab, und ich beugte mich vor, die Ellbogen aufgestützt, das Kinn an den Fingerspitzen. Ich wartete.

Umständlich zündete er sich eine Zigarre an. „Du steckst in der Scheiße.“ Manchmal bediente er sich einer drastischen Ausdrucksweise. Ich verzog keine Miene und machte auch keine Anstalten, nachzufragen. So fuhr er fort: „Die Steuerfahndung hat dich aufs Korn genommen.“ Er wog den Kopf, als könne er die Ungeheuerlichkeit des eben Gesagten selbst nur mit Mühe verstehen. „Ich habe jemanden dort, der mir etwas schuldig ist. Mach dich auf eine größere Aktion gefasst. Die werden das Unterste zu oberst kehren, glaub mir. Das ist keine normale Prüfung.“ Betrübt sah er mich an. „Sagt dir der Name Abele etwas?“ Seit Monaten beherrschten die Gerichtsverhandlungen die lokale Medienlandschaft. „Das ist ein ganz scharfer Hund - und unbestechlich, da haben sich schon andere die Zähne ausgebissen. Dem haben sie es übertragen, und das verspricht nichts Gutes.“

Ungläubig starrte ich ihn an. „Ich bin doch kein berühmter Tennisspieler oder Konzertveranstalter oder so etwas...“ Hilflos fügte ich hinzu: „Wieso gerade ich?“

„Was weiß ich... Vielleicht brauchen sie einen Arzt, den sie fertigmachen können. Du weißt schon, wegen der ganzen Gesundheitsdiskussion. Ihr jammert doch immer, wie schlecht es euch geht.“ Er kicherte etwas angestrengt in sich hinein. „Das ist doch eine gute Gelegenheit zu zeigen, was ihr wirklich verdient. Ein schöner monatelanger Prozess. Jeden Tag sind die Zeitungen voll davon. Was meinst du, wie eure Demos dann aussehen? Die Leute lachen sich schief.“ Er wurde wieder ernst. „Dann die Steuerreform, Abgabenerhöhungen. Vielleicht will man zeigen, dass es doch soziale Gerechtigkeit gibt. Dass die Großen genauso bluten müssen wie die Kleinen, dass die Gesetze für alle gelten. Du weißt schon, der ganze altmodische Kram.“ Er legte eine kurze Pause ein und schien über seine Worte oder über weitere Gründe nachzudenken. „Da ist aber noch was.“ Ich tauchte aus dem Selbstmitleid auf, in das ich kurzzeitig verfallen war. Sicherlich war meine Steuererklärung nicht immer bis auf das letzte I-Tüpfelchen korrekt gewesen. Aber wer konnte das schon von sich behaupten? „Die wissen mehr. Weiß der Teufel, woher.“

„Mehr?“

„Ja. Sie haben einen Tipp bekommen.“

„Einen Tipp?“ Meine Worte klangen wie ein Echo auf seine. Tatsächlich hatte ich Schwierigkeiten, ihren Sinn aufzunehmen.

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Hage brauste auf, vielleicht war er in Eile, vielleicht ärgerte ihn meine Begriffsstutzigkeit. Vielleicht tat ich ihm leid, und das war seine Art, dieses Gefühl nicht zu nahe an sich heranzulassen. „Mensch, was gibt es da nicht zu verstehen? Jemand hat dich angeschwärzt, verpfiffen, angezeigt. Nenn es wie du willst.“ Dann beruhigte er sich. „Ich glaube, sie wissen ziemlich genau, nach was sie suchen müssen.“ Ich sah ihn fragend an, und er schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Das wollte oder konnte mir mein Mann nicht sagen.“ Dann fügte er hinzu. „Das ist auch alles, was ich für dich tun kann.“

Eine längere Pause trat ein, während der er seine Zigarre paffte. Zwischendurch schlürfte er Kaffee und benetzte die Lippen mit dem Schnaps. Ich versuchte, die wenigen Informationen zusammenzufassen. Fieberhaft überlegte ich, was zu tun sei.

„Wann?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wenn sie heute nicht da waren, dann vielleicht morgen. Auf jeden Fall würde ich bald mit ihnen rechnen, sehr bald.“

Ich dachte an den Sonntag, an die Veranstaltung, an meinen Geburtstag. „Siehst du eine Möglichkeit, die Sache noch eine Weile hinauszuschieben?“ Als könnte ich mit ihm tatsächlich um Tage oder Wochen feilschen, sagte ich fast flehend: „Auf nächste Woche, meinetwegen auf nächsten Montag?“

Ungewohnt hart sah er mich durch seine monströse grüne Brille an. „Du verstehst noch immer nicht. Die Kacke ist am Dampfen! Sei froh, dass du ein paar Stunden hast!“ Er winkte dem Kellner. „Ich lade dich ein.“ Während wir auf die Rechnung warteten, trommelte er nervös mit den Fingern auf der Tischplatte. „Du hast doch sicher ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen? So wie wir es besprochen haben?“ Ich nickte, was ihn zu beruhigen schien. „Gut. Trotzdem solltest du etwas beherzigen: Lass sie etwas finden!“ Mein Gesicht musste einen verständnislosen Ausdruck angenommen haben, denn er fuhr schnell fort. „Die wissen, dass du Dreck am Stecken hast. Ganz sauber kommst du aus dieser Geschichte nicht raus. Sie werden so lange suchen, bis sie fündig geworden sind. Besser, du wirfst ihnen etwas zum Fraße vor, das ihren Jagdinstinkt befriedigt, keine von den großen Sachen, aber es muss weh tun, richtig weh, sonst lassen sie sich nicht damit abspeisen. Glaub mir, das ist das probate und in deiner Lage einzige Mittel. Vielleicht kommst du so mit einem blauen Auge davon.“ Offensichtlich sah es noch schlechter aus, als ich angenommen hatte. Wir standen schon in der Tür. Ein frischer Wind wehte mir durch das dünner werdende Haar. „Und noch etwas. Ruf mich vorläufig nicht an. Ich melde mich bei dir. Wir sollten uns eine Weile nicht sehen. Ich kann es mir nicht leisten, mit einer solchen Sache in Verbindung gebracht zu werden. Das verstehst du sicher. Natürlich helfe ich dir, wo ich kann. Sollte es zu einem Verfahren kommen, werde ich dir auch einen guten Anwalt vermitteln. Ich kenne einen Spezialisten für Wirtschaftskriminalität, den besten.“ Er bemerkte, wie ich erschrak, und beeilte sich, mir eine Hand beschwichtigend auf die Schulter zu legen. „Mach nicht so ein Gesicht. Es wird schon werden. Und denk dran, das kommt in den besten Familien vor.“ Eilig und ohne sich umzudrehen ging er davon.

 

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Kapitel 8

Wieder ist eine Stunde zu Ende. Wie schon viele Male zuvor versucht er, die Zeit abzuschätzen, die er in diesem Krankenzimmer, in diesem Krankenhaus zugebracht hat. Wie viele Stunden lang hat er auf die Bildschirmwand gestarrt, auf die beiden Inszenierungen seines Lebens, erst des „guten“, dann des weniger guten, hat mit dem Hauptdarsteller gebangt und gehofft, sich manchmal mit ihm gefreut, häufiger über ihn geärgert, ja, sich seiner geschämt? Zehn Stunden? Hundert?

Er hat das Gefühl für die Zeit verloren. So wie er das Gefühl für sich, für die Wirklichkeit seiner selbst verloren zu haben scheint, so willkürlich erscheinen ihm Versuche, sein Leben in diesem Zimmer in sinnvolle Abschnitte einzuteilen: Wochen, Monate, Jahre gar. Es gibt nur den Wechsel zwischen Wachen und Schlafen, das Auf- und Abdimmen der Beleuchtung, die regelmäßigen Sitzungen mit der Ärztin, die Putzfrau, und das ‘Pling!’ des Speisenaufzugs. So beruhigend ihm diese Ordnung auch anfänglich erschienen war, vermochte sie doch durch das Aneinanderreihen vertrauter Ereignisse, einen Rhythmus zu schaffen, eine Melodie fast, die eintönig zwar, aber ihn doch sicher durch die erste Ungewissheit geleitet hatte, führen diese Wiederholungen, diese Beliebigkeit der Abläufe, dieses vermeintliche Wiedererkennen jetzt zum Gegenteil. Er hat Schwierigkeiten, zwischen den sich zum Verwechseln ähnlichen Schichten seiner Erinnerung zu unterscheiden. Sicher, da gibt es sein Bildschirmleben, eine Geschichte, die fortschreitet, eine Handlung hat, eine Logik, die den Ereignissen einen Platz zuweist, eine Reihenfolge. In schroffem Gegensatz dazu steht die Eintönigkeit seiner Tage, ihre Auswechselbarkeit.

Und etwas anderes kommt hinzu. Wenn es zwei Versionen seines Lebens gibt, kann es da nicht noch weitere geben, drei, vier, ein Dutzend, Hunderte? Wird es immer so weiter gehen? Wird er immer weitere Fassungen erträumen, Wunsch- oder Alpträume, die sie zu sein scheinen?

Wie immer liegt er auf dem Bett, den Kopf auf einem Kissen, die Arme verschränkt. Noch immer blickt er auf die nunmehr dunkle Fläche des Bildschirms, zu jenem Fenster in sein Ich. Auch Frau Jung schweigt.

Körperlich geht es ihm verhältnismäßig gut. Dank der Tabletten, wie er glaubt, dank dieses Encephatils, das ihm die geheimnisvolle Frau gebracht hat.

Sie haben die mnemographischen Sitzungen wieder aufgenommen. Zweimal täglich kommt die Ärztin, gleich vormittags nach dem Frühstück und nach dem kurzen Mittagsschlaf, den er an schlechteren Tagen endlos ausgedehnt, jetzt aber auf eine knappe halbe Stunde beschränkt hat.

Genug, um sich von der Anstrengung der morgendlichen, oft dreistündigen Sitzung zu erholen. Dann machen sie weiter bis gegen Abend, bis Frau Jung ihre Kladde zuklappt, und sich mit einem Ich glaube, ich muss jetzt gehen oder Es ist genug für heute aus ihrem Stuhl am Kopfende des Bettes erhebt, die Bildschirmwand so schnell erlischt, als gebe es eine geheimnisvolle Verbindung zwischen den beiden, als sei sie im Besitz einer unsichtbaren Fernbedienung, mit der sie die Apparatur nach Belieben in Gang setzen und wieder abschalten könne. Tatsächlich scheint ihre Anwesenheit unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren seines Gedankenkinos zu sein. So oft er sich vorgenommen hat, ohne sie anzufangen, nach Schaltern und Knöpfen gesucht oder sich durch eine vermeintlich rein gedankliche Anstrengung auf den Beginn konzentriert hat, so oft ist ihm das misslungen. Erst sie, ihre Aufmerksamkeit, die geöffnete Kladde auf ihrem Schoß, vermag das Licht zu dämpfen und die Bilder laufen zu lassen.

Er fühlt sich kräftiger, gestärkt. Er hat sein Liegestützenprogramm wieder aufgenommen und die gymnastischen Übungen am imaginären Fenster. Wäre sein Tag nicht mit den Sitzungen ausgefüllt, er hätte vielleicht eine kleine Expedition den Gang hinunter unternommen, zu dieser Biegung, die ihm etwas Verheißungsvolles zu verbergen scheint, zumindest aber die Lösung eines der wichtigeren Rätsel. Tatsächlich fürchtet er, auch dahinter gehe es so weiter wie davor, ein fensterloser Gang, verschlossene Türen oder einfach nur weiße Wände, die sich in der Ferne verlieren, zusammenlaufen oder einfach bei der nächsten Biegung ein vorläufiges Ende finden. Er ist sich auch nicht sicher, ob er der Anstrengung gewachsen wäre, dem Gewicht, das seinen Körper mit jedem Schritt beschwert hatte, als wachse die Last auf seinem Rücken proportional zur zurückgelegten Entfernung. So begnügt er sich, einmal am Tag die Tür zu öffnen, vorsichtig die zwei Schritte zum Getränkeautomaten zu gehen, um sich etwas zu Trinken zu holen, Kaffee zumeist, manchmal auch eine heiße Schokolade. Dann späht er den Gang hinunter, in der vergeblichen Hoffnung, etwas habe sich verändert, sei anders als am Vortag.

Obwohl er sich körperlich besser fühlt, und manchmal glaubt, er sei auf dem Weg der Genesung, bleiben ihm doch Zweifel, seine Krankheit lasse sich auf Herz und Kreislauf, die Leistungsfähigkeit der Muskeln und das fehlerfreie Funktionieren seines Gedächtnisses beschränken. Nach wie vor hört er Stimmen, was er sich wechselweise als Zeichen einer echten Psychose, als Nebenwirkung des Medikaments oder als Ergebnis seiner Hirnschädigung erklärt. Nicht, dass er diese Stimmen wirklich verstünde, Worte etwa oder ganze Sätze.

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Es sind zusammenhangslose Laute, so als laufe ein Tonband rückwärts oder als lese jemand in einiger Entfernung einen Text in einer fremden Sprache. Hin und wieder sind es regelrechte Dialoge, der Wechsel eines hellen und dunklen Timbres, wie aus einem leise gestellten Fernseher. Hinzu kommen andere Geräusche, das Klicken von Relais’, ein weit entferntes Rauschen, das er manchmal auf eine elektrische Apparatur zurückführt, manchmal als ein Ohrgeräusch zu erkennen glaubt, häufig auch ein Pfeifen, das sich in kurzen Abständen wiederholt. Mehr als einmal war er davon überzeugt, was er höre, entstamme einem benachbarten Zimmer, Besucher oder Ärzte unterhielten sich, ein Fernseher lief, eine Intensivstation verrichtete ihre monotone Arbeit. Dann hatte er gerufen und mit der Faust gegen Wand gehämmert, hatte wie ein verschüttetes Erdbebenopfer regelrechte Klopfzeichen gegeben. Doch ohne Erfolg. Falls jemand in der Nähe war, er hörte nicht oder wollte nicht hören.

Das einzig wirklich laute und erkennbare, was er hört, ist die Musik. Er hat keine Schwierigkeiten, die Titel zu unterscheiden, allesamt klassische Stücke, allesamt Lieblingsstücke von ihm. Zuerst meint er, sie kämen aus den versteckten Lautsprechern der großen Bildschirmwand, so als könne diese wahlweise als Fernseher oder als HiFi-Anlage betrieben werden. Der Ursprung der Musik ist aber offenbar genauso wenig eingrenzbar wie der der Stimmen oder der anderen Geräusche. Ein Grund mehr an Halluzinationen zu glauben, wie er findet, denn, wer sollte sich die Mühe machen, ihm zu Ehren ein Potpourri seiner Lieblingssongs zu spielen?

Sie schweigen noch immer, hängen ihren Gedanken nach, und er ist froh, dass sie noch nicht aufgestanden ist, um hinauszugehen.

Viel reden sie miteinander nicht, findet er. Was ihm manchmal als Teil einer unausgesprochenen Vereinbarung erscheint (eines Behandlungsabkommens, dessen Regeln ihm geläufig sind, ohne dass er wüsste, woher), betrachtet er ein anderes Mal als Ausdruck ihres persönlichen Unvermögens oder eines tief verwurzelten Unwillens, sich auf die gleiche Ebene zu begeben wie er, mag dies den Behandlungserfolg tatsächlich fördern oder nicht. Trotz aller Erklärungen, die er dafür in Betracht gezogen hat, macht dieses wechselseitige Schweigen, mit dem sie in stiller Eintracht die Stunden vor dem überdimensionierten Fernseher verbringen, ihn unzufrieden. Seine Fragen verhallen ungehört oder zumindest unbeantwortet. Um wie viel leichter wäre es für ihn, wenn sie ihm einfach sagen könnte, wer er ist, was richtig und was falsch, was tatsächlich wirklich ist oder nur so erscheint! Wozu es sich mühsam aneignen, in detektivischer Kleinarbeit Stück für Stück aufspüren, wie eine prähistorische Stadt Schicht um Schicht freischarren, wenn sie die fehlenden Puzzleteile mit Leichtigkeit an die richtige Stelle legen, ihm manchen Irrtum und Umweg ersparen könnte?

Auch heute, am Ende der Sitzung stellt er sich diese Fragen. Sie schickt sich gerade an, aufzustehen, als er sich in seinem Bett aufrichtet.

„Nehmen wir an, ich hätte keine Lust mehr, mir das länger anzuschauen. Steht es in meiner Macht, eine solche Entscheidung zu treffen?“

Mitten in der Bewegung hält sie inne, dann lässt sie sich in den Stuhl zurücksinken. „Sie wollen aufhören?“

„Ich will wissen, ob es meine Entscheidung ist.“

„Sie könnten sterben.“

„Wir müssen alle sterben.“

„Sie könnten jetzt sterben, denken Sie an Ihre Krankheit.“

Was wenige Sekunden zuvor nur eine Möglichkeit war, beginnt Gestalt anzunehmen. Was, wenn er sich einfach weigert, weiterzumachen? Wer oder was kann ihn zwingen, dem Abstieg, seinem Abstieg, dessen Anfang er in den letzten Tagen beigewohnt hat, bis zum Ende mitzuverfolgen, mitzuerleben? Hat er wirklich eine unheilbare Krankheit, deren einzige Therapie die Mnemographie ist? Das fällt ihm schwer zu glauben. Vielleicht ist es der Übermut der neu gewonnenen körperlichen Fitness, der ihn glauben lässt, er könne ohne Frau Jung, ohne die mnemographischen Sitzungen auskommen, es gebe einen anderen Weg aus seinem Krankenzimmer, als die schmerzhafte Aneignung seiner selbst oder eines Teils seiner selbst, dessen, was er nunmehr seit Tagen gezwungen ist zu sehen.

Was aber dann? Was wird er tun zwischen Frühstück und Zubettgehen? Neue Ausbruchsversuche gehen ihm durch den Kopf. Kann er es alleine schaffen? Gibt es einen Weg hinaus, einen, den er finden und auch gehen können wird?

„Ich wundere mich ein wenig über die Heftigkeit dieses...“ Sie stockt. „Ihres Widerstandes. Ich meine“, beeilt sie sich hinzuzufügen, „fällt es Ihnen so schwer zu akzeptieren, was Sie sehen?“

„Könnten Sie das?“

„Ich weiß nicht“, sie denkt nach, „ich verstehe, dass es nicht angenehm...“

„Nicht angenehm?“ Er unterbricht sie. „Ich glaube nicht, dass sie das verstehen. Nein, es ist nicht angenehm“, er versucht ihren Tonfall nachzuahmen, „es ist beschissen.“

Sie erwidert nichts.

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„Wissen Sie“, er ist ein wenig ruhiger geworden, „ich spüre ihn, ich verstehe ihn, ich kenne seine Beweggründe so gut wie er selbst. Er ist mir so nahe, dass es mich manchmal schüttelt.“ Er lehnt sich zurück in sein Kissen. “Ich kann seinen Schweiß riechen, wenn er Angst hat. Spüre die Druckstellen seiner zu engen Schuhe, den Gürtel, der sich in seinen Bauch schneidet. Manchmal hat er einen schlechten Geschmack im Mund, und manchmal zuckt sein rechtes Augenlid. Wenn er Treppen steigt, schmerzt sein Knie, und sein Rücken, wenn er am Schreibtisch sitzt. Er reibt sich die Nase, wenn er über etwas angestrengt nachdenkt, und während eines wichtigen Telefongesprächs spielt er mit seinem Haar.“ Er stockt, scheint dem nachzuspüren, was er für die Ärztin nur in Worte zu fassen vermag. „Er hat seine Patientin auf dem Gewissen? Er hat Steuern hinterzogen? Na und?“ Er lässt sich in sein Kissen zurückfallen. „Es sind immer die kleinen Dinge, mit denen man nicht fertig wird...„ Leiser, fast flüsternd fährt er fort: „Ich glaube, es ist diese Nähe, die ich nicht ertragen kann.“

„Es wäre einfacher, sich alles aus der Ferne anschauen zu können.“

Aus der Ferne. Ja. Warum kann er sich sein Leben nicht wie im Kino in einem richtigen Film betrachten oder es nachlesen in einer Biographie? Warum dieses Mitfühlen, dieses Miterlebenmüssen? Genügt es nicht, die Fakten zu kennen, die einzelnen Posten, die auf der Haben- und Soll-Seite jener Seelenbuchhaltung stehen?

Kann er aufhören, will er aufhören? Was wird geschehen? Wird er bis zum Ende seiner Tage in diesem Krankenzimmer ein einsames Dasein fristen, als einzige Ablenkung eine mürrische und sprachlose Putzfrau, die er herbei denken wird, als sei sie die ersehnte Geliebte? Vielleicht wird das Zimmer sich aber einfach auflösen, denkt er, wird verschwinden, um etwas anderem Platz zu machen, Paradies oder Hölle oder einem anderen Zimmer, einem anderen Krankenzimmer in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Vielleicht wird die Welt um ihn herum tatsächlich aufhören zu existieren, wird gemeinsam mit Frau Jung mit einem leisen Plop! dem Nichts weichen, einer endlosen Leere. Ist seine Welt oder die Welt an sich nur dazu da, ihm diese Mnemographie zu ermöglichen? Gibt es einen Sinn jenseits davon?

Er strafft sich. „Sie schulden mir eine Antwort.“

„Niemand kann Sie zwingen, weiterzumachen.“ Ihre Stimme klingt sachlich. Vielleicht ist es ihr tatsächlich gleichgültig, denkt er.

„Vielleicht könnten sie mich überreden.“

„Wollen Sie überredet werden?“

Sie lässt sich nicht fassen. So beteiligt, sie ihm manchmal erscheint, so schwer fällt es ihm, auf ihre Gedanken oder Motive zurückzuschließen, auf ihre Wünsche, ihre Gefühle. So oft er es versucht hat, so oft ist er nur auf sich selbst zurückgefallen.

Vielleicht ist es dieser Gedanke, der ihn dazu treibt, einen Schritt weiter zu gehen. „Gut. Es ist wohl das Beste, wenn wir es dabei belassen.“ Auch seine Stimme klingt sachlich, und er stellt sich vor, wie er diesen Satz schon einmal am Ende einer richtigen Beziehung in einem richtigen Leben gesprochen hat. Nur, daran erinnern, kann er sich nicht.

Beide schweigen sie, während er seine Worte auf sich wirken lässt, so als lasse sich mit dem Vergehen der Zeit ihre Ernsthaftigkeit besser abschätzen. Das Zimmer hat sich nicht aufgelöst, nichts scheint verändert. Vielleicht steht es ihm tatsächlich frei, diese Geschichte jederzeit zu beenden.

„Soll ich gehen?“

Er antwortet nicht, und sie macht keine Anstalten, aufzustehen. Er denkt zurück an den ersten Tag, an sein Erwachen, das Warten, an die ersten mnemographischen Sitzungen. Dann seine Krankheit, oder was immer es war, was ihn geschwächt, was in beinahe umgebracht hat. Plötzlich wird er unsicher, fühlt sich außerstande, eine solch folgenschwere Entscheidung zu treffen.

„Geben Sie mir einen Tag?“ Vielleicht sollte er noch einmal in Ruhe über alles nachdenken.“

 

Und dann ist sie tatsächlich fort. Nur leise Musik schwebt noch in der Luft, klingt ihr nach, als verflüchtigten sich die Reste eines schweren Parfums. Er versucht, das Stück zu erkennen, richtet sich auf, geht sogar im Zimmer umher auf der Suche nach der Quelle, aber mehr, als das es im ihm vertraut ist, kann er nicht sagen, klassische Musik, das glaubt er zu erkennen, ein Klavierkonzert vielleicht, wenn er die leiseren Passagen richtig interpretiert, ein verhaltenes Hämmern, einer Abfolge von Morsezeichen gleich. Und wer weiß, vielleicht sind es Morsezeichen, Botschaften, und auch die Musik, falls sie ihm gilt, soll ihm etwas sagen. Aber, wer ist es, der mit ihm spricht, und von woher kommen die geheimnisvollen Zeichen?

Wie schon so oft zuvor geht er zur Tür. Als er sie öffnet, erwartet er den Getränkeautomaten zu sehen, den hell erleuchteten Gang, der sich in einer unbestimmten Ferne verliert, das diffuse Weiß dieses fensterlosen Schlauches.

Doch nichts von alledem ist zu sehen. Nur undurchdringliches Schwarz, so als starre er in eine mond- und sternlose Nacht. Er weicht zurück, als finde er sich plötzlich einen halben Schritt vom Abgrund spürt er seine zittrigen Knie, die Eingeweide, die ihn nach unten zu ziehen scheinen, dem entgegen, was zu sehen ihm nicht vergönnt oder auch nur erspart wird. Schnell schließt er die Tür. Fast wünscht er sich einen Schlüssel, mit dem er sie abschließen kann, ein schweres Möbelstück, um sie zu verbarrikadieren. So als übe die Leere dort draußen einen unwiderstehlichen Sog, fürchtet er, hinausgetrieben zu werden, zu fallen, sich in jener Schwärze zu verlieren, aufzulösen zu etwas Gestalt- und Namenlosem. Er spürt, dass es nur ein kleiner Schritt ist zu sterben.

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Er denkt an die Worte der Ärztin. Hat sie recht? Wird er tatsächlich sterben, wenn er die mnemographische Behandlung abbricht? Oder wird nur jener andere Martin Dorint sterben? Jener, den er hat auferstehen lassen, den er geboren hat, geschaffen wie einen kleinen Frankenstein: sein Monster. Vielleicht ist das das ganze Geheimnis. Ein Alptraum, ein Hirngespinst, von dem er jederzeit lassen, von dem er jederzeit wieder aufwachen kann.

Und doch, es bleibt die Tür, der Sog hinaus. Vielleicht beginnt sich seine Welt tatsächlich aufzulösen, kaum dass er seinen Entschluss gefasst hat. Es sind nur wenige Minuten vergangen, und doch beginnt man bereits damit, abzubauen. Zuerst der Gang, dann vielleicht das Badezimmer, der Schrank. Er wird auf einer immer kleiner werdenden Insel zurückbleiben, ein zerbröselndes Floß in einem Meer von Protoplasma, in einem sich ein letztes Mal drehenden Strudel von Gedanken.

Vielleicht ist es diese Vorstellung, die den Ausschlag gibt. So als habe er eine unsichtbare Kuppe erklommen, von der es nur noch ein Bergab gibt, kein Hinauf mehr zu weiteren Höhen der Verweigerung, spürt er, dass er zurückkommen wird, dass der sowieso erst zur Hälfte gefasste Entschluss nur noch schrumpfen kann. Noch hat er sich nicht entschieden, aber der Ausgang seines Ringens erscheint ihm absehbar. Und es ist diese Distanz, mit der er sich zu betrachten vermag, die er sich im Umgang mit jenem anderen Martin Dorint wünscht.

Ich will leben. Das meint er erkannt zu haben, als er die Tür öffnete, als er dem Drang widerstanden hat, hinauszugehen, sich fallen zu lassen auf die andere Seite. Es wäre einfach gewesen, er hätte nur nachgeben müssen, zulassen. Sterben ist leicht, denkt er. Es ist das leichteste von der Welt. Der Kampf gegen den Tod ist das, was anstrengt. Das Leben.

Aber wenn der Tod nur in jenem Gewand daherkäme, als Versuchung, die Augen zu schließen, geschlossen zu halten, zu schlafen, für jetzt und für immer, er weiß nicht, ob er ihm widerstünde. Es ist noch nicht einmal Angst, was ihn treibt, oder Wut, Selbstbehauptungswille oder was immer man bemüht in einem solchen Augenblick. Eine Winzigkeit lang hat er sich eine Welt vorgestellt, in der es ihn nicht gibt, ein so merkwürdig leeres Universum, ein so sinnloses.

Und wenn er nur die Wahl hat zwischen jenem schäbigen Leben, jenem verabscheuungswürdigen, dessen Zeuge er nach und nach geworden ist, und der Leere, in die er hinausgeschaut hat, dann fällt es ihm leicht, sich zu entscheiden. Dann will er gern Martin Dorint sein.

Er sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür, als fürchte er, jemand oder etwas könne von draußen hereindringen. Er denkt an das lange Sterben von Dorints Patientin, seiner Patientin, an Katrin Raabe, an die sich zuziehende Schlinge der Steuerfahndung, und spürt, wie ihm jener andere vertrauter wird. Trotz der allgegenwärtigen Nähe, war er ihm fremd geblieben. Er hatte sich an Martin Dorint wundgerieben, wie an einem spitzen Stein. Jetzt beginnt er wirklich mitzufühlen, mit ihm eins zu werden. Er sieht nicht nur das Offensichtliche, den Zynismus, die Rücksichtslosigkeit, die selbstgefällige Ignoranz, nicht das, was dem oberflächlichen Beobachter, der er war, ins Auge springt, als gebe es nichts sonst. Jetzt sieht er auch die andere Seite. Die Hoffnungen und Träume, die irgendwo am Anfang gestanden haben mussten, die Kämpfe und die verlorenen Schlachten. Was hatte ihn zu dem gemacht, was er war? War nicht auch er mit den gleichen Zielen und Idealen angetreten wie jener andere, vorbildliche Martin Dorint, den er in der ersten Inszenierung gesehen hat? Irgendwo hat er einen schmalen Grat überschritten, ein falscher Schritt, mehr nicht, oder ein Stoß, den man ihm gegeben hat, Zufall, eine Verkettung unglücklicher Umstände. Wer weiß? Und schon begann er abzurutschen, viel früher schon, als er sich bewusst geworden war. Das, was er in den letzten Tagen gesehen hat, ist nur das Ende. Jener andere Anfang muss viel länger zurückliegen, Jahre, ein ganzes Leben.

Und jetzt weiß er, dass er Martin Dorint ist. Oder sein könnte, so sein könnte, wie es jeder andere auch könnte.

Dann steht er auf und öffnet die Tür. Unsicheren Schritts, aber schon etwas ruhiger geht er zum Getränkeautomat. Irgendwo hat er noch eine Münze.

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Kapitel 9

Auf dem Weg zurück in die Klinik versuchte ich, mir einen Plan zurechtzulegen. Glücklicherweise hatten wir tatsächlich einige Vorkehrungen getroffen, auch wenn die Größenordnung dessen, was offenbar auf mich zukam, das überstieg, was wir für möglich gehalten hatten. Aber so wie es den Supergau gab, jenen Unfall, der über den größten anzunehmenden noch hinausging, konnten auch fiskalische Prüfungen leicht ungeahnte Größenordnungen annehmen. Dass meine privaten Finanzen gleichzeitig mit jenen der Klinik unter die Lupe genommen werden sollten, erschien zwar im Nachhinein logisch und folgerichtig, erwartet hatten wir dies jedoch nicht.

Aber es half nichts. Für Vorhaltungen oder Selbstvorwürfen war es jetzt zu spät. Nur noch schnelles und überlegtes Handeln konnte das Schlimmste vielleicht noch abwenden.

Da gab es zunächst einmal die Klinik, eigentlich ein gemeinnütziger Verein, der als Träger auftrat und sich durch Spendengelder, zum größeren Teil durch Zuwendungen der Krankenkassen, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Rentenanstalten finanzierte. Mit sieben Mitgliedern hielt der Verein die vorgeschriebene Mindestgröße ein. Den Vorsitz führte seit vielen Jahren ein befreundeter und in der Stadt angesehener Parteifreund, Rechtsanwalt Habermehl, der sich wenig um die inhaltlichen Belange der Einrichtung kümmerte und uns weitgehend freie Hand ließ. Im Vorstand saßen darüber hinaus der alte Merkel, Inhaber der Rathausapotheke und seines Zeichens Hoflieferant (von ihm kauften wir unsere Medikamente), und Doktor Walther, ein befreundeter Psychiater, der als externer Gutachter fungierte. Katrin Raabe, Therèse, meine Ex-Frau, und ich standen auf den weiteren Plätzen der Mitgliederliste. Der Siebte im Bunde war Rudolph Klemm, ehemals Unternehmer und Inhaber der Vereinigten Graphischen Betriebe. Dieser hatte sich in der Aufbauphase durch eine größere Schenkung um die Einrichtung verdient gemacht und seitdem eine Art Ehrenmitgliedschaft inne. Sein Alter, er ging mittlerweile auf die Neunzig zu, und die Tatsache, dass es ihm genügte, einer der Wegbereiter einer umfassenden psychiatrischen Versorgung in der Region gewesen zu sein, machten ihn zu einem allseits geschätzten, weil umgänglichen Mitstreiter, und das würde er auch bis zu seinem Tod oder seiner Entmündigung bleiben, Ereignisse, die, ginge es nach uns anderen, noch ein Weile auf sich warten lassen konnten. Sein Eintreten für die Belange psychisch Kranker mochte zunächst eigennützigen Ursprungs gewesen sein. Sein jüngster Sohn war bereits in frühen Jahren an Schizophrenie erkrankt und hatte zuerst nur dank der gesellschaftlichen Stellung der Familie die Nazizeit und später mit Glück verschiedene Elektroschockbehandlungen nebst einer Lobotomie überlebt. Als schon lange feststand, sein eigen Fleisch und Blut käme nicht mehr selbst in den Genuss einer Unterbringung, hatte Rudolph Klemm einen Teil seines Privatvermögens in eine Stiftung eingebracht, die großzügig die verschiedenen psychiatrischen Reformprogramme unterstützte.

Die unvermeidlichen Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung mit den Krankenkassen und den anderen Leistungsträgern würden das Finanzamt weniger interessieren. Die Spenden bereiteten mir mehr Kopfzerbrechen. Außerdem waren auch verschiedentlich Gelder in meine Taschen geflossen, pauschale Abgeltungen für verschiedene, zumeist nicht näher eingegrenzte Tätigkeiten, die ich für den Verein tatsächlich versah, aber im Ernstfall nur mit Mühe rechtfertigen konnte. So blieb ein undurchdringliches Dickicht an Ein- und Auszahlungen, an unversteuerten Aufwandsentschädigungen, an Spendenbescheinigungen, die auf mysteriöse Weise nicht mit den verbuchten Einnahmen in Einklang zu bringen waren.

Doch jetzt, so hoffte ich, würde sich die Mühe auszahlen, die wir in den letzten Jahren auf uns genommen hatten. Schon kurz nach dem Wirbel um die Parteienfinanzierung hatte ich auf Anraten Hages eine regelrechte doppelte Buchhaltung eingeführt. So wie es Schattenkabinette gab oder Exilregierungen, gab es auch von unseren wichtigsten Büchern, neben der offiziellen, eine inoffizielle, illegitime, nicht genehmigte und nicht genehmigbare Ausgabe. Jedem kritischen Vorgang hatten wir einen unverdächtigen Gegenpart an die Seite gestellt, einen Doppelgänger, der sich ungeniert in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Sie waren wie Materie und Antimaterie, Kain und Abel, das Gute und das Böse. Und wie im Märchen, wenn man genau genug hinsieht, entpuppten sich auch unsere Zwillingsbrüder als die beiden Seiten derselben Medaille. Nur war bei uns das Gute unecht, das Schlechte hingegen echt. Aber das war vielleicht häufig so und wurde dadurch ausgeglichen, dass einzig das Unechte das Recht hatte, öffentlich aufzutreten, sich im Glanz des wirklichen Lebens zu sonnen, während das andere im Schattenreich verbleiben, sich verstecken musste und nur darauf hoffen konnte, eines Tages, vielleicht am nächsten schon, von übereifrigen Fahndern ans Tageslicht oder nur in ein Blitzlichtgewitter gezerrt zu werden.

Je länger dieses Doppelleben ging, umso mehr hatte auch ich die Fähigkeit verloren, zwischen echt und unecht, wirklich und unwirklich zu unterschieden. Immer mehr war die offizielle Lesart zu meiner eigenen geworden, zu einer, an die ich glaubte, als habe nicht ich sie erfunden, gelegt wie eine falsche Fährte, sondern als stelle sie sich in Wirklichkeit so dar, wie es den wohl kalkulierten Anschein hatte. Ohne es recht zu merken, hatte ich mich selbst getäuscht. Erst an einem Tag wie heute, lohnte es wieder, über diesen feinen Unterschied nachzudenken, lohnte es zu trennen, was bislang gemeinsam Bestand gehabt hatte, erst jetzt, da ein sauberer Schnitt über Gefängnis oder Freiheit entschied, musste diese Beliebigkeit, diese allzu einfache Vermengung des Richtigen mit dem Falschen, des Wahren mit dem Unechten aufhören.

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Die Ordner mit den echten Belegen, Verträgen, Rechnungen mussten verschwinden. Ihre Stelle würden liebevoll präparierte Attrappen einnehmen, Ordner, die genauso staubig, Quittungen, die genauso zerknittert und fleckig waren. Natürlich betraf dies alles nur einen winzigen Teil jener unzähligen Papiere, die Monat für Monat in einer Einrichtung dieser Größe anfielen, sich sammelten über die Jahre, ganze Wände mit Ordnern und Akten füllten, Keller, die mehr schlecht als recht zu Archiven umfunktioniert worden waren. Als handle es sich um einen bösartigen Hirntumor, bestand die Kunst darin, möglichst viel Substanz zu schonen, keine allzu großen Lücken zu reißen und doch nichts zu vergessen, zu übersehen, für harmlos zu erachten. Wenn ich den Rest des Tages hatte, den Abend, womöglich die Nacht, dann konnte es reichen.

Schwieriger wurde es bei meinen Privatfinanzen. Und das war vielleicht das Feld, auf dem ich das von Hage geforderte Notopfer erbringen musste. Mit etwas Glück ließen sich so Verein und Klinik aus der Sache heraushalten.

Es ging im Wesentlichen um unversteuerte Zinseinnahmen und ähnliche Gewinne. Zunächst bescheidene Summen, die ich dem Finanzamt vorenthalten hatte, ohne mir viel dabei zu denken. Sicher es war nicht ganz legal, aber hatte nicht auch ich das Recht, die Früchte meiner Arbeit zu ernten? Ein kleiner, so schien mir, fast symbolisch zu nennender Akt der Notwehr, mehr nicht. Über die Jahre hatte sich so ein stattlicher Betrag angesammelt, Schwarzgeld, das nicht ohne weiteres reingewaschen und zurück in den ganz normalen Kreislauf geführt werden konnte. Und so war es weiter gegangen. Im Vertrauen auf die Gewohnheit und darauf, dass mir irgendwann etwas einfallen würde.

Während mein Schweizer Bankkonto vermutlich unbehelligt blieb (von dort stammten die Gelder, mit denen ich zusammen mit meiner Ex-Frau die kleine Tennisanlage kaufen wollte), konnte ich für mein in Deutschland beziehungsweise Luxemburg liegendes Geld wenig tun.

Während ich dies alles bedachte, hatte ich plötzlich einen Verdacht. Als seien wir, Hage und ich, blind gewesen, glaubte ich, den Grund für die ganze Aufregung erkannt zu haben. Viele Kunden meiner hiesigen Bank, einer großen deutschen Geschäftsbank, waren ins Visier der Steuerfahndung geraten. Von großangelegten Beschlagnahmungsaktionen war zu hören gewesen, von unzähligen Verfahren. Bisher waren davon andere Städte, andere Bundesländer betroffen gewesen, und ich hatte mich sicher gefühlt. Selbst mein Studienfreund hatte mir von einer Selbstanzeige abgeraten. Dann war es ruhiger geworden, und die Angelegenheit geriet in Vergessenheit.

Wahrscheinlich waren die Ermittlungen aber weitergegangen, möglich, dass sie die versteckten und anonymisierten Transaktionen zwischen Deutschland und Luxemburg lückenlos aufgedeckt hatten, jede Überweisung und Übertragung von den bankinternen Scheinkonten und Sammelnummern entwirrt und gnadenlos zu einem armen Sünder wie mich zurückverfolgt hatten. Eine Sisyphusarbeit, ein Unternehmen, das an ein riesenhaftes Puzzle, an die Entwirrung tausender ineinander verschlungener Wollknäuel erinnerte. Jetzt holten sie zum großen Schlag aus. Dann träfe es aber nicht nur mich, dann wäre ich einer von vielen, von Hunderten oder Tausenden möglicherweise. Ein Gedanke, der mich beruhigte. Wenn man schon an den Pranger musste, dann nicht als einziger. Nicht eigene Verfehlungen, klares individuelles Unrecht würden dahin führen. Es war tröstlich zu wissen, dass man eine Art Kollektivschuld auf sich geladen hatte, etwas Abstraktes, Unpersönliches, dessen man sich nicht allzu sehr zu schämen brauchte. Was alle taten, konnte nicht so verwerflich sein.

Als ich in die Klinik zurückkam, war alles ruhig. Noch gab es keine Anzeichen für die bevorstehende Durchsuchungsaktion, und für einen Augenblick zweifelte ich an Hages Informationen. Zu alltäglich erschien mir die Stimmung, die mich einfing, als ich das Auto auf meinen Parkplatz abstellte und die Stufen zum Haupteingang hinaufstieg. Auf einer Bank saßen zwei Patienten. Sie rauchten, blinzelten in die Sonne und schienen die schwache Wärme dieses Frühlingstages in sich aufzusaugen, als müssten sie Vorräte anlegen für eine Expedition ins Ungewisse. Ich dagegen fröstelte und fragte mich, wann ich es ihnen das letzte Mal gleich getan hatte, die beliebige Stunde einfach genossen, ausgekostet hatte, ohne mich um ein später zu sorgen. Sie grüßten mich lächelnd, und ich nickte ihnen zu. Auch der Eingang, der lange Flur erschien mir vertraut und so harmlos wie zwei Stunden zuvor. Ich blieb einen Augenblick stehen, um zum ersten Mal den typischen Krankenhausgeruch bewusst einzuatmen, diese überall gleiche Mischung aus Putz- und Desinfektionsmittel und den Ausdünstungen der Küche. Kohl und Apfelbrei glaubte ich auszumachen und fragte mich, ob es in jedem Krankenhaus der Welt oder zumindest Deutschlands tatsächlich das gleiche zu essen gab, oder ob es das Gesetz der großen Zahl war, das Mahlzeiten ab einer bestimmten Menge zwangsläufig gleich riechen, möglicherweise gleich schmecken ließ, ein Gesetz ähnlich jenem, der besagte, die Mischung verschiedenfarbigen Lichts ergäbe immer weiß. Obwohl ich wusste, was geschehen würde, hatte ich keine Vorahnung. Und das erstaunte mich. Nichts deutete sich an, zeichnete sich ab, warf seine Schatten voraus oder was immer es üblicherweise tat, um auf sich aufmerksam zu machen.

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Als Kind war ich einmal auf ganz ähnliche Weise erstaunt gewesen. Ein Auto hatte mich angefahren, und ich und mein Fahrrad waren im weiten Bogen über die Straße geflogen. Als ich so dalag auf dem Asphalt, vom Aufprall war mir die Luft aus der Lunge gewichen, und ich glaubte, nie wieder einatmen zu können, erfüllte mich nur diese allumfassende Verblüffung. Nichts anderes. Keine Angst. So wirklich alles um mich herum war, die raue Straße unter meiner Wange, der Staubgeruch, das Quietschen der Bremsen, der Schmerz, der im verletzten Bein pochte, so groß erschien mir der Bruch mit jenem anderen Leben davor. Nur zwei Sekunden waren vergangen, eine Zeitspanne, die sich zwischen diesen beiden Leben gelegt hatte, die sich aber auch zwischen Leben und Tod hätte legen können wie ein Puffer, eine Schleuse, undurchlässig wie ein Schott. Wie war es möglich, dass nichts von diesem ungeheuerlichen Vorfall hindurch gesickert war in jene andere Gegenwart, den Zeitstrom eine Winzigkeit hinauf geschwommen war, bei all der Wucht, die in ihm steckte? Nichts hatte sich angekündigt. Ich hatte keinen Traum gehabt, keine Vision, keine Ahnung, nicht einmal ein ungutes Gefühl oder gar kein Gefühl, das, was man eine bedeutungsschwangere Leere hätte nennen können. Nichts. Seitdem war ich mir sicher, ich würde keine Vorahnung haben, sollte ich eines Tages sterben. Und doch, als könnte ich mich nicht daran gewöhnen, das Erstaunen über diese Ahnungslosigkeit war geblieben.

Als erstes ließ ich Katrin alle Termine der nächsten vierundzwanzig Stunden absagen. Es waren nicht viele. Die Sprechstunde, einige Einzelgespräche. die montägliche Gruppentherapie mit den Alkoholikern, die ich als einzige Veranstaltung dieser Art noch selbst abhielt, und ein Treffen mit meiner Ex-Frau wegen der letzten Einzelheiten des Kaufs.

Tatsächlich brauchte ich Katrin nicht allzu viele Anweisungen zu geben. Wie ein gut eingespieltes Team verstanden wir uns blind. Als hätten wir jahrelang auf nichts anderes als auf diese größtmögliche Katastrophe gewartet - was konnte uns tiefer ins Mark treffen, unsere Existenz grundsätzlicher in Frage stellen als das, was bevorzustehen schien? -, setzte sich eine gut geölte Maschinerie in Bewegung, griff ein Rädchen ins andere. Jeder von uns beiden schien plötzlich zu wissen, was zu tun sei. Vergessen war unsere Auseinandersetzung vom Vormittag, kleinlich erschien mir im Nachhinein meine Bemerkung, diese leise Drohung, mit der ich ihren Widerstand, ihre Distanz hatte überwinden wollen. Sie stand zur Einrichtung, zu mir, war loyaler als irgendwer sonst der Angestellten und langjährigen Mitarbeiter. Selbst Habermehl, Merkel oder Walther konnten mir jetzt nicht helfen. Im Gegenteil, sie alle würden nicht zögern, mich fallen zu lassen, erschiene es ihnen unumgänglich oder nur opportun.

Dann hatten sie von nichts gewusst, zeigten sich maßlos enttäuscht und persönlich getäuscht angesichts der dunklen Machenschaften, die selbstverständlich ohne ihr Wissen und hinter ihrem Rücken vonstattengegangen waren. Selbst Therèse mitsamt ihrem Schrotthändler war nicht zu trauen. So wie sie um ihre gesellschaftliche Stellung besorgt war, so schnell konnte sie sich auf die Seite der Sieger oder auch nur auf jene der Mehrheit schlagen. Es blieb nur Katrin. Möglich, dass auch sie nicht ganz selbstlos handelte, dass sie sich eine Belohnung versprach, Anerkennung oder mehr, dass sie mich in ihrer Schuld stehen sehen wollte. Aber darum konnte ich mich später noch kümmern.

Wir nahmen uns die Abrechnungen vor, die internen Belege, die Bücher. Der Aktenvernichter lief und nahm sich der verdächtigen, aber weniger wichtigen und verzichtbaren Unterlagen an. Anderes wurde ausgetauscht, an seiner Stelle traten unsere gut präparierten Doppelgänger, die seit langer Zeit auf diesen Auftritt warteten. Katrin arbeitete im Sekretariat, ich in meinem Büro, später gingen wir in den Keller, in das für immer provisorisch gebliebene Archiv. Als wir am späten Abend fertig waren, standen wir vor zwei Umzugskisten voller Ordner, die irgendwohin verschwinden mussten. Da mein eigenes Haus vermutlich gleichfalls auf den Kopf gestellt werden würde und Bankschließ- oder Gepäckfächer zu klein waren, bot sich Katrin an, die Unterlagen zu ihrer Schwester zu fahren und dort in den Keller zu stellen. Da sie im ehemaligen Elternhaus auch einige alte Möbel stehen hatte, würde es nicht auffallen. Wir luden alles in ihren Kombi. Vorsichtig, wie wir dabei zu Werke gingen und uns forschend umschauten, kamen wir uns sehr konspirativ vor. Es war, als erwarteten wir bereits die Vorhut, einen unauffällig geparkten Lieferwagen vielleicht, der jede unserer Bewegungen mit hochempfindlichen Infrarotkameras aufzeichnete, jedes gesprochene Wort mit langen Richtmikrophonen aus dem Brausen der Nacht herausfischte. Doch alles war wie immer. Im Pfarrhaus nebenan bellte der Hund. In der Ferne summte die Autobahn.

Zum Abschied bedankte ich mich fast förmlich. Sie sollte nicht den Eindruck haben, ich nähme ihre Hilfe wie selbstverständlich an. Sie dagegen schien kein großes Aufheben darum machen zu wollen. Sie verabschiedete sich mit dem gewohnten Bis morgen und fuhr davon.

Zuhause ging es weiter. Mona lag schon im Bett und pflegte ihren Schönheitsschlaf. Mein Arbeitszimmer war kalt und auf eine so leblose Art aufgeräumt, dass ich schauderte, als ich eintrat. Die Putzfrau war der Mensch, der sich hier am häufigsten aufhielt. Nur selten nutzte ich es bestimmungsgemäß zum arbeiten.

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Während ich mich umschaute und überlegte, was zu tun sei, welche Unterlagen verschwinden und welche gefunden werden sollten, erschien mir der Raum plötzlich verändert. Einen Augenblick lang meinte ich sogar, sie seien schon da gewesen und hätten mitgenommen, was sie gesucht hatten. Doch alles war an seinem Platz. Vielleicht war es mein Blick, der unter den Ereignissen dieses Tages - war es tatsächlich erst heute Morgen gewesen, dass Katrin mich angerufen und über Susannes Selbstmord informiert hatte? - gelitten hatte, die Dinge, mich selbst anders zu sehen begann. Ich nahm anders wahr, verzerrt, gebrochen. Ein schwer fassliches Etwas, hatte sich zwischen mir und der Welt geschoben und entfremdete mir das, was ich sah, verfremdete es zur Unkenntlichkeit - oder zur Kenntlichkeit. Mein Arbeitszimmer erschien mir plötzlich wie die Kopie eines Arbeitszimmers, etwas, das sich nicht hier, in diesem Haus befand, sondern in einem Möbelprospekt, in einem Fernsehspot für Zahnpasta oder in einer Arztserie: ein Prototyp, ein Muster, ein Klischee, nichts Wirkliches jedenfalls. Der schwere dunkelbraune Schreibtisch. Leer bis auf eine Designerlampe, Glas-, Acrylobjekten, eine lederne Schreibunterlage, ein Ständer mit Pfeifen. Ich konnte mich nicht erinnern, je geraucht zu haben. Hohe Regale mit nie gelesenen Büchern, Ledereinbände mit Goldprägung, vielbändige Lexika, Nachschlagewerke aller Art. Ein Sideboard mit einer dickwandigen Vase, Muranoglas vielleicht. Eine strenge Sitzgarnitur aus schwarzem Leder mit verchromten Bügeln, ein viereckiger Steintisch. An den Wänden Ölbilder, moderne, wenn auch nicht allzu moderne Kunst, auf jeden Fall teuer. Auf dem Parkett lag ein enggeknüpfter Seidenteppich aus China oder Indien, hell und mit einer feinen, unaufdringlichen Zeichnung. Ein Deckenfluter tauchte den Raum in ein gelbliches Licht, das von einem unbestimmten Punkt weit über mir zu kommen schien.

Ich öffnete das Wandsafe und starrte hinein. Unschlüssig nahm ich dann dessen Inhalt heraus, Dokumente, einige Wertpapiere, eine Geldkassette, einen dünnen Ordner mit Belegen, und breitete alles auf dem Schreibtisch aus. Dann legte ich die wenigen Dinge wieder zurück, in fast zwanghafter Genauigkeit genau dorthin, wo sie vorher gewesen waren, und schloss die schwere Tür, hängte das Bild an seinen Platz zurück. Dann ging ich einige andere Ordner durch, vernichtete das eine oder andere, das mir unnötig deutlich erschien, ohne mir allerdings allzu viel Mühe zu geben. Ich hatte beschlossen, meine Luxemburger Einnahmen zu opfern. Nicht ganz freiwillig zwar, denn selbst, wenn ich alle Auszüge hier bei mir verschwinden ließ, die Bank hatte zweifellos einen kompletten Satz in Reserve, aber ich hatte Hages Worte nicht vergessen. Man musste den Hunden zu fressen geben. Sonst würden sie nicht von mir ablassen.

Als ich fertig war, spürte ich, wie die Anspannung nachließ. Noch war ich weit davon entfernt, müde zu werden oder tatsächlich schlafen zu können, und doch beruhigte es mich, rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig geworden zu sein. Natürlich konnte keine Rede davon sein, jetzt sei alles in Ordnung, niemand könne mir etwas anhaben.

Im Gegenteil, die nächsten Tagen und Wochen würden sehr schwierig werden, daran zweifelte ich nicht. In meinen pessimistischeren Phantasien sah ich mich bereits mit einem Bein im Gefängnis. Und doch, das wenige, was ich hatte tun können, hatte mir ein Gefühl von Kontrolle zurückgegeben. Ich fühlte mich den Ereignissen weniger ausgeliefert als zuvor. Vielleicht waren unsere hektischen Aktionen nur eine sinnlose Geste gewesen, ein leeres Ritual, mit dem ich den Lauf der Dinge zu ändern glaubte, ähnlich jenem Schlag, den man wütend dem defekten Fernseher verpasst, und der scheinbar das Bild zurückbringt: magisches Denken, Aberglaube. Das änderte aber nichts daran, dass ich mich besser fühlte, mich wieder Herr meiner selbst wähnte, ruhiger, gelassener, bereit, mich den kommenden Auseinandersetzungen zu stellen.

Im Wohnzimmer goss ich mir ein großes Glas Scotch ein und trank es im Stehen in kleinen Schlucken. Wärme breitete sich in mir aus. Ich fühlte mich stärker. Fast vergnügt ging ich nach oben ins Schlafzimmer.

Mona hatte sich in der Mitte des breiten Bettes eingegraben. Sie schlief auf der Seite. Halb zusammengerollt verschwand sie fast in den Decken und Kopfkissen. Ein Arm ragte heraus. Ausgestreckt ging es zum Bettrand, als habe sie gerade etwas fallen gelassen. Ein Buch, hätte sie gelesen. Eine Zeitschrift. Vielleicht hatte sie nach dem Wecker gegriffen, dessen grün glimmende Zahlen die weit vorgerückte Stunde anzeigten. Das offene blonde Haar schimmerte im fahlen Licht - Mondlicht vielleicht oder eine Laterne. Ihr Körper war mehr zu erahnen, als dass seine Kontur klar hervorgetreten wäre.

Am Fußende, auf dem letzten Zipfel des Deckbetts lag gleichfalls zusammengerollt der winzige Hund. Im Gegensatz zu Mona, die ungerührt weiterschlief, stellte er, als ich am Bett vorbei ins Bad ging, ein Ohr auf und öffnete millimeterweit das linke Auge. Offenbar hatte er sich alsbald vergewissert, dass die Störung weder eine besondere Gefahr noch irgendwie vielversprechend und somit ohne Belang für ihn war, denn schon ließ er den Kopf wieder auf die Pfote sinken. Das Auge schloss sich, und auch das Spiel der Ohren hörte auf. Nur die Schwanzspitze hob und senkte sich weiter, krümmte sich wie ein Wurm.

Später stand ich mitten im Zimmer, nackt, und betrachtete mich in den verspiegelten Türen des Kleiderschranks. Klein sah ich aus und übergewichtig, wenn auch nicht sehr, mit lächerlich dünnen Beinen, einer Haut, die zwei Nummern zu groß schien. Fast wie ein Gnom, dachte ich, nicht sehr eindrucksvoll. Ich zog den Bauch ein. Mein Blick fiel auf meinen Penis, der schlaff und etwas armselig herunterhing, wanderte dann zum Bett, das sich gleichfalls im Schrank spiegelte, zu diesem kaum sichtbaren Körper hinter mir, der unter einer erstarrten, silbrig glänzenden Masse begraben schien, und Monas ausgestreckter Arm schien nach mir greifen, mich einladen zu wollen.

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Ich ging zum Bett und schob vorsichtig die Decke zurück. Der Hund sprang auf, um es sich im Sessel, auf meinen Kleidern wieder bequem zu machen. Wie bei einer archäologischen Ausgrabung legte ich Mona langsam frei. Nach und nach kam ein erstaunlich zerbrechlicher Körper zum Vorschein. Kaum verhüllt von einem durchsichtigen blauen Nachthemd kam ihre glatte, sonnenstudiogebräunte Haut zum Vorschein, ein bronzener, im farblosen Licht fast grauer Farbton. Als sei auch sie tot, dachte ich plötzlich, erstickt an einem dünnen goldenen Film, der sich über ihre Haut gelegt hatte, als habe man sie in ein Galvanisierungsbad getaucht, eine Tausendstel Millimeter dicke Schicht Blattgold. Doch sie atmete, aus dem halb geöffneten Mund strich die Luft über die Spitzen ihres Haars und ließ sie zittern, sich bewegen, als seien sie lebendig. Ein Bein hatte sie angewinkelt, und ich folgte dem großen und schmalen Fuß, dem dünnen Knöchel hinauf zu ihrer gut trainierten und enthaarten Wade, den Rundungen des Oberschenkels entlang zum Gesäß, das sich unter dem zarten Stoff aufwölbte und verführerische Schatten warf. Ich spürte, wie mein Schwanz schwerer wurde und gleichzeitig versuchte, gegen diese Schwere anzukämpfen, sich ein wenig hob und senkte im halbherzigen Versuch, sein eigenes Gewicht zu stemmen. Um ihn dabei zu unterstützen, beugte ich mich hinunter und zog auch den Stoff ihres Nachthemdes zurück, hinauf bis zum Ansatz des Rückens. Das schien zu helfen, und da ich schon dabei war, strich ich mit der Hand über ihre kühle Haut, griff dann fester nach ihrem Schenkel, zog daran, bis ich den dünnen Flaum zwischen ihren Beinen mehr erahnen als sehen konnte. Sie grunzte leise, drehte sich ein wenig weiter auf den Bauch und murmelte etwas Unverständliches.

Aus der zufälligen Bewegung war etwas entstanden, was ich nicht ganz verstand. Es war nicht Erregung oder nicht nur, eher Sehnsucht, der Traum von etwas, das es zwischen uns nicht gab, nie gegeben hatte, Nähe vielleicht oder auch Trost. Vielleicht hoffte ich auf ein kurzen Vergessen, ein Atemholen, eine Gnadenfrist. Ihre Schönheit, die Wärme ihres Körpers schien mir etwas zu versprechen, auch wenn ich wusste, dass sie dieses Versprechen nicht würde einlösen können.

Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich in sie eindrang oder es mir nur vorstellte. Ich weiß auch nicht, ob das einen Unterschied gemacht hätte. Wie gebannt starrte ich auf diese Stelle zwischen ihren Beinen, dorthin, wo meine Hände etwas Dunkles freigelegt hatten, etwas, das in diesem seltsamen Licht fast unsichtbar blieb, das ich aber ausfüllen musste mit meinem Körper oder mit meiner Phantasie.

Irgendwann ließ mich auf meine Seite fallen und deckte uns beide zu. Der Hund hatte den Kopf gehoben und beobachtete mich. Und obwohl ich wusste, dass er wahrscheinlich nur darauf wartete, dass es die Umstände ihm erlaubten, seinen angestammten Platz am Fußende wieder einzunehmen, war mir dieser Blick unangenehm. Ich schloss die Augen. Nach wenigen Minuten spürte ich die vorsichtigen Pfoten an meinen Füßen, dann sein Gewicht, als er sich hinlegte und zusammenrollte.

Vielleicht versuchte ich zu schlafen. Bald muss ich es aufgegeben haben, denn es war kaum eine halbe Stunde vergangen, als ich erneut auf die Uhr sah. Die Spannung in mir hatte sich verstärkt, quälende Gedanken kamen hinzu. Es war spät, aber nicht so spät, dass ich jeden Augenblick mit dem Läuten der Hausklingel rechnen musste. Oder würden sie an die Tür hämmern und brüllen, wie die Gestapo in alten Filmen? Die Ermittler kämen vielleicht um Sechs, hatte Hage vermutet, oder um Sieben. Die Vorstellung, sie könnten mich schlafend antreffen, mich wecken, war unerträglich. Möglich, dass mir die zwei Stunden später fehlten und ich meine Empfindlichkeiten bereute, doch ich konnte nicht einfach liegen bleiben und nichts tun, warten bis sie klingelten, mich überfielen wie einen Schwerverbrecher. Ich stand wieder auf, zog mich an, ging hinunter und goss mir einen weiteren Whisky ein. Mit dem Glas in der Hand ging ich zum Schlüsselboard. Nebeneinander hingen fein säuberlich aufgereiht die Fahrzeugschlüssel. Einen Moment lang zögerte ich, dann griff ich nach dem Mercedes-Schlüssel.

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Kapitel 10

Gegen zehn Uhr traf ich in der Universitätsklinik ein. So wie der Tag begonnen hatte, schien mir ein Krankenbesuch eine der besseren Möglichkeiten zu sein, noch etwas Sinnvolles daraus zu machen. Ich wollte mit den behandelnden Ärzten noch einmal persönlich sprechen, pro forma zwar nur, denn, so klar wie aussichtslos der Fall sich darstellte, es gab nichts, was noch zu besprechen gewesen wäre. Dennoch erschien es mir angebracht, ein deutliches, wenn auch nicht übertriebenes Interesse an Susannes Schicksal zu bekunden, mich vor Ort zu zeigen und dem unweigerlichen Zusammentreffen mit ihrer Mutter zu stellen. Hier, am Sterbebett der Tochter, konnte ich als bis zuletzt sorgender Therapeut vielleicht noch ein paar Pluspunkte sammeln, außerdem hoffte ich darauf, dass Schmerz und Wut eher einander folgten, als dass sie gleichzeitig von einer Person Besitz ergriffen. Dagmar Hallweg würde der Klinik, der Therapie, mir persönlich die Schuld geben, das stand für mich außer Frage.

Die Schranke hatte sich geöffnet, und ich hatte den Wagen auf einen Parkplatz für Kurzbesucher abgestellt. Um diese Uhrzeit herrschte ein reges Treiben auf dem Gelände, und ich bemerkte die Gestalten auf der Haupttreppe nicht oder maß ihnen keine Bedeutung zu. Es war ein schöner Frühlingstag. Weiß und gelb und rosa blühten die Büsche und Sträucher, bunte Krokusse standen in Grüppchen zusammen in den frisch geharkten Beeten. Der Himmel erschien weiter und lichter als sonst, und ein Gefühl der Leichtigkeit stellte sich ein. Während ich die wenigen Schritte zum Eingang zurücklegte, meinte ich sogar, die Hausdurchsuchungen, Susannes Selbstmordversuch, all das, was sich in den letzten vierundzwanzig Stunden zugetragen hatte, habe keinerlei Bedeutung, würde sich in Wohlgefallen auflösen, vergehen wie ein Alptraum und mir mein altes Leben zurückgeben, jenes, das gerade zwei Tage zurücklag und mir nie besonders erstrebenswert erschienen war, das ich jetzt aber im Lichte der jüngsten Ereignisse als einen beneidenswerten Hort der Harmonie, der Ruhe und Zufriedenheit zu erinnern glaubte. Vielleicht stimmte es, vielleicht war es wirklich nicht möglich, an einem Tag wie diesem als Pessimist durchs Leben zu gehen.

Doch diese trügerische Gewissheit währte nicht lange. Eine Fotokamera klickte, und eine Hand griff nach meinem Arm.

„Doktor Dorint, wie geht es Susanne Hallweg? Fühlen Sie sich für ihren Tod verantwortlich?“

Mitten in der Bewegung, einen Fuß schon auf der nächsten Stufe, erstarrte ich. Ich stand nicht auf einer breiten, schier endlosen Treppe, und auch der Pulk, der mich umlagerte, hatte keine große Ähnlichkeit mit dem, was ich aus amerikanischen Gerichtsfilmen kannte.

Kein Blitzlichtgewitter, keine Filmkameras, kein Gedränge und Geschubse, auch den Weg hätte ich mir nicht bahnen müssen, wäre ich einfach weitergegangen. Und doch fühlte ich mich wie ein Schwerverbrecher, wie jemand, auf den plötzlich die ganze Stadt, das ganze Land starrt, jemand, der verzweifelt den Anschein der Rechtmäßigkeit aufrecht zu halten sucht, und doch weiß, dass früher oder später alles ans Tageslicht gezerrt werden wird, schmutzige Wäsche, pikante Einzelheiten aus dem Privatleben, echte oder auch nur sprichwörtliche im Keller vergrabene Leichen. Tatsächlich waren sie nur zu dritt. Zwei Frauen und ein Mann, die mir aber in diesem Augenblick als die Vorboten einer ganzen Horde sensationsgieriger Klatschreporter und Fernsehmoderatoren, rücksichtsloser Fotografen und Kameramänner erschienen. Wäre ich darauf vorbereitet gewesen, hätte ich vermutlich meinen Weg fortgesetzt, hätte ein ernstes und gefasstes Gesicht gemacht, hätte vielleicht den Kopf geschüttelt, mit einem kein Kommentar oder etwas Ähnlichem geantwortet, hätte mich mit der ruhigen Selbstsicherheit umgeben, die jemand ausstrahlt, der weiß, dass er im Recht ist und dies niemandem zu beweisen braucht.

„Sie ist nicht tot.“ Ich stand noch immer zwischen den Stufen, als hinge ich halb in der Luft.

„Also besteht noch Hoffnung?“ Die Reporterin war jung. Ich meinte, sie zu kennen. Wenn ich mich nicht täuschte, arbeitete sie für die lokale Rundschau. Möglich, dass sie über die letzte Genie und Wahnsinn-Veranstaltung berichtet hatte.

Die andere mir unbekannte Frau mischte sich ein. „Die Steuerfahndung soll heute Morgen bei Ihnen gewesen sein. Rechnen Sie mit einer baldigen Verhaftung?“

Einmal mehr war ich über die Geschwindigkeit erstaunt, mit der sich Neuigkeiten in dieser Stadt verbreiteten. Es war gerade drei Stunden her, dass sie bei mir geklingelt hatten. Vermutlich waren sie noch immer in Haus und Klinik. Ich hatte es vorgezogen, mir den Anblick zu ersparen, tun konnte ich sowieso nichts mehr.

Plötzlich hatte ich es eilig. Während der bärtige Fotograf weitere Bilder machte, stieg ich schnell die wenigen Stufen zum Portal hinauf.

„Ist es richtig, dass Sie Ihre Beziehung zu Susanne Hallweg nicht nur rein therapeutischer Art war?“ „Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen?“

Das waren zwei der Fragen, die Sie mir hinterher gerufen hatten, als hätten sie ein unerschöpfliches Reservoir an vergifteten Pfeilen.

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Und sie trafen, blieben stecken, als hätten sie Widerhaken, schmerzten und beunruhigten mich, während ich wie auf der Flucht den langen Gang zur Station entlang hastete. Beide Fragen waren unerwartet gewesen, und das erklärte möglicherweise einen Teil ihrer hinterhältigen Wirkung. Während ich mich bei der ersten fragte, wie ein solches Gerücht zur Rundschau gelangte - oder handelte es sich um einen Schnellschuss, um eine gezielte Provokation, um mich zu unüberlegten Äußerungen zu verleiten? - war ich über die zweite mehr verwundert als verunsichert. Sicherlich gab es einen Zusammenhang zwischen den Hausdurchsuchungen und dem Selbstmordversuch. Es gab einen zeitlichen, das stand außer Frage. Es gab einen weiteren Zusammenhang insofern, dass beide Ereignisse geeignet waren, meine berufliche und private Existenz gleichermaßen zu zerstören. Dahinter ein gemeinsames Motiv zu suchen, eine wie auch immer geartete Ursache, erschien mir abwegig, fast paranoid. Manchmal kommt eben alles zusammen, behauptet der Volksmund, mehr konnte ich im Augenblick auch nicht sagen.

Sie hatten geklingelt, einmal kurz, dann nach einer Pause ein weiteres Mal, unaufdringlich und so wenig aufsehenerregend, wie es der Milchmann getan hätte, gäbe es einen, und, obwohl ich es besser wusste, unwillkürlich dachte ich einen Moment lang an die Post, an irgendeine Eilzustellung. Das Frühstück stand auf dem Tisch, und ich erwartete sie, so wie ich es gewollt hatte, anständig gekleidet, rasiert und gewaschen, als bedürfe es dem äußeren Anschein, um Würde auszustrahlen, Unantastbarkeit oder wenigstens Gelassenheit. Sogar Mona war auf. Ich hatte darauf bestanden. Entgegen ihrer üblichen Angewohnheit saß sie bereits zu dieser frühen Stunde fertig angezogen und geschminkt neben mir und stocherte lustlos in einem zu hart gekochten Ei.

Ein sonnengebräunter Herr mit grauen Schläfen hatte mir ohne viel Worte zu machen ein Dokument überreicht, den amtlichen Durchsuchungsbefehl, wie ich vermutete, und zwei weitere Zivilisten hatten sich an mir vorbeigedrängt, als fürchteten sie, jemand könne in diesen kritischen ersten Minuten tatsächlich wichtige Unterlagen ins Klo spülen, verbrennen oder - kam das nicht hin und wieder vor? - aufessen. Die Polizisten standen herum, unschlüssig, ob man sie draußen oder drinnen brauchte. Vielleicht bestand ihre Aufgabe darin, staatliche Autorität sichtbar zu machen, Widerstand zu brechen oder, profaner, beschlagnahmte Unterlagen hinauszutragen und abzutransportieren. Bevor ich die Tür wieder schloss, sah ich noch einmal hinaus. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es war fast hell. In meiner Einfahrt parkten, neben einem unscheinbaren Mittelklasseauto, zwei VW-Busse der Polizei.

Man ließ mich mit der Klinik telefonieren, und ich sprach mit Katrin. Es beruhigte mich, ihre Stimme zu hören. Sie war auf ihrem Posten und würde ein wachsames Auge haben auf das, was geschah, auch wenn sie sicherlich nicht mehr tun konnte als ich. Zur Klinik waren sie in größerer Besetzung vorgefahren, eine angesichts des umfangreicheren Materials, das zu sichten war, verständliche Maßnahme.

Überall schien es von uniformierten und nicht uniformierten Beamten zu wimmeln, und ich stellte mir die verwirrten Patienten vor, die Mitarbeiter, die gerade Schichtwechsel hatten. Diese Aktion würde fraglos Spuren hinterlassen, ob etwas gefunden wurde oder nicht. Sie war ein Anschlag auf meine Autorität, und es würde viel Mühe und Zeit kosten, sie vergessen zu machen und meinen vormaligen Stand zurückzugewinnen. Im Augenblick genügte es mir zu wissen, dass Katrin dort war, dass sie schlichten und vermitteln konnte, dass sie in ihrer resoluten Art einen Anschein von Ordnung und Normalität aufrechterhalten konnte, so als sei es gar nicht möglich, dass sich vor ihren Augen etwas Ungehöriges ereignete, als setze ihre schiere Anwesenheit die Eindringlinge bereits ins Unrecht. Außerdem konnte sie mir später genaue Angaben über Art und Umfang der beschlagnahmten Unterlagen machen. Dass ich es ihr nicht gleich tat und vor Ort blieb, entweder zu Hause oder in der Klinik, war vielleicht ein Fehler. Warum sollte es nicht auch mir gelingen, mich wie sie über das Geschehen zu stellen, mit einer Aura der Unangreifbarkeit zu umgeben, die die Zweifler überzeugen und jene, die den Anlass zweifellos begrüßen würden im Bestreben mir daraus einen Strick zu drehen, in ihre Schranken zurückweisen konnte? Und doch, ich fühlte mich angeschlagen, unfähig diese Rolle auszufüllen, so nützlich sie auch sein mochte. Ich meinte, meine Person aus der Sache heraushalten zu müssen, mich möglichst wenig damit in Zusammenhang bringen zu lassen, so als könne sich eine Art bedingter Reflex herausbilden, bei meinem Anblick an Unregelmäßigkeiten, an illegale Machenschaften, an Eigenschaften wie Unglaubwürdigkeit, Verschlagenheit und Eigennutz zu denken, Attribute, die gerade für einen Therapeuten vernichtend sein mussten. Möglich, dass es einfach eine Flucht war, dass ich mich mit mehr oder weniger guten Argumenten zu entziehen suchte, diese Öffentlichkeit scheute, der ich mich so unerwartet bloß und verletzlich gegenübersah. Vielleicht war ich deshalb über die überraschende Aufmerksamkeit schockiert, die mir in Gestalt der Medien vor dem Eingang der Universitätsklinik zuteilwurde.

Vorsichtig, wenn auch ein wenig gehetzt, betrat ich das Krankenzimmer. Noch bevor ich Susanne sehen konnte, oder das, was von ihr übrig geblieben war, fiel mein Blick auf die Mutter. Sie saß am Fußende des Bettes auf einem Stuhl und hatte wohl abwesend oder in sich gekehrt vor sich hin gestarrt, die Augen auf das Bett, auf den reglosen Körper, das graue, eingefallene Gesicht geheftet, denn sie bedachte mich mit dem Gesichtsausdruck von jemanden, der bei einer sehr privaten, fast intimen Angelegenheit gestört wird. Verlegen stand ich herum. Jetzt bedauerte ich es, mit leeren Händen gekommen zu sein. Ein Blumenstrauß hätte Wunder bewirken können. Stattdessen gab ich ihr die Hand, ein Händedruck, den sie kraftlos mit unverändert finsterer Miene erwiderte, kramte aus der Erinnerung irgendwelche Floskeln hervor, die ich bei manch einer ähnlichen Gelegenheiten Angehörigen gegenüber mit Erfolg gebraucht hatte - auch dieses Bemühen prallte an ihr ab, als sei ihr meine Anteilnahme gleichgültig oder sogar unangenehm - und bat sie, noch immer befangen, zu berichten, was es Neues gebe.

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Sie schüttelte nur den Kopf. Unklar blieb, ob sie damit die Hoffnungslosigkeit des Falles oder auch nur das Fehlen von Neuigkeiten andeuten wollte, ob ihr die Kraft oder der Wille fehlte, überhaupt etwas zu sagen, oder ob diese Geste mir galt und sie damit zu verstehen geben wollte, sie weigere sich, mit mir zu sprechen.

Susanne lag wie leblos in ihrem Bett. Jetzt war sie ruhig. Wären die Monitore nicht gewesen, das regelmäßiges Fiepen, das ihrem Puls und Atem folgte wie ein Echo, man hätte sie für tot, für seit langem tot halten können. Ihr Haar war stumpf geworden, das Gesicht eingefallen, den Rest wollte ich mir nicht vorstellen. Sie war nie wirklich schön gewesen, auch wenn sie eine seltsam ernste und zugleich spielerische Sinnlichkeit ausgestrahlt hatte, schwermütig und oberflächlich in einem, vielleicht nur gespielt, eine Mischung aus sich widersprechenden Signalen, die ich schon bei unserem ersten Treffen gespürt hatte, ohne sie eingrenzen und auflösen zu können, die mich angezogen und zugleich hatte zurückweichen lassen, als wüsste ich instinktiv, dass sie gefährlich war, dass sie mir gefährlich werden würde. Sie schien sich ihres Körpers auf eine beunruhigende Weise bewusst gewesen zu sein - wieder dachte ich in der Vergangenheitsform an sie -, so als trage sie eine schwere Bürde mit sich herum, Last und Lust zugleich, und das war vielleicht der Schlüssel zu ihrer Krankheit.

Ich setzte mich auf den anderen Stuhl. Ohne mich weiter um die Mutter zu kümmern - auch mir stand ein Augenblick der Sammlung und inneren Einkehr zu - nahm ich Susannes Hand in die meinen, drückte sie, strich über den Handrücken in einer hilflosen Geste des Beistands oder Mitleids, hilflos deshalb, weil sie mich nicht sah, nicht spürte, hilflos auch, weil ich mich tatsächlich so fühlte, verantwortlich und gleichzeitig jedes Einflusses beraubt.

Während ich so dasaß, es war nicht lange, dachte ich an die ersten Therapiestunden zurück.

Am Anfang war sie noch zu mir ins Büro gekommen. Mehrmals die Woche. Dort stand die Couch. Ein schmales mit einem kleinen Teppich bezogenes Polster und ein Kopfkissen, dünn und hart. Lag man darauf, ging der Blick zu Wand, drehte man den Kopf ein wenig, konnte man aus dem Fenster schauen auf einen Baum. Ich wusste das, weil ich gleich am Kopfende saß, unsichtbar, und den gleichen Ausblick hatte. Außerdem legte ich mich, wenn ich allein war, selbst hin und wieder für einige Minuten hin, um mich auszuruhen oder ein kleines Nickerchen zu halten

Der Baum war eine Platane. Aber vielleicht war es nicht wichtig, dass es eine Platane war. Wichtig war, dass er Blätter hatte, richtige Blätter, die im September braun wurden und nach und nach abfielen, bis nur noch nackte, fleckige Äste übrig blieben und die gelbliche Fassade des Hauses gegenüber, die immer dunkle Luke unter dem Dach heraustrat, näherkam und der Baum so durchsichtig geworden war, dass man ihn übersehen konnte, wenn man den ersten flüchtigen Blick hinauswarf. Wenn irgendwann dann der Frühling kam und die Äste knospten, die grünen Blättchen sich krümmten, sich wie fett gewordene Raupen entrollten, dann verschwamm das Haus gegenüber, zog sich zurück Woche um Woche, bis man es nur noch erahnen konnte, so weit weg, als befände es sich auf einem anderen Planeten. Im Sommer stand das Fenster meist offen, dann strich ein lauer Zug durch das Zimmer und die Blätter rauschten wie weit entfernte Meeresbrandung. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es waren vier Bilder, ähnlich Muchas Jahreszeiten, die unauffällig ineinander übergingen. Ein behutsamer Übergang, denn es war nicht möglich, den Tag zu benennen, an dem der Frühling zum Sommer oder der Sommer zum Herbst wurde. Und doch glich dieses Fenster einem Kalender, und während ich meine Stunden abhielt, ging mein Blick manchmal abwesend hinaus, um die Zeit zu beobachten, die langsam, fast unmerklich verging, einen Kreis nach dem anderen schloss.

Es war nicht einfach gewesen, Susanne zum Liegen zu überreden. Sie schien die direkte Auseinandersetzung zu suchen, brauchte ein Gegenüber, so wie man einen Spiegel braucht, die Augen eines anderen, durch die man hindurch auf sich selbst sieht. Sie schien sich stets ihrer Wirkung versichern zu müssen, und die Leere, die sie spürte, wenn sie auf die Wand starrte oder durch das Fenster hinaus, diese Abwesenheit des fremden Blicks verunsicherte sie zutiefst. Das war zumindest das, was ich in den ersten Stunden verstanden hatte. Tatsächlich gab es diesen fremden Blick doch. Sie wusste, dass ich hinter ihr saß und sie beobachten konnte, wann immer ich wollte, ungestört, als sei ich in einem anderen Raum und sehe sie durch einen Einwegspiegel. Aber das half ihr nicht, sich ihrer Wirkung auf mich zu vergewissern. Außerdem konnte sie nicht gleiches mit gleichem vergelten. So kam es, dass sie sich manchmal aufstützte, um kurz hinter sich zu mir zu sehen, spöttisch, wie mir schien, und oft genug fühlte ich mich ertappt, als hätte ich sie tatsächlich durch ein Schlüsselloch beobachtet. Später fand sie Gefallen an meinen voyeuristischen Blick, wie sie ihn manchmal nannte. Sie stellte sich dann vor, sie sei tatsächlich allein, rede vor sich hin oder vertraue intime Geständnisse einem Tagebuch an, einem Diktiergerät vielleicht.

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Mit gespieltem Erschrecken bemerkte sie dann meine Anwesenheit, bemerkte, dass ich sie, wer weiß wie lange schon, belauscht hatte. Das schien sie zu ängstigen und zugleich zu erregen. Dann erwartete sie eine Strafe, und auch dass sie ausblieb, enttäuschte und beruhigte sie in gleichem Maße.

Mir war die klassische Freudsche Stellung, bei der der Analytiker unsichtbar hinter dem liegenden Patienten sitzt, angenehm. Sie verschaffte mir die für meine Arbeit nötige Distanz. Gerade bei Susanne war ich mehr als einmal froh gewesen, ihrem provozierenden und spöttischen Blick nicht andauernd ausgesetzt zu sein.

In ihrem Zimmer war ich erst einige Wochen später zum ersten Mal gewesen. Sie war nicht zu ihrer Stunde erschienen, unentschuldigt, und ich wollte nach dem Rechten sehen. Sie lag angezogen auf dem Bett und hatte mich offenbar erwartet.

Das Zimmer war groß, hell und freundlich; es ging nach Süden hinaus, und die Herbstsonne fiel honiggelb durch das Fenster. Vielleicht war es Zufall gewesen, vielleicht hatte ihr Katrin das Zimmer auf ihren Wunsch hin gegeben, denn sie brauchte offenbar Platz und Licht. Auch wenn es nicht um Farben ging, um die feinen Abstufungen, auf die der Maler Wert legt, und die ein richtiges Atelier mit Tageslicht in Hülle und Fülle erfordern, lebten auch Susannes Gebilde vom Licht, vom Kontrast zwischen Hell und Dunkel, vom leeren, nur von Helligkeit durchdrungenen Raum. Möglich, dass das der Grund war, warum mir dieses warme goldene Herbstlicht im Gedächtnis blieb.

Sie als Plastiken zu bezeichnen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Es waren Figuren, das schon, modellierte Körper, menschenähnlich, die an Tänzern erinnerten, an Turnern mit angewinkelten Armen und gebeugten Beinen. Man meinte, Oberkörper zu erkennen, Köpfe, die her- oder wegschauten, Hände mit Fingern, die sich einem unsichtbaren Ziel entgegenstreckten. Und doch bestanden sie im Wesentlichen aus Nichts, aus umspinntem Raum, aus einer Leere, die nur deshalb hervortrat und sichtbar wurde, weil sie von einem hauchdünnen Material notdürftig umgrenzt wurde und sich so zu einer Illusion von Solidität verfestigte. Es waren Plastiken aus dünnem Silberdraht. Vielleicht wirkten sie deshalb wie die räumlichen Projektionen von Bleistiftskizzen, achtlos hin gekritzelte Linien, die sich in den Raum wölbten, aufstiegen, durchsichtig und leicht wie Rauchschwaden, um sich wie durch ein Wunder zu einer Gestalt zusammenzufinden, von der man nicht wusste, ob es sie wirklich gab oder ob sie nur eine Erfindung des Auges war. Und tatsächlich schienen ihre Menschen zu schweben. Sie glitzerten im Sonnenlicht, und man hatte Lust, um sie herumzugehen, als bedürfe es der Ortsveränderung, einer Bewegung, um ihre ganze Räumlichkeit zu erfahren. Man hatte Lust, sie zu umfassen, zu berühren, vielleicht um sich zu vergewissern, sie seien aus Materie oder seien es nicht. Dass ich trotzdem in respektvollem Abstand um sie herum ging, hatte einen anderen Grund. So spielerisch ihre Leichtigkeit war, so unbeständig und verletzlich wirkten sie auf mich. Als bestünden sie tatsächlich aus Rauch oder dünnen Spinnenweben, schien es, als genüge der kleinste Lufthauch, um sie für immer zu zerstören. Zerbrechlich, dachte ich, das ist das richtige Wort.

Susanne beobachtete mich, während ich um die größte Figur herumging, jene, die nahe am Fenster auf dem Arbeitstisch stand, einer hölzernen Platte, die sie über den eigentlichen Schreibtisch hatte legen lassen. Sie war noch nicht ganz fertig, aber es schien sich, um eine weibliche Gestalt zu handeln, ein zartes Schemen, das im Gegenlicht glitzerte und eine Pirouette zu drehen schien, einen Arm, falls es ein Arm war, senkrecht nach oben zum Himmel gereckt. Fast meinte ich, eine Tänzerin zu sehen.

„Gefällt es Ihnen?“

Ich nickte. „Es erinnert mich an Degas.“

Einen Augenblick schien sie zu überlegen, ob sie sich ärgern oder geschmeichelt fühlen sollte. „Degas wollte die Bewegung zeigen, mir kommt es auf den Körper an, auf den Raumeindruck.“

„Ist das nicht in gewisser Weise das gleiche?“

„Ja und nein. Im ersten Fall ist es die Bewegung des Ballettmädchens, im zweiten ist es Ihre eigene. Sind Sie nicht eben auch drum rum gegangen?“

„Möchten Sie die Menschen dazu bringen, etwas zu tun?“ Vielleicht ließ sich die Therapiestunde in dieser zwangloseren Umgebung besser führen.

Sie lachte. „Sind Sie hergekommen, um mich das zu fragen?“

„Nein, ich wollte Sie fragen, warum Sie nicht zur Stunde erschienen sind.“

Auf dem Tisch am Fenster lagen einige Rollen Silberdraht, daneben etwas, das entfernt einem Lötkolben ähnelte. Die Zangen, ein ganzes Besteck chromblitzender Geräte, erinnerten mich an das Instrumentarium eines Zahnarztes. Sie schien an etwas Neuem zu arbeiten. Allerdings war noch nicht zu erkennen, an was.

„Vielleicht wollte ich Sie dazu bewegen, hierher zu kommen.“

„Warum hätten Sie das tun sollen?“

Sie stützte sich auf und betrachtete eingehend ihre Tänzerin. „Vielleicht gefällt es mir wirklich, Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun. Vielleicht wollte ich Ihnen meine Plastiken zeigen. Vielleicht fühle ich mich hier einfach wohler.“ Jeder Satz klang so, als zöge sie tatsächlich die jeweilige Möglichkeit ernsthaft in Betracht. Ich dagegen wurde das Gefühl nicht los, sie habe etwas völlig anderes im Sinn.

Der behandelnde Arzt riss mich aus meinen Gedanken. Mit einer unmerklichen Bewegung des Kopfes, gab er mir zu verstehen, wir sollten uns draußen unterhalten, und ich war erleichtert, zum Abschied nicht noch einmal mit der schweigsam vor sich hin starrenden Mutter Höflichkeitsfloskeln austauschen zu müssen. Ich verabschiedete mich von ihr, ohne ihr irgendeine sichtbare Reaktion zu entlocken.

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Der Oberarzt hatte nicht viel Neues zu berichten. Eine Spenderleber war nicht in Sicht. Da die durchgeführten Gewebeuntersuchungen eine Vielzahl von Unverträglichkeitsreaktionen befürchten ließen, gab es wenig Anlass zu vermuten, dies könne sich in den nächsten Stunden ändern. Und dass es nur noch Stunden waren, die wir hatten, daran ließ Dr. Grottek keinen Zweifel. Susannes Leber war zerstört und die Vergiftung des Körpers schon weit fortgeschritten. Sie hatten ihr ein starkes Beruhigungsmittel gegeben, und die Krämpfe hatten nachgelassen. Sie schien überhaupt relativ ruhig, ihr Körper bäumte sich nicht mehr auf, es war, als habe sie den aussichtslosen Kampf aufgegeben, dessen hilfloser Zeuge ich am Vortag gewesen war.

In der Hoffnung, von den Journalisten unbehelligt bis zu meinem Wagen zu kommen, ließ ich mir den Hinterausgang zeigen.

 

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Kapitel 11

Draußen war es so freundlich wie zuvor, und ich blinzelte in die Sonne, verwirrt über die Unbeschwertheit, von der alles um mich herum durchdrungen zu sein schien. Mir war, als sei ich nicht ausreichend vorbereitet auf diesen unübersehbaren Frühling, den ungestümen Aufbruch, der so tat, als könne es nichts anderes geben als Fortschritt und Wachstum, als Leben. Selbst die strenge Fassade der Universitätsklinik, die an schlechteren Tagen an eine altertümliche Verwahranstalt oder an ein Gefängnis erinnerte, ordnete sich heute unter, passte sich ein in das Bild ungetrübter Harmonie.

Der Wagen rollte hinaus auf die Straße. Ich war unschlüssig, wohin ich fahren sollte. Es war noch nicht einmal Mittag, und die Durchsuchungsaktion war vermutlich noch im vollen Gange. Nach Hause konnte ich nicht und auch nicht in die Klinik. Das heißt, ich konnte jederzeit sowohl da- als auch dorthin. Doch durch das Eindringen der Steuerfahnder fühlte ich mich nicht mehr sicher, wurde mir bewusst. Wie ein Tier, das in seinem Bau überfallen worden war, mied ich ihn instinktiv. Ich meinte, vorsichtig abwarten zu müssen, ob und wann ich zurückkehren, ob ich überhaupt gefahrlos zurückkehren konnte. Hinzu kam, dass ich weitere Reporter fürchtete. Wenn sie zur Uniklinik gefahren waren, dann konnten sie mich auch vor der Haustür oder sogar in meinem eigenen Büro erwarten. Tatsächlich war es mehr als das, ich fühlte mich gehetzt, verfolgt. Als gäbe es keine Rückzugsmöglichkeiten, wusste ich nicht, wohin. Überall konnten sie mir auflauern. Nur hier in meinem Wagen, hinter den getönten Doppelscheiben fühlte ich mich halbwegs sicher. Hier konnte mir niemand etwas anhaben.

Irgendwann fand ich mich auf der Autobahn wieder. Am hellichsten Tag und im dichten Verkehr, der wie üblich in alle Richtungen brandete, als könnten sich Autos und Laster nicht entscheiden, wohin sie fahren sollten, und deshalb nach wenigen Kilometern umkehrten, um mit der größten Selbstverständlichkeit die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. In diesem unübersichtlichen Hin und Her, war an schnelles Fahren nicht einmal zu denken. Auch sonst wäre es mir abwegig erschienen, meine nächtlichen Eskapaden am Tag zu veranstalten. Zu hart und gefährlich erschienen mir die Betonplatten, zu zerbrechlich die metallene Leitplanke, die die Ströme notdürftig trennte. Außerdem war ich müde. Sekundenlang schien mein Gehirn auszusetzen. Dann fand ich mich am Ende einer Kolonne oder in der engen Kurve eines Autobahnkreuzes wieder, ohne mich zu erinnern, wie ich dahin gekommen war. Aber offenbar gab es ein automatisches Programm, das über mich wachte, das meine Füße und Hände veranlasste, Pedale zu treten oder am Lenkrad zu drehen. Selbst die Blinker wurden wie von Geisterhand betätigt. Vielleicht war ich nur in Gedanken versunken, dachte über die jüngsten Ereignisse nach, überlegte, was zu tun sei, wie der Schaden begrenzt werden konnte. Möglich, dass es eine solche Überlegung war, die mich zum Telefon greifen und die Nummer meiner Ex-Frau wählen ließ.

Eine halbe Stunde später trafen wir uns an der Flusspromenade hinter dem alten Strandbad. Oben am Parkplatz stand eine Bank, und da ich ein paar Minuten zu früh war und die Sonne jetzt kräftiger brannte, zog ich meine Jacke aus und setzte mich. Dann schloss ich die Augen. Müdigkeit überwältigte mich, und ein paar Augenblicke lang ließ ich mich von ihr forttragen. Als mein Kopf auf die Brust fiel, zuckte ich zusammen und öffnete die Augen. Therèse hatte gerade eingeparkt. Sie entstieg einem dunkelblauen BMW Roadster, den sie mit geöffnetem Dach stehen ließ.

Lächelnd blieb sie vor mir stehen, und ich kniff die Augen zusammen und sah zu ihr auf. Therèse kam mir an diesem Tag fast fremd vor, und ich fragte mich, wann ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ihr Haar war tiefschwarz und zu einer strengen Pagenfrisur geschnitten. Sie war nur wenige Jahre jünger als ich, aber wie sie in ihrem moosgrünen Kostüm vor mir stand, geradezu vor Gesundheit und Vitalität strotzend, kaum eine Falte oder ein anderes sichtbares Zeichen der Zeit im Gesicht, schien sie einer anderen Generation anzugehören. Ich dachte an die eisernen Sport- und Gesundheitsprogramme, die sie schon früher absolviert hatte, an Schönheitsfarmen und andere Einrichtungen, über die sie sich ausgeschwiegen hatte und deren Sinn und Zweck mir verborgen geblieben war. All diese Bemühungen schienen ihre Früchte getragen zu haben.

„Hallo, Therèse! Wie geht es dir?“ Ich sah hinüber zu dem in der Sonne glänzenden Auto. „Das Müllgeschäft scheint einträglich zu sein.“

„Wertstoffe, mein Lieber, Wertstoffe, wie der Name schon sagt...“

„Ja, ein nettes Spielzeug. Es freut mich, dass er dich nicht kurz hält.“

„Apropos. Wie geht es deiner billigen polnischen Hure? Wie hieß sie doch gleich? Ramona?“

„Besser eine billige Hure als eine teure.“

„Ich glaube, das ist Geschmacksache. Jeder hat so sein Niveau, nicht wahr?“

Sie hatte lächelnd gesprochen, und auch ich hatte mich um einen freundlichen Ausdruck bemüht. Seit einiger Zeit gehörten diese Sticheleien zu unserem normalen Umgang, und, so bösartig sie für den zufälligen Hörer klingen mochten, so wenig schienen wir uns gegenseitig damit zu treffen. Es war nicht viel mehr als ein seltsames Ritual. Möglich, dass auch anderes mitschwang, Enttäuschung, die eine oder andere Verletzung aus unserer fünfzehnjährigen Ehe, unterschwellige Aggressionen, die auf diese Weise schon zu Beginn unseres Zusammentreffens abgebaut wurden oder auch nicht. Im Übrigen kamen wir ganz gut miteinander zurecht. Trotzdem waren wir vorsichtig, beide. Wir kannten uns zu gut.

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Langsam gingen wir zum Fluss hinunter und schlugen die lange Promenade ein. Der Kies knirschte unter unseren Füßen. Er war noch feucht von der Nacht. Therèse trug zu hohe Absätze, und ich stellte mich auf einen kurzen Spaziergang ein. Während wir nebeneinander her gingen wie ein altes Ehepaar, informierte ich sie notdürftig über die jüngsten Ereignisse. Sie schien bereits einiges zu wissen, sagte aber nichts.

„Wie geht es Markus?“ Wenn mir heute jemand, außer mir selbst, leid tat, dann war er es.

„Dein Sohn ist nicht besonders gut auf dich zu sprechen, und ich kann es ihm nicht verdenken.“

Manchmal dachte ich, dass er mich hasste. „Sag ihm doch, dass er sich mal wieder melden soll!“

„Warum rufst du ihn nicht an?“

Eine Weile gingen wir schweigend weiter. Schließlich kamen wir auf unser gemeinsames Projekt zu sprechen, auf die Tennishalle.

Hage hatte vorgeschlagen, die ganze Abwicklung Therèse zu übertragen. Ich würde, wie geplant, die Hälfte der benötigten Summe beisteuern - tatsächlich hatte ich sie bereits vor einigen Tagen auf ein Konto der Schmitt-Recycling überwiesen -, aber offiziell nicht in Erscheinung treten. Bisher gab es nur einen Vorvertrag mit dem Alteigentümer, eine mit einem kleineren Betrag bekräftigte Absichtserklärung. Im endgültigen Vertrag, im Grundbuch in allen amtlichen Dokumenten stünde Therèse allein. Während ich ihr die Einzelheiten darlegte, hörte sie aufmerksam zu.

Sie wusste, wie schwer es mir fiel, im Hintergrund zu bleiben. Tröstend sagte sie: „Du kannst natürlich über die ganze Anlage genauso verfügen wie ich. Niemand wird sich etwas dabei denken. Und was mögliche Gewinne angeht, da werden wir uns schon einigen, da sehe ich keine Probleme.“ Sie sah zu mir herüber. „Es freut mich auch, dass wir am Sonntag deinen Geburtstag dort feiern können. Es war nett von Herrn Brinkmann, uns in diesem Punkt entgegenzukommen.“

„Du musst nur noch eine Möglichkeit finden, die Herkunft meines Anteils plausibel zu machen. Eine ausländische Bank vielleicht oder ein stiller Gesellschafter...“

„Das kriegen wir schon hin.“ Ich fragte mich, wen sie mit diesem Wir meinte.

„Dann brauchen wir nur noch einen Vertrag, in dem du meine Teilhabe bestätigst und ein paar Dinge festgehalten werden. Gemeinschaftliche Verfügungsgewalt, Regelungen im Streitfall... Na ja, du weißt schon, der übliche Kram.“ Bei Hage lag bereits eine unterschriftsreife Fassung.

Sie war abrupt stehen geblieben. „Du willst doch nicht tatsächlich irgendwelche Geheimverträge abschließen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist mir viel zu gefährlich.“ Ihre Stimme wurde hart. „Vergiss eines nicht: Dein Kopf steckt in der Schlinge, nicht meiner. Ich habe durchaus noch etwas zu verlieren.“ Versöhnlicher fügte sie hinzu: „Außerdem haben wir einen Vertrag, wenn auch einen mündlichen. Der ist genauso bindend, als wenn er von deinem famosen Anwalt höchstpersönlich von Hand geschrieben worden wäre.“

„Das mag sein. Nur wird es im Zweifelsfall schwierig sein zu beweisen, was drin steht.“

„Mein Gott, dann gebe ich dir mein Wort.“ Sie nahm meinen Arm. „Vertraust du mir nicht mehr?“

Ich überlegte, ob ich ihr jemals vertraut hatte. „Es sind zwei Millionen“, wandte ich matt ein.

„Das ist doch nur Geld. Du solltest zu allererst an deinen guten Ruf denken. Außerdem hättest du nicht allzu viel von diesem Geld. Ich könnte mir vorstellen, dass man dir den größten Teil davon wieder wegnehmen würde.“ Sie drückte noch einmal kurz meinen Arm und ließ ihn dann los. Unschlüssig sah sie sich um. Ein mit Sand beladener Kahn tuckerte langsam flussabwärts. „Lass uns wieder zurückgehen!“

Auch ich sah dem Lastkahn nach. Mit ihm schien mein kleines Vermögen hinter die nächste Flussbiegung zu entschwinden. Wenn ich zustimmte, hatte ich nichts in der Hand. Ich wäre von ihrem guten Willen abhängig, von den Rechten, die sie mit einräumte, zunächst scheinbar vereinbarungsgemäß, später dann mit dem immer größeren Anschein von Freiwilligkeit. Ein Entgegenkommen, das für die Öffentlichkeit den gemeinsamen Ehejahren geschuldet wäre: die Schrulle einer generösen, vielleicht zu generösen Ex-Ehefrau. Diese Sicht würde sich auf sie übertragen, und eines Tages bliebe mir nur noch, auf etwas längst Vergessenes, von der Gewohnheit Überholtes zu pochen, erfolglos vermutlich, da der Anschein auf ihrer Seite wäre. Aber hatte ich eine Wahl? Das Geld lag auf ihrem Konto, und, selbst wenn ich gewollt hätte, ich bezweifelte, dass sie mich wieder aus dem Geschäft aussteigen ließe. Sie hatte meine Zusage, hatte selbst einiges investiert und ein Ersatz für meinen Anteil war nicht in Sicht. Außerdem, wer konnte sie daran hindern, mein Geld einfach zu behalten? Ich war kaum in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen.

Wir waren schweigend zurückgegangen. Vielleicht hatte sie meine Gedanken erraten, vielleicht war die Situation so, dass jeder halbwegs logisch denkende Mensch mit Leichtigkeit zum gleichen Ergebnis gekommen wäre. Jedenfalls sagte sie zum Abschied: „Glaube mir, es ist die beste Lösung. Ich bin deine Strohfrau, dein Geld ist in Sicherheit, wir können die Halle so kaufen wie geplant.

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Alles andere ergibt sich dann. Du kannst nur nicht den großen Zampano spielen, aber damit musst du fertig werden. Im Knast ist es noch weniger lustig.“ Sie küsste mich auf beide Wangen, stieg in ihren Wagen und fuhr davon. Betreten sah ich ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen des Strandbads verschwunden war.

Kurze Zeit später stellte ich den Wagen auf meinen Dienstparkplatz ab.

Einem ersten Impuls folgend, hatte es mich wieder hinaus auf die Autobahn verschlagen, doch die Vorstellung, den Rest des Tages mit sinnlosem Hin- und Herfahren zu verbringen, ließ mich ein weiteres Mal zum Telefon greifen. Katrins Stimme klang gelassen, und ich spürte, wie sich ihre Ruhe auf mich übertrug. Die Steuerfahndung hatte ihre Arbeit vorläufig beendet. Um die Mittagszeit waren sie mitsamt den beschlagnahmten Unterlagen abgefahren. Offenbar hatten sie weniger mitgenommen, als wir befürchtet hatten. Genaueres wollte sie am Telefon nicht sagen. Obwohl ich mit derlei Dingen keine Erfahrung hatte, beschloss ich diesen Umstand als gutes Zeichen zu werten. Vorsichtshalber schickte ich Katrin noch hinaus zur Pforte, aber auch dort war anscheinend alles ruhig. Es schienen sich weder Reporter noch andere verdächtige Gestalten in der Nähe der Klinik herumzutreiben.

Die Sonne schien noch immer, und einige Patienten saßen auf den Bänken oder liefen mit ihren kurzen Schritten auf den Wegen der kleinen Parkanlage hin und her. Es war ein friedliches Bild, das mich empfing, und doch schien mir, als habe sich seit dem Vortag etwas geändert. Sie grüßten mich wie jedes Mal, wenn ich kam oder ging, winkten, nickten, riefen meinen Namen. Manchmal lachten sie oder riefen mir etwas Unverständliches hinterher. Auch heute war es nicht anders, und doch meinte ich, Misstrauen in manch einem Gesicht zu erkennen, vielleicht nur Unruhe oder Anspannung, Sorge. Sie schienen, von mir abgerückt zu sein, einen halben Schritt nur, unmerklich, gerade so weit, dass sich Unbehagen in mir breit machte. Ich war nicht mehr der unumschränkte Herrscher, Chef, Therapeut, Vater, Beichtvater. Die Aufregung des Tages hatte ihre Spuren hinterlassen. Sie fühlten sich bedroht, und wahrscheinlich würde heute Abend manch einer um eine höhere Medikamentendosis nachfragen. Ich war nicht länger derjenige, der jegliche Unbill von ihnen abwenden konnte, der Schutz und Geborgenheit garantierte. Wenn ich, die Einrichtung, all das, was in ihren Augen so unantastbar schien, bedroht war - und ich zweifelte nicht daran, dass sie mit ihrer Sensibilität diese Bedrohung sofort gespürt hatten -, dann fühlten auch sie sich nicht mehr sicher. Ein Teil ihres Vertrauens war geschwunden. Vielleicht meinte ich, hinter ihrer Sorge Enttäuschung zu sehen. Und es war diese Enttäuschung, die mich mehr traf als die sichtbare Angst, die ihre Gesichter umschattete.

Katrin dagegen schien fast zufrieden. Sie saß an ihrem Schreibtisch und ordnete irgendwelche Papiere, die übrig geblieben sein mochten. Insgesamt herrschte wenig Unordnung. In den Regalen klafften einige Lücken, ganze Ordnerreihen fehlten, und die Schranktüren standen offen. Möglich, dass Katrin vieles schon wieder eingeräumt hatte. Aber es war keine Frage, dass die meisten sichtbaren Spuren der Durchsuchungsaktion in kaum einer weiteren halben Stunde getilgt wären.

Sie sah auf, als ich hereinkam, und ich schaute mich um, noch immer außer Atem von den Stufen, die ich hinauf gerannt war.

„Alles in Ordnung?“

Eine Weile sagte sie nichts. Sie schien zu überlegen oder mich zu beobachten. Sie hatte ihre Lesebrille auf und sah darüber hinweg, wie jemand, der still etwas prüft, eine Rechnung in Gedanken überschlägt oder sich zu erinnern versucht, ob sich ein angesetzter Termin mit einem anderen überschneidet.

Dann suchte ich ihren Blick. Einige Sekunden lang sahen wir uns in die Augen. Forschend, jeder auf seine Weise.

Heute schien ich Katrin zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst wahrzunehmen. In den zwanzig Jahren, die sie für mich arbeitete, war sie zu einem Teil der Einrichtung geworden: nützlich und selbstverständlich. Sie stand zu meiner Verfügung, wann immer ich wollte, machte Überstunden, kümmerte sich um jede erdenkliche Angelegenheit sowohl von Klinik als auch von Praxis, erledigte die unangenehmen Telefonate und vermittelte zwischen mir und den Mitarbeitern. Sie schirmte mich ab, war ein dienstbarer Geist, dessen einzige Aufgabe es war, Unangenehmes von mir fernzuhalten, mich zu bestärken, mir zu schmeicheln oder, sollte es notwendig sein, mich auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, vorsichtig dann, ohne mich zu kränken. Wie ein Schutzengel, der umso unsichtbarer wird, je wirkungsvoller sein Tun sich gestaltet. Und sie war auch in anderer Hinsicht für mich da. Bis vor wenigen Monaten hatten wir miteinander geschlafen, zwar nicht mehr so häufig wie in den ersten Jahren, aber doch regelmäßig, meistens in einem der freien Patientenzimmer, manchmal auch auf den Tagungen und Kongressen, zu denen ich sie mitzunehmen pflegte. Sie hatte mich über meine Scheidung hinweggetröstet und über die eine oder andere gar nicht so seltene Krise, hatte wenig Ansprüche gestellt, so als genüge es ihr, da zu sein, im Hintergrund zu bleiben, mir das zu geben, was ich brauchte. Vielleicht war es diese scheinbare Unterwürfigkeit gewesen, die mich getäuscht hatte, die mich veranlasst hatte, wie selbstverständlich das zu nehmen, was sie mir gegeben hatte.

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Während wir uns diese kurze Spanne Zeit lang anblickten, die wenigen Meter, die zwischen uns lagen, prüfend überbrückten, als wollten wir uns vergewissern, was sich auf der jeweils anderen Seite in den letzten Wochen und Monaten getan hatte, ging mir manch eine Episode durch den Kopf, eine Bemerkung, die ich fallen gelassen, ein Wort, das ich leichtfertig gebraucht hatte. Unnötige Härten, Anzeichen mangelnder Wertschätzung und mehr als das. Manchmal hatte es mich gereizt, ihre scheinbare Unterordnung auszunutzen, auf die Spitze zu treiben, sie ihre Abhängigkeit und Machtlosigkeit spüren zu lassen. Es war fast wie ein Zwang gewesen, sie herum zu scheuchen, in der Öffentlichkeit bloßzustellen, sie regelrecht zu erniedrigen.

Auf einer Tagung hatten wir einmal abends im kleinen Kreis an der Hotelbar gesessen. Einige Kollegen waren anwesend gewesen. Es war spät geworden, und irgendwann hatte sie sich erhoben, um ins Bett zu gehen. „Dein Dienst ist erst dann zu Ende, wenn ich es sage“, hatte ich sie scherzhaft zurechtgewiesen, und mit einem Augenzwinkern an die anderen noch weitere Dienste angedeutet, für die sie mir als ganz persönliche Sekretärin anschließend noch zur Verfügung zu stehen habe.

Was ich als witzige, in ihrer Derbheit dem Alkohol geschuldete Pointe gemeint hatte, klang jetzt nach und schien wie andere ähnlich geartete Zwischenfälle zwischen uns zu stehen. Möglich, dass es solche Dinge gewesen waren, die sie vor ein paar Monaten veranlasst hatten, einen Schlussstrich zu ziehen, die Direktheit, mit der ich manche Dinge aussprach, das mangelnde Gespür, das ich ihr gegenüber häufig genug bewiesen hatte. Vielleicht gab es noch mehr, gab es etwas, was ich nicht verstanden hatte. Übrig war nur ihre Zuverlässigkeit geblieben, das Bemühen, mit dem sie die Angelegenheiten der Einrichtung organisierte, die Sorgfalt, die sie ihrer Arbeit über ihre eigentlichen Pflichten hinaus angedeihen ließ. Sie gab mir keinen Anlass, mich über sie zu beschweren, und doch fehlte etwas. Vielleicht vermisste ich das tiefe Wohlwollen, mit dem sie mich behandelt hatte, jene Wärme, die sich in Fürsorge, in Aufopferung, in einer an Selbstverleugnung grenzende Uneigennützigkeit ausgedrückt hatte.

Dann sah sie sich um, als habe sie meine Frage erst jetzt verstanden. Vielleicht hatte es sie verwirrt, ich könnte tatsächlich annehmen, alles oder auch nur irgendetwas könne in Ordnung sein. Doch dann nickte sie leichthin: „Ja, es ist alles in Ordnung.“ Noch einmal ließ sie ihren Blick prüfend über die Regale und Schränke wandern. Als sei ihr etwas eingefallen, kam diese Bewegung plötzlich zum Stillstand. „Das heißt, es hat jemand angerufen.“ Sie schien nachzudenken. „Ein gewisser Wesselmann, Dr. Wesselmann, wenn ich den Namen richtig verstanden habe. Es schien wichtig zu sein.“

Wie lange hatte ich nicht mehr an Robert gedacht? Fünf Jahre, zehn? Wirklich persönlich war unsere Beziehung nie gewesen, wir hatten viel miteinander zu tun gehabt, so viel, dass man diesen selbstverständlichen Umgang manchmal mit Freundschaft verwechseln konnte, aber diese Zeit lag noch länger zurück.

Nach jener unschönen Geschichte hatten wir nicht mehr miteinander gesprochen. Es hatte ihn irgendwohin nach Norddeutschland verschlagen, nach Hamburg oder Bremen, wenn ich mich recht erinnerte. Was mochte er von mir wollen? Auch wenn ich nicht die geringste Vorstellung hatte, warum er mich zu sprechen wünschte, war ich beunruhigt. Einen wie auch immer gearteten freundlichen Anlass konnte ich mir nicht vorstellen.

„Er ruft morgen noch einmal an, morgen früh, glaube ich.“

„Hat er etwas ausrichten lassen?“

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

„Danke, Katrin.“

Ich war schon auf dem Weg in mein Sprechzimmer, als sie noch anfügte: „Da fällt mir ein, er sagte, er sei zufällig hier in der Gegend. Er wollte vielleicht sogar persönlich vorbeikommen.“

Ich drehte mich noch einmal um.

„Ich habe ihm natürlich gesagt, dass er einen Termin braucht. Er aber lachte und meinte nur Wie sind alte Freunde.“

„Es ist schon in Ordnung.“

Wieder saß ich in meinem gepolsterten Schreibtischstuhl, versank fast darin wie in einem Nest und wippte vor und zurück. Dann zog ich eine Schublade des Schreibtischs auf, um meine Füße hochzulegen. Ich lehnte mich zurück. Auf dem Kalender war noch immer der letzte Freitag markiert, ein rotes Plastikviereck, das ich jeden Tag weiterbewegte und das jetzt so fehl am Platz wirkte wie eine stehen gebliebene Uhr. Und tatsächlich schien die Zeit am letzten Freitag stehen geblieben zu sein. Oder Montag früh, gestern Morgen, wie ich mich mit Blick auf meine Armbanduhr vergewisserte. Das heißt, die Zeit war nicht stehen geblieben. Über mangelnde Aufregung konnte ich mich nicht beklagen. Die Ereignisse überstürzten sich regelrecht. Und doch, irgendwo war ein Bruch. Wie ein Wasserlauf, der plötzlich in einer Erdspalte versickert, um an anderer Stelle mit größerer Kraft wieder hervorzubrechen, schien auch der Zeitstrom der gleiche zu sein, reißender zwar und gefährlicher, aber doch nur eine Fortsetzung des altbekannten. Eine Lücke, die in Gedanken überbrückt, eine Linie, die verlängert wurde, die das eine mit dem anderen verband in der vielleicht irrigen Annahme, es müsse sich um das gleiche handeln. Was aber, wenn tatsächlich etwas grundlegend Neues passiert war? Wenn mein Leben irgendwann Ende letzter Woche aufgehört hatte, um in anderer Gestalt am Montag neu zu beginnen? Ich dachte zurück an die letzte Woche, an die davor und war mir nicht mehr sicher, wie wirklich jenes war, das ich zu erinnern glaubte.

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Robert. Wir hatten zusammen studiert, hatten bis zur Promotion in der gleichen Forschergruppe gearbeitet. Bis zu meiner Promotion. Die seine hatte er erst Jahre später an einer anderen Hochschule erhalten. Eine Weile hatte es so ausgesehen, als wollte er ganz aufhören. Viel wusste ich nicht. Wir hatten uns aus den Augen verloren, waren uns, besser gesagt, aus dem Weg gegangen. Und jetzt tauchte er wieder auf, fünfundzwanzig Jahre später.

Ich gab mir einen Ruck. Das Rätsel würde sich früh genug von selbst lösen. Jetzt gab es Wichtigeres. Eine Bestandsaufnahme aller Dinge, die beschlagnahmt worden waren beispielsweise. Oder gab es eine Liste? Ich drückte den Kopf der Gegensprechanlage. „Katrin, kommst du bitte?“

 

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Kapitel 12

Eine weitere Woche ist vergangen. Der rudimentäre Kalender, den er sich gebastelt hat, funktioniert. Und er freut sich darüber, als könne er damit tatsächlich der Einförmigkeit seiner Tage ein Schnippchen schlagen, als genüge eine Zahl, ein Namen, um den Tag herauszuheben, unverwechselbar zu machen, als könne die schiere Benennung diesen und all die anderen vor ihm daran hindern, ineinander zu verlaufen, sich zu klumpen zu einer gestaltlosen Masse.

Körperlich geht es ihm gut, immer besser eigentlich, und er dankt Mona in Gedanken dafür, denn niemand anderes kann die Frau an seinem Bett gewesen sein, die ihm die Tabletten, dieses Encephatil gebracht hat. Merkwürdig nur, dass er sie nicht gleich erkannt hat. Seitdem er weiß, dass sie es war, hält er ihre Erscheinung auch nicht mehr für einen Traum. Warum sollte sie in jener schweren Stunde, in der es für ihn um Leben und Tod gegangen war, nicht an seinem Bett gesessen sein, ihm beigestanden haben, wie es sich für seine Partnerin gehört? Oder was war, was ist sie für ihn? Freundin, Lebensabschnittsgefährtin, Geliebte. Was hatte Therèse mit ihrer abfälligen Bemerkung gemeint, er hielte sich eine Privathure? Und warum besucht sie ihn nicht häufiger? Durfte sie nur in sein Zimmer, weil er nicht bei Bewusstsein war? Wieso hält man die Personen aus seinem früheren Leben so sorgsam von ihm fern?

In den letzten Tagen hat er sich immer wieder solche Fragen gestellt. So viel er über sich und seine Vergangenheit erfahren hat, so wenig hat ihm das geholfen, seine gegenwärtige Lage besser zu verstehen. Wo ist er, und warum ist er hier? Das sind nach wie vor die alles entscheidenden Fragen, jene nach dem Wer bin ich? vielleicht ausgenommen.

Seit er Encephatil nimmt, seit die zweite und weniger glorreiche Inszenierung seines Lebens läuft, je mehr er über sich erfährt, um so besser scheint es ihm körperlich zu gehen. Das ist das, was ihn am meisten verwundert. Die wenig schmeichelhaften Enthüllungen, deren Zeuge er ist, scheinen seine Erschöpfung zu mindern, ihn regelrecht aufzubauen. Vielleicht haben sie tatsächlich eine kathartische Wirkung, hat er manches Mal gedacht, führen ihn hinaus aus einer Blockade, einer Verdrängung. Gleichzeitig meint er, mit jeder weiteren Episode psychisch labiler geworden zu sein. Nicht nur, dass er an seiner geistigen Gesundheit zweifelt und sich mehr als einmal seiner zwischenzeitlich gar nicht so abwegig klingenden Vermutung erinnert hat, er sei tatsächlich verrückt geworden und sitze in der Zelle eines psychiatrischen Krankenhauses, die Bildschirm-Ereignisse selber haben tiefe Spuren hinterlassen.

Die Ärztin wirkt zuversichtlicher. Sie scheint mit seinen gesundheitlichen Fortschritten zufrieden zu sein und auch mit dem Fortgang der Therapie, interpretiert er die Art richtig, wie sie mit ihm umgeht, manche ihrer Bemerkungen. Darüber gesprochen, haben Sie nicht, und er bezweifelt, sie könne ein eindeutiges Urteil, sei es schlecht oder tatsächlich gut, offen aussprechen.

Wie üblich sitzt Frau Jung in einem Stuhl am Kopfende des Bettes, in ihrem Stuhl, die Kladde auf dem Schoß. Die Stunde ist seit ein paar Minuten zu Ende, die Wand dunkel. Er hat draußen zwei Becher Kaffee geholt und sich an den Tisch gesetzt. So kann er sie sehen. Seit einigen Tagen haben sie sich angewöhnt, noch ein Weilchen zusammen zu sitzen, etwas zu trinken, einige Worte zu wechseln, das Gesehene zu kommentieren.

Forschend sieht er sie an, sie hält seinem Blick stand, lächelt ein wenig. So viel Zeit sie zusammen verbringen, so wenig hat er Gelegenheit, sie anzuschauen. Wie schon manches Mal in den letzten Tagen ist er erstaunt, wie fremd sie ihm ist. Er meint sie kaum zu kennen. Eine Kinobekanntschaft.

„Gibt es noch etwas anderes, was wir zusammen tun könnten? Ich meine, außer ins Kino gehen oder Kaffee trinken?“

„Denken Sie an etwas Bestimmtes?“

Erst jetzt wird ihm bewusst, dass man seine Frage auch als Anzüglichkeit verstehen kann. Missverstehen eher, denn es ist ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen, Frau Jung tatsächlich als Frau zu betrachten. Zum ersten Mal, so scheint es ihm, denkt er darüber nach. Und auch das erstaunt ihn, denn so naheliegend es gewesen wäre, wenn in der Einsamkeit ihrer gemeinsamen Tage, in diesem tiefen Gefühl des Aufeinander-Angewiesenseins, in der fast intim zu nennenden Situation Begierden gekeimt wären oder auch nur die Selbstverständlichkeit körperlicherer Nähe, so neu erscheint ihm ein solcher Gedanke. Sie entspricht zwar nicht den vollbusigen, etwas vulgären Schönheiten, die das Leben des anderen, des echten Martin Dorints bevölkern, und doch ist sie sicherlich attraktiv. Sie gefällt ihm, und es fällt ihm nicht schwer, dies anzuerkennen. Dennoch bleibt diese Erkenntnis seltsam blass. Als habe er als Juror in einer Schönheitskonkurrenz Noten zu vergeben, kann er Urteile über die Harmonie ihres Gesichtes abgeben, ihre Figur, die Rundungen, die sich unter der Kleidung abzeichnen, aber es sind kalte Wahrnehmungen, Beobachtungen. Nichts zieht ihn an, berührt ihn wirklich, keine körperliche Verbindung ist vorhanden, der er nachspüren könnte, ihr entlang sich an sie herantasten, und sei es nur in Gedanken.

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Für einen kurzen Augenblick scheint ihm diese Erkenntnis der augenfälligste Beweis dafür zu sein, dass er gar nicht Martin Dorint sein kann, dass jenes andere Leben, dessen Zeuge er ist, mit seinem, mit ihm nichts gemein hat. Ist nicht jener andere jedem Rock nachgestiegen? Ohne Rücksicht auf Verluste, selbst auf die Gefahr hin, seine berufliche Existenz zu zerstören? Und er selbst sitzt, ja, liegt!, Woche um Woche neben einer durchaus attraktiven Frau, ohne die kleinste Regung zu verspüren, die geringste erotische Spannung? War das möglich? Konnte es sich tatsächlich um denselben Menschen handeln?

Und was mag ihn ihr vorgehen? Ist sie abgestoßen von dem, was sie gesehen hat? Wie findet sie ihn als Mann?

Er weiß so gut wie nichts über sie, und wie schon manches Mal zuvor, spürt er seinen Ärger darüber aufbranden. Warum sagt sie nicht, was sie denkt? Warum immer diese Fragen, diese indirekten Formulierungen, die sie wie Sonden ausschickt, um in seinen Gedanken und Gefühlen herumzustochern oder um ihn zu provozieren? Warum sagt sie nicht einfach ‚Denken Sie an Sex?’, wenn sie Sex meint, anstatt so scheinheilig zu fragen.

Er beschließt, es offen auszusprechen. „Sie meinen an Sex?“

„Es ist kein Verbrechen an Sex zu denken.“

Sie werden es nicht glauben, aber ich habe noch kein einziges Mal im Zusammenhang mit Ihnen an Sex gedacht. Weder in Ihrem Beisein noch in Ihrer Abwesenheit. Auch nicht im Traum, wenn ich recht erinnere.“

Noch während er diese Worte spricht, spürt er verwundert die Genugtuung, die sich dabei einstellt, und er fragt sich, welche Freude es ihm bereiten kann, zu dieser Deutlichkeit zu greifen. Noch immer schaut er sie an, und jetzt wartet er auf eine Reaktion, auf ein Zeichen der Betroffenheit, des Gekränktseins vielleicht, auf irgendetwas, woraus er hätte ablesen können, dass sie enttäuscht ist, verletzt, dass sie sich etwas anderes gewünscht hätte.

Doch nichts trübt ihr Lächeln. Es ist das gleiche Lächeln wie zuvor, kein verlegenes, kein überhebliches, kein trotziges. Sie will über nichts hinweggehen, will nichts herunterspielen, sie zieht sich nicht zurück noch wappnet sie sich mit Unangreifbarkeit. Freundlich, wohlwollend fast betrachtet sie ihn.

Vielleicht ist er für sie tatsächlich nur ein Patient, denkt er, vielleicht interessiert sie sich genauso wenig für ihn als Mann wie er sich für sie als Frau interessiert. Oder sie nimmt ihn nicht ernst. Dann glaubt sie ihm nicht oder hält seine Gleichgültigkeit für eine raffinierte Form des Widerstands. Möglich, dass sein Verhalten in unzähligen Lehrbüchern schon genauestens beschrieben wurde. Wie soll er das wissen?

Wieder einmal fühlt er sich wie die Laborratte, die in ihrem Labyrinth herumirrt.

Was er auch tut, ob er vor- oder zurückgeht, stehen bleibt, sich auf den Rücken legt und alle Viere von sich streckt, es ist einerlei. Was er tut, ist absehbar. Interessant ist nur, ob er sich für rechts oder links entscheidet, für vor oder zurück. Das ist seine Freiheit.

Und es ist ein lächerliches Labyrinth, zumindest von oben betrachtet, ein paar zusammen genagelte Holzlatten, mehr nicht. Aber er sieht sich nicht von oben, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als weiter zu irren und den Ausgang zu suchen, auch wenn dies, sollte er es tatsächlich irgendwann schaffen, auch nur eine von anderen gestellte Aufgabe ist, die er gelöst hat.

„Und wie ist es mit Ihnen? Denken Sie manchmal an Sex?“

Sie zögert. Vielleicht will sie tatsächlich antworten, doch dieser erste Impuls verpufft, noch ehe sie dazu angesetzt hat. „Man muss nicht alles tun, was man tun möchte.“ Sie spricht langsam, als müsse sie ihre Worte sorgsam abwägen. „Aber es ist wichtig den Gedanken zuzulassen, den Wunsch.“ Wieder lächelt sie. Noch immer kann er keine Spur von Verlegenheit darin erkennen. „Wenn wir anfangen, uns schon in unseren Köpfen zu zensieren, verkümmern wir. Wenigstens hier“, sie tippt sich leicht an die Stirn, „sollten wir ehrlich mit uns selbst sein.“

Eine Weile lang versucht er sich, in diesem Dickicht von mans, wirs und uns’ zurechtzufinden. Sind das allgemeine Lebensregeln, die sie zum Besten gibt, gutgemeinte Ratschläge? Schwingt Tadel mit? Unterstellt sie, dass er nicht in der Lage ist, einen solchen Gedanken auch nur zuzulassen? Oder spricht sie von sich selbst, will sie ihm auf diese Weise eine Antwort auf seine Fragen geben?

Dann spricht sie weiter, immer noch langsam, die Worte betonend, jetzt meint er aber, auch Belustigung herauszuhören, gerade so viel, dass er sich nicht sicher ist, ob er es sich einbildet. „Möchten Sie gern, dass ich mich zu Ihnen hingezogen fühle?“

Möchte er das? Würde es ihn kränken, wenn sie es nicht täte? Würde es ihn schmeicheln, läse er aus ihren Worten etwas anderes heraus? Worauf hofft, was fürchtet er? Warum musste er so betonen, er sei ihr gegenüber über jede noch so winzige sexuelle Regung erhaben? Wollte er sie verletzen, seine Unabhängigkeit unter Beweis stellen? Wollte er sie provozieren?

Er ist zutiefst verunsichert. Selten in den letzten Tagen hat er sich so hilflos gefühlt. Die Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Gefühlen vertraut hat, wankt, und so horcht er in sich hinein, als könnte er doch noch Klarheit erlangen, als bräuchte er nur genau genug hinzuschauen, um das Echte vom Unechten zu unterschieden, das vermeintlich Tiefe vom nur tief erscheinenden. Aber es gelingt ihm nicht. Vielleicht ist ihm Frau Jung tatsächlich gleichgültig, vielleicht begehrt er sie, hat sich in sie verliebt, ohne es zu merken. Er weiß es nicht. Und wenn sie es weiß oder ahnt, dann behält sie es für sich.

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Irgendwann geht sie und lässt ihn allein.

Er legt sich wieder hin und versucht, sich zu entspannen. Langsam wird er ruhiger. Er fühlt sich schwerer werden, meint, in Decke und Laken zu versinken, hinunter zu sinken auf den Grund eines warmen Sees. Die Gedanken hören auf, versiegen, als seien sie abgestellt worden. Leise dringt Musik an sein Ohr, dann wird es still. Später weiß er nicht, ob er einen traumlosen Schlaf geschlafen hat, ob er bewusstlos gewesen ist oder ob er einfach aufgehört hat zu denken. Es ist, als habe sein Gehirn die Arbeit eingestellt, als seien alle höheren Prozesse unterbrochen, beendet worden. Ein kleines Notprogramm, eine alte Kiste im letzten Winkel seines Kopfes kümmert sich um das Lebensnotwendige: Atmung, Herzschlag, Körpertemperatur. Seine Zellen tauschen Flüssigkeiten mit ihren Nachbarn aus, chemische Substanzen, sie teilen sich und sterben ab. Elektrische Ströme fließen. Nur sein Gehirn ist seltsam still, sprachlos.

Erst das Pling! des Speisenaufzugs bringt ihn wieder zurück. Minuten sind vergangen oder Stunden. Er weiß es nicht. Erholt und hungrig springt er auf. Jetzt will er essen.

Danach geht er ins Bad. Vor dem Bild über dem Waschbecken bleibt er stehen und vergisst, weshalb er gekommen ist. Zähne putzen, Hände waschen oder die Toilette benutzen, Tätigkeiten, denen er überdrüssig geworden ist, die wie Essen, Schlafen und Fernsehen seinen Tag besetzt halten, ausfüllen bis in den letzten Winkel. Und so gönnt er sich hin und wieder ein paar Minuten vor diesem Fenster zu seinem künstlichen Himmel. Dann lehnt er sich vor, versinkt in die Betrachtung der Lichtpunkte, seiner Sterne. Zufrieden sieht er auf sein Universum, auf die Sternbilder, denen er alte und neue Namen gegeben hat, Themis, Eos, Tantalos und Seth, Virgo und Cetus, Libra („sternenstaubleicht legt sich das Dunkel der klingenden Nacht auf deine goldenen Schalen“). Bald kennt er jeden einzelnen Lichtfleck.

Vielleicht ist er deshalb so erstaunt, etwas Neues zu entdecken. Nahe Zubenelgenubi, dem Doppelstern, zwischen Waage und Skorpion glänzt ein kleiner verwaschener Fleck, weniger kreisförmig, als länglich, und er nähert sich ihm, so weit sein Auge noch scharf zu sehen vermag, um sich zu vergewissern. Ein Komet! Das ist sein erster Gedanke, während seine Nasenspitze fast das Papier berührt. Dann tritt er zurück, und der Fleck schrumpft, verfestigt sich zu einem Punkt, unauffällig wie die anderen. Noch ein paar Mal wiederholt er das Spiel, schaut mal von rechts oder von links, von oben und unten auf die Stelle, ist mal näher dran, mal weiter weg. Schließlich gibt er auf. Vielleicht ist es tatsächlich ein Komet, vielleicht will er den Kometen nur sehen. Erst die Bewegung verschafft Gewissheit.

 

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Kapitel 13

Es fehlte ein Ordner. Nicht irgendein Ordner. Es fehlte der Ordner, der wichtigste, jener, der alle Auslassungen, Fälschungen, Ersetzungen dokumentierte, ausführlich und im Detail. Alles andere lag sicher in Umzugskartons verstaut im Keller von Katrins Schwester. Das hatte sie mir versichert, so als wüsste sie nicht, dass das eine ohne das andere völlig wertlos war, dass der beste Code nichts mehr nutzte, wenn der Schlüssel in feindliche Hände geraten war. Und ich fragte mich, warum es einen solchen Schwachpunkt gab und ob es ihn immer geben musste, warum man sich nicht damit begnügte, die Dinge zu verändern, zu verschlüsseln, zu verfälschen bis zur Unkenntlichkeit, so weit, bis niemand mehr in der Lage gewesen wäre, richtig und falsch, wahr und unwahr von einander zu scheiden, bis beides zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen, zu einem dichten Gewebe verwoben wäre. Wer brauchte diese Möglichkeit der Rückübersetzung? So zwingend diese Notwendigkeit beim Austausch von Information erschien (Wer konnte etwas mit einer verschlüsselten Botschaft anfangen, ohne im Besitz des Verschlüsselungsalgorithmus zu sein?), so fragwürdig mutete sie dort an, wo es darum ging, Wahrheit dauerhaft zu unterdrücken, wo man einen neuen Schein über sie zu legen gedachte, eine kunstvollere und willigere Oberfläche, die genauso undurchdringlich und beständig sein sollte, wie es das Original gewesen war. Warum also die Seriennummern der gefälschten Banknoten aufschreiben? Wozu ein Verzeichnis der kopierten Gemälde anlegen? Gab es ein tief verwurzeltes Bedürfnis, sich wenigstens selbst nicht zu täuschen, die zumindest theoretische Möglichkeit zu haben, zurückzukehren zum Kern, sich im Labyrinth der Irrungen zurechtzufinden? Oder war es mehr? Gab es so etwas wie einen Zwang zu einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung der Wirklichkeit? Und, wenn das so war, durch was wurde dies bewirkt?

Daran musste ich denken, während ich mit Katrin die Aufstellung durchging. Die Liste enthielt alles, was fehlte. Während jene Unterlagen, die sie in Sicherheit gebracht hatte, mit einem Sternchen versehen waren, mussten wir alles andere in den Händen der Steuerfahndung vermuten. So auch diesen Ordner.

Fassungslos hatte ich sie angestarrt, dann war ich explodiert. Meine anfängliche Niedergeschlagenheit hatte sich mit einem hilflosen Zorn gefüllt, wie Grundwasser in eine frisch ausgehobene Grube war er hinein gesickert und war dann angestiegen bis über den Rand hinaus. Ich hatte sie angebrüllt wie schon seit Monaten nicht mehr, hatte getobt, und es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre auf sie losgegangen. Sie dagegen schien zerknirscht, aber gefasst. Sie machte keine Anstalten, wie so oft zuvor in Tränen auszubrechen. Am Ende versprach sie, noch einmal nach dem Ordner zu suchen. Wie sie, wusste ich, dass das nichts mehr änderte. Es war undenkbar, dass wir diese Ansammlung eindeutiger Beweise, gefährlich wie eine Zeitbombe, einfach übersehen hatten. Wenn der Ordner nicht mehr da war, dann gab es dafür nur eine Erklärung.

Trotzdem ging sie hinaus, schniefend, wie ich mit Genugtuung bemerkte, und ich beruhigte mich ein wenig.

Vielleicht geschah doch noch das Wunder, und sie fand den Ordner in einem Regalwinkel oder in einer abgelegenen Ecke des schwesterlichen Kellers. Tief im Innern wusste ich, dass ich mir etwas vormachte. Wieder kroch dieses Gefühl an mir hoch, das sich am Vortag zum ersten Mal eingestellt hatte. Ich meinte, abzurutschen, und dieser Ordner war nur eine weitere Last, die mich hinab zog, ein weiteres Gewicht, das man mir um den Hals gebunden hatte.

Die Dämmerung hatte eingesetzt, eine Verdunklung, die sich in der letzten halben Stunde beschleunigt hatte und den Himmel über der Altstadt schrumpfen ließ, absenkte, in ein dunkles Violett tauchte, wie ein samtenes Tuch, dachte ich, ein altes, verwaschenes Gewand, das sich zu verfärben begann, in der Lücke zwischen den Häusern über mir in ein schmutziges Blau überging, um nach Osten hin weiter an Farbe zu verlieren, Grau zu werden, Schwarz. Ich hatte kein bestimmtes Ziel und lief einfach die Hauptstraße entlang, mischte mich unter die Späteinkäufer, die durch die Fußgängerzone hasteten, den Kragen meines Regenmantels hochgeschlagen, als wollte ich mich vor dem kühlen Wind schützen, der jetzt talwärts blies, oder vor den Augen der Menschen. Noch hatte ich keinen Anlass, anzunehmen, jemand könne mich erkennen. Noch war kein Bild von mir in der Zeitung erschienen. Und doch fühlte ich mich beobachtet, regelrecht von Blicken verfolgt. So langsam, wie ich ging, musste ich mich verdächtig machen, meinte ich plötzlich, musste auffallen wie ein Fremdkörper, wie der Ausgestoßene, der ich tatsächlich zu sein glaubte. Genauso gut hätte ich mich zu den anderen setzen können, die auf dem kleinen Platz vor dem Theater mit ihren Hunden und Weinflaschen ein provisorisches Lager aufgeschlagen hatten, oder auf dem Boden vor dem Kaufhof, ein Hut und ein handbeschriebenes Stück Pappe vor mir. Da war sie wieder diese Angst zu verwahrlosen, in der Gosse zu landen wie ein Penner. Plötzlich erschien mir mein ganzes Leben als ein einziger Versuch, genau das zu verhindern, mir und allen anderen ihre Unbegründetheit zu beweisen, das Gegenteil zu erreichen, wenn es so etwas wie ein Gegenteil davon gab, es zu etwas zu bringen, wie meine Mutter sich ausgedrückt hätte, mit schiefem Blick auf den Vater.

An der nächsten Ecke bog ich ab und drang tiefer in das Gassengewirr der Altstadt ein. Hier war es stiller und kaum jemand unterwegs. Die Fenster leuchteten warm und trotzdem abweisend, wie mir schien. Dahinter bewegten sich Schatten, bunte Fernsehbilder flimmerten gegen ordentlich zugezogene Gardinen, und ich stellte mir Familien beim Abendbrot vor, kauende Kinder, Frauen, die mit Schüsseln beladen aus der Küche kamen und mürrische Männer in Hausschuhen, schwitzend und schlecht rasiert. Aber es waren nur meine eigenen Erinnerungen, und ich war mir nicht sicher, ob ich diese Häuslichkeit tatsächlich vermisste, ob ich mir ein Zurück in die Enge meiner kleinbürgerlichen Jugend vorstellen konnte oder auch nur eine zeitgemäßere Neuauflage. Was blieb, war das Gefühl von Einsamkeit, das sich verstärkte, je weiter ich vordrang, je tiefer die Nacht wurde und mit ihr leerer die Straßen.

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Ich weiß nicht, wie lange ich so herumlief, eingewickelt in meinem Mantel wie auf einer Expedition und doch ziellos wie ein Gefängnisinsasse auf seinem Rundgang. Ich weiß nicht, warum es mich überhaupt hinaus getrieben hatte, ob zufällig in die Stadt oder irgendwo anders hin, in den Wald, der es auch hätte sein können, zur langen Promenade am Fluss vielleicht oder zu einem der vielen Aufstiege in die Berge ringsum, mochte es dort nur anonym genug sein. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich dieses Bedürfnis verspürt hatte, die Enge der Räume zu verlassen, ihr zu entfliehen, als könnte ich damit auch alles andere hinter mir lassen, Affären und Verwicklungen, Betrügereien und Schlimmeres. Ich wollte nur nicht zurück, weder in die Klinik noch nach Hause, am liebsten nirgendwohin, wo ich jemand kannte oder jemand mich.

Ich dachte an Susanne, an ihren langen Tod, an Katrin, an den merkwürdigen Blick, der ihre Worte begleitet hatte, als sie mir die Hiobsbotschaft des fehlenden Ordners überbracht hatte, ein Blick, als sei sie auf meine Reaktion gespannt, weniger Angst als Neugier, wie mir im Nachhinein schien, an meine Ex-Frau Therèse, die die Gunst der Stunde nutzend, mich um ein kleines Vermögen zu bringen gedachte, an den fast vergessenen Robert mit seinem unbekannten Anliegen, auch er sicherlich nicht geneigt, mir zu helfen oder sonst wie sein Wohlwollen zu bezeugen. Sie alle schienen sich gegen mich verschworen zu haben. Auch der Trägerverein, an erster Stelle Habermehl und Merkel, würde sich genötigt sehen, zumindest eine schonungslose Aufklärung einzufordern oder was immer man in einer solchen Situation tat, sollte tatsächlich etwas ans Tageslicht kommen. Und danach sah es im Augenblick aus. Selbst Hage schien sich von mir zurückgezogen zu haben. Wer blieb mir noch? Mona? Solange ich in der Lage war, ihr Taschengeld pünktlich zu überweisen, stand sie auf meiner Seite. Illusionen, dass ich mehr für sie bedeuten könnte, machte ich mir nicht. Und was war mit Markus? Er würde mich noch mehr verachten, als er es sowieso schon tat. Auch mein Sohn schien für mich unwiederbringlich verloren.

Meine Schritte hatten mich zurückgelenkt in die Nähe meiner ehemaligen Praxis. Sie lag in einer engen und dunklen Gasse gleich hinter der Fußgängerzone. Seit der Eröffnung des Klinikanbaus hatte sie Dr. Walther ganz übernommen. Nur noch gelegentlich suchte ich mein altes Sprechzimmer für die Behandlung einiger Privatpatienten auf. Mein Name stand noch immer auf dem Messingschild am Eingang, und ich fragte mich, ob die Steuerfahndung auch hier vorstellig werden würde. Von unten sah ich die im Schein der wenigen Laternen zur spärlich beleuchteten Jugendstilfassade hinauf, zum zweiten Stock, zu jenen dunklen Fenstern, hinter denen ich so viele Jahre verbracht hatte, dachte an meine ehemaligen Mitarbeiter, an die Arzthelferinnen, an die Ärztinnen im Praktischen Jahr (sie hatten sich so schnell abgewechselt, dass es mir Mühe bereitete, Namen zu erinnern), an die Psychologinnen, die ich stundenweise beschäftigt hatte.

Tatsächlich hatte ich am liebsten mit Frauen gearbeitet. Sie waren zuverlässiger und unkomplizierter. Und sie machten weniger Schwierigkeiten

Katrin hatte hier lange Zeit das Oberkommando geführt, hatte mich abgeschirmt, nach außen und nach innen vermittelt, hatte Eifersüchteleien geschlichtet und Streitende beruhigt. Meinen eigenen Eskapaden gegenüber hatte sie einen erstaunlichen Gleichmut an den Tag gelegt, war mehr belustigt als verletzt erschienen, so als stehe sie über den Dingen oder als gestehe sie mir zu, was sie keinem anderen erlauben würde. Erst nach meiner Scheidung hatte sich das geändert. Und schließlich mit Susanne.

Hier hatte Therèse den Schmitt-Erben kennengelernt. Dieser hatte erst wenige Jahre zuvor von seinem Vater ein weitläufiges Konglomerat an Entsorgungs- und Recyclingfirmen geerbt, modernste Umwelttechnologie, wie es hieß, tatsächlich aber wenig mehr als ein ausgeklügeltes System, mit dem Sonderabfälle und Altöl kreuz und quer durch Europa verschoben wurden, bis diese Substanzen sich auf geheimnisvolle Weise in Luft aufgelöst hatten, vielleicht vergraben, exportiert oder einfach verbrannt worden waren, auf jeden Fall aber jeglichen Versuchen widerstanden, ihren Aufenthaltsort aufzuspüren oder die verschlungenen Wege dorthin nachzuzeichnen.

Hermann Schmitt war bei mir in Behandlung gewesen, Medikamentenabhängigkeit, wechselnde Angstzustände, später Depressionen, und es muss um die hundertste Stunde gewesen sein, als wir auf seine sexuellen Probleme zu sprechen kamen. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich ihn bat doch für einige Sitzungen seine Frau mitzunehmen, eine sehr attraktive Blondine, die ich irgendwann im Theater an seiner Seite gesehen hatte. Vielleicht schienen mir die merkwürdigen Paargespräche, die folgen sollten, tatsächlich therapeutisch sinnvoll zu sein, vielleicht hatte Hage recht, der meinte, es mache mir einfach Spaß, in der schmutzigen Wäsche anderer Leute zu wühlen, und ich gebe zu, dass manches Mal ein dunkler Reiz jenseits der therapeutischen Notwendigkeit im Spiel war, wenn ich Sabine oder ihren Mann aufforderte, bestimmte Erlebnisse oder Sexualpraktiken in einer gewissen Ausführlichkeit zu schildern. Dann wand sie sich auf ihrem Stuhl, sah hinüber zu Herrmann Schmitt, der die Augen zu Boden geschlagen hatte und keine Anstalten machte, sie aus der Peinlichkeit ihrer Lage zu befreien, wandte sich dann mir zu mit einem Blick, der zwischen Widerwillen und Anzüglichkeit schwankte, eine Mischung, die mich immer mehr erregte, je länger diese gemeinsamen Sitzungen andauerten, und während ich der väterliche Beichtvater war, der nur deshalb so hartnäckig bohrte, um auch den letzten Dreck aus der Wunde ihres verunglückten Sexlebens zu puhlen und damit für alle Zeiten unschädlich zu machen, steigerte sich diese seltsame erotische Spannung zwischen uns.

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Es kam, wie es kommen musste. Wir hatten eine kurze, aber umso heftigere Affäre. Vielleicht fand ihr Mann irgendwann alles heraus, vielleicht war sie es, die es ihm erzählte aus schlechtem Gewissen oder im Bestreben, ihn zu verletzen. Jedenfalls kam es bald darauf zu einem öffentlichen Eklat, einem lautstarken Auftritt seinerseits, den ich ihm, ob der dabei zum Ausdruck gebrachten Kunstfertigkeit der Inszenierung und emotionalen Theatralik nicht zugetraut hatte. Möglich, dass ich ihn unterschätzt hatte, dass ich aus seiner Unfähigkeit, sich zu wehren, jene seine Eigenschaft, die mir in der Therapie so bezeichnend erschienen war, gefolgert hatte, er würde gleichmütig einstecken, was immer über ihn hereinbräche.

Unvermeidlich, dass so auch Therèse von meinem Verhältnis mit Sabine erfuhr. Hatte sie bis zu jenem Zeitpunkt beide Augen zugedrückt und jene Frau von Welt gespielt, die, mitten in der Gesellschaft stehend, ein eigenes Leben lebt und es nicht nötig hat, allzu genau hinzusehen, die über unwichtige Einzelheiten und kleine Widrigkeiten so elegant hinwegzugehen vermag wie über die Unebenheiten einer schlecht gepflasterten Straße, mochte die beträchtliche Aufmerksamkeit, die das Ereignis in der Stadt erfahren hatte, bewirkt haben, dass sie sich jetzt öffentlich bloßgestellt und lächerlich gemacht fühlte. Einen Zustand, den sie nur durch eine schnelle und demonstrative Trennung zu beenden wusste. Was sie schließlich dazu bewegte, sich mit dem anderen Betrogenen zusammenzutun, weiß ich nicht. Jedenfalls hatten beide später ihre Freude daran, so aus der Sache herausgekommen zu sein. Sabine zog fort, und ich musste eine Weile den stillen Spott unserer gemeinsamen Freunde und Bekannten allein ertragen. Ein Getuschel, das bis zu diesem Tage nicht ganz verstummt war oder dessen Nachhall ich manchmal noch bei manch einem gesellschaftlichen Anlass zu hören glaubte, eingebildet oder nicht.

Es war kalt geworden, und ich fror, so bewegungslos ich vor dem Haus stand, den Nacken schon steif vom hinaufsehen, diese Laterne im Rücken, die ein bläuliches Licht an die Wand warf und mich von hinten anstrahlte, einen langen, spitzen Schatten werfend, so unheimlich musste ich aussehen, und ich stellte mir einen verstohlenen Beobachter vor, seine Augen in der Schwärze eines abgedunkelten Fensters, die mich beunruhigt musterten. Vielleicht fragte er sich, was ich dort unten um diese Uhrzeit trieb, ob ich jemandem gefolgt war oder wartete, ob mich die Eifersucht geführt hatte oder die Liebe oder die Rache.

Schließlich gab ich mir einen Ruck. Es sah mir nicht ähnlich, solch trübsinnigen Grübeleien nachzuhängen.

Die Ereignisse begannen Spuren zu hinterlassen, und ich musste mich zusammenreißen, wollte ich irgendwann wieder auf die Beine kommen. Schließlich würde auch diese Geschichte früher oder später zu Ende sein, wie auch immer.

Vor dem Kino-Zentrum hatte sich eine lange Schlange gebildet. Sie kreuzte die Hauptstraße, und als ich durch sie hindurchging, teilte sie sich vor mir, um sich hinter mir wieder zu schließen. Und dieses Wogen besänftigte mich. Wenn dies auch nicht das Rote Meer war und ich nicht Moses, so hatte ich doch noch Macht über etwas. Für einen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken, zurückzugehen, immer wieder vor und zurück, und ich wäre stundenlang in kindlicher Freude durch die Wartenden geschritten, wie ein Zehnjähriger, der sich voll Eifer ein ums andere Mal vom Dreimeterbrett wirft, um die Überwindung von Raum und Materie, der eigenen Angst und Ohnmacht auszukosten bis zur Erschöpfung.

Eine Hand griff plötzlich nach meinem Arm. Es war ein jüngerer Mann, und ich hatte mich innerlich schon darauf eingestellt, um einen Euro angegangen zu werden, als er etwas völlig Unerwartetes sagte.

„Möchten Sie ins Planetarium?“

Das heißt, den genauen Wortlaut verstand ich nicht, denn just in diesem Augenblick gellte ein Schrei, dem aus einer Gruppe von Jugendlichen ein lautes Lachen folgte. Aber es musste dem Sinn nach etwas Ähnliches gewesen sein, denn er hielt offenbar eine Eintrittskarte in der Hand, streckte sie mir geradezu entgegen mit einer solchen Bestimmtheit, dass ich sie nahm und verdutzt betrachtete. Hatte ich einen Gutschein erwartet, einen jener wertlosen Angebote, mit denen Touristen in Discotheken und anderen mehr oder weniger zweifelhaften Etablissements gelockt werden sollen, hatte ich mich getäuscht. Das Programm hieß:

Wiederkehr und Verschwinden der Kometen
Donnerstag, 20 Uhr:
Sondervorstellung für Ärzte und medizinisches Personal.
Eintritt frei! (bei Vorlage einer entsprechenden Bescheinigung)

Ich war stehen geblieben und starrte auf den silbrig glänzenden Abschnitt. Der junge Mann war verschwunden. Etwas an ihn hatte mich an meinen Sohn Markus erinnert. Vielleicht die Forschheit, mit der er mich festgehalten hatte, geschüttelt hatte, als wollte er mich aufwecken, vielleicht die dunkle Stimme, die immer ernst wirkte, gleichgültig welchen Ausdruck sein Mund annahm. Ich steckte die Karte in die Brieftasche und sah auf die Uhr. Mona kam bald nach Hause. Es wurde Zeit, zurückzugehen.

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Kapitel 14

Im Büro ließ ich mir von Katrin einen Vitamincocktail mit zwei Aspirin bringen. Ich hatte schlecht geschlafen, unruhig wie seit langem nicht mehr, war immer wieder wach geworden wie jemand, der im seichten Schlaf ein ums andere Mal auftaucht, die Nacht mal weniger Zentimeter über, mal wenige Zentimeter unter der imaginären Nulllinie seines Bewusstseins durchschwimmt.

Vielleicht hatte ich deshalb so viel geträumt, von Grübeleien im halbwachen Zustand versetzte Träume, in denen ich verfolgt wurde und verzweifelt nach einer Lösung, nach einem Versteck suchte. Doch kaum hatte ich mich irgendwo verbarrikadiert, hatte den vermeintlich genialen Kniff gefunden, um alles abzubiegen, tauchte ein neuer Peiniger auf, unerwartet wie das Teufelchen aus der Schachtel, und alles begann von neuem.

Möglich, dass ich am Vorabend zu viel getrunken hatte. Ich hatte einen heftigen Streit mit Mona, die nicht zu verstehen schien, was vor sich ging, die dennoch tief beunruhigt war, als stünde ihre eigene Existenz auf dem Spiel, was sie vielleicht auch tat. Das war zumindest mein Eindruck, und es machte mich rasend, wie wenig sie sich für mein Schicksal zu interessieren schien, wie sie mich angiftete, als sei ich ein lahmendes Pferd, auf das sie leichtfertig eine größere Summe gesetzt hatte. Schließlich hatten wir zusammen geschlafen, beide aggressiv und geladen, fast ein Kampf, in dem ich sie niedergerungen hatte benebelt vom Alkohol, und den ich nur undeutlich erinnerte. Vielleicht hatte ich auch das geträumt.

Die neueste Rundschau lag vor mir. Im Lokalteil war eine kurze Notiz erschienen. Mit namentlicher Nennung, aber ohne Bild. Susanne wurde nicht erwähnt, was mich tief aufatmen ließ. Einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen konnte ich jetzt am wenigsten gebrauchen.

Schon bald nach meiner Ankunft hatte ich in der Uniklinik angerufen. Die vage Hoffnung, in der Nacht sei eine Spenderleber gefunden worden, hatte sich nicht erfüllt. Susanne schien es besser zu gehen, aber ich wusste, dass das nichts bedeutete. Immerhin litt sie weniger. Bald würde sie ins Koma fallen. Die Zeit wurde knapp. Sie lief bald ab oder war schon abgelaufen.

Dann war es Elf, und Katrin meldete Frau Stern an. Wie jedes Mal holte ich sie im Vorzimmer ab, gab ihr freundlich die Hand und führte sie zurück in mein Sprechzimmer zur Couch. Routiniert legte sie sich hin, rutschte ein wenig hin und her, bis sie die richtige Position gefunden hatte, schloss die Augen, als müsse sie zuerst zur Ruhe kommen oder überlegen oder als wüsste sie nicht, womit sie die heutige Stunde beginnen sollte. Ich saß hinter ihr, hatte die Kladde geöffnet und mit Blick auf den Kalender das Datum des heutigen Tages eingetragen. Es war Mittwoch. Manchmal fragte ich mich, warum ich diese Aufzeichnungen machte.

So selten wie ich sie nutzte, um etwas nachzulesen, so unnötig erschien der Aufwand, Seite um Seite voll zu kritzeln, bis sich die Blätter zu voluminösen Ordnern angesammelt hatten, zu ganzen Fallgeschichten, die dann im Archiv verstaubten, den Keller verstopften, ohne dass ich je die Anweisung gegeben hätte, sie zu vernichten. Außerdem nahm ich die meisten Sitzungen auf Tonband auf. Möglich, dass es das Schreiben selbst war, das mir half, die Distanz zu den Patienten aufrecht zu halten, zu ihren langweiligen und kleinlichen, manchmal haarsträubenden und rührenden Geschichten, zu einem Leben, das vor mir aufgeblättert wurde, ohne dass ich wirklich darum gebeten hätte, das mich nur in meiner offiziellen Eigenschaft interessierte oder zu interessieren hatte und das ich versuchte, aufzunehmen, zu verstehen, ohne es allzu nahe an mich herankommen zu lassen. Stift und Papier hielten mich davon ab, sie anzuschauen, durch sie hindurchzusehen auf den Grund ihrer Seele, dorthin, wo sie mir menschlich erschienen wären oder ähnlich.

Während ich wartete, dass sie begann, sah ich hinaus auf den Baum, dessen Blätter gewachsen waren, sich entrollt hatten und sich jetzt anschickten das Haus gegenüber wie hinter einen halb durchsichtigen Vorhang zu verdecken. Es hatte den Anschein, als neige sich der Frühling seinem Ende entgegen.

Der Baum war schon fast kahl gewesen, als ich Susanne nach der kurzen Herbstpause zum ersten Mal wiedersah. Auch sie hatte die Augen geschlossen, lächelte aber in sich hinein, und ich betrachtete sie, überlegte, ob sie mir gefiel und was es war, das sie so anziehend machte.

„Ich habe ein kleines Geschenk für Sie.“ Ihr Lächeln verbreitete sich. „Ich habe Ihnen zwei Träume mitgebracht.“

„Schön, dass Sie an mich gedacht haben.“ Das schien mir eine gute Erwiderung, aber ganz sicher war ich mir nicht, und so malte ich ein paar Fragezeichen auf mein Blatt, verzierte sie mit Ästen und Blättern und ließ sie über das Papier wuchern wie Unkraut.

„Es war ein Scherz.“ Sie machte eine Pause, in der sie nachzudenken schien, während das Lächeln in ihrem Gesicht erlosch wie eine Flamme, die nicht mehr genährt wird, fast ohne Absicht. „Aber natürlich hat auch das etwas zu bedeuten, nicht wahr? Alles bedeutet etwas. Wenn ich zu spät komme, dann bedeutet das Widerstand, bin ich zu früh, dann vielleicht um besonders eifrig zu erscheinen. Natürlich würde es mir auch nichts nützen genau pünktlich zu sein, denn das könnte als Ausdruck eines tief sitzenden Zwanges gedeutet werden. Aber das kommt sowieso nicht vor.“ Sie kicherte. „Und das ist wahrscheinlich genauso verdächtig. Unpünktlichkeit als Ausdruck von Geringschätzung vermutlich, oder Angst oder was auch immer...“

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Sie brach ab, und es entstand eine jener Pausen, in die sie regelmäßig und unvermittelt eintauchte, als habe sie einfach vergessen weiter zu sprechen, als habe sich ihr lautes Denken unbemerkt in ein leises verwandelt. Dass sie mich damit ausschloss, schien sie nicht zu bemerken. Irgendwann würde sie an anderer Stelle wieder auftauchen und genauso unvermittelt weitersprechen.

„...Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten... Schade, dass die Psychoanalyse so humorlos ist. Es fehlt ihr etwas, wissen Sie das?“

„Es wäre einfacher, wenn man manchmal einen Schritt zurücktreten und die Dinge aus der sicheren Distanz betrachten könnte.“

„Glauben Sie wirklich, dass das alles ist?!“ Sie warf mir über die Schulter einen ihrer abschätzigen Blicke zu, den ich über meine Zeichnung gebeugt nur aus den Augenwinkeln wahrnahm und nicht erwiderte. „Humor als Selbstschutz, als Abwehrmechanismus? Das könnte ich doch auch genauso gut mit Zynismus oder Sarkasmus. Wie viele Abwehrmechanismen gibt es? Zehn? Fünfzig? Nein“, sie atmete ein paar Mal ein und aus, bevor sie leiser weiter sprach, „ich meine Lachen. Gemeinsam Lachen. Das ist doch etwas sehr Schönes. Warum muss man immer alles hinterfragen? Warum kann man es nicht so nehmen, wie es ist?“

„Weil Sie vielleicht gerade deswegen hier sind.“

Sie antwortete nicht, und ich lehnte mich zurück, sah hinaus aus dem Fenster in den spätherbstlichen Tag. Ich fühlte mich müde, nicht nur körperlich müde, sondern auch geistig erschöpft, ausgezehrt, dieser Gespräche überdrüssig. Gerne hätte auch ich einfach etwas getan, gesagt, spontan und unüberlegt wie jeder andere Mensch, hätte gerne selbst einen kleinen Scherz gemacht oder gelacht, sie in den Arm genommen oder was immer ich auf keinen Fall tun durfte. Nur selten fiel ich aus der Rolle, und in diesem Augenblick bedauerte ich es.

Sie schwieg weiter, und ich hörte auf zu kritzeln. Einige Minuten war nichts zu hören als das Ticken einer Uhr, das Brausen des Windes, das gegen die Fensterscheibe drückte.

„Ich habe tatsächlich an Sie gedacht.“ Fast kleinlaut wirkte sie jetzt, wie sie sich auf die Lippen biss und auf die leere weiße Wand starrte mit unruhigen Augen, als gäbe es dort etwas zu sehen, Erinnerungen an Vergangenem, Ängste oder Wünsche, Hoffnungen. „Meinen Sie, dass ich mir das nicht eingestehen wollte?“ Ich antwortete nicht, aber das schien sie nicht zu stören. „Glauben Sie, dass ich mich in Sie verlieben werde?“

„Glauben Sie, das zu müssen?“

„Warum antwortet ein Psychotherapeut immer mit einer Gegenfrage?“

„Tut er das?“

Sie lachte. „Ich glaube nicht, dass ich mich in Sie verlieben werde. Eher werden Sie sich in mich verlieben. Wollen wir wetten? Oder würde das meinen Behandlungserfolg gefährden?“

„Wenn ich mich in Sie verliebte?“

„Nein, wenn ich mich nicht in Sie verlieben würde.“

„Nicht alle Analysanden verlieben sich in ihren Therapeuten.“

„Das klingt, als ob Sie das bedauerten.“

„Bedauern Sie das?“ Sie antwortete nicht, und ich ließ den Worten Zeit, sich zu setzen. Dann sagte ich: „Ich werde für Sie immer unerreichbar bleiben. Ich weiß, es ist bitter für Sie oder wird es irgendwann sein, aber das ist nun einmal unsere Vereinbarung. Sie müssen sich damit abfinden.“ Das sagte ich manchmal einer Patientin am Anfang der Therapie und bewirkte oft, dass sie wütend wurde oder mich vom Gegenteil zu überzeugen versuchte. „Außerdem ist es verboten.“

„Aber nicht in dem Sinne, dass man Sie dafür morgen ins Gefängnis werfen würde?“

„Nein, nicht in diesem Sinne.“

„Es gibt wohl keine Gerechtigkeit.“ Das sollte scherzhaft klingen, und ich fragte mich, was sie dahinter verbarg. „Wissen Sie was? Ich finde Sie ziemlich eingebildet. Aber das macht nichts, ich komme schon damit klar.“ Sie schloss wieder die Augen, und ich sah auf die Uhr. Vielleicht erzählte sie mir jetzt ihre Träume.

 

Nur selten nahm ich meine Mahlzeiten gemeinsam mit den Mitarbeitern oder Patienten ein. Wir hatten eine gut funktionierende Küche, die vom Frühstück bis zum Mitternachtsimbiss alles aufzutischen wusste, was das Herz begehrte oder auch nur der Magen verlangte, akzeptable Mahlzeiten zumeist, in denen Fleisch für meinen Geschmack eine zu große Rolle spielte, ein Zugeständnis an die Patienten, die, wie es schien, am liebsten panierte Schnitzel und gebratene Hühnerkeulen in sich hineinstopften, und so zog ich es meistens vor, eine Kleinigkeit im Büro zu mir zu nehmen oder das Mittagessen ganz zu überspringen. Manchmal traf ich mich geschäftlich zu einem kurzen Arbeitsessen in einer der umliegenden Gaststätten.

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Heute war ich spät dran, was kein Zufall war, denn ich verspürte wenig Neigung, mich meinen Mitarbeitern zu stellen, ihren stillen Fragen oder vielsagenden Blicken, ihrer Verunsicherung oder Schadenfreude. Der zwanglose Smalltalk, den ich sonst wie eine lästige, aber gut einstudierte Pflichtübung absolvierte, wäre heute zu einem unerträglichen Spießrutenlauf geworden. So saßen jetzt, kurz vor Schließung der Küche, nur wenige Patienten herum, wie üblich jeder für sich, kauten schweigend oder rauchten (was verboten war), zogen in seltsamer Konzentration an ihren Zigaretten. Mein Eintreten brachte Bewegung in die Runde. Köpfe hoben sich, nickten, Lächeln breiteten sich aus und verschwanden wieder, Lippen bewegten sich, streuten zwischen den Bissen und Zügen unverständliche Worte. Ich grüßte laut und ging mit meinem Tablett zum leeren Mitarbeitertisch.

An diesem Vormittag hatte sich wenig ereignet, und ich begann zu hoffen, ich hätte das Schlimmste hinter mir, hätte zumindest eine Pause, in der ich ein wenig nach Luft schnappen, etwas von jener dringend benötigten Kraft tanken konnte, die mich die letzten Tage gekostet hatten. Ich aß langsam, trank meinen Tee und versuchte, an nichts zu denken. Als ich zu meinem Sprechzimmer zurückging, fühlte ich mich stärker und ruhiger, fast so wie immer.

Vielleicht war ich deshalb so verblüfft, Robert Wesselmann dort zu sehen, bequem in einem der Besuchersessel sitzend, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, in mein Reich einzudringen, sich dort breit zu machen mit einem stupiden Grinsen auf den Lippen, das vielleicht freundlich oder auch nur überheblich aussehen sollte. Eine dumpfe Wut auf Katrin stieg in mir auf, und ich fragte mich, was sie veranlasst haben mochte, ihn einzulassen.

Obwohl er sich sehr verändert hatte, hatte ich ihn sofort erkannt. Dabei waren es weniger irgendwelche körperlichen Merkmale gewesen, die mir geholfen hatten, die Haarfarbe zum Beispiel, die Form der Nase oder des Mundes, die Augen oder welche vermeintlichen Fixpunkte man auch immer suchen mag, es waren eher Gewohnheiten gewesen, seine Art zu sitzen, die Beine übereinander zu schlagen, als wolle er sich vor etwas schützen, seine Art, die Arme vor der Brust zu verschränken in einem stillen Zeichen der Abwehr, der Selbstbezogen- und Zurückgezogenheit. Er war genauso ernst und linkisch wie eh und je, das war mein erster Eindruck, auch wenn ich mit Erstaunen die sich abzeichnende Glatze bemerkte, das ergrauende Haar, den unförmig gewordenen Körper, das Altern, wie mir bewusst wurde, das ihn gezeichnet hatte, verfremdet, in eine Zerrbild seiner selbst verwandelt hatte. Aber das war vielleicht unvermeidlich, und ich wollte mir nicht vorstellen, was in diesem Augenblick in ihm vorgehen mochte.

"Lange nicht gesehen! Schön, dass du es dir schon bequem gemacht hast.“ Er wirkte vergleichsweise entspannt, und ich hatte beschlossen, nicht als erster aus der Rolle zu fallen.

Die Hand wollte ich ihm nicht geben. Das wäre mir zu künstlich oder förmlich erschienen. Vielleicht fürchtete ich, er könnte mich mit meiner ausgestreckten Hand einfach stehen lassen. So ging ich um meinen Schreibtisch herum und setzte mich. Wir hatten uns zwar eine Ewigkeit nicht gesehen, trotzdem konnten wir versuchsweise so tun, als seien wir tatsächlich alte Freunde, die Neuigkeiten austauschten und sich für das Schicksal des jeweils anderen interessierten. „Wie ich höre, hat es dich nach Norddeutschland verschlagen? Nach Lübeck, wenn ich nicht irre?“

„In die Nähe von Lübeck.“ Es waren seine ersten Worte, und obwohl seine Stimme rau klang, sie war unverkennbar die seine. Merkwürdig, dass man einen Menschen an der Stimme am ehesten wiedererkannte, wie viele Jahre auch vergangen sein mochten. „Man könnte sagen, ich bin Landarzt geworden.“ Es klang nicht bitter, eher ironisch, aber nicht sehr.

„Besser Landarzt als Tierarzt“, gab ich zurück, im Versuch den Scherz aufzunehmen. Nichts in seinem Gesicht bewegte sich. Vielleicht hatten sich seine Augen eine Spur weiter geöffnet, als sie es sowieso schon gewesen waren. Sie spiegelten das weiße Licht, das schräg durch die Fenster fiel, glänzten wie Spiegel, wie Glas, hart und vorstehend, kleine Pupillen, die starr auf mich gerichtet waren, und es schien, als könnten sie alles an sich abprallen lassen, was ihn hätte treffen oder auch nur berühren können. Plötzlich meinte ich, er habe sich auf dieses Zusammentreffen vorbereitet, seit Jahren darauf hin gearbeitet wie auf eine große Abrechnung. Vielleicht hatte er Angst davor gehabt, vielleicht hatte er sich darauf gefreut. Oder beides. Wie oft mochte er sich diese Situation vorgestellt haben? Wie oft mochte er sich den ahnungslosen und überraschten, vielleicht nur irritierten ehemaligen Kollegen vorgestellt haben, der, im Dunklen tappend, fieberhaft versucht, den wahren Grund seines Besuches herauszufinden, aus der Vergangenheit zu erschließen oder aus dem Verhalten seines Gegenübers. Wie oft mochte er seine Macht vorweggenommen haben, ihn zappeln zu lassen wie einen Fisch am Haken, seine Unsicherheit genießend, sie steigernd durch Blicke wie diesen. Jetzt wusste ich, dass er etwas gegen mich in der Hand hatte, dass er niemals hier aufgetaucht wäre, nur um mir eine Szene zu machen, um seinen Hass hinauszuschreien wie ein Kind.

Und ich? Ich war nicht vorbereitet, ich hatte mich sicher gefühlt, unangreifbar. Niemals hätte ich mir vorstellen können, ein Nichts, wie es Robert Wesselmann war, könnte mir etwas anhaben. Aber konnte er das tatsächlich? Welche abenteuerlichen Pläne hatten in seinem Kopf Gestalt angenommen? War er verrückt geworden, nachträglich zerbrochen wie ein längst angeschlagener Baum, der Jahre später erst des Sturms oder der vergehenden Zeit wegen umfällt, als seien die Jahrzehnte dazwischen nichts als eine endlose Zeitlupe gewesen? Was mochte in ihm vorgegangen sein, mochte jetzt in ihm vorgehen?

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Wir schwiegen. Er, wie es schien, mit Absicht. Mir dagegen fiel nichts ein, womit ich die Spannung, die sich mit jeder Sekunde steigerte, hätte mildern können. Schließlich beschloss ich, dem Spiel ein Ende zu machen: „Was willst du?“

„Gerechtigkeit.“

Er hatte es in einem Ton hervorgebracht, als habe er ein Glas Mineralwasser gesagt. Nur das bitte fehlte. Es klang nicht theatralisch, und ich wünschte mir, er hätte stattdessen eine Million Euro gefordert oder meinen Kopf, etwas, das ich ihm tatsächlich hätte geben können.

Wenige Tage zuvor, zu jedem beliebigen Zeitpunkt vor diesem letzten Montag, hätte ich ihn vermutlich einfach vor die Tür gesetzt. Mir meiner Unangreifbarkeit sicher, hätte ich ihn mit ein paar ironischen Bemerkungen abgekanzelt, und er wäre davon getrottet wie ein geprügelter Hund. Etwas hatte sich in den letzten drei Tagen geändert. Und es waren nicht nur die äußeren Umstände. Es war etwas in mir selbst, eine Einstellung, ein Gefühl, etwas ganz Wichtiges. Ich fühlte mich nicht mehr im Recht, wurde mir schlagartig bewusst. Ich hatte begonnen, mich in Frage zu stellen, an der Richtigkeit meiner Beweggründe und der Angemessenheit meiner Handlungen zu zweifeln. Skrupel und Gewissensbisse hatten sich eingenistet, die mir zuvor fremd gewesen waren. Vielleicht war aber alles viel einfacher. Vielleicht war es nur das Recht des Stärkeren gewesen, das ich bis dahin wie selbstverständlich beansprucht hatte. Ein Recht, das mir jetzt nicht mehr zustand. Denn tatsächlich fühlte ich mich nicht länger als der Stärkere, und ich war es vielleicht auch nicht.

So begann ich zu erklären, mich zu rechtfertigen, auf ihn einzureden, spielte herunter, was mir plötzlich peinlich war, versuchte ihm die Sachzwänge deutlich zu machen, denen ich ausgesetzt gewesen war, die zweifelhafte Rolle manch eines anderen an der Sache Beteiligten. Er sagte nichts. Mein Bemühen schien ihn eher zu amüsieren als wütend zu machen. Mit verschränkten Armen hatte er sich zurückgelehnt und beobachtete mich, ein dünnes Lächeln auf den zusammengepressten Lippen.

Irgendwann schien er genug davon zu haben, denn er sagte fast mild: „Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren. Deine Meinung interessiert mich nicht.“

„Was willst du von mir?“ Am gleichen Punkt angelangt wie wenige Minuten zuvor, war mir nichts Besseres eingefallen, als die gleiche Frage noch einmal zu stellen.

Für einen Augenblick erwartete ich die gleiche Antwort und mir schwindelte vor dem Abgrund, den dieser Teufelskreis aufgetan hätte. Doch stattdessen sagte er: „Ich will, dass du mich rehabilitierst.“ Und dann fügte er hinzu: „Öffentlich und in aller Form“.

„Warum, zum Teufel, sollte ich das tun?“ Es klang mehr erstaunt als entrüstet, und, obwohl ich ahnte, dass es etwas gab, womit er mich unter Druck setzen konnte, ich war es tatsächlich. Es gab nichts, was mich zu einem solchen Schritt hätte veranlassen können. Eher noch hätte ich mir eine Kugel in den Kopf geschossen, auch wenn das letztlich nur eine andere Form des Eingeständnisses gewesen wäre.

Wortlos zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Brusttasche seiner Jacke und reichte es mir. Ich brauchte nur wenige Sekunden, um mich zu vergewissern. Es war eine Aufstellung verschiedener Geldein- und Geldausgänge, eine Kontoübersicht, und entstammte fraglos dem verschwundenen Ordner. Ich kann nicht sagen, dass mich das wirklich erstaunte. Es passte, passte wie so vieles, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte. Es war, als bräuchte man sich nur den schlimmstmöglichen Ausgang vorzustellen, um ihn flugs Wirklichkeit werden zu lassen, als gäbe es eine seltsame Kraft, die meine Alpträume Gestalt annehmen, sie zu einer Form gerinnen ließ vollkommener und schrecklicher noch als in meinen dilettantischen Entwürfen. Und ich stand davor, überwältigt wie vor einem gewaltigen Naturschauspiel.

Nach meiner flüchtigen Prüfung wollte ich ihm das Blatt wieder zurückgeben. Doch er winkte ab. „Das ist für dich. Ich habe noch mehr davon. Einen ganzen Ordner voll.“

Noch einmal starrte ich darauf und knüllte es dann zusammen. Irgendwo stand der Papierkorb, und ich beugte mich vor wie an der Freiwurflinie, um die Papierkugel in weitem Bogen darin zu versenken.

Robert klatschte ein paar Mal lahm in die Hände: „Bravo!“

Tief atmete ich durch. Der gelungene Wurf hatte mir ein wenig Selbstvertrauen zurückgegeben. „Darf ich fragen, wie du zu diesem Ordner gekommen bist?“

„Sagen wir, ich habe gewisse Beziehungen, ungewöhnliche Beziehungen.“

Langsam nickte ich. „Verstehe.“ Nicht, dass ich wirklich verstand. Und doch hatte er offenbar einen Komplizen bei der Steuerfahndung, jemanden, der ihm den entscheidenden Ordner zugespielt hatte. Doch wie kam ein einfacher Landarzt zu solch einer Verbindung? Eine glückliche Fügung des Schicksals, Zufall? Kaum. Wahrscheinlicher war, dass er diese Steuerprüfung selbst angezettelt hatte. Wie hatte Hage gemutmaßt? Jemand hat dich verpfiffen, angeschwärzt, so oder so ähnlich hatte er sich ausgedrückt. War dieser jemand Robert Wesselmann gewesen?

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Möglich, dass er seinen Coup über Jahre vorbereitet hatte, dass er sich einen Verbindungsmann aufgebaut hatte, jemanden, der ihm einen Gefallen schuldete oder den er bestochen hatte, vielleicht sogar erpresste, um mich dann im entscheidenden Augenblick ans Messer zu liefern. Mir fiel der letzte Ärztetag im Kongresshaus der nahegelegenen Großstadt ein. Der lag zwar schon ein paar Monate zurück, und doch konnte ich mich noch gut an den kurzen Moment erinnern, als ich sein Gesicht in der Menge ausgemacht zu haben glaubte. So wie man aus abertausenden von Reizen in Sekundenbruchteilen einen ganz bestimmten herauszufiltern weiß, ein Vorgang, der mehr automatisch als bewusst abläuft, so hatte ich plötzlich die Gewissheit, mein ehemaliger Kollege befinde sich in dieser unüberschaubaren Menge. Nichts war mir ins Auge gesprungen, hatte sich aufgedrängt oder meine Aufmerksamkeit gefesselt. Es war nur ein leiser Missklang gewesen, ein Muster, das nicht zu den anderen passte, ein Apfel in einer Kiste mit Birnen, eine längsgestreifte Krawatte inmitten von quergestreiften. Und doch hatte dieser Misston genügt, um meinen Kopf in die richtige Richtung drehen zu lassen, dorthin, wo sein Gesicht verschwunden war, nur noch ein Hinterkopf wie ein Korken auf der Oberfläche anderer täuschend ähnlicher Köpfe hüpfte und sich langsam entfernte. Später glaubte ich, mich getäuscht zu haben. Hatte er damals gerade die letzten Vorbereitungen getroffen? Hatte die Falle, in die ich schließlich tappen sollte, zu diesem Zeitpunkt schon bereitgestanden, fix und fertig aufgebaut und auf sein ahnungsloses Opfer wartend? Und was hatte sie schließlich zuschnappen lassen?

Wir hatten wieder lange Zeit geschwiegen. Und während ich nachdachte, Fakten und Mutmaßungen hin und her wälzte, blieben seine Augen auf mich gerichtet, ohne dass eine Gefühlsregung erkennbar gewesen wäre. Wahrscheinlich kannte er meine Gedanken. Sie waren naheliegend. Was ich auch tat und dachte, er hatte es vermutlich vorausgesehen. Ich konnte nur dem Weg folgen, der mir vorherbestimmt war. So sehr ich mich auch mühte und nach Auswegen suchte, es gab nur diesen einen Gang, der irgendwohin führte, und ich hoffte, er möge an seinem Ende mit etwas nicht gar so Schrecklichem aufwarten.

„Und wie stellst du dir diese Rehabilitierung vor?“

„Ganz einfach. Du erklärst in aller Öffentlichkeit, wie es damals wirklich war. Meinetwegen, kannst du noch sagen, dass es dir leid tut, dass du es zutiefst bedauerst oder etwas in der Richtung, dass du dein Gewissen erleichtern musstest. Was du willst.“

„Das ist alles?“

„Das ist alles.“

„Was hast du davon? Ach ja, ich vergaß, Gerechtigkeit. Oder meintest du Rache?“

„Ist das nicht in gewisser Hinsicht das gleiche?“

Ich hatte keine Lust, mit ihm moralphilosophische Fragen zu erörtern und antwortete nicht. Stattdessen sah ich ihm forschend in die Augen, und für einige Sekunden fochten wir einen stillen Kampf aus. Dann gab ich auf. Er hatte sich verändert. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es mit dem gleichen Menschen zu tun hatte. Das war nicht der in sich gekehrte und schüchterne Doktorand, mit dem man nach Belieben umspringen konnte. In seinem stillen Hass, in seiner jahrzehntelang gereiften Rache war er mir plötzlich unheimlich. Konnte man sein Leben einem solchen Plan widmen, ohne innerlich Schaden zu nehmen? War das der Preis, den er bezahlte, um heute vor mir zu sitzen im Bewusstsein, mich kraft seines Willens auslöschen zu können? Obwohl alles dafür sprach, dass es sich so verhielt, zweifelte ich daran. Das passte so wenig zu seiner Person, dass ich an diese wundersame Veränderung nicht glauben mochte. Eher wollte ich ihn für einen Trittbrettfahrer halten, der sein Süppchen auf das Feuer stellt, das günstige Umstände für ihn entfacht haben.

„Wie ich höre, hast du am Sonntag eine kleine Gesellschaft geladen. Das erschiene mir als der geeignete Rahmen, um dein Gewissen zu erleichtern. Ich werde natürlich anwesend sein und mich dann anschließend bei den Gratulanten einreihen. Du hast doch Geburtstag, nicht wahr? Und dann wird auch ein kleines Geschenk nicht fehlen, ein alter Ordner zwar nur, aber ich bin sicher, daneben wird alles andere verblassen, zumindest in deinen Augen. Und das bin ich dir doch schuldig nach so vielen Jahren.“

Vielleicht sah er mir an, wie tief mich seine Worte trafen, denn das spöttische Lächeln in seinem Gesicht verbreitete sich. Obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, dass dies seine Forderung wäre, erschien sie mir gleichwohl naheliegend wie folgerichtig. Mein fünfzigster Geburtstag wurde mehr und mehr zu einem Fluchtpunkt, auf dem alles zustrebte, Susannes Tod, die öffentlichen Reaktionen auf die Steuerprüfung und jetzt Roberts Ultimatum. Was als Höhepunkt gedacht gewesen war, schien zum Tag der Abrechnung geworden zu sein, eine Entscheidung über Sein oder Nichtsein, denn plötzlich erschien es mir unmöglich, diesem Sonntag könnte ein Montag folgen, ein weiterer Tag, an den sich der nächste reihte und so fort. Was auch immer an diesem Tag geschähe, etwas käme zu seinem Ende.

„Und wenn ich Nein sage, wenn ich lieber ins Gefängnis gehe und ein paar Millionen Euro Strafe bezahle? Dann wird niemals jemand deine sogenannte Wahrheit erfahren, dann war alles umsonst.“ Das schien mir der Schwachpunkt seines Planes zu sein. Sicherlich würde es ihm Genugtuung bereiten, meine berufliche Existenz zu zerstören, doch das, was er Gerechtigkeit nannte, bliebe ihm so für immer versagt.

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Auch darüber schien er nachgedacht zu haben. „Natürlich wäre es mir lieber, wenn du selbst aufstehen würdest, um freiwillig deine Verfehlungen einzugestehen. Um wie viel glaubwürdiger wäre es? Andererseits, angenommen, du wirst verurteilt, wie viel Unerfreuliches mag da ans Licht kommen? Wenn dann noch so eine alte Geschichte bekannt wird, wie groß mag wohl die Bereitschaft sein, sie für bare Münze zu halten?“

Er hatte recht, sie würden mir alles anhängen, mit und ohne Beweise.

Ganz zum Schluss bot ich ihm Geld an, mehr aus dem Bedürfnis heraus, alles versucht zu haben, als dass ich tatsächlich angenommen hätte, er ginge darauf ein. Was hinderte ihn schließlich daran, nach meinem Geständnis doch noch Geld zu fordern, mich zu erpressen bis an mein Lebensende?

„Weißt du, ich mache mir nicht viel aus Geld. Im Gegensatz zu dir. Und ich habe mein Auskommen, ein bescheidenes zwar, aber selbst als schlecht verdienender Arzt muss man nicht am Hungertuch nagen, nicht wahr?“ Er war aufgestanden. „Lass es dir durch den Kopf gehen.“ Er klang, als habe er mir ein unverbindliches Angebot unterbreitet.

Eine Weile starrte ich vor mich hin, starrte auf den leeren Sitz vor mir, dorthin, wo sich diese Gestalt materialisiert und dann entmaterialisiert hatte, so wie jene von Susanne und ihrer Mutter in den Tagen zuvor. Mein Gedächtnis schien mir Streiche zu spielen, erschuf Menschen, die es nicht gab oder nicht geben sollte, glaubte sich zu erinnern oder tat es wirklich. Dann griff ich zum Telefonhörer. Vielleicht konnte Hage etwas über diesen geheimnisvollen Verbindungsmann bei der Steuerfahndung in Erfahrung bringen.

 

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Kapitel 15

Susanne war nicht mehr bei Bewusstsein. Sie schlief nicht, sondern war abgetaucht in ein gnädiges Koma, eines das einen Mantel des Friedens und des Vergessens über sie ausgebreitet hatte. Zumindest hoffte ich, dass sie nichts mehr dachte oder träumte, dass ihr Gehirn, wie es die Monitore behaupteten, tatsächlich nur noch jene wenigen Funktionen aufrechterhielt, die ihr Körper zum unmittelbaren Überleben brauchte. Und es war ein willkommenes Koma, nicht eines, das man durch Zureden, durch laut gespielte Musik zu beenden versucht, durch Berührungen und Streicheln, wie eine Mutter, die das verunglückte Kind nicht aufgibt, in der Hoffnung, es nach Monaten und Jahren noch zurückzuholen in ihre Welt. Ich versuchte, mir vorzustellen, was in Susanne vorgehen mochte, ob sie, wie es schien, in Frieden ruhte, fast wie tot, mit sich und der Welt Frieden geschlossen hatte oder ob diese Zerrissenheit, die sie beherrscht hatte, noch immer in ihr arbeitete, sie quälte und trieb über den Zustand des Denkens und Träumens hinaus. Aber vielleicht dachte und träumte sie, auch wenn die Hirnströme etwas anderes anzeigten. Niemand wusste, was in einem solchen komatösen Gehirn wirklich vorging. Und mir schauderte bei der Vorstellung, in mir selbst gefangen zu sein, wie ein vom Körper abgetrenntes Gehirn in einer Nährflüssigkeit zu schweben, ohne Nachricht von außen, ohne eine Möglichkeit zu haben, etwas hinaus dringen zu lassen, nicht einmal Klopfzeichen wie ein verschüttetes Erdbebenopfer. Ob man sich dieses Zustandes bewusst war? Wusste man, dass man im Koma lag? Oder schuf sich das Gehirn eine Ersatzwirklichkeit, etwas, das sich fast genauso wirklich anfühlte wie das wirkliche Leben?

Meine Tage hatten sich verändert. Ich schlief schlechter, selten mehr als ein paar Stunden am Stück, lag dann wach und grübelte, suchte nach Auswegen, nach einem Sinn, den ich dankbar angenommen hätte, so dunkel und verworren er auch gewesen wäre. Dann blickte ich in diesen übergroßen Spiegel, in die vom ersten Licht des Morgens nur schwach beleuchtete Fläche unseres Schlafzimmerschrankes, meinte mich und Mona schemenhaft zu erkennen, zwei leblose Bündel, die ein seltsames Schicksal teilten, abgelegt oder vergessen worden waren und bis in alle Ewigkeiten dort liegen bleiben würden. Tatsächlich bot sich mir das immer gleiche Bild, so oft ich hineinsah, so als sei die Zeit stehen geblieben, als gäbe es kein Entrinnen, als täte sich nichts und könne sich niemals etwas tun.

Mehr als einmal wünschte ich mir in einem solchen Augenblick, all dem ein Ende zu bereiten. Dann war ich kurz davor, hinunterzugehen in die Garage, das schnellste Auto zu nehmen und hinauszufahren, mit oder ohne Musik die schmale Lücke zwischen Leitplanke und Mittelstreifen anzuvisieren, um hindurch zustoßen auf jene andere Seite, von der ich weder wusste, mit was sie mich erwartete, noch ob es sie gab.

Doch dann wurde es hell, hell genug, dass ich mich wiedererkannte, und der Spuk verschwand. Das Zimmer wurde wieder zu etwas Vertrautem. Ich stand auf und frühstückte. An regelrechte Arbeit war nicht zu denken. Ich war unfähig, mich länger als ein paar Minuten auf etwas zu konzentrieren. Und doch fuhr ich in die Klinik, vielleicht nur, um vor Ort zu sein, um nicht überrascht werden zu können, wenn sich etwas Neues ereignete. Später besuchte ich manchmal Susanne, so wie heute, saß eine halbe Stunde an ihrem Bett, die Mutter im Nacken, ohne mehr als einen leisen Gruß an sie zu richten. Schon dachte ich, Wochen und Monate so verbracht zu haben. Und doch waren es nur wenige Tage. Heute war Donnerstag.

Als ich mich erhob, um aus dem Krankenzimmer zu gehen, wusste ich plötzlich, dass ich zum letzten Mal hier gewesen war. Es war ein Abschied, ein Abschied für immer. Keinen Tag länger konnte ich ihr Sterben ertragen, den Vorwurf der Mutter. Lieber wollte ich sie jetzt sterben lassen, so endgültig, als schaltete ich höchstpersönlich alle lebenserhaltenden Systeme ab. Und ich hätte es getan, wie ich sie unter anderen Umständen vielleicht mit einem Kissen erstickt hätte, irgendetwas getan hätte, um sie aus der Welt zu schaffen, aus der wirklichen oder nur aus meiner, endgültig und unwiederbringlich. So begnügte ich mich damit, noch einmal stehen zu bleiben, das erloschene Gesicht zu betrachten, genau genug, um es vergessen zu können, es gegen jenes auszutauschen, auf das ich so viele Stunden von der Höhe meines Therapeutenstuhls geschaut hatte. Dann nickte ich der Mutter zu und ging. Erleichtert schloss ich die Tür hinter mir.

Anstatt in die Klinik, fuhr ich zurück nach Hause. Ich war mit Frau Schwarz verabredet, jener Lokalredakteurin der Rundschau, die mir vor dem Eingang der Universitätsklinik aufgelauert hatte und die ich tatsächlich kannte, wenn auch nur flüchtig, Sie hatte, von einer der letzten Genie und Wahnsinn-Veranstaltungen berichtet, ausführlich und wohlwollend, hatte sogar ein regelrechtes Interview mit mir geführt, und ich wunderte mich, dass mir ihr Name nicht sofort eingefallen war, als sie vor mir gestanden hatte, oder ich nicht wenigstens beim Anblick ihres wohlproportionierten Körpers an unser Zusammentreffen hatte denken müssen, als sie mir überaus verführerisch erschienen war.

Hage hatte mir zu dieser Flucht nach vorne geraten, und ich hatte zugestimmt, auch wenn mir nicht ganz wohl dabei war. Wenn schon über mich geschrieben wurde, dann war es vermutlich wirklich besser, das Mögliche zu tun, um Einfluss darauf zu nehmen.

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Die ganze Woche schon schien die Sonne wie von einem frisch gefegten Himmel. Kaum ein Wölkchen war zu sehen, und die wenigen, die der Wind nach Westen trieb über die Weinberge hinweg zu den nahen Hügeln zogen sich in die Länge, zerfielen zu dünnen Schleiern. Die Luft war klar und trocken, schmeckte frisch, sauber fast, und der Himmel in seinem neu getünchten Blau wölbte sich weit über die Ebene fernen und unerreichbaren Horizonten zu. Klein kam ich mir vor, als ich den Wagen vor der Garage abstellte und hinaufsah.

Seit vielen Jahren wohnte ich hier oben, das letzte Haus in der Straße, dort, wo die Weinberge beginnen, sich hinaufziehen hügelwärts. Es war ein unauffälliges Haus, ein Neubau mit einer großen Garage, der größtenteils hinter den dicht wachsenden Bäumen verschwand. Garten und Innenhof waren von außen nicht einzusehen, und ich genoss die Ruhe, die die Randlage mit sich brachte. Nur der Winzer schräg gegenüber machte sich manchmal mit seinen Traktoren, dem Klappern von Kisten und Flaschen bemerkbar. Aber das gehörte dazu, passte zum ländlichen Charakter dieser Abgeschiedenheit.

Frau Schiller hatte an alles gedacht und das späte Frühstück im Wohnzimmer gerichtet. Die Schiebetüren der langen Fensterfront waren aufgezogen, und die Sonne schien geradewegs herein, kräftig schon für die Jahreszeit, aber vielleicht kam es mir nur so vor, denn hier, mehr drinnen als draußen, ging kein Lüftchen, regte sich nichts. Es war meine Idee gewesen, Frau Schwarz zu diesem Brunch zu mir nach Hause einzuladen, und es mochte eine Rolle gespielt haben, dass mir mein Sprechzimmer, ja, die ganze Klinik mehr und mehr zuwider geworden war. Ständig rief jemand an, um sich nach dem Fortgang der Ermittlungen zu erkundigen, zu hören, was es in dieser oder jener Sache Neues gebe, und gemeinsam mit den Gespenstern die meinen Tag immer häufiger begleiteten, rumorende Erinnerungen, die aus der Vergangenheit herüber gesickert waren, machten sie mir das Leben zur Hölle. Und dann war noch Katrin, der dienstbare Geist, den ich nicht mehr einzuschätzen wusste, von dem ich nicht mehr mit Gewissheit hätte sagen können, auf welcher Seite er stand.

Sie kam zu spät, nur wenige Minuten, und ich saß schon am Tisch, die Zeitung vor mit ausgebreitet, als Frau Schiller sie hereinführte. Frau Schwarz, ich versuchte vergeblich, mich an ihren Vornamen zu erinnern, trug eine eng sitzende Jeans und eine kurze Jacke. Sie war tatsächlich jung, noch keine Dreißig, und doch von einer zur Schau getragenen Welterfahrenheit beseelt, die an Langeweile grenzte oder Überdruss.

Die erste Viertelstunde tauschten wir Artigkeiten aus, aßen beide ohne großen Appetit von dem, was meine Haushälterin aufgefahren hatte, und tasteten uns ab, lächelnd und so harmlos freundlich, wie es ging.

Das Buffet war großzügig, aber nicht verschwenderisch, genau so, wie ich es angeordnet hatte, und ich entließ Frau Schiller, die gerade frischen Kaffee hereingebracht hatte, mit einem wohlwollenden Blick.

Frau Schwarz hatte Messer und Gabel auf ihren Teller gelegt und sich zurückgelehnt. Ihr Blick ging hinaus über den Innenhof zum Garten. Sie schien nachzudenken. Mit der Zunge stocherte sie zwischen den Zähnen herum, eine Übersprunghandlung vielleicht oder tatsächlich der Versuch, irgendwelche Essensreste aus einem Zahnzwischenraum zu entfernen. „Schön haben Sie es hier.“ In meinen Ohren klang es fast wie ein Vorwurf, und ich fragte mich zum ersten Mal, ob es eine gute Idee gewesen war, sie hierher einzuladen. Nicht, dass ich übertrieben teure Möbel oder Kunstgegenstände mein Eigen genannt hätte, und doch, ein gewisser Wohlstand war sowohl dem Haus selbst als auch seiner Einrichtung anzusehen. Doch dann entspannte sie sich, lehnte sich zurück, direkt sah sie mich an, und ihre Augen schienen zu funkeln, oder vielleicht war es das Grübchen neben ihrem Mund, das sich plötzlich gebildet hatte und ihr einen schelmischen, fast vorwitzigen Ausdruck verlieh.

Und jetzt erinnerte ich mich an sie, an unser Gespräch vor zwei oder drei Jahren. Möglich, dass es dieses Detail gewesen war, das die Erinnerung zurückgebracht hatte, das Gesicht eines Kindes, das einen Streich ausheckt, die Vorfreude daran. Genauso hatte sie vor mir gesessen, ein längliches Diktiergerät in der Hand, hatte es hin und her geschwenkt wie ein richtiges Mikrofon, so als seien wir tatsächlich im Fernsehen, bedeutende Menschen, die über ein bedeutendes Thema sprachen. Ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass sie mich auf den Arm nahm, dass ihr Interesse, ihre Anerkennung, eine Anerkennung, die sie manchmal geschickt in Bewunderung hinübergleiten ließ, nur gespielt war, dass sie mich im Grunde ihres Herzens lächerlich fand, vielleicht sogar verachtete. Ich hatte an jenem Abend die Veranstaltung selbst moderiert, und sie betonte die souveräne und professionelle Art, mit der ich das getan hätte. Mir dagegen lag der Vergleich mit einem Zirkusdirektor näher, im schlimmeren Fall mit einem Losverkäufer auf dem Jahrmarkt, einem jener Typen, die beim Reden mit den Lippen ihre riesigen Mikrofone berühren, als hielten sie Eiswaffeln in der Hand, während ihre Stimme übersteuert und verzerrt aus den minderwertigen Lautsprechern dringt, ein Singsang, von dem man nicht weiß, ob er Absicht oder Unfähigkeit geschuldet ist. Dann hatte sie auf den Namen der Veranstaltung angespielt, auf dieses Genie und Wahnsinn, und mich gefragt, wo auf einer solchen Skala ich mich selbst einordnen würde. Von weniger Selbstzweifel als heute geplagt, war es mir ein Leichtes gewesen, beide Pole für mich zu beanspruchen, und sie schien zufrieden, so als habe sie meine Antwort vorausgesehen und habe mich dorthin bringen wollen, wo ich schließlich angekommen war. Obwohl ihr Artikel damals günstig für mich und die Klinik ausgefallen war, wollte ich dieses Mal vorsichtiger sein.

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„Fühlen Sie sich zu Unrecht verfolgt? Schließlich haben Sie doch einiges für die Region getan.“

„Die Steuerfahndung wird ihre Gründe für ihr Vorgehen haben.“

„Das war nicht meine Frage. Sehen Sie“, sie beugte sich ein wenig vor und mein Blick ging unwillkürlich zu ihrem Busen, dass sich unter dem dunkelblauen Pullover aufwölbte, „mich interessiert die psychologische Seite der Geschichte. Wir brauchen uns nicht darüber zu unterhalten, ob sie schuldig sind oder unschuldig, was sie genau angestellt haben und was nicht. Das werden Sie mir sowieso nicht sagen. Diesen Teil können wir uns also sparen und zu spannenderen Themen übergehen. Schließlich will ich sie nicht verhören, sondern interviewen. Natürlich sind Sie unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Alles ist ein Missverständnis, eine politische Intrige oder die Machenschaft irgendwelcher Missgünstigen. Was auch immer. Und das werde ich auch schreiben, wenn Sie das möchten.“ Sie lächelte spöttisch, wie mir schien, räkelte sich ein wenig, um sich wieder zurücksinken zu lassen. Vielleicht hatte sie meinen Blick bemerkt. „Was aber fühlen Sie? Was geht in Ihnen vor? Das ist das, was mich interessiert. Und vielleicht auch meine Leser“, fügte sie leiser hinzu.

Ich antwortete nicht, tat so, als ob ich nachdächte, ließ aber tatsächlich das Gefühl hochsteigen, das in mir rumorte, als warte es nur auf diesen Augenblick, um hinausgelassen zu werden, um mich zu überfluten, ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können. Und plötzlich tat ich mir leid, so unendlich leid, wie man sich nur selbst leidtun kann, und vielleicht wurden meine Augen feucht, denn ich musste die Nase hochziehen, blinzeln, irgendwohin schauen, wo ihr aufmerksamer Blick mir nicht folgen konnte. Sie hatte recht. Ich hatte viel getan für die Region, für die Versorgung der psychisch Kranken über die Stadt und das Umland hinaus, hatte eine florierende Privatklinik auf die Beine gestellt, Arbeitsplätze geschaffen, hatte die Trommel gerührt für jene, die keine eigene Lobby hatten, die am Rande der Gesellschaft standen und ohne mich im günstigeren Fall in ein anonymes Psychiatrisches Landeskrankenhaus im schlimmeren auf der Straße, in die geschlossenen Abteilungen der Strafvollzugsanstalten gelandet wären. Stattdessen hatten sie bei mir ein Zuhause gefunden, mehr als das, eine Familie. Was war dagegen Geld? Hatte ich nicht für die Allgemeinheit mehr getan als es Millionen an Steuergeldern hätten tun können? Doch das schien niemanden zu interessieren. Kleinlich wurde aufgerechnet, Einnahmen wurden mit Ausgaben verglichen, Spendenquittungen und Kontobewegungen kontrolliert, ohne diese wirklich übergreifende Rechnung auch nur in Betracht zu ziehen. Wer erkannte meine Verdienste an, jene die nicht auf Heller und Pfennig abgegolten worden waren?

Das war tatsächlich nicht gerecht. Es gab etwas jenseits der kleinlichen Bestimmungen und Gesetze, mit denen man mich vernichten wollte. Es gab ein moralisches Recht, das man mir vorenthielt, ein fast göttlich zu nennendes Recht, dem ich mich gern gestellt hätte in der Überzeugung, nur eine solch umfassende Sicht der Dinge könne meiner Person und meinen Taten wirklich gerecht werden.

So oder so ähnlich sagte ich es auch ihr, vorsichtiger natürlich und weniger pathetisch, und doch war es mir plötzlich wichtig, dass sie mich verstand, dass sie einen tieferen Einblick in mich und in meine Beweggründe gewann, so als sei sie der einzige Mensch, der meine Sicht wirklich teilen könne, und sie bestärkte mich darin, nickte und ließ mich reden, bis ich irgendwann leergelaufen war und aufgewühlt, aber zufriedener schwieg.

„Was bedeutet Ihnen Geld?“ Sie hatte mit ihrer nächsten Frage gewartet, und ich hatte genügend Zeit gehabt, um ein wenig abzuschweifen und wieder zurückzukehren.

„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde Nichts. Und doch bedeutet es mir viel weniger, als Sie vielleicht denken.“ Jetzt war ich es, der sie musterte, selbstsicherer geworden, seitdem das Gespräch die für mich günstigere Wendung genommen hatte. „Ein stückweit bedeutet Geld natürlich Macht, Unabhängigkeit, man kann sich die Dinge kaufen, die man zu brauchen meint...“

„Auch Menschen?“

Zögernd nickte ich, dachte an Mona, an ihr Taschengeld, das ihr half, mich zu ertragen. „Menschen natürlich auch, zumindest, solange Sie damit Mitarbeiter und Angestellte meinen. Wenn Sie Liebe meinen, so glaube ich nicht, dass man diese mit Geld kaufen kann.“

„Auch nicht Bewunderung, Anerkennung?“

Wieder ließ ich mir mit der Antwort ein wenig Zeit. „Nein, ich glaube, es ist eher umgekehrt. Geld ist nur ein Gradmesser des Erfolgs. Es ist in unserer Gesellschaft so gut wie unmöglich geworden, Erfolg zu haben, ohne dass dieser Erfolg sich früher oder später auch finanziell niederschlagen würde. Denken Sie an den Sport, an die Kultur, an die Politik ... Wenn Sie heute arm sind, dann haben Sie versagt, in jeder Hinsicht versagt. Das ist die traurige Wahrheit, und nur deshalb und insofern ist mir Geld wichtig. Damit zeigen Sie, dass das, was Sie tun, Hand und Fuß hat.“ Nachdenklich schien sie mich anzusehen, und ich fragte mich, ob sie sich angesprochen fühlte, ob sie glaubte, ich hielte sie für arm und erfolglos, für gescheitert oder was ich auch immer gesagt hatte. „Wenn ich weniger verdiente, würde man mich für einen schlechteren Arzt halten, und das wäre sogar richtig: Denn dann wäre ich tatsächlich ein schlechter Arzt.“

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„Ein schlechter oder nur ein schlechterer?“

„Sie scheinen genau zuzuhören", bemerkte ich etwas zu gönnerhaft. „Eigentlich nur ein schlechterer, aber für mich ist das in gewisser Hinsicht das gleiche.“

„Wenn Sie wollten, könnten Sie wahrscheinlich mehr Geld verdienen.“ Sie sah sich um und fügte hinzu: „Noch mehr. Sie könnten irgendwo Chefarzt sein“, sie lächelte, „natürlich nur, wenn Sie tatsächlich ein guter Arzt sind. Aber nehmen wir das einmal an. Warum haben Sie diese gemeinnützige Einrichtung gegründet? Wozu diese Benefizveranstaltungen?“ Ich hatte gerade zu einer Antwort angesetzt, als sie mich mit einer Handbewegung unterbrach. „Erzählen Sie mir jetzt nichts von sozialem Engagement und der fehlenden Lobby der psychisch Kranken. Lassen Sie uns Klartext reden. Ich möchte Ihre ganz privaten und egoistischen Beweggründe hören.“

„Was veranlasst Sie zu glauben, ich würde Sie Ihnen bereitwillig unterbreiten?“

„Die Tatsache, dass wir beide wissen, dass es solche Beweggründe immer gibt. Und dass das keine Schande ist.“

Sie begann mir zu gefallen. Sie hörte nicht nur genau zu, sie besaß auch eine Kaltschnäuzigkeit, die an Zynismus grenzte, eine Eigenschaft, die ich besonders bei Frauen schätzte. Frau Schwarz schien sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten. Sie machte sich nichts vor und ließ sich auch von anderen nichts vormachen. Wollte man sein Spiel dennoch spielen, dann konnte man die ersten harmloseren Runden getrost auslassen.

Ich war unruhig geworden, rutschte auf meinem lederbezogenen Stuhl herum, als fiele es mir schwer zu sitzen, aber es war ihre Anwesenheit, der Kontrast zwischen dieser jugendlicher Harmlosigkeit, der ein weniger aufmerksamer Beobachter als ich vielleicht aufgesessen wäre, und einer fast lakonisch zu nennenden Abgebrühtheit, mit der sie mich und das Gespräch in die gewünschten Bahnen lenkte, der mich erregte, und ich fragte mich, warum solche Frauen einen so starken erotischen Reiz auf mich ausübten.

„Vielleicht, weil mir Geld als Gradmesser des Erfolgs zu anonym ist, weil ich die persönliche Anerkennung brauche, weil ich spüren möchte, dass man mich achtet oder bewundert oder liebt. Aber ist das nicht normal? Will das nicht jeder?“

„Nicht auch, weil Sie im Mittelpunkt stehen wollen, weil es Ihnen nicht genügt zu funktionieren, wie gut auch immer?“

„Aus Geltungsbedürfnis?“

„Warum sagen Sie das so abwertend? Wenn einer morgen Bundeskanzler werden will, wirft ihm doch auch niemand übertriebenes Geltungsbedürfnis vor!“

Sie hatte recht, und es beruhigte mich, dass sie mich zu verstehen schien, dass sie sich über die kleinlichen Skrupel der Normalsterblichen genauso hinwegzusetzen wusste.

Noch lange sprachen wir weiter, gaben uns wechselseitig die Stichworte. Immer mehr verlor das Gespräch den Charakter eines Interviews. Als sie aufbrach, war es schon früher Nachmittag, und ich verabschiedete mich von ihr im Gefühl, wenn nicht eine Freundin, so doch eine Vertraute gewonnen zu haben.

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Kapitel 16

Später am Nachmittag war ich dann doch in die Klinik gefahren, hatte ein wenig gearbeitet oder zumindest etwas getan, das ich dafür halten konnte - die Post durchgesehen, im Ärztemagazin geblättert, zwei Patientenberichte diktiert -, und während ich wartete, dass der Tag zu Ende ging, vielleicht in der Hoffnung, der Abend linderte die Unruhe, die ich fühlte, die meinem Puls eine ungewohnte Schlagfrequenz aufzwang, dem beschaulichen Tun, dem ich mich hingab zum Trotz, in dieses angestrengte Warten hinein erinnerte ich mich plötzlich an die Karte, die mir der unbekannte Mann am Vorabend (oder war es der Abend davor?) zugesteckt hatte. Ich hatte sie vollkommen vergessen, so wie ich dieses geheimnisvolle Zusammentreffen vergessen hatte. Keinen Augenblick hatte ich daran gedacht, tatsächlich hinzugehen, diese seltsame Veranstaltung im Planetarium zu besuchen. Die Rückkehr der Kometen. So oder so ähnlich hatte sie geheißen, aber es war nicht dieser nichtssagende Titel gewesen, der mich zuerst stutzig und dann neugierig gemacht hatte. Sondervorstellung für Ärzte und medizinischem Personal. Eintritt frei! hatte es geheißen. Ich suchte in meiner Brieftasche nach der Eintrittskarte, und plötzlich war ich sicher, sie nicht mehr vorzufinden. Zu unwahrscheinlich erschien mir nüchternen Kopfs das Erlebnis. Möglich, dass ich alles nur geträumt hatte, dass dieser merkwürdige Zwischenfall sich nur in meiner Einbildung abgespielt hatte. Eine Halluzination, das war die zwar beunruhigende, aber doch naheliegende Erklärung. In Anbetracht der großen psychischen Belastung, der ich in den letzten Tagen ausgesetzt gewesen war und die nach wie vor anhielt, waren kleinere psychotische Entgleisungen verständlich, und ich versuchte bereits die Schwere einer solchen Symptomatik aus psychiatrischer Sicht einzuschätzen, als ich das metallisch glänzende Stück Papier zwischen einigen zusammengefalteten Tankquittungen fand. Alles war unverändert. Es war unzweifelhaft eine Eintrittskarte des städtischen Planetariums. Nur in einem hatte ich mich getäuscht: Wiederkehr und Verschwinden der Kometen hieß der genaue Titel, und ich dachte lange über die beiden Worte nach, über das Wiederkehren und das Verschwinden. Etwas schien nicht zu stimmen, aber ich kam nicht dahinter, was es war. Lag es daran, dass die Worte nicht zusammenzupassen schienen? Dass sich Wiederkehr mit Verschwinden nicht vertrug? Vielleicht war es nur eine unglückliche Formulierung, gedankenlos hingeschrieben und nicht von Bedeutung, und doch, es passte zu diesem ganzen mysteriösen Geschehen. Aber der Eintritt war frei. Ich hatte nichts zu verlieren, und ohne lange nachzudenken, beschloss ich, doch hinzugehen.

Wenn ich mir von diesem Abend eine wie auch immer geartete Aufklärung versprochen hatte, sah ich mich getäuscht. Vielleicht gab es tatsächlich eine Aufklärung, doch dann verstand ich sie nicht.

Um neunzehn Uhr sollte es losgehen, und ich war schon zeitig vor Ort. Den Wagen hatte ich in einer Seitenstraße geparkt und war die letzten Meter zu Fuß gegangen diesem pyramidenförmigen Gebäude entgegen, das wie auf einer großen Insel von den breiten Armen der Schnellstraße umschlossen, tosend umspült wurde vom feierabendlichen Verkehr. Dort war es dann erstaunlich ruhig, fast friedlich. Als sei die futuristische Fassade mehr als eine architektonische Laune, als sei ich tatsächlich auf einem Raumschiff angekommen, das gleich hinaufsteigen würde in die Weiten des Alls, meinte ich die Stadt verlassen zu haben, hinübergetreten zu sein in eine andere Welt. Das war das erste Gefühl das ich hatte, als ich durch den Eingang in die Vorhalle trat. Doch dort saßen nur ein paar Halbwüchsige herum, zwei Familien mit ihren Kindern, einige junge und wenige alte Leute, in der Cafeteria gab es Kuchen und Cola und Bier, und so etwas wie Normalität kehrte ein. Es herrschte nur wenig Andrang. Von medizinischem Personal keine Spur.

Immer noch war es zu früh, und da eine Überfüllung nicht zu befürchten war, vertrat ich mir ein wenig die Beine. Dann ging ich doch hinein, und als ich die im Kreis aufgereihten ledernen Schwingsessel sah, die milchig weiße Kuppel, die den Raum überspannte, wurde mir bewusst, dass ich bereits einmal vor vielen Jahren einen solchen Ort betreten hatte. Als Jugendlicher oder als Student, zu einer Zeit, als ich mich noch für Sterne und Planeten interessiert hatte. Nach und nach tröpfelten die restlichen Besucher herein. Ich ließ meinen Stuhl nach hinten kippen, legte den Kopf in den Nacken und starrte hinauf auf die weiße Fläche, die im indirekten Licht nur wenig reflektierte, aber zweifellos eine Art Leinwand darstellte. Deutlich waren die Kanten zu erkennen, an denen die verschiedenen Teilstücke aneinander grenzten. Es war schwer vorstellbar, dieses so offensichtliche Bemühen, könne tatsächlich die Illusion endloser Räume schaffen.

Dann erlosch das Licht. Laut gespielte Musik begleitete den Vorspann, der mehrfach an verschiedenen Stellen der Kuppeldecke projiziert wurde. Als uns dann schließlich der junge Mann am Steuerpult noch persönlich begrüßt hatte, ging es tatsächlich los, und der Projektor fuhr aus seinem Schacht in der Mitte des Raumes heraus.

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Es war ein schwarzes knochenförmiges Ungetüm, eine Mischung aus Weltraumsonde und Unterseeboot und erinnerte vielleicht wegen der bullaugenähnlichen Ausbuchtungen, mit denen es zugepflastert zu sein schien, an die technischen Zukunftsentwürfe der vergangenen Jahrhunderte. Jules Verne fiel mir ein, und ich wunderte mich, warum man sich im Computerzeitalter noch immer mit Präzisionsmechanik und -optik abplagte. Rechts und links des Knochens ragten zwei kleinere Satelliten heraus, und später sollte ich angesichts dieses schwarzen Schattens an einen Menschen denken, an jemanden mit ausgebreiteten Armen, an einen predigenden oder betenden Jesus, der mitten unter uns gen Himmel blickte, hinauf in die Schwärze der nur von Sternen beschienenen Nacht.

Die Veranstaltung dauerte nicht besonders lange. Eine knappe Stunde. Wie ich erwartet hatte, schien es sich dabei um einen allgemeinen und bewährten Programmteil zu handeln (Planeten, Sternbilder und andere sattsam bekannte Gebilde), der durch einen aktuellen, wenn auch kleineren Programmpunkt über den Ursprung und das Wesen der Kometen angereichert worden war. Seit langer Zeit interessierte ich mich nicht mehr für Astronomie im Allgemeinen oder Kometen im Besonderen. Wenn nicht dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen auf der Hauptstraße stattgefunden hätte, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dieser Einrichtung einen Besuch abzustatten. Und doch spürte ich, wie meine Spannung wuchs, als der Sprecher zum eigentlichen Thema kam. Auf eine ganz tiefe und irrationale Weise war ich davon überzeugt, dass ich gleich des Rätsels Lösung in Händen halten würde. Nicht, dass ich dieses Rätsel klar gesehen oder auch nur hätte umreißen können. Es war mehr das Gefühl, eine Offenbarung stünde bevor, nur wenige Minuten, Sekunden trennten mich davon. Was geschah, sich ereignet hatte und gleich ereignen würde, hatte auf eine unmittelbare Art und Weise etwas mit mir selbst zu tun. Ich war gemeint, das spürte ich wie der Psychotiker, der sich verfolgt fühlt, im Mittelpunkt des Universums zu stehen glaubt, so als sei alles, was um ihn herum passiert, nur auf ihn gerichtet, als seien die kleinen und großen Ereignisse nur bedeutungsvolle Zeichen, Botschaften, als gäbe es keinen Sinn außerhalb seiner. Und plötzlich sah ich auch den Zusammenhang zu den Sternen, zu den Kometen. Was war die Astrologie anderes, als der Versuch, Zusammenhänge herzustellen, wo es keine gab? Was konnte Menschen dazu bewegen zu glauben, alles, der ganze Kosmos sei nichts anderes als ein ausgeklügeltes Arrangement, um seinem armseligen Leben einen Sinn zu verleihen?

Auch Kometen wurden, wie die Tonbandstimme jetzt in einem kurzen Abriss ihrer Geschichte erläuterte, bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein als Vorzeichen von Kriegen betrachtet, von Hungersnöten, Epidemien und was sonst noch Schlimmes über die Menschen hereinbrechen konnte. Aber sie kündigten auch die Geburt oder den Tod von Königen an. Nur herausragenden Menschen war es vergönnt, von einem Kometen begleitet zu werden. So soll 44 vor Christus zu Julius Cäsars’ Tod ein Komet erschienen sein. Daran erinnerte einige Jahrhunderte lang der Dinar, die wichtigste Münze der Römer.

Ihre Rückseite ziert ein Komet. Auf der Vorderseite ist der tote Kaiser selbst im Profil zu erkennen.

„Der Komet mahnte den Menschen, warnte ihn, aber nicht jeder musste Angst haben, war bedroht,“ die Stimme des Sprechers füllte den Raum wie die des Pfarrers bei der Sonntagspredigt die Kirche, „BONA BONIS, MALA MALIS,“ dröhnte es aus den Lautsprechern. „Gutes den Guten, Schlechtes den Schlechten. Das ist das Epigramm des Kometen, seine einfache Moral, nach der jeder das bekommt, was er verdient. Daraus spricht ein tief verwurzelter Glaube an eine gerechte Welt. Und tatsächlich, wäre es der Mühe wert, etwas Gutes zu tun, wenn es einem nicht vergolten würde im dies- oder jenseits? Und so mussten nur jene zittern, die sich außerhalb der Gemeinschaft gestellt hatten. Der Rechtschaffene konnte mit Genugtuung das Unglück abwarten, das über sie hereinbräche, die gerechte Strafe für ihre Missetaten. Und so folgt auch dieser Glaube der Bibel, in der es im 1. Buch Mose heißt: Die Gestirne haben zu dienen und nicht zu herrschen. Und auch Jeremias sagt: Vor den Zeichen des Himmels sollt ihr euch nicht fürchten wie es die Heiden tun.

Die ins Halbdunkle gesprochenen Worte, dieser in unserer Mitte stehende Jesus mit seinen ausgebreiteten Armen, der sich gegen die sternklare Kunstnacht abhob, die nebeneinander sitzenden Menschen, die andächtig hinauf starrten in die Leere, als sähen sie wirklich etwas, als gäbe es nicht nur beliebig hingeworfene glitzernde Punkte, sondern tatsächlich mythologische Gestalten, Bären und Hunde, Löwen und Krebse, Drachen, Delphine, einen Herkules oder einen Pegasus, die religiösen Wahrheiten, die von der erhöhten Tonbandmaschine wie von einer Kanzel zu uns drangen, all dies erinnerte mich an die Kirchenbesuche meiner Kindheit. Doch so wie damals schien auch heute bei mir die Täuschung nicht zu funktionieren. Waren es früher leere Phrasen gewesen, waren es heute auf eine Leinwand projizierte Lichtpünktchen. Mehr vermochte ich nicht zu erkennen. Nur der Komet, der gerade nahe beim Ausgang aufgegangen war und eine langsame Runde auf seiner Bahn drehte, vermochte, mehr von meiner Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sein heller Schweif glich einer länglichen Flamme, weiße, fast blaue Funken, die hinausgeworfen wurden wie an einem Schleifstein, hinausgesprüht wurden, um ausgebrannt nach einer kurzen Spanne zu erlöschen. Obwohl ich wusste, dass auch dieses Licht nur einem weiteren Schlitz des durchlöcherten Knochens entstammte, meinte ich eine Zeitlang, mehr darin zu sehen.

Dann folgte der wissenschaftliche Teil, das Bildungsprogramm, in dem es um einen Kuiper-Gürtel und eine Oortsche Wolke ging, von der Sonne weit entfernte Stätten, wo viele Millionen dieser Kometen ihre Bahnen zogen, hinausgetrieben wurden aus unserem Sonnensystem in die Dunkelheit zwischen den Sternen, um nach Millionen von Jahren wieder zurückzukehren auf einen kurzen Besuch, zu erstrahlen im Sonnenwind, verschwenderisch einen Millionen Kilometer langen Schweif auszusenden, als bestünden sie nicht nur aus einem Klumpen Eis, gefrorenes Gas, Staub, nichts weiter.

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Von Tycho war die Rede und Halley, die als erste zeigen konnten, dass Kometen keine Wetterphänomene sind, wie man bis dahin geglaubt hatte, aristotelische Feuer, die sich an den warmen Ausdünstungen der Erde entzünden, von Galilei mit seinen Teleskopen, von Newton und Kepler, die die Grundlagen der Himmelsmechanik mitsamt dem dazugehörigen Weltbild beigesteuert hatten.

So ging es weiter, und ich begann, müde zu werden. Im Schnellgang ging es in die nahe und entfernte Zukunft.

Interessant erschien mir der Hinweis, dass Kometen nach wie vor bevorzugt von Hobbyastronomen entdeckt wurden, und das war vielleicht ein Bonbon für das Publikum, so als könne ein jeder mit Geduld und bescheidenen Mitteln am heimischen Balkon Unsterblichkeit erlangen, gleichziehen mit Halley, Messier, Hale und Bopp und seinen Namen mit einem dieser Himmelskörper verbinden - für immer oder zumindest auf Jahrhunderte hinaus.

Und dann kam noch etwas. „Bereits Newton musste die Erfahrung machen, dass manch eine Erscheinung, die man für real hält, nichts als eine Täuschung ist.“ Die tiefe Stimme des Sprechers drang wieder in meine Gedanken, und ich fragte mich, wie viel der letzten Ausführungen ich versäumt hatte. Aber offenbar hatten wir uns nicht allzu weit vom Thema entfernt. „Das Wort koma entstammt dem Griechischen. Es bezeichnet sowohl die Hülle um den Kopf des Kometen - daher der Name - als auch einen Linsenfehler, durch den ein Punkt zu einem kometenähnlichen Gebilde verzerrt wird. Das Koma ist das Resultat einer sphärischen Aberration bei schrägem Einfall. Manch ein Gebilde, das in einem Okular als Komet erkannt wurde, erwies sich alsbald als optische Täuschung, ein Doppelstern, ein Sternennebel. Verlassen Sie sich also nicht vorschnell auf das, was Sie zu sehen glauben! Erst wenn sich Ihr Komet bewegt, können Sie halbwegs sicher sein, dass Sie tatsächlich etwas gefunden haben.“ Was er dann sagte, ließ mich aufhorchen. Tatsächlich war es nur ein Wort, das plötzlich im Raum stand und mich aufrüttelte, als enthalte dieses bereits das ganze Geheimnis, dessentwegen ich hierhergekommen war. „Und dann gibt es natürlich noch eine weitere Bedeutung des Wortes koma, und das wird vielleicht die Mediziner unter uns interessieren. Es bedeutet tiefe Bewusstlosigkeit.“

Die Vorstellung war zu Ende. Es folgte der Abspann, der Projektor verschwand in die Tiefe, und im Saal wurde es hell. Die wenigen Besucher erhoben sich von ihren Plätzen. Noch einmal sah ich mich um auf der Suche nach einem bekannten Gesicht, nach einem Anhaltspunkt, der den Zusatz auf der Eintrittskarte gerechtfertigt hätte. Nur diese wenigen Sätze am Ende des Vortrags, in denen es um das Koma ging, jene tiefe Bewusstlosigkeit, die zwischen Schlaf und Tod liegt, schienen sich mit einem medizinischen Sachverhalt befasst zu haben. Das wird vielleicht die Mediziner unter uns interessieren, hatte der Sprecher gesagt, und da ich vermutlich der einzige Mediziner im Raum war, mochte diese Bemerkung auf mich gemünzt sein. Aber war das nicht nur eine Redensart? Stellte ich nicht schon selbst Zusammenhänge zwischen Dingen her, die nichts miteinander zu tun hatten?

Dann fiel mir Susanne ein, die just in diesem Augenblick im Koma lag, und plötzlich glaubte ich, in diesen wenigen Worten ein Zeichen zu sehen. Etwas musste sich ereignet haben. Vielleicht war sie tot, vielleicht hatte sich im letzten Augenblick eine Spenderleber gefunden. Vom Wagen aus rief ich die Universitätsklinik an. Doch Susannes Zustand war unverändert, das heißt, ihr Zustand hatte sich erwartungsgemäß verschlechtert, langsam und kontinuierlich war jede Hoffnung geschwunden, in den letzten Tagen schon, und es gab nur ein Ende, auf das alles hinauslief. Aber das wusste ich bereits.

Eine Weile saß ich bewegungslos im Wagen und sah hinaus in den echten Abend, in die echte aufziehende Nacht. Der Himmel hing tief, und es nieselte. Von Sternen, Planeten oder gar Kometen keine Spur. Nur die Lichter der Autos brachen sich auf der nassen Windschutzscheibe, in den Tropfen, die langsam das Glas hinunterliefen, und sie brachen sich zu leuchtenden Streifen und Höfen, glitzernden Punkten, die verschwammen, tatsächlich etwas wie einen Schweif hinter sich herzogen. Komas und Kometen, dachte ich und musste lächeln. Dann schaltete ich die Scheibenwischer ein und startete den Motor. Nachdenklich und ratlos, was ich mit dem im Planetarium Gehörten und Gesehenen anfangen sollte, fuhr ich zurück.

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Kapitel 17

Sie haben wieder jeden Tag gearbeitet, morgens und nachmittags, manchmal bis zum frühen Abend, so viel, dass er irgendwann um eine Pause gebeten hat, nicht mehr als einen Tag oder zwei, genug aber, um Abstand zu gewinnen, das Gesehene und Gehörte zu ordnen, die vielen Eindrücke, die ihn Stunde um Stunde überschwemmen, zu verarbeiten. Und um zu sich selbst zu finden, wie er leise bei sich gedacht hatte.

War eine solche freiwillige Auszeit für ihn bisher unvorstellbar gewesen, zu sehr war er darauf versessen, so viel wie möglich über sich in Erfahrung zu bringen, war die Atemlosigkeit, mit der er das Geschehen bis vor kurzem verfolgt hatte, einer fast ruhigen Abgeklärtheit gewichen, einer Gelassenheit, die von der Routine gespeist wurde, von der schieren Wiederholung und nicht zuletzt von der Gewissheit, nichts laufe ihm davon, er könne den Faden zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder aufnehmen. Und noch etwas anderes kam hinzu. Überdruss hatte sich eingestellt. Waren die täglichen Sitzungen schon immer anstrengend gewesen, waren sie mehr und mehr zu einer regelrechten Arbeit geworden, hatten sich ihm entfremdet, so als fordere ein anderer ihren Fortgang statt seiner. Auch Frau Jung drängte ihn nicht, und doch ähnelten die gemeinsamen Stunden immer mehr einer Pflichtübung, etwas, was er ihr oder sich oder der gemeinsamen Sache schuldete.

Ohne sie hätte er diese schleichende Aushöhlung vielleicht gar nicht bemerkt. Ob es ihm recht wäre, am nächsten Tag etwas später anzufangen, hatte sie ihn am Vortag gefragt, und er erklärte sich sofort einverstanden, so schnell, dass es ihr aufgefallen sein mochte. Vielleicht sah man ihm seine Erleichterung an, und sie war darüber so erstaunt wie er selbst. Er fragte sie zwar, was es denn so schrecklich Wichtiges gebe, dass sie ihn vernachlässige, aber es klang freundlich, keineswegs ironisch, und so war auch sein Protest nur eine Pflichtübung geblieben. Sie habe ihren regelmäßigen Supervisionstermin, antwortete sie, und während sie auf dem Weg zur Tür nachdenklich stehen blieb, wunderte er sich darüber und fragte sich, ob auch der Supervisor regelmäßig Supervision in Anspruch nahm, und ob der Supervisor des Supervisors nicht auch einer solchen bedurfte, ob es jemanden gab, der ohne Supervision auskommen konnte, ob es eine regelrechte Supervisionskette gab, eine Endlosschleife, an der alle Psychiater dieser Welt Anteil hatten, bis das erste Glied wieder die Supervision des letzten übernahm und der Kreis sich schloss. In diese Gedanken hinein, bot sie ihm an, die Sitzungen am nächsten Tag ganz ausfallen zu lassen. Sie könnten beide eine Pause ganz gut gebrauchen, meinte sie nur, und er war ihr dankbar dafür, dass sie die Sache auf sich beruhen ließ, dass sie keine Gründe und Erklärungen verlangte, vorerst. Als sie sich verabschiedete war sie so freundlich wie immer.

Ein freier Tag! Heute kommt es ihm beinahe lächerlich vor. Was kann er anderes tun, als zu essen oder schlafen, auf dem Bett zu liegen und auf die nunmehr dunkle Bildschirmwand zu starren? Er kann noch hinaus auf den Gang oder ins Bad zu seinem kleinen Universum. Aus diesen wenigen Möglichkeiten besteht seine Welt, und mehr als einmal hat er sich gewünscht, in einem ganz normalen Gefängnis zu sitzen, arbeiten zu dürfen, mit Schicksalsgenossen reden zu können, das bisschen Zerstreuung zu haben, das selbst Schwerverbrechern zugestanden wird.

Was er aber am meisten vermisst ist ein Fenster, ob vergittert oder nicht, eine Lücke in dieser undurchdringlichen Schale, die ihn umgibt, Stein, Beton, Metall, einen Spalt, durch den er eine Brücke hätte schlagen können zur wirklichen Welt, eine Welt, die irgendwo sein musste dort draußen: Bäume, Häuser, eine Sonne, die morgens auf- und abends untergeht. Und Menschen, so klein und unscheinbar sie aus der Entfernung auch wären, geschäftige, arbeitende, sich bewegende, lebende Menschen. Und spielende Kinder. Und vielleicht ein Auto, der Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel...

Auch das Bild im Bad, sein Fenster zum Universum, ist kein Ersatz dafür. Im Gegenteil, es lässt sein Zimmer noch unwirklicher erscheinen. Als sei es tatsächlich ein Bullauge, wird seine kleine Welt zu einem Raumschiff, und er, verschollen in den Weiten des Alls, weiß nicht mehr, ob er hinausschaut oder in sich hinein.

Er sitzt am Tisch. Nachdenklich hält er einen Apfel in der Hand. Den Speisenaufzug mit den Resten des Frühstücks hat er längst seinem unbekannten Ziel entgegengeschickt. Bis zum Mittagessen bleiben ihm zwei oder drei Stunden. Er hat keine Uhr, und sein Gefühl für die Zeit hat gelitten. Er überlegt, was er mit diesem Tag anfangen soll, mit dieser Freiheit, die er so unverhofft gewonnen hat, diese sich beständig ausweitende Leere, die, je weiter die Zeit fortschreitet, jener der ersten Tage nach seinem Erwachen ähnlicher wird.

Dann kam die Ärztin, der Beginn der Mnemographie, das ‚gute Leben’, seine Krankheit, sein Tod fast, und dann die wundersame Heilung dank Encephatil, Wunder- oder Wahrheitsdroge. Dann die Tage und Wochen seines zweiten, des ‚schlechten Lebens'.

Erst jetzt beginnt er zu verstehen, wie wichtig die Mnemographie ist. Alles, was er über sich weiß, verdankt er ihr. Außerdem hat sie ihm geholfen, seine Tage zu füllen. Ohne sie wäre er vielleicht verrückt geworden in diesem Zimmer, zurückgeworfen auf sich selbst, ohne die geringste Ablenkung, ein Leben ohne Inhalt. Hätte es die Mnemographie nicht gegeben, hätte es Frau Jung nicht gegeben, er hätte sie erfinden müssen, beide.

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Und noch etwas anderes, Beunruhigenderes kommt hinzu. Seit einigen Tagen meint er, dass das, was auf dem Bildschirm vor sich geht, auf irgendeine Weise mit seinem Krankenhausleben verbunden ist, dass es eine Wechselbeziehung zwischen dem hier und dem dort gibt, einen Austausch, den er bisher noch nicht hat ergründen können. Es gibt seltsame Übereinstimmungen, Überschneidungen, so als laufe manchmal eine Handlung der anderen voraus, um später eingeholt, überholt zu werden, ähnliche Personen, Ereignisse, ganze Themen, die sich wiederholen, sich ineinander spiegeln ins Unendliche.

Zuerst sind ihm die Kometen aufgefallen. Kaum meinte er den Schweif eines solchen Sternes zwischen Waage und Skorpion entdeckt zu haben, bekam Martin Dorint eine Einladung ins Planetarium. Verschwinden und Wiederkehr der Kometen. Sondervorstellung für Ärzte und medizinisches Personal. Konnte es Zufall sein? Und was war mit den Manschettenknöpfen, die der Chefarzt Dorint anlässlich der Preisverleihung getragen hatte? Waren sie nicht dem römischen Dinar nachempfunden gewesen und zeigten gleichfalls einen Kometen und den Sinnspruch BONA BONIS, MALA MALIS? Warum sind all seine Leben, das wirkliche (oder sollte er besser sagen das gegenwärtige, das zeitgleiche?), aber auch seine beiden Bildschirmleben mit Kometen bevölkert? Welche Bedeutung haben sie?

Aber es gibt noch andere Parallelen. War der erste Dorint Neurologe, ist der zweite Psychiater, Analytiker gar. Und was ist Frau Jung? Neurologin, Psychiaterin, Analytikerin, von allen etwas? Und ist schließlich die Mnemographie nicht eine Art Psychoanalyse in modernem Gewand? Ist er hier nicht genauso Patient, wie Susanne oder Frau Stern oder die vielen anderen auf der anderen Seite des Bildschirms seine Patienten waren? Ein merkwürdiger Rollentausch.

Er darf die Musik nicht vergessen, denkt er, Puccinis Turandot zum Beispiel, das Nessun dorma, das sein Bildschirmleben genauso erfüllt, wie manchmal sein Krankenzimmer, das vom einen zum anderen Leben zu sickern scheint, als sei der Bildschirm nur eine dünne Membran.

Schließlich die Menschen. Mona an seinem Bette sitzend, unzweifelhaft. Markus vielleicht. Vielleicht Markus auch der junge Mann auf der Hauptstraße, der ihn am Arm gepackt hat, um ihm die Eintrittskarte zu geben. Was wollte er ihm sagen?

Je länger er nachdenkt, um so sicherer ist er, dass all seine Rätsel miteinander verknüpft sind, dass er den Knäuel nur am richtigen Ende aufziehen müsste, um die Stränge zu entwirren, um die Lösung zu finden. Bisher hatte er gedacht, sein Bildschirmleben könne ihm vor allem Aufschluss geben über sein im Gedächtnisverlust verloren gegangenes Vorleben, über die Hintergründe des Anschlags, falls es ein Anschlag war, über die Vorgeschichte seines Hier seins. Wüsste er, was passiert ist, könnte er sich erklären, wo er ist, was er hier macht, welches Ende sein Aufenthalt in diesem weißen Zimmer finden wird, hatte er gehofft. Und das mag nach wie vor so sein. Und doch scheint ihm das, was er während der Mnemographie gesehen hat, mehr zu enthalten: unmittelbare Hinweise auf seine Situation, regelrechte Fingerzeige, die Unbekannte (oder er selbst?) in die filmische Handlung eingestreut haben, recht unauffällig zwar, aber doch so, dass er früher oder später darüber stolpern musste. Warum dieses Versteckspiel, warum sagt man ihm nicht gerade heraus, was auch immer zu sagen ist?

Oder bildet er sich dies alles nur ein? Er erinnert sich an die Geschichten von Menschen in Isolationshaft. In einer ungewöhnlich reizarmen Umgebung beginnt man zu halluzinieren, Nebensächlichkeiten mit Bedeutungen anzureichern, Zusammenhänge herzustellen, die es nicht gibt. Das Gehirn ist kein Organ, das lange im Leerlauf überleben kann. Abgeschnitten vom Strom der Wahrnehmungen und Empfindungen beginnt es, verrückt zu spielen: es phantasiert, träumt, stülpt das innere nach außen, legt eine Scheinwelt über die äußere Leere, als müsse es sich selbst täuschen, um sich einen Sinn zu geben oder auch nur eine Aufgabe.

Für eine kurze Zeit erscheint ihm diese Annahme so naheliegend, wie die vielen, die er zuvor schon in Erwägung gezogen hat. Beliebige Gewissheiten, die schnell an Gültigkeit verlieren und zu einer Ansammlung austauschbarer Theorien und Hypothesen verblassen. Doch das stört ihn heute nicht. Möglich ist vieles, denkt er, wichtig allein ist, dass er nichts vorschnell verwirft, dass er offen bleibt auch für die unwahrscheinlicheren Erklärungen. Nur so, meint er, wird er eines Tages die Lösung finden.

Während er nachdenkt, läuft er im Zimmer hin und her. Es ist ein gemächliches Gehen und hat keine Ähnlichkeit mit jenem Auf und Ab, dem man einem gefangenen Tier im Käfig nachsagt. Er tut es im Bestreben, seinen Kreislauf in Schwung zu bringen, fit zu bleiben, das ständige Liegen und Sitzen auszugleichen.

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Mittlerweile ist er froh über die Behandlungspause, über den freien Tag. Auch wenn ihm sein Denken noch recht planlos und sprunghaft erscheint, glaubt er, langsam an Übersicht zu gewinnen, die Anfänge einer zaghaften Ordnung entstehen zu sehen. Noch kann er kein durchgängiges Muster erkennen, kein Bild vom Großen und Ganzen, und doch hat er ein paar Bruchstücke zusammengeführt, kleine Inseln, die auf diesem Meer von Eindrücken schwimmen, die er Tag um Tag eingesogen hat, und es werden mehr werden, davon ist er überzeugt, sie werden zusammenwachsen zu Landstrichen, zu ganzen Erdteilen, bis es auf seiner ganz privaten Weltkarte keine weißen Flecken mehr gibt.

Weiße Flecken. Als hätte er es nicht schon unzählige Male getan, wandert sein Blick durch den Raum. Weiße Stühle, Schränke, Türen. Weiß auch Bett und Tisch, weiß gebeizte Hölzer. Wohin er auch schaut, unbestimmte Helligkeit, Blässe, bis zur Unkenntlichkeit ausgewaschene Farben. Helle Stoffe, selbst der Teppichboden nur wenig grauer als die Wände. Keine Abwechslung, nichts, was neugierig machen könnte.

So sehr er sich daran gewöhnt hat, so sehr spürt er auch, dass seine Phantasien nicht so eifrig gesprudelt wären, das mnemographische Material von ihm nicht so reichhaltig ans Tageslicht befördert worden wäre, wenn er in einer anderen, vertrauteren Umgebung gelebt hätte, einem richtigen Krankenhaus mit seinen Besuchern, den Mitpatienten, den Schwestern und Ärzten, den im Vergleich zu seiner Wüste unzähligen Ablenkungen. War das der Sinn seiner Isolation? Zwingt sie ihn, sich auf sich selbst zu stürzen in Ermangelung von anderem? Ist sie heilsam, weil sie ihm hilft, das Verschüttete frei zu scharren, oder zwingt sie ihn durch den fast vollständigen Entzug von Erleben, sich irrwitzige Geschichten auszudenken? Ist er auf den Weg der Heilung oder auf den Weg, endgültig verrückt zu werden?

Das sind die Fragen, die er sich von Anfang an in dieser oder anderer Form gestellt hat, die geblieben sind und ihn auch jetzt beschäftigen. Am heutigen Tag, in der aufkeimenden Zuversicht, sich einer Lösung des Rätsels zu nähern, neigt er eher der Ansicht zu, er sei auf den Weg der Besserung. Und als irgendwann das Mittagessen kommt, stürzt er sich tatendurstig darauf, und tatsächlich ist er dankbar dafür, etwas tun zu können, und sei es nur, seine Suppe zu löffeln, mit Messer und Gabel zu hantieren, zu kauen, zu schlucken. Das Essen schmeckt nach wie vor nach wenig, nach Nichts eigentlich, aber an diesem Tag ist es ihm gleichgültig. Die Handlung steht im Vordergrund nicht der Genuss.

Seit einigen Tagen hat er sich angewöhnt, seine Mahlzeiten nicht ganz aufzuessen. Da er zu wenig Bewegung hat, fürchtet er zuzunehmen. Außerdem hat er festgestellt, dass ihn dann die Müdigkeit nicht so übermannt, dass sein Nachmittagsschläfchen kürzer oder ganz ausfällt.

 

 

 

 

 

Er hat beschlossen, seine freie Zeit und den neu gewonnenen Tatendrang dazu zu nutzen, das in der Mnemograhie Gesehene noch einmal Revue passieren zu lassen und zusammen zu fassen. Allerdings nur in Gedanken, denn er hat nichts zu schreiben, und er hat es versäumt, die Ärztin darum zu bitten. Tatsächlich geht es ihm weniger darum, die Chronologie der Ereignisse noch einmal in allen Einzelheiten durchzugehen. Wenn er keinen rechten Zugang zum Leben jenes Martin Dorints findet, dann nicht, weil er zu wenig wüsste oder etwas vergessen oder nicht ausreichend berücksichtigt hätte. Er muss sich in den Menschen hineindenken, ihn besser verstehen lernen. Wenn er den anderen nicht an sich heran lässt, so viel meint er verstanden zu haben, wird er nicht weiterkommen.

Er sitzt am Tisch, das Kinn auf die Hände gestützt und starrt ins Leere. Nach und nach beginnt der andere, sein anderes Ich, Gestalt anzunehmen.

Er stellt sich Martin Dorint als einen jungen und durchschnittlich begabten Arzt vor, als jemanden, der Anerkennung, Erfolg, vielleicht auch Liebe sucht. Jemand, der sich nach oben arbeiten will, der, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, zur Elite der Stadt und darüber hinaus gehören will, aufsteigen will. Ein Mann, der sich danach sehnt, berühmt zu werden und reich und vielleicht auch mächtig.

Hatte es so angefangen? Er besitzt nur sehr wenig Anhaltspunkte, um eine ausführliche Beschreibung von Martin Dorints Werdegang anzufertigen, aber heute ist es ihm nicht wichtig, der Wahrheit in allen Einzelheiten gerecht zu werden, er braucht ein Bild, eine Vorstellung von diesem Menschen, den er so lange schon beobachtet, ohne ihm innerlich wirklich nahe gekommen zu sein. Wie konnte es weiter gegangen sein?

Je länger er darüber nachdenkt, umso deutlicher meint er, eine ganz alltägliche Karriere vor sich zu sehen. Die Beziehungen, die Martin Dorint nutzt: sein Freund, der Anwalt, andere Mitglieder der Burschenschaft, in der er als Student gewohnt hat, Kommilitonen vielleicht, die es bereits zu etwas gebracht haben, auch Parteifreunde, der ganz normale Zirkel, der die Stadt zusammen hält und in Bewegung.

Der junge Arzt lässt sich nieder, beginnt Geld zu verdienen, heiratet eine schöne Frau, mit der er auch ein wenig angeben kann, hat mit verschiedenen anderen kleine und große Affären. Seine Praxis floriert, die Anzahl seiner Angestellten steigt. Katrin Raabe tritt auf den Plan. Dr. Dorint verdient noch mehr Geld. Er wird älter. Der immer noch junge Psychiater und Neurologe liebt schnelle Autos und gutes Essen. Er hat eine Schwäche für Opernmusik und einen Sohn.

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Er macht sich einen Namen, und auf seiner Couch liegen keine Kassenpatienten mehr, sondern die einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt. So erfährt er von vielen Dingen, von Hintergründen und von kleinen Geheimnissen und vielleicht auch von einigen großen. Bald hat er noch mehr Beziehungen, die er spielen lassen kann und noch mehr Geld.

So hätte es weitergehen können: mehr Beziehungen, mehr Geld, mehr Macht, von allem etwas mehr von Jahr zu Jahr, bis er irgendwann alt und grau geworden, sein Ziel erreicht hätte und eine der respektierten Persönlichkeiten der Stadt geworden wäre. Der natürliche Lauf der Dinge, ein sich selbst speisender Kreislauf, den er nur hätte gewähren lassen müssen. Keine besondere Anstrengung wäre im abverlangt worden.

Hatte ihm das nicht genügt? Hätte er Ambitionen auf eine politische Karriere gehabt, wäre er früher oder später in den Gemeinderat gewählt worden. So aber verfällt er schon früh auf die Idee, eine Privatklinik zu eröffnen. Da er nicht über das notwendige Kapital verfügt, wird es eine halb öffentliche Einrichtung, der ein von ihm kontrollierter gemeinnütziger Verein vorsteht. Nach und nach kommen Ableger in anderen Stadtteilen dazu, ganze Stationen und auch betreute Wohnanlagen für die selbständigeren Patienten.

Die öffentlichen Veranstaltungen kommen hinzu, die Benefizgalen, die Genie- und Wahnsinn-Spektakel. Er sammelt Spenden, versucht die öffentliche Meinung für seine Idee einzunehmen, ohne deren Wohlwollen ein Unternehmen wie das seine zum Scheitern verurteilt ist. Ganz nebenbei wird er der Fürsprecher der psychisch Kranken, zum Anwalt der Ausgegrenzten und Ausgestoßenen, derjenige, der für eine moderne gemeindenahe psychiatrische Versorgung in der Region eintritt. Von den Trägern fließt noch mehr Geld, und auch sein Ansehen steigt, zumal er nicht im Verdacht steht, sozialrevolutionären Phantastereien nachzuhängen. Ganz nebenbei steht er jetzt regelmäßig in den Zeitungen, in den lokalen, aber auch überregionalen Blättern, manchmal nur mit Namen, immer häufiger sogar mit Bild.

So oder ungefähr so mag der Stand der Dinge am Montag früh gewesen sein, das mag das Bild gewesen sein, dass die Öffentlichkeit bis zu jenem Zeitpunkt von ihm hatte. Dann beginnt der Abstieg, ein Abstieg, der ohne jene andere dunkle Seite seiner Person nicht möglich gewesen wäre: Steuerhinterziehung, Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung, Unterschlagung möglicherweise, Bestechung, Vorteilsannahme und nicht zuletzt Susanne. Ein zumindest standeswidriges Verhalten, möglicherweise aber mehr: Vernachlässigung der Aufsichtspflicht gegenüber Schutzbefohlenen, sexueller Missbrauch von Abhängigen oder was immer ein Jurist an Straftatbeständen darin erkannt hätte. Und weiteres, nicht Gerichtsverwertbares kam hinzu: seine Beziehung zu Mona, zu seiner Ex-Frau Therèse, die Art und Weise, wie er Katrin Raabe behandelte oder mit seinen Mitarbeitern umsprang, vieles, was seine Person wenig sympathisch machte, Kleinigkeiten oft, ohne die aber kaum einer Grund gehabt hätte, über ihn herzufallen, die Gunst der Stunde zu nutzen, um endlich mit ihm abzurechnen.

Wie aber passt das strahlende Bild des allseits geachteten Wohltäters zu jenem anderen, erst auf den zweiten Blick sichtbaren Gesicht des Dr. Martin Dorint? Das ist die Frage, die er zu beantworten sucht, während er an seinem Tisch sitzt und in die Leere des Zimmers, auf die dunkle Bildschirmwand starrt, auf jene Projektionsfläche, die ihm über Tage den Mann gezeigt hat, den er jetzt tiefer zu ergründen sucht, und er kneift unwillkürlich die Augen zusammen, als könne eine kleine Anstrengung ihn dort wieder lebendig werden lassen, um ihm Rede und Antwort zu stehen, seine Fragen zu beantworten und Stellung zu nehmen zu seinen Anklagen und Vorwürfen.

Was hindert ihn daran, seinem ersten Eindruck zu folgen? Ist der andere nicht tatsächlich ein skrupelloser Egomane, jemand, der abseits jeglicher Moral sein Eigennutz verfolgt, sich aber zynischer weise mit der Aura des Menschenfreunds zu umgeben versteht? Ist es das, was sein Handeln besonders verwerflich macht, dass er sich nicht damit begnügt, ein ehrlicher Bösewicht zu sein, dass er sich verstellt, das Gute vorgibt, um geliebt und geschätzt zu werden?

Das wäre einfach, meint er heute erkannt zu haben, zu einfach. Müde reibt er sich die Augen, vorsichtig massiert er seine papiernen Lider. Ein Außenstehender könnte zu diesem Schluss kommen, ein gleichgültiger Beobachter. Er aber ist kein aus der Ferne Zuschauender, schließlich muss er davon ausgehen, dass der andere er selbst ist, dass er er ist. Ist das der Grund, warum er ihm mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte? Der Gedanke amüsiert ihn, und für einen Augenblick muss er lächeln.

Nein, es ist nicht nur das. Je länger er darüber nachdenkt, dieses andere Leben vor seinem inneren Augen vor- und zurücklaufen lässt, als sei es tatsächlich ein Film, um so überzeugter ist er davon, dass er Martin Dorint unrecht täte, sähe er nur den Zyniker in ihm, jenen, der im vollen Bewusstsein seines Tuns und wohl wissend der Folgen seinem dunklen Handwerk nachgeht. Er ist nicht das Monster, das seine Patienten mit der Giftspritze vom Leben zum Tod befördert und sich an ihren Schmerzen weidet, seine unumschränkte Macht auskostend, um dann später im Brustton der Überzeugung zu beteuern, er habe das Menschenmögliche getan, um sie zu retten.

Zweifellos war Martin Dorint der ehrlichen Überzeugung, das Richtige gewollt und auch getan zu haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit glaubte er selbst an die hehren Ziele, die er in seinen Presseerklärungen verlautbaren ließ. Jene Verfehlungen, die ihn jetzt zur Strecke zu bringen drohten, mochten sich nach und nach eingeschlichen haben, widrige Umstände, die ihn dazu gezwungen hatten, schwierige Situationen, die er nur abseits des Pfades der Tugend hatte lösen können, vereinzelte Ausnahmen, eine Form der Notwehr, die er sich zugestanden hatte, großzügig zu sich selbst, wie jemand, der weiß, dass er unendlich viel Gutes vorweisen kann, sollte jemand auf die törichte Idee kommen, das eine mit dem anderen aufzuwiegen.

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Plötzlich meint er, nicht nur Martin Dorint besser zu verstehen. Er sieht den Politiker vor sich, der über eine Spenden- oder Bestechungsaffäre stolpert, den zurückgetretenen Minister, der nicht deutlich genug zwischen privaten Interessen und öffentlichem Amt unterschieden hat. Aber es geht noch weiter. Gibt es nicht in jedem Verein schwarze Kassen? Hat nicht jeder eine Leiche im Keller mag sie noch so klein und harmlos sein? Wer kann von sich behaupten, immer und jederzeit Recht und Gesetz und die ungeschriebenen Regeln der Moral einzuhalten und eingehalten zu haben? Wer hat nicht gelogen und betrogen, gestohlen, andere ausgenutzt? Ist diese andere, dunkle Seite, die bei Martin Dorint nach und nach zum Vorschein kommt, nicht urmenschlich, so menschlich wie die Erbsünde?

So hat er vielleicht nur Pech gehabt. Wie es jeden anderen hätte treffen können, hat das Schicksal ihn auserkoren. Jetzt schaut man auf ihn, und dort, in den Katakomben seiner Seele wird man fündig, und man wird schreien vor Empörung oder sich gelangweilt zurücklehnen, als habe man nichts anderes erwartet.

Martin Dorint ist eine tragische Gestalt, das ist die überraschende Erkenntnis, die für ihn am Ende dieses freien Tages steht, eine tragische Gestalt wie letztlich jede andere auch.

 

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Kapitel 18

Am Abend starb Susanne, und das war nur der vorläufige Schlusspunkt in der Kette unglückseliger Ereignisse, die diesen Freitag für mich ausmachen sollte.

Am Morgen war ich zeitig in der Einrichtung gewesen, fast so früh wie an jenen normalen Tagen, die mir mittlerweile so unwiederbringlich erschienen, als befänden sie sich auf der anderen Seite einer ganzen Zeitrechnung und seien nicht nur durch ein kurzes Wochenende von jenem Montag getrennt, an dem alles begann - oder zu beginnen schien. Denn so unvermittelt und plötzlich ich den Zusammenbruch der mir bekannten Ordnung erlebte, so wenig konnte dieser Eindruck mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Das ahnte ich mehr, als dass es mit tatsächlich bewusst gewesen wäre. Alles, was mich jetzt ereilte, hatte einen Ursprung. Manches einen weit, anderes einen weniger weit zurückliegenden. Nur so konnte es sein, auch wenn ich nicht jede Vorgeschichte in jeder noch so unbedeutenden Einzelheit zurückverfolgen konnte oder wollte. Und vielleicht hatte ich tatsächlich nicht verstehen wollen, hatte mich in der Rolle des Opfers gefallen, von jenem, über den sich scheinbar grundlos alles Übel der Welt zusammenbraut, um sich dann in einem endlosen, einem tödlichen Schwall zu ergießen. Heute verspürte ich zum ersten Mal die Notwendigkeit, darüber hinaus zu gehen, mich mit dem auseinander zu setzen, was zurücklag, Monate oder Jahre oder wie lange auch immer.

Noch etwas kam hinzu. Fiel es mir noch verhältnismäßig leicht, meine Urheberschaft an den vermeintlichen Schicksalsschlägen einzugestehen - letztendlich hatte ich das meiste selbst zu verantworten, auch wenn ich mich nicht als schuldig im engeren Sinne ansehen mochte -, so schien mir die eigentliche Ungerechtigkeit in ihrer Ballung zu liegen. Hätte ich jeden einzelnen davon vielleicht mit der Haltung auf mich genommen, das Leben sei eben manchmal hart, aber schließlich doch zu bewältigen - meine Fähigkeit, mich durch Widrigkeiten aller Art hindurch zu beißen, um auf der anderen Seite erstarkt hervorzugehen -, so überstiegen die zahlreichen Angriffe, die wie ein Trommelfeuer auf mich niedergingen und meine private und berufliche Existenz bedrohten, meine Möglichkeiten mich zu verteidigen. Tatsächlich fühlte ich mich fast wehrlos. Wie auf einem leckgeschlagenen Schiff wusste ich nicht mehr, wo ich mit der Abdichten der zerfetzten Außenhaut anfangen sollte. Zu viele Löcher waren hineingerissen worden, als dass mir mit dem Flicken eines einzelnen davon gedient gewesen wäre. War es dann verwunderlich, dass mir jener Selbstbehauptungswille abhanden gekommen schien, den ich vormals als meine vielleicht herausragendste Eigenschaft angesehen hatte? Nur so war meine Neigung zu erklären, abzuwarten und so gut wie nichts zu tun.

An diesem Freitag meinte ich zum ersten Mal, deutlich zu erkennen, dass etwas vor sich ging, das nicht einfach als Verkettung unglücklicher Umstände, als Pech oder Zufall abgetan werden konnte. Eine Verschwörung, das war das Wort, das mir an diesem Morgen in den Sinn kam, nachdem ich den Artikel in der Rundschau gelesen hatte. Dunkle Mächte hatten sich vereint, um mich zu vernichten. Und sie würden nicht ruhen, das war gewiss, bis ihr Werk vollendet war. Plötzlich schienen mir die Ereignisse der Woche, einer strengen Dramaturgie zu gehorchen. Als folgten die großen und kleinen Katastrophen, die mich seit Montag ereilt hatten, einer geschickten Inszenierung, meinte ich, einen Plan darin zu erkennen oder ein Muster, einen Spannungsbogen, der einem Ende, einem Höhepunkt entgegen strebte. Susannes Selbstmord, die Durchsuchungsaktion der Steuerfahndung, Robert Wesselmanns Erpressung, der Zeitungsartikel, das waren nur Mosaiksteine, einzelne Schritte auf einem längeren Weg. Für wann dieses Ende vorgesehen war, wusste ich nicht. Es war nur klar, dass es in diesem Tempo nicht lange weitergehen konnte. Einige Tage, eine Woche vielleicht. Was mich mehr beunruhigte als die Geschwindigkeit, die ständige Beschleunigung, mit der das Geschehen voranschritt, war das Ziel dieser Bewegung selbst. Was erwartete mich dort? Würden sie sich damit begnügen, mir mein Geld wegzunehmen, mein Ansehen zu zerstören, mein Lebenswerk? Oder wollten sie mehr, wollten sie alles? Immer wenn ich mich in den letzten Tagen mit einem Verlust abgefunden hatte, bescheidener geworden, mich mit dem hatte trösten wollen, was mir geblieben war, hatten sie die Schraube weiter angezogen, zu einem weiteren Schlag ausgeholt. An diesem Vormittag spürte ich fast körperlich, sie würden nicht aufhören, bis sie mir alles weggenommen hatten. Doch wer waren sie? Meinte ich, hinter all dem das Wirken einer einheitlichen Kraft zu erkennen, war ich mir nicht sicher, ob tatsächlich Menschen dahinter steckten, ob einzelne oder mehrere, ob offen zusammenarbeitende oder getrennt sich die Bälle zuspielende Menschen. Doch wie sonst ließ sich dieses geniale Drehbuch erklären, dem die Ereignisse zu gehorchen schienen? Oder war es nur die gleiche Paranoia, die sich schon zuvor mehr als einmal in mein Denken geschlichen hatte, die mich an eine Verschwörung glauben ließ, die zu gerne mein Unglück auf einen anderen Schuldigen als mich geschoben hätte?

Fassungslos ließ ich die Rundschau sinken. Sogar ein Bild von mir hatten sie in ihrem Archiv aufgetrieben, ein wenig vorteilhaftes Bild, wie ich fand, ein aufgedunsenes Gesicht, das feist in die Kamera lächelte, von oben herab und von sich so dümmlich eingenommen, als habe es keinerlei Grund zu solcher Selbstzufriedenheit. Und so passte mein Porträt auf fatale Weise zum Tenor des Artikels.

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Katrin brachte mir eine Tasse Kaffee herein. Ich faltete die Zeitung zusammen und ließ sie ein kurzes Stück über die Schreibtischplatte segeln. „Schon gelesen?“

„Sicher.“

„Und? Was hältst du davon?“

„Ich würde sagen, was sie schreibt, ist wenig schmeichelhaft für dich.“

„Das kann man wohl sagen.“

„Wie hat sie nur deinem sprichwörtlichen Charme widerstehen können? Vielleicht werden wir beide alt?“

Scharf sah ich sie an. Plötzlich meinte ich, etwas Neues herauszuhören. Das war nicht nur Enttäuschung, was aus ihr sprach, verletzte Eitelkeit, die sich in einer bissigen Bemerkung Luft verschaffte, wie schon manches Mal zuvor. Es war mehr. Wieder meinte ich, Schadenfreude um mich herum wahrzunehmen, zum ersten Mal bei ihr. Wie die Geier stürzten sie sich auf mich, weideten sich an dem, was mit mir geschah, als bedürfe es der schützenden Hand eines mir feindlich gestimmten Schicksals, um sich endlich das herausnehmen, was sie sich schon lange Zeit sehnlichst gewünscht hatten. Vielleicht hatte ich mich in sie getäuscht, vielleicht stand auch sie nicht mehr auf meiner Seite.

Und sie war noch nicht fertig. „Allerdings, so unerfreulich sich das alles liest, es steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Wie in allem, nicht wahr?“

Sie erwiderte meinen Blick, wich ihm nicht aus, was sie vielleicht sonst getan hätte, nahm nichts zurück, unternahm auch sonst nichts, um die Spannung, die sich zwischen uns wie zwischen zwei entgegengesetzt geladenen Polen aufgebaut hatte und jetzt fast hörbar zu knistern schien, zu mildern. Hätte ich sie früher angebrüllt und in hohem Bogen hinausgeworfen, fristlos gekündigt, wie ich es mehr als einmal getan hatte, griff ich jetzt nach meiner Tasse und nippte nachdenklich daran. Der Kaffee war nur noch lauwarm, und ich stellte mir Katrin vor, wie sie von ihrem Büro aus meinen Schreibtisch im Auge behielt, um im richtigen Augenblick mit einem unauffälligen Vorwand herüberzukommen und in aller Harmlosigkeit meine Reaktion aus nächster Nähe zu beobachten.

Neugierig schien sie zu sein, auch angespannt, aber nicht wirklich ängstlich. Ich hatte keine Macht mehr über sie. Das war die Quintessenz, von dem, was ich spürte. Hilflosigkeit. Ich war zahnlos geworden, und sie schien, das zu wissen.

„Martin Dorint unter Verdacht, von Christine Schwarz. Der Verdacht auf Steuerhinterziehung gegen den bekannten Arzt und Leiter der Privatklinik Sonnenwende Martin Dorint (Foto: Archiv) hat sich verdichtet.“

Das bestätigte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Der Leiter der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen, Oberstaatsanwalt Hubert Jacobi, teilte mit, die kürzlich durchgeführte Durchsuchungs- und Beschlagnahmungsaktion habe neue Erkenntnisse gebracht und der Verdacht gegen Dr. Dorint eine neue Dimension bekommen. Katrin hatte die Zeitung in die Hand genommen und las die entscheidenden Passagen des Artikels noch einmal laut. „Dr. Dorint, eine der schillernden Persönlichkeiten des lokalen Lebens, war bereits vor einigen Jahren mit einer Spendenaffäre in Verbindung gebracht worden. Damals wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt - zu Unrecht, wie man heute vermuten kann…" Ich fragte mich, wo sie diese alte Geschichte ausgegraben hatten. Ich selbst hatte sie fast vergessen. „In einem Gespräch mit unserer Zeitung wies Dorint auf seine Verdienste um die Versorgung der psychisch Kranken in der Region hin. Er halte die Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben würden, für kleinlich und ungerecht. Seiner Ansicht nach stecke eine politische Kampagne gegen die Ärzteschaft dahinter, die mit seiner Person nichts zu tun habe.“ Ich konnte mich nicht erinnern, etwas Derartiges gesagt zu haben, doch unmöglich war das nicht.

Was dann kam, war persönlicher und hatte mich mehr verletzt, als die noch nüchtern zusammengetragenen Fakten und Meinungen der ersten Abschnitte. Es wurde ein Psychogramm meiner Person skizziert, das mich erschreckte, das wahr und falsch zugleich war und mein Gespräch mit der Journalistin in einem gänzlich anderen Licht erscheinen ließ. Sie hatte mich reingelegt, soviel war klar, und ich wunderte mich nachträglich über die Naivität, mit der ich an dieses Interview herangegangen war. Wie ein Tanzbär hatte ich mich führen lassen hinaus auf dünnes Eis.

Von Gigantomanie war die Rede, von Realitätsverlust und Abgehobenheit, von Arroganz, und Katrin schien es eine besondere Freude zu bereiten, diese Passagen langsam und deutlich und mit der passenden Betonung zu lesen. Alles in allem wurde das Bild eines unmoralischen, selbstsüchtigen und überheblichen Menschen gezeichnet, der den Bezug zur Wirklichkeit verloren hatte und sich im Versuch, über sie und die Gesellschaft zu stellen, gestürzt war. Ohne es wahrhaben zu wollen, beklagte ich jetzt mein Schicksal, unbelehrbar und uneinsichtig. Auch sonst ließ Frau Schwarz kein gutes Haar an mir. Am Rande der offenen Verleumdung entlang balancierend, ließ sie geschickt ein Zerrbild meiner selbst auferstehen, eines krankhaft geltungshungrigen, eines geldgierigen und skrupellosen Mannes, der Menschen und Institutionen kaltblütig für seine Zwecke zu missbrauchen und seine finsteren Machenschaften hinter vordergründigem sozialem Engagement zu verstecken weiß. Bei all den persönlichen Angriffen, verstand sie es dennoch, mich zu einer bemitleidenswerten und gleichzeitig lächerlichen Gestalt zu stilisieren, ein im Grunde Kranker, der je nach Gusto seiner Mitmenschen Anteilnahme oder Verachtung verdient.

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Ich nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Er schmeckte bitter. Müde hob ich die Hand. „Du brauchst das nicht noch einmal zu wiederholen. Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

Sie ließ die Zeitung sinken. „Du bist ein Schwein, und ich sage das, obwohl ich dich geliebt habe oder vielleicht gerade deswegen. Für dich sind Menschen nur Marionetten, mit denen du nach Belieben umzuspringen glaubst. Sie sind nur billige Hilfsmittel, um deine unendliche Selbstsucht zu befriedigen. Hast du jemals wirklich etwas für jemanden empfunden? Hast du jemals Mitleid gehabt?“ Sie legte eine Kunstpause ein, und ich zog es vor zu schweigen. „Nein! Frauen sind für dich nur Sexobjekte, die du nach Belieben ausbeutest, bestenfalls Arbeitssklaven. An deinen Patienten lebst du deine Allmachtsphantasien aus. Alle anderen presst du aus wie Zitronen. Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist dir gleichgültig. Dein Zynismus wird nur noch von deiner Menschenverachtung übertroffen. Hast du nicht manchmal selbst Angst vor dir?“

Katrin hatte die Arme auf dem Schreibtisch aufgestützt, und mit jedem Satz den sie hervorstieß, bebte ihr Oberkörper, und sie schien mir ein Stück näher zu kommen. Ich hörte ihr zu, empfand jedoch nichts. Es war noch nicht einmal so, dass mir ihr Ausbruch gleichgültig gewesen wäre. Aber er traf mich nicht wirklich, er brachte nichts in mir zum Schwingen. Vielleicht hatte sie recht, vielleicht war ich kalt oder innerlich tot, vielleicht besaß ich nur eine geheimnisvolle Gabe, die mich schützte, die alles an mir abprallen ließ, gleichgültig wie schwer die Geschütze waren, die aufgefahren wurden. Als sei Katrin plötzlich meine Mutter, stiegen Szenen aus meiner Kindheit in mir hoch, in denen ich unbewegt ähnliche Tiraden überstanden hatte. Darin tobte und schrie sie, weinte, wünschte mich zum Teufel, verwünschte mich für alle Zeiten. Doch auch das war vorübergegangen, genauso, wie auch Katrins Wut verebben würde.

„Und weißt du was?“ Triumphierend schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich bin froh über das, was passiert! Du hast Susanne auf dem Gewissen, ganz zu schweigen von all den anderen. Du hast sie verrecken lassen wie einen Hund. Und jetzt musst du bezahlen. Das ist nur gerecht, und ich danke Gott dafür, dass es Gerechtigkeit gibt.“ Bona bonis, mala malis, fiel mir ein. „Du hast so viel Schuld auf dich geladen, dass du sie nie wirst abtragen können, auch nicht mit all dem, was jetzt passiert. Du wirst bezahlen und zwar für immer.“ Sie kam mir wie ein Racheengel vor, der herabgestiegen war, um mir ewige Verdammnis zu versprechen, unendliche Höllenqualen und schlimmeres, hätte es so etwas gegeben.

Und plötzlich gefiel sie mir in ihrer Wut oder in der Hilflosigkeit, die sich dahinter verbarg.

Sie sprach weiter, und ich merkte, wie ich abschweifte, wie ich mehr und mehr Mühe hatte, ihr zu folgen. Vielleicht spürte sie, dass sie mich nicht mehr erreichte, denn irgendwann schien sie zu resignieren „Du bist so unendlich arm...“ Sie ging, und es war ein guter Abgang. Seufzend lehnte ich mich zurück.

Katrin liebte mich noch, das war das wesentliche, was ich verstanden hatte. Ihr Hass war nur ein anderer Ausdruck dieser Liebe, und so beruhigte mich auch dieser. Sie kämpfte dagegen an, das war unverkennbar, und doch würde sie mich nicht aufgeben können. Und sie wusste das, denn sonst wäre ihre Verzweiflung nicht so groß gewesen und ihre Hilflosigkeit. Wenn ich noch Macht über Katrin hatte, war vielleicht doch nicht alles verloren.

In den vielen Jahren, in denen Katrin für mich arbeitete, hatte es mehr als einmal solche Ausbrüche gegeben, selten, gemessen an den Auf und Abs, die unsere Beziehung begleitet hatten und die die Beständigkeit dieses halben Lebens, das wir zusammen verbracht hatten, nachträglich als trügerisch erscheinen ließen, so als seinen wir aneinander gefesselt gewesen und hätten doch am nächsten Tag eigene Wege gehen können jeder für sich. Und vielleicht war es gerade diese Unsicherheit gewesen, die sie belastet hatte, der Mangel an Verlässlichkeit jenseits ihrer Anstellung, jenseits ihrer Unverzichtbarkeit für das Funktionieren zuerst der Praxis, später der Klinik. Oder war es die Abhängigkeit gewesen? Aber war ich nicht umgekehrt genauso abhängig gewesen von ihr?

Gehäuft hatten sich diese Zwischenfälle nach meiner Trennung von Therèse, in der Zeit als Mona aufgetaucht war. Vielleicht hatte sich Katrin tatsächlich Hoffnungen gemacht, sie könnte Therèses Platz an meiner Seite einnehmen. Doch dann schien sie eingesehen zu haben, dass meine gesellschaftlichen Verpflichtungen ein jüngeres und attraktiveres Aushängeschild erforderten. Wurde ihre Position durch Mona nicht sogar gestärkt? Es gab keine Ehefrau mehr, die auf die Ernsthaftigkeit ihrer Beziehung zu mir gepocht hätte, und Mona war gar nicht willens sich mit der Existenz Katrins und ihrer Rolle in meinem Leben auseinander zu setzen. Ihr genügte, dass sie ein Auskommen hatte, dass sie jenen Lebensstil führen konnte, den sie sich im grauen Warschau erträumt hatte.

In diesem Arrangement störte nur Monas Mutter, die wie ein gewiefter Manager über die Interessen der Tochter wachte und die, sollte mein Marktwert entscheidend sinken, nicht zögern würde, ein Transfer zu einer lukrativeren Partei zu bewerkstelligen, genauso wie sie es zuvor von jenem mittelmäßigen österreichischen Anwalt zu mir getan hatte.

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Allerdings hätte mein anhaltender Widerstand gegen eine eheliche Verbindung früher oder später diese Beziehung sowieso zum Scheitern verurteilt. Denn schließlich war Mona schon fünfundzwanzig, und auch ihr Marktwert sank.

Zuletzt war es Susanne gewesen, die Beziehung, die ich zu ihr hatte und die auch Katrin nicht verborgen geblieben war, so wie sie immer alles wusste, was an Wichtigem in meinem Leben sich ereignete, die den vorläufigen Höhepunkt in der gegenwärtigen Krise markiert hatte, eine Krise, von der unklar war, ob es sich tatsächlich nur um eine Krise oder doch um ein Ende handelte. Eine Auseinandersetzung vor einigen Wochen oder Monaten fiel mir ein. Mein Zeitgefühl schien gelitten zu haben.

Katrin hatte mir heftige Vorwürfe gemacht, hatte von dem Kind gesprochen, dass ich in ihren Augen missbrauchte, als sei Susanne minderjährig und nicht tatsächlich fast so alt wie Mona, hatte in Ermangelung meiner Mannes- an meine Standesehre appelliert, so hatte sie sich ausgedrückt, und ich hatte mich gefragt, was sie so aufbrachte. Ob es nur Eifersucht war wie die Male zuvor, Enttäuschung, wobei ich nicht dahinterkam, worüber sie enttäuscht war, oder was sonst. Nicht zum ersten Mal hatte ich ein Verhältnis mit einer Patientin, und ohne sagen zu können, Katrin habe das je gutgeheißen, sie war stets diskret und mit viel Taktgefühl darüber hinweggegangen.

Doch plötzlich war es anders. Sie begann, sich für Susanne zu interessieren, für ihre Geschichte, für ihre Krankheit oder Störung, für den Grund ihres Aufenthaltes in unserer Einrichtung, und sie fragte mich aus, studierte die Krankenunterlagen, sprach auch mit ihr. Bald hatte ich den Eindruck, sie hätten sich hinter meinem Rücken regelrecht angefreundet. Möglich, dass sie auch ihren Einfluss auf Susanne geltend machte, um uns auseinander zu bringen, denn mehr als einmal meinte ich, aus einer unangenehmen Frage meiner Patientin, Katrin herauszuhören, manchmal Misstrauen, manchmal das Wissen um Dinge, die Susanne nicht wissen konnte und auch nichts angingen. Vielleicht war die Therapie am Schluss deshalb so schwierig geworden. Ohne es zu merken, hatten wir mehr und mehr Ballast mit uns herumgeschleppt, Katrins Eifersüchteleien, ihre Unterstellungen, ihre Versuche, mich schlecht zu machen und einen Keil zwischen uns zu schieben.

Im Laufe unseres Streits hatte mir Katrin regelrecht gedroht. Als letztes Mittel würde sie die Sache publik machen, hatte sie angekündigt, eine Behauptung, die ich wenig ernst genommen hatte, auch wenn sie mich aufhorchen ließ. Soweit waren unsere Meinungsverschiedenheiten noch nie gegangen. Wieder einmal war ich so wütend geworden, dass ich ihr fristlos gekündigt hatte, eine Maßnahme, die ich wenige Stunden später wieder zurücknahm, und doch, seit diesem Tag vor zwei oder drei Monaten, war Funkstille zwischen uns eingekehrt. Sie hatte sich zurückgezogen, hatte ihren Dienst nach Vorschrift aufgenommen, war zurückgetreten in einen unauffälligen Halbschatten, und ich hatte mich möglicherweise von dieser Ruhe jenseits der heftigen Auseinandersetzungen der vorausgegangenen Wochen täuschen lassen. Sie käme schon aus ihrem Schneckenhaus heraus, hatte ich erwartet und ihr eine Schamfrist geben wollen. Schließlich hatte sie bisher immer nachgegeben, und sie brauchte mich, so wie ich sie brauchte.

Heute, an diesem Tage, fragte ich mich zum ersten Mal, ob sie nicht recht gehabt hatte. War ich tatsächlich zu weit gegangen? Hätte ich nicht in Anbetracht von Susannes Geschichte mehr Zurückhaltung an den Tag legen müssen? War dieses Ende vorhersehbar gewesen? War das der Vorwurf, den sie mir machte und, den Lauf der Dinge erahnend, bereits damals gemacht hatte?

Für einen kurzen Moment verspürte ich den Impuls, aufzustehen und hinüberzugehen, um mit ihr zu reden, offen und ohne Vorbehalte. Doch dann blieb ich sitzen. Es war zu spät. Wie auch immer es ausginge, ich war allein, war es immer gewesen, und so musste ich die Sache auch zu Ende bringen.

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Kapitel 19

Auch an diesem Tag hatte ich wenig Lust verspürt, in der hauseigenen Kantine zu Mittag zu essen, und so hatte ich wie manches Mal in den vergangenen Jahren eines der kleinen Restaurants aufgesucht, die in Fußentfernung zu den Universitätskliniken lagen, ein lichter Gürtel privater Versorgungsstellen für jenes Personal, das dem Mensaessen überdrüssig war oder mit einem kurzen Spaziergang dem Einerlei der medizinischen Betonlandschaft entfliehen wollte. Im Gegensatz zu früher hatte ich den Wagen nehmen müssen, denn meine eigene Einrichtung lag auf der anderen Seite der Stadt, und vielleicht hatte mich eine alte Gewohnheit dazu veranlasst, das Unbehagen angesichts meiner Mitarbeiter, angesichts Katrins, das Bedürfnis, Susanne in ihrer letzten Stunde näher zu sein oder mich der weit zurückliegender Ereignisse um Robert Wesselmann zu erinnern. So viel verband mich mit dem Ort, zu dem ich dann schlenderte, vollen Bauchs, während mir die Sonne heiß ins Gesicht schien.

Mit meiner dunklen Sonnenbrille mochte ich wie ein beliebiger Arzt aussehen, der seine Mittagspause zu einem kurzen Atemholen auf einer Parkbank nutzt, wie ein Patient der nahen Kopfklinik, den die Frühlingssonne hinaus gelockt hat im Vorgeschmack auf eine bald bevorstehende Freiheit. Jedenfalls erkannte mich niemand. Aber heute waren auch keine Journalisten zu sehen, keine ehemaligen Kollegen oder Patienten, und ich konnte mich entspannen, konnte durch meine verspiegelten Gläser hindurch in aller Ruhe die Studentinnen und Krankenschwestern beobachten, die auf dem Weg zu ihren Vorlesungen oder zu ihrer Arbeit waren, konnte tief durchatmen, als gewähre mir jene dunkle Macht, die mein Leben bedrohte, tatsächlich eine kurze Pause.

Wann genau es mit Susanne anfing, weiß ich nicht, ob es überhaupt einen Anfang gab, den man auf einen Tag genau hätte datieren können, festhalten, um sich später irgendwann seiner zu erinnern. Sicher, es gab jene unselige Sitzung, in der zum ersten Mal etwas passierte, das man als gerichtsverwertbar hätte bezeichnen können, und doch erschien mir im nachhinein meine Beziehung zu Susanne als zwingend und folgerichtig, in einem nicht näher zu ergründenden Sinne als unausweichlich, so als habe es vom ersten Augenblick an keine andere Möglichkeit gegeben als diese.

Mit den Augen suchte ich das Fenster, hinter dem sie vielleicht gerade in diesem Augenblick starb, und ich fragte mich, was ich ihr gegenüber empfand. Ob es nur schlechtes Gewissen war, das mich quälte, ob ich sie geliebt hatte, in sie verliebt gewesen war, was sie mir bedeutete jenseits dieser seltsamen erotischen Spannung, die uns verband. Oder war es ein Fehler, das eine vom anderen trennen zu wollen? Und es war eine zerstörerische Kraft, das wussten wir beide, auch wenn niemand von uns dieses Ende voraussah, eine Kraft, die mich ebenso stark anzog wie zurückschrecken ließ, so als ahnte ich, dass ich zu weit ging.

Tatsächlich hatte ich mehr als einmal versucht, diese Beziehung zu beenden, sie auf den übersichtlicheren Boden der analytischen Übertragung und Gegenübertragung zurückzuholen, so als könne man die Flamme zurückdrehen, eine halbe Umdrehung oder mehr, und alles nähme seine ursprüngliche Ordnung wieder ein, unsere Rollen, unsere Gelüste und Gefühle. Vielleicht hatten mich Katrins Drohungen verunsichert, vielleicht begann ich mehr und mehr auf jene innere Stimme zu hören, die mich davon zu überzeugen versuchte, eine solche Verbindung könne nicht auf Dauer verborgen bleiben, weder den Mitarbeitern der Einrichtung noch, was mich mehr beunruhigte, der Mutter, eine Stimme, die mir einredete, jene kurzen Momente geheimnisvoller Befriedigung, die ich im Zusammensein mit Susanne empfand - geheimnisvoll deshalb, weil sie nichts ähnelten, was ich bis dahin kennengelernt hatte -, stünden in keinem Verhältnis zu dem Risiko, das ich einging, mochte mein Tun im engeren Sinne strafbar sein oder nicht. Doch was waren vernünftige Argumente gegen Susannes Reize, gegen jenes inzestuöse Spiel - war es das, was uns beide so sehr fesselte? -, das sich zwischen uns entsponnen hatte. Jedenfalls dauerte es Monate, bis ich mich tatsächlich zu einem Schlussstrich durchrang, Monate, in denen es immer wieder Ansätze dazu gegeben hatte, halbherzige Versuche, die Susanne mit der Leichtigkeit ihrer Verführungskünste oder mit handfesten Szenen und Drohungen unterlaufen hatte.

Schließlich hatte es diese letzte Szene gegeben, erst wenige Wochen war das her, in der ich zuerst mit Engelszungen auf sie eingeredet hatte, später dann im Gleichklang mit ihr lauter geworden war, bis wir uns regelrecht angebrüllt hatten. Als habe sie erkannt, dass mich dieses Mal nichts umstimmen würde, hatte sie sich irgendwann beruhigt. Niemals hatte sie mit Selbstmord gedroht, und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob mich nicht gerade dies hätte stutzig machen sollen. Heute war ich mir sicher, sie habe schon geraume Zeit vor der endgültigen Trennung diesen Plan gefasst, habe vielleicht sogar schon an Paracetamol gedacht und sich ihre Leiden ausgemalt, habe sich in meiner Anwesenheit, während wir zusammen schliefen vorgestellt, wie das Feuer, das sie verzehren würde auch mich bestrafte, ausbrannte, so als müssten wir uns beide reinigen, um jenseits dessen zu kommen, was uns verband. Dass es für sie kein Jenseits hier auf Erden geben konnte, schien sie gewusst zu haben, und dass ich das nicht früher erkannt hatte, war das, was ich mir vorwerfen konnte.

An jenem Tag hatten wir sogar noch einmal zusammen geschlafen, so heftig wie selten, so wie manchmal, wenn man in der glücklichen oder unglücklichen Lage ist zu wissen, dass es das letzte Mal ist, und hinterher hatten wir im Schweigen des jeweils anderen nach Anhaltspunkten für die Endgültigkeit dieses Endes gesucht, ich in der Furcht, ich könne nicht von ihr lassen, sie vielleicht hoffend oder schon entschlossen.

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Doch es hatte keine Wiederholung gegeben. In den darauffolgenden Analysestunden war sie ruhig und konzentriert gewesen, und ich hatte versucht, mit ihr aufzuarbeiten, was ich dachte, unter den gegebenen Umständen aufarbeiten zu müssen: das Verhältnis zu ihrem Vater, ihr Verhalten mir gegenüber, ihre Gefühle angesichts unserer Trennung. Obwohl ich heute wusste, dass sie die folgsame Patientin nur gespielt hatte, hatte ich in diesen letzten Wochen tatsächlich gehofft, das Beste aus der Sache gemacht zu haben. Unsere Affäre erschien mir nachträglich als geradezu therapeutisch wertvoll, und ich sah mich in meiner Haltung bestätigt, eine sexuelle Beziehung zwischen Therapeut und Patient nicht grundsätzlich zu verteufeln.

In diese trüben Gedanken hinein klingelte mein Telefon. Meine Mobilfunknummer war nur Katrin, Mona und Therèse bekannt, und so war ich nicht wenig überrascht, plötzlich Roberts Stimme zu vernehmen.

„Was willst du?“

„Die Rundschau liegt vor mir, und ich habe gerade den Artikel über einen gewissen Martin Dorint gelesen. Ich muss sagen, diese Journalisten verfügen doch über eine erstaunliche Menschenkenntnis.“

„Rufst du mich deshalb an?“

„Nein, ich wollte mich vergewissern, dass du unsere kleine Abmachung nicht aus den Augen verloren hast. Vielleicht glaubst du, es könnte jetzt gar nicht schlimmer kommen, aber du täuscht dich, du täuschst dich ganz gewaltig.“

Hatte er tatsächlich Angst, ich könnte mich von seiner Erpressung nicht mehr beeindrucken lassen, jetzt, da man mich vermutlich so oder so verhaftete, oder wollte er nur noch einmal seine Macht über mich auskosten?

„Martin, ich wollte dich warnen, vergiss unsere Vereinbarung nicht. Vergiss das Geburtstagsgeschenk nicht, das ich für dich habe. Es wäre doch schade, wenn es in falsche Hände gelangte. Du hast ja gesehen, wie bösartig Menschen sein können.“

Am Telefon klang er anders als kürzlich in meinem Sprechzimmer, er redete mehr, sprühte geradezu vor Ironie und Sarkasmus, und ich hielt das für ein gutes Zeichen. Die kalte Überlegenheit, mit der er sich umgeben hatte, schien Risse bekommen zu haben. Vielleicht hatte er erkannt, dass es ein Fehler war, einen Menschen so in die Enge zu treiben, wie man es mit mir tat. Man wurde unberechenbar, selbstzerstörerisch, das nüchterne Kalkül von Kosten und Nutzen wurde außer Kraft gesetzt. Zu gern war man bereit, allem ein Ende zu bereiten, und sei es dadurch, dass man selbst in den Abgrund sprang, anstatt zu warten, dass man hinunter gestoßen wurde.

Und so fühlte ich mich in diesem Augenblick. Vielleicht sagte ich deshalb, er solle sich zum Teufel scheren.

„Ungern, denn dort würde ich dich ja treffen.“ Er hatte aufgelegt.

Tatsächlich wusste ich nicht, wie ich mich entscheiden würde, ob ich mich seiner Erpressung beugen würde oder nicht, ob ich mich am Sonntag selbst an den Pranger stellen oder stoisch das andere Ende abwarten würde, jenes, das er in diesem Fall für mich bereithielt.

Robert und ich waren nie wirklich befreundet gewesen, auch damals nicht, als wir ganze Nächte gemeinsam im Labor über unseren Zellkulturen verbrachten - unweit von der Bank, auf der ich jetzt saß, fiel mir ein, und ich hätte nur meinen Blick von Susannes Fenster zu lösen brauchen, um linkerhand die dunkle Silhouette des Onkologischen Forschungszentrums aufragen zu sehen.

An das genaue Thema unserer Doktorarbeit erinnerte ich mich nicht mehr. Es hatte etwas mit spontaner Remission bei eigentlich unheilbaren Krebserkrankungen zu tun, jenen spektakulären Heilungserfolgen, die je nach medizinischer Lehrmeinung dem Immunsystem des Patienten, dem Zusammenwirken verschiedener Medikamente oder dem Zufall zugeschrieben werden und bis heute nicht nur ein weites Feld für Spekulationen bieten, sondern auch Scharlatanen zu manch einem Vorzeigepatienten verhelfen.

Der Betreuer unserer Doktorarbeit hieß Stadel und war aus anthroposophischem Haus. Er war Assistent von Professor Steinbrecher, schon damals einer der Koryphäen der deutschen Medizin, und das schien mir Empfehlung genug. Später sollte ich mich mehr als einmal darüber wundern, wie leichtfertig ich mich auf jenes Unterfangen eingelassen habe. Sicher, ich war jung und vielleicht leichtgläubig, aber doch nicht so unbedarft, dass ich die vielen Fragezeichen übersehen hätte, die sich um Stadels Angebot rankten. Ich könne bei ihm schnell und mit wenig Mühe promovieren. In drei Monaten sind Sie hier raus, und, unter uns, der Wesselmann ist heiß, lassen Sie ihn nur machen. Er weiß, was er will, und Sie brauchen sich nur neben dran zu stellen. So oder so ähnlich waren seine Worte gewesen, und ich hatte ihm nur zu gerne geglaubt, wuchs bei mir doch die Ungeduld, endlich weiterzukommen. Dass auch ihm das Wasser bis zum Hals stand, wie er unumwunden zugab - das Forschungsprojekt kam in seine Endphase, und eine Förderung über das laufende Jahr hinaus erschien mehr als fraglich -, bestärkte mich sogar in dem Entschluss, zu seinem kleinen Team zu stoßen; schließlich war das die beste Garantie, tatsächlich beizeiten fertig zu werden. Dass sich sonst niemand für die Stelle zu interessieren schien, hätte mich dagegen stutzig machen sollen. Stadel galt als Außenseiter und sein Forschungsansatz als umstritten, doch auch das störte mich nicht, schließlich lag mir nichts an einer Universitätskarriere. Den Titel benötigte ich nur für das Messingschild am Praxiseingang, und so suchte ich die einfachste Möglichkeit, zu jenem Dr. med. zu gelangen, der die vertraute Anrede Herr Doktor! rechtfertigte und auch darüber hinaus mit einem gewissen Ansehen in der Gesellschaft verbunden war.

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Was ich dagegen unterschätzt hatte, waren die Probleme der Untersuchung selbst, auch diese naheliegend und absehbar, und doch muss wohl der Reiz eines schnellen Abschlusses, mich dafür blind gemacht haben.

Spontane Remission ist ein äußerst seltenes Phänomen, so selten, dass manche behaupten, es gäbe ihn gar nicht. Im Laufe der vorangegangenen zwei Jahre hatte Stadel nur mit Mühe bundesweit etwa fünfzig ehemals hoffnungslose Fälle zusammengekratzt, die, legte man die Kriterien großzügig aus, als spontan geheilt angesehen werden konnten, ganz unterschiedliche Fälle, Männer und Frauen, Junge und Alte mit den unterschiedlichsten Diagnosen und Krankheitsverläufen, und so war es kein Wunder, dass wir erhebliche Mühe hatten, die Ergebnisse unserer Laborexperimente mit den Werten der Patienten zu vergleichen. Tatsächlich war es noch schlimmer. Weder die Labor- noch die Felddaten genügten, um unsere Hypothesen zu bestätigen. Selbst die wenigen Effekte, die wir zu erkennen glaubten, ließen sich aufgrund der geringen Stichprobengröße statistisch nicht absichern.

Es kam wie es kommen musste. Am Ende des Jahres standen wir mit leeren Händen da. Alle waren nervös, Stadel, weil ihm die Gelder ausgingen, Robert Wesselmann, der seine wissenschaftliche Laufbahn in Gefahr sah, und auch ich, weil man mir für das erste Halbjahr eine vielversprechende Assistenzarztstelle in der Neurologie in Aussicht gestellt hatte. Und so wurden alle Anstrengungen verstärkt. Aus dem vorgeblich ruhigen Job wurde eine aufreibende Fulltime-Beschäftigung. Alternativhypothesen wurden geprüft, unzählige Kovariaten getestet, mit denen man Einfluss- und Störgrößen zu eliminieren gedachte, neue Patienten mit noch zweifelhafteren Diagnosen wurden in die Onkologie gekarrt, um an ihnen noch mehr Untersuchungen durchzuführen - all dies in der Hoffnung, die Effektgrößen um ein paar Punkte hinter dem Komma anwachsen zu lassen und so über die magischen Signifikanzhürden der statistischen Analyseverfahren zu heben. Kurz vor Weihnachten waren wir ein ganzes Stück weitergekommen, und doch fehlten noch Welten.

Wann ich auf die Idee kam, dem Statistikgott mit seinen unfehlbaren Urteilen über Wahr und Falsch ein wenig nachzuhelfen, weiß ich nicht mehr. Zu fließend erscheint mir heute der Übergang von der ganz legalen Datenverschönerung zur Datenfälschung im engeren Sinne. Hatte ich zunächst mit den üblichen Mitteln versucht, unser Datenchaos ein wenig zu ordnen, einzelne Beobachtungsreihen zu standardisieren, ganze Probandengruppen zu homogenisieren, fehlende Werte durch sinnvollere zu ersetzen, Ausreißer zurechtzustutzen und was immer in solchen Fällen empfohlen wird, erkannte ich bald, dass der Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zum erzielten Ergebnis stand.

Es kam vor, dass ich nach Stunden und Tagen nur eine einzige Hypothese gerettet hatte, und selbst diese durchaus gängigen Datenumwandlungen waren, soviel verstand auch ich von der Sache, gegenüber der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder gar der interessierten Fachöffentlichkeit nur schwer zu rechtfertigen gewesen. Wenn man aber einen ganzen Probanden wegließ, einen jener Patienten, deren Werte sich unserem Untersuchungsansatz geradezu entgegengesetzt verhielten, ergab sich eine dramatische Verbesserung der gesamten Datenbasis. Das hatte ich bald an einigen der widerborstigsten Fälle zunächst spielerisch, später dann mit schon eindeutigerem Vorsatz durchexerziert. Um wie viel effektiver hätte ich aber arbeiten können, wenn ich die fraglichen Probanden einfach umgedreht hätte, anstatt sie zu eliminieren, was ja gleichfalls zu einem weiteren Erklärungsnotstand führen musste. Zwanzig oder dreißig Prozent der Fälle genügten, um unsere klägliche Untersuchung in ein Glanzlicht der wissenschaftlichen Forschung zu verwandeln.

Nun waren die Auflagen und Kontrollen in unserem Bereich nicht ganz so streng wie jene, die in der pharmakologischen Forschung üblich sind. Trotzdem war es nicht damit getan, ein paar Lochkarten unauffällig durch andere zu ersetzen. Originalfragebögen mussten vernichtet und neu ausgefüllt, Rohdaten gefälscht und Auswertungsprotokolle ausgetauscht werden - eine Arbeit von wenigen Tagen, und doch erforderte sie eine erhebliche kriminelle Energie.

Als ich den unbestimmten Vorschlag machte, mir die Daten zwischen den Jahren in einiger Gründlichkeit noch einmal vorzunehmen, gab es keine Einwände, und ich glaubte, ein stillschweigendes Einverständnis zwischen uns unmittelbar Beteiligten zu erkennen. Dass Stadel bei seiner Rückkehr aus dem winterlichen Skiurlaub die frohe Botschaft nur zu gerne aufnahm und sich nicht näher dafür zu interessieren schien, auf welche wundersame Art und Weise die Datenbereinigung Erfolg gezeitigt hatte, schien mir recht zu geben. In Robert Wesselmann hatte ich mich allerdings gründlich getäuscht. Natürlich hatte auch er sofort meine rigorosen Eingriffe in unser Datenmaterial bemerkt. Anstatt aber den Unwissenden zu mimen und mir mit der Verantwortung auch die Schuld für den Betrug zuzuschieben, versuchte er wochenlang alles rückgängig zu machen. Er drohte, die DFG zu benachrichtigen, nannte Gremien und Kommissionen, die sich für mein schändliches Tun interessieren könnten, Fachzeitschriften, die sich eines solchen Skandals dankbar angenommen hätten, und nur die Tatsache, dass der Projektgruppenleiter selbst so offensichtlich in die Sache verstrickt war, hielt in letztlich davon ab, die Öffentlichkeit tatsächlich zu informieren. Außerdem fehlten Beweise, und eine solch ungeheuerliche Anschuldigung konnte ihm mehr schaden als uns.

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Dass Robert die hehren Prinzipien der Wissenschaftlichkeit so hoch halten würde, hatte ich nicht erwartet. Sicher, er war hoch motiviert gewesen. Schon bei der obligatorischen Berufsberatung kurz vor dem Abitur soll er angegeben haben, Universitätsprofessor werden zu wollen, und die Studentenbewegung hatte er damit zugebracht, seinen akademischen Lehrern Kaffee zu kochen und als Wissenschaftliche Hilfskraft jede noch so eintönige Aufgabe gewissenhaft zu Ende zu bringen. Sein Leistungswille machte ihn auch inmitten der konservativen Medizinerschar zu einem auffälligen Studenten, und so wurde ihm eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn vorausgesagt. Dass er sich auf das unsichere Stadel-Projekt eingelassen hatte, wollte nicht ganz in dieses Bild passen und war vielleicht der einzige Fehler, den er sich hatte zuschulden kommen lassen. Vermutlich waren es aber seine Eltern gewesen, die selbst den Anthroposophen nahe standen und auch zum alten Stadel, einem Vordenker der Bewegung und eifrigem Bücherschreiber, privaten Kontakt pflegten, die den Sohn beeinflusst hatten.

Das jedenfalls glaubte ich zu erinnern, während ich es noch immer vermied, hinüber zum Onkologischen Forschungszentrum zu schauen, so als könnte mir seine graue Fassade die unzähligen Diskussionen, die Robert und ich in diesen wenigen Tagen führten, noch deutlicher ins Gedächtnis zurückbringen, seine Überzeugungsversuche, seine Bitten und hilflosen Drohungen. Er appellierte an meine Verantwortung als Wissenschaftler, als angehender Arzt und malte sich und mir die möglichen Folgen für die Krebstherapie im allgemeinen und die Krebskranken im besonderen in den düstersten Farben aus, sprach von falschen Hoffnungen, die wir vielleicht weckten, von konkurrierenden Therapieansätzen, die zu unrecht verworfen würden.

Was mich an diesen Gesprächen am meisten wunderte, war die Ernsthaftigkeit, mit der er argumentierte, das scheinbar vollständige Fehlen von Pragmatismus. Er stritt mit mir, als ginge es um Leben und Tod, als bedeute meine kleine Manipulation tatsächlich das Todesurteil für Abertausende und Siechtum und Verfall für unzählige mehr. Ich dagegen zweifelte nicht daran, dass unsere Forschungsergebnisse genauso folgenlos bleiben würden wie jene neunundneunzig Prozent aller Studien, die in den Bibliotheken der Institute verstaubten ohne jemals auch nur die kleinste Auswirkung auf das wirkliche Leben dort draußen vor den Universitätstoren zu haben. In der anderen Waagschale lag unser persönliches Schicksal; wir waren Menschen aus Fleisch und Blut. Es waren nur ein paar Zahlen, die über Erfolg oder Scheitern, über Aufstieg oder Untergang entschieden, in ihrer Bedeutungslosigkeit, fast beliebig zu nennende Zahlen. Waren diese tatsächlich wichtiger als wir? Konnte man uns, um der Einhaltung irgendwelcher methodologischer Prinzipien willen, einfach hinab stoßen so kurz vor dem Ziel?

Robert schien nicht zu verstehen, dass der Verzicht auf meinen Kunstgriff auch das Ende seiner hochfliegenden Karriereträume bedeutet oder sie zumindest in weite Ferne gerückt hätte. Das Fehlen von Ergebnissen könne für die Wissenschaft gleichfalls ein interessantes Ergebnis sein, versuchte er mich zu überzeugen, wir könnten neue Hypothesen entwickeln, die mit dem Datenmaterial besser übereinstimmten, zusätzliche Untersuchungen durchführen. Eines Vormittags überraschte er mich sogar mit einer neuen Theorie, die sowohl Stadels Ansatz berücksichtigte als auch - durch eine trickreiche Erweiterung - zu den Daten zu passen schien.

Vielleicht glaubte er tatsächlich, die Studie noch retten zu können, vielleicht war er aber auch bereit, um seiner sauberen Hände willen, seine Karriere aufs Spiel zu setzen. Vielleicht traf das eine wie das andere zu.

Doch letztlich war alles entschieden, und es gab kein Zurück. Ich erhielt meinen Doktortitel und unser Betreuer habilitierte sich erfolgreich. Bald darauf verließ Stadel die Universität und gründete eine Privatklinik für Biologische Krebsbekämpfung. Er wurde zum Honorarprofessor ernannt und blieb der Hochschule durch gelegentliche Lehraufträge zu manch einem Randgebiet der Medizin verbunden. Robert Wesselmann hingegen verschwand. Durch seine Weigerung, unser Vorgehen mitzutragen oder wenigstens stillschweigend zu dulden, gingen ihm auch seine jahrelangen Vorarbeiten verloren, und er hätte wieder ganz von vorne anfangen müssen. Tatsächlich erschienen seine wichtigsten Ergebnisse kurze Zeit später in verschiedenen englischsprachigen Journalen unter Stadels und meinem Namen. Erst nach Jahren holte Robert seine Promotion an einer anderen Hochschule nach. Dass er Landarzt geworden war, hatte ich erst durch ihn selbst erfahren.

 

Wolken waren aufgezogen, grauschwarz von Westen kommend, und der auffrischende Wind trug den Geruch des nahenden Regens heran. Und jetzt sah ich doch hinüber zum Onkologischen Forschungszentrum, das sich hinter dem Parkhaus erhob, ein schmuckloses Hochhaus mit vielen Reihen gleichmäßig angeordneter Fenster, hinter denen die Neonröhren brannten.

Hatte ich Robert Unrecht getan? Worin bestand meine Schuld? Hatte er sich nicht selbst im Weg gestanden? Ich erhob mich und ging. Die Fragen waren in all den Jahren die gleichen geblieben, und neue Antworten konnte ich auch heute nicht finden.

 

 

 

 

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Kapitel 20

Gegen zwanzig Uhr klingelte das Telefon.

Ich saß zu Hause auf der Couch, saß aufrecht noch in Anzug und Krawatte die Beine übereinandergeschlagen fast bewegungslos seit über einer Stunde, als wartete ich tatsächlich auf etwas, auf das Klingeln, das jetzt schon zum dritten Male ertönte, ohne dass ich mich bewegte, oder auf etwas anderes, Besuch vielleicht, Monas Rückkehr vom Aerobic oder Steppen oder was immer sie Freitag abends tat, auf das durchdringende Jaulen der Alarmanlage, die ich scharf gemacht hatte, auf das Heulen der Sirenen; jederzeit konnte es eine Überschwemmung geben oder einen Atomkrieg. Das Glas in meiner Hand war kalt und feucht, und ich betrachtete es im Licht der Halogenstrahler, drehte es hin und her, ließ die Eiswürfel in der bräunlichen Flüssigkeit kreisen, als könnte ich an ihrer schaukelnden Bewegung, der Art wie sie aneinander vorbei glitten, etwas über den Anrufer erfahren oder darüber, ob ich dran gehen würde oder nicht. Seit Mittag hatte ich nichts gegessen, und ich fühlte mich müde. Der Geschmack des Whiskys füllte mir den Mund, und ich schmatzte ein paar Mal, kaute darauf herum, als handele es sich um etwas Stoffliches, etwas, das man hinunterschlucken konnte oder ausspucken, von der Zunge lösen und den Schleimhäuten, die es verklebte.

Dann nahm ich ab. Eine Männerstimme sagte ein paar Worte, einen Satz oder zwei. Ich bedankte mich und legte auf.

Ich ging die paar Schritte zu den Schiebetüren, die auf den Innenhof hinausgingen, und zog sie auf. Draußen war es kalt, und mit der Luft, die schlagartig entwich, als hätte es zwischen innen und außen einen Druckunterschied gegeben, als hätte ich nicht eine Tür, sondern eine Luftschleuse geöffnet, wurde auch die Wärme hinaus in die Leere gesogen. Doch auch dort konnte man atmen, und ich füllte meine Lungen bis sie schmerzten, ging weiter und blickte in den sternenklaren Himmel. Mir wurde ein wenig schwindlig und ich musste mich am Geländer der Freitreppe festhalten, die hinauf auf die Dachterrasse führte. Oben schien die Luft noch frischer, eine leichte Brise stieg die Weinberge herab, und ich spürte, wie sich auch mein Kopf klärte, die Wirkung des Alkohols sich allmählich verflüchtigte.

Frau Hallweg sei heute Nachmittag verschieden. Er hatte es anders ausgedrückt, medizinischer, aber es kam aufs Gleiche raus.

Hier oben war es dunkel. Bis auf die wenigen Laternen am anderen Ende der Straße gab es keine Lichtquellen, die die Sterne hätten verblassen lassen können, und so funkelten sie in ungetrübtem Glanz: ruhig und hell scharf wie Projektionen oder flackernd, flirrend wie kilometerweit entfernte Kerzen. Sternenhaufen, Nebel, die Milchstraße, die wie ein breiter Schleier den Raum dazwischen füllte.

Worin unterschied sich dieser Nachthimmel von jenem, den ich am Vortag im Planetarium gesehen hatte? Ich suchte den kleinen Wagen und in seiner Verlängerung den Polarstern, den Drachen mit seinem aufgerissenen Rachen, die Kassiopeia, den Perseus und die Capella im Fuhrmann. Sie waren da, aber vielleicht glaubte ich nur, sie zu erkennen, denn meine Kenntnisse der Sternbilder waren bescheiden. Im Osten standen der Hercules und die Nördliche Krone und die Vega hell in der Leier.

Gestern hatte ich mich nicht der Illusion hingeben können, ich sähe tatsächlich Sterne. Es waren Punkte geblieben, Lichtflecke, die durch Linsen gebündelt auf eine zusammengestückelte Leinwand, auf reflektierende Metallplatten geworfen wurden. Es war mir nicht möglich gewesen, den Gedanken beiseite zu schieben, mein Himmel ende nur wenige Meter entfernt über mir und der wirkliche beginne unsichtbar jenseits davon. Nur diese Kuppel stand zwischen uns, verhinderte den Blick hinauf, verstellte ihn durch die Kopie, die sie davor legte. Was machte diesen Himmel lehrreicher, wertvoller als den echten, als jenen, in den ich jetzt ungehindert hineinsehen konnte, so als sei er tatsächlich räumlich, als sei er nicht länger die Innenseite einer Halbkugel?

Als Kind hatte ich ein Teleskop gehabt. Auch hier oben wäre Platz dafür gewesen. Dann hätte ich mehr dieser Sterne sehen und ihnen Namen geben können, richtige Namen, arabische oder lateinische, indische, indianische, chinesische: Shedar, Arneb, Nibal, Merak und Mirak, Atri, Angiras, Gemma Coronae. Und die Farben! Rosenrot, blassorange, topasgelb, smaragdgrün, saphirblau, strahlendweiß ... Vielleicht hätte ich einen Kometen entdeckt, den Dorint’schen Kometen, einen, der bald wiedergekehrt wäre, bald genug, um mich nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber dafür war es zu spät, nicht in streng zeitlicher Hinsicht, aber doch wie für so vieles, von dem man einst geträumt hat und sich irgendwann eingestehen muss, dass man es nie verwirklichen wird - oder will oder kann. Heute schien mir ein guter Tag, auch davon Abschied zu nehmen.

Fröstelnd stieg ich die Stufen wieder hinunter in den gepflasterten Hof. Überall standen Kübel und Töpfe mit Pflanzen und Blumen, und auch die Beete, die länglichen Flächen zu Seiten des kleinen Rasens hatte Frau Schiller in vor allerlei Gewächsen strotzende Inseln verwandelt. Es roch süßlich und würzig, es roch nach feuchter Erde und nassem Gras.

Ich ließ die Schiebetüren halb geöffnet und ging zu meiner Couch zurück. Das Eis war geschmolzen, und ich schob das Glas weg. Jetzt war ich nüchtern und wollte es bleiben. Der CD-Wechsler war eine Platte weiter gewandert, und ich versuchte, das Stück zu erkennen, Verdi vermutlich, auch wenn ich außerstande war, mich tatsächlich auf die Musik zu konzentrieren.

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Susanne war von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Mit fünf oder sechs Jahren hatte es angefangen, und erst dessen Trennung von der Mutter, sein Auszug aus der gemeinsamen Wohnung hatte dem ein Ende bereitet. Da war sie Vierzehn gewesen.

Das war das Thema, mit dem wir uns bald in der Analyse beschäftigten, früh, gemessen an der Anzahl der Stunden, die hinter uns lagen, zwanzig oder dreißig mochten es zu diesem Zeitpunkt erst gewesen sein. Aber es gab nichts Verstecktes oder Verdrängtes, was erst mühsam hervorgeholt hätte werden müssen, und die Verletzungen und Wunden trug sie mit Fassung. Tatsächlich war es mehr. Ihre ganze Person, ihr ganzes Verhalten war so stark von diesen Erlebnissen geprägt, dass weder sie noch irgendjemand sonst umhin kam, ihr ihre Geschichte anzusehen, sie zu spüren, konnte man sie nun benennen oder nicht. Und Susanne stand dazu, wie man zu einem körperlichen Makel stehen mochte, zu einer Behinderung, zu etwas Grundlegendem und Unumkehrbarem.

Möglich, dass es vor allem diese Haltung war, die für die anhaltenden Spannungen zwischen ihr und der Mutter sorgte. War dieser nur nach und nach der ganze Umfang dessen ins Bewusstsein gelangt, was ihr Mann der Tochter angetan hatte, meinte sie später ihre Versäumnisse wiedergutmachen zu müssen, Susanne besonders zu umsorgen, sie beschützen zu müssen vor allen Widrigkeiten des Lebens. Dass sie sich eine Mitschuld gab, war normal, dass sie sich vorhielt, frühe Anzeichen übersehen zu haben, über manch eine Ungereimtheit hinweggegangen zu sein, die Augen verschlossen zu haben, um vielleicht nicht wissen zu müssen. Wie es sich tatsächlich verhielt, wusste ich nicht, aber auch Susanne schien ähnlich zu denken. Und es war nicht nur diese Schuldzuweisung, mit der sie die Mutter bestrafte, Verachtung kam hinzu. Sie fühlte sich überlegen, vor allem als Frau. Hatte der Vater sie nicht ihr vorgezogen?

Während die Mutter ihre tiefen Schuldgefühle damit bekämpfte, wieder gut zu machen, und es war mehr als das, ungeschehen sollte werden, was geschehen war - auch die Therapie, der Aufenthalt in der Klinik waren Teil dieses Versuchs -, bestand die Tochter darauf, dass sie so sei wie sie sei, dass ihre Vorgeschichte zu ihr gehöre, und dass die Mutter zu zahlen habe, zu büßen, dadurch, dass sie der Wahrheit ins Auge zu sehen habe, jeden Tag und jede Stunde. Und sie war selbst die Wahrheit, ihr nuttenhaft rot geschminkter Mund, der aufreizende Blick, die verführerische Art zu gehen und zu sitzen, aber auch ihre Niedergeschlagenheit und der ausgezehrte Körper. Und so war auch ihr Hang zur Selbstzerstörung zu verstehen. Es genügte ihr nicht, gezeichnet zu sein, innerlich gebrandmarkt auf die unauffälligste Art und Weise. Ihre Wunden sollten auch äußerlich sichtbar werden, hervortreten, bis sie nicht mehr zu übersehen waren, bis niemand die Augen davor verschließen konnte, um zu behaupten, es sei nichts geschehen.

So schien sie, sagen zu wollen: Schaut mich an und seht, was ihr mir angetan habt. Das war das, was ich bis dahin verstanden zu haben glaubte.

Unterschätzt hatte ihre Neigung zur Wiederholung. Ein Zwang fast, der sie zu beherrschen schien und unter dem sie alles aufbot, was an mannigfachen Möglichkeiten sie besaß, mich zu verführen und hineinzuziehen, mich mehr und mehr zu einem Teil ihres Spieles werden zu lassen, zuerst, ohne dass ich es bemerkte, später dann, als ich mich noch hätte wehren können, ohne den Willen dazu aufzubringen. Vielleicht mache ich mir nachträglich etwas vor, mache es mir zu leicht, will nicht zu meiner Verantwortung stehen und zu dem Anteil, den auch ich zweifellos dazu beigetragen habe. Und doch, denke ich zurück, fühle ich mich nicht als der vordergründig Handelnde, gewiss auch nicht als das Opfer, aber doch eher als der Folgsame, derjenige, der sich anpasst, der nachgibt, der in die Rolle schlüpft, die ihm angeboten wird, vielleicht freudig und dankbar, aber nicht, weil er sie um jeden Preis haben wollte. Sicher, aufgrund meiner Ausbildung hätte ich durchschauen können, was sich zusammenbraute, hätte ihrem Treiben mit der notwendigen Distanz begegnen und auch mich selbst aufmerksamer beobachten müssen, strenger überwachen und vielleicht um Supervision bei einem Kollegen nachsuchen. Warum mir das nicht gelang, warum ich es nicht tat, weiß ich nicht. Und das ist die Schuld, die mich trifft und die mir niemand abnehmen kann.

So wie sie nicht abschließen konnte und wollte, so musste sie die quälende Vergangenheit immer wieder von Neuem durchleben, im Kopf, in der Phantasie, und, wenn es sich einrichten ließ, auch in der Wirklichkeit. Auch das war normal, wie ich wusste, Teil ihres Problems, ein notwendiger Mechanismus bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse, und doch macht es einen Unterschied, ob man davon in Lehrbüchern liest oder aus der sicheren und professionellen Distanz des Arztes und Therapeuten damit konfrontiert wird, bei dem beliebigen Patienten darauf stößt, den man zu verstehen versucht, den man mag, dessen Schicksal einen berührt, ohne darüber hinwegzutäuschen, dass dieser Mensch ein Fremder ist und ein solcher bleiben wird, gleichgültig wie viele hundert Stunden man gemeinsam verbringen wird. Bei Susanne war das anders. Schon der allererste Blick in meinem Sprechzimmer hatte tief in mir etwas angesprochen, war mir näher gegangen, als alles, was ich im Umgang mit anderen Analysanden je erlebt hatte. Vielleicht hätte ich tatsächlich diesem ersten Impuls folgen sollen, dem Gefühl, Nein sagen zu müssen, mich zu schützen und damit auch sie. Die Warnung hatte ich verstanden, instinktiv hatte ich die Gefahr erkannt, doch damals wäre es mir lächerlich erschienen, einem solch irrationalen Beweggrund zu folgen. Unangreifbar, wie ich mich wähnte, sah ich das Feuer, und es reizte mich, damit zu spielen

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Ich holte Susanne in ihrem Zimmer ab. Ihre neueste Plastik stand jetzt mitten im Raum auf einer hölzernen Säule und schien fertig zu sein. Sie glitzerte silbrig in der tief stehenden Novembersonne, und ich ging ein paar Mal langsam drum herum, um den räumlichen Eindruck zu verstärken, um aus dieser von dünnem Draht umwickelten Leere die Tänzerin hervortreten zu lassen, jene zierliche Gestalt mit erhobenem Arm, die mir das erste Mal so zerbrechlich erschienen war. Jetzt schien sie in sich zu ruhen, sie neigte sich nach vorne, kniete vielleicht, den Kopf hielt sie gesenkt als Zeichen der Sammlung oder Selbstvergessenheit, und nur der Arm, der senkrecht nach oben wies, gab etwas von der inneren Spannung wieder, die sie erfüllte. Tatsächlich schien sie Halt zu suchen oder Erlösung, gleichzeitig war dieser Arm Anklage und ein Zeichen der Abwehr, der Auflehnung. Eine höchst widersprüchliche Gestalt, wie ich fand.

Das sagte ich auch Susanne mit wenigen Worten und ließ dabei offen, ob ich ihre Plastik oder aber sie selbst damit meinte. Sie antwortete nicht, schien aber nachdenklich, und vielleicht erreichte sie meine Deutung, bewegte etwas in diesem komplizierten System von Hoffnungen und Ängsten, Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen, von Aggressionen und Depressionen, und wie so oft in einer solchen Situation war ich geneigt, an die Allmacht des Wortes zu glauben, so als genüge die richtige Benennung, um den Mechanismus der Seele zu reparieren, um ein blockiertes Rädchen zu lösen, einen Seilzug zurück in die angestammte Kerbe springen zu lassen. Was anderes vermochte die Psychoanalyse?

Doch dann lachte sie. Sie lag schon auf der Couch, die Hände im Schoß gefaltet. Sie wirkte entspannt und trotzdem wach, so als brenne sie darauf, anzufangen, als habe sie nichts anderes getan, als darauf zu warten, dass es losging, darauf, dass ich meinen Platz auf dem Stuhl in ihrem Rücken einnähme. Seit dem Erstgespräch war ihr Haar ein wenig gewachsen und fiel ihr jetzt auf die Schultern, in wirren Locken über die Stirn. Wie ein dunkler Kranz lag es auf dem Kissen.

„Versuchen wir uns zur Abwechslung in psychoanalytischer Kunstinterpretation?“

An diesem Tage fühlte ich mich müde, der Anspielungen, der geistreichen Bemerkungen, der Seitenhiebe und Spitzen überdrüssig, diesem beständigen Kampf zwischen uns.

„Warum so ironisch? Warum können Sie das nicht einfach annehmen? Sie müssen es ja nicht teilen.“

„Kann man etwas annehmen, ohne es zu teilen?“

„Was glauben Sie?“

„Ich glaube nicht. Ich glaube, Sie wollen mich an einen ganz bestimmten Punkt bringen.“

„Wie, glauben Sie, hätte ich Sie gerne?“

Sie überlegte. „Brav, folgsam, gelehrig. Ich soll zu Ihnen aufsehen und Sie bewundern. So als bräuchte ich nur, das zu tun, was Sie von mir erwarten, um irgendwann geheilt zu sein,“ sie sprach das geheilt aus, als sei es etwas lächerlich Erhabenes, „dann müsste ich Ihnen dankbar sein bis zum Ende meiner Tage, und Sie hätten der ganzen Welt bewiesen, was für ein toller Kerl Sie sind.“

„So sehen Sie mich?“

„Sie haben sich auf einen Sockel gestellt, unangreifbar und unberührbar, und daneben bleibt kein Platz, weder für mich noch für sonst jemanden.“ Sie machte eine lange Pause, und ich hatte schon zu einer Erwiderung oder einer weiteren Frage angesetzt, als sie doch weiter sprach: „Sie wollen ein braves Mädchen aus mir machen, aber das ist vergebene Liebesmüh’, dafür ist es zu spät. Außerdem hätte niemand etwas davon, Sie nicht und ich schon gar nicht.“

„Und was wollen Sie aus sich machen?“

„Was ich aus mir machen will, weiß ich nicht. Zumindest jetzt nicht. Irgendwann werde ich es vielleicht wissen.“ Wieder zögerte sie lange, weiter zu sprechen. „Aber ich weiß immerhin, was ich jetzt machen will in diesem Augenblick.“

Sie hatte sich aufgesetzt und zu mir gedreht. Verwundert betrachtete ich sie und fragte mich, was sie wohl wieder ausheckte. Mit einem forschenden kalten Blick sah sie mir in die Augen. Dann kniete sie mir zu Füßen und griff mit einer sicheren Bewegung nach meiner Hose.

„Was tun Sie da?“ Ich spürte wie etwas unter ihrer Hand wuchs, und meine Stimme hatte wohl weder besonders streng noch bestimmt geklungen, denn plötzlich lachte sie wieder, und es war ein anzügliches Lachen, ein wenig von oben herab, so als sei es jetzt an ihr zu bestimmen, wo es lang ging, als habe sie es in der Hand, wie sie es tatsächlich tat.

„Kommen Sie, Doktorchen, spielen Sie nicht das Unschuldslamm. Seit Stunden denken Sie doch an nichts anderes. Meinen Sie, ich hätte das nicht gemerkt?“

Sie öffnete den Knopf und zog den Reißverschluss herunter. Ich starrte auf die Wölbung meiner Unterhose, auf jene Stelle, wo ihre Hand lag, und fühlte mich außerstande, etwas zu sagen oder gar zu tun.

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„Sehen Sie. Es ist ganz leicht. Die Welt geht nicht unter, und niemanden trifft der Schlag oder der Blitz oder der Bannstrahl.“ Dann zog sie die Unterhose zurück, und mein Penis entfaltete sich, als habe er tatsächlich auf nichts anderes gewartet. „Man muss es nur zulassen. Dann geht es von selbst. Das ist das ganze Geheimnis.“

Ein paar Mal rieb sie ihn mit der Hand, und er schwoll an, bis die gerötete Haut zu platzen schien, dann senkte sich ihr Kopf darüber.

 

Die letzte Platte war zu Ende, und bevor das Durchlauf von neuem beginnen konnte, schaltete ich den CD-Spieler aus. Es war nach Zehn, und Mona war noch nicht zurück. Aber ich vermisste sie nicht. An diesem Tag hätte sie gar nicht zurückzukommen brauchen.

Ich starrte einfach ins Leere. Ich weiß nicht, wie lange. Und plötzlich dachte ich an Flucht.

Es kam mir in den Sinn wie etwas Zwangsläufiges, wie etwas, auf das man stößt, wenn man ein Problem nur lang genug hin und her wälzt, von verschiedenen Seiten betrachtet, als sei es eines jener kniffligen Rätsel, die man durch Intelligenz oder logisches Denkvermögen, durch Ausdauer oder Intuition zu lösen vermag.

Florida oder Spanien. Das schienen die Fluchtpunkte für Steuerhinterzieher und betrügerische Bankrotteure zu sein. Dort konnte man untertauchen und sich ein schönes Leben manchen, eine kurze Hose anziehen und ein kurzärmliges Hemd und den Edelaussteiger, den vermögenden Frührentner mimen. Wie viele Deutsche mochten diesen Weg gegangen sein? Und wurden sie tatsächlich früher oder später geschnappt, wie es den Anschein hatte, las man aufmerksam die Tageszeitungen?

Dass Flucht für mich keine Lösung sein konnte, wusste ich, ohne darüber erst nachdenken zu müssen. So verführerisch die Vorstellung war, sich dem Strudel zu entziehen, der mich Tag für Tag, Stunde um Stunde ein Stück weiter mit sich riss einem vorhersehbaren Ende entgegen, sosehr widerstrebte es mir, mein Scheitern mit einem solchen Schritt öffentlich einzugestehen. Zu beliebig wäre das Geständnis gewesen, dass ich damit unterschrieben hätte. Dann wollte ich lieber in Würde untergehen, nicht mit dem Anschein der Unschuld, dafür war es zu spät, aber immerhin doch wie jemand, der zu seiner Verantwortung steht und Achtung verdient. Abgesehen davon hatte ich kein Geld. Zumindest nicht genug, um auf längere Sicht wirklich sorgenfrei leben zu können. Hätte ich Therèse nicht vor wenigen Tagen meinen Anteil zum Kauf der Tennisanlage überwiesen, die Welt hätte mit einer Million im Rücken oder mit zweien anders ausgesehen.

Außerdem lag es mir nicht, Problemen aus dem Weg zu gehen. Ich war niemand, der das Unangenehme vermied, der zögerte, wenn es ernst wurde. Verdankte ich meine Erfolge nicht gerade meinem Willen, mich den Schwierigkeiten zu stellen, sie beherzt anzugehen, in der felsenfesten Überzeugung, ich könnte sie tatsächlich niederringen, eine Überzeugung, die sich auf andere, auf meine Gegner übertragen und sie schließlich zur Aufgabe oder zum Nachgeben gezwungen hatte? Als bräuchte ich, nur selbst daran zu glauben, wurde dieser Glaube zur Gewissheit, zu einer Wirklichkeit, die aus dem Nichts geschaffen wurde oder aus mir heraus, was in gewisser Hinsicht das gleiche war.

Wann hatte sich das geändert? War der letzte Montag wirklich der Wendepunkt gewesen? Konnte ein Leben so schlagartig umkippen, ein Mensch sich in seinen grundlegenden Überzeugungen und Verhaltensweisen so grundlegend verwandeln? Dass ich überhaupt an Flucht gedacht hatte, zeigte mir deutlicher als vieles andere, wie sehr ich mich verändert hatte. Ich war nur noch ein Abziehbild meiner, eine Karikatur. War es ein Wunder, dass man mit mir so umspringen zu können glaubte?

Hatten solche Selbstgespräche mich manches Mal zuvor noch aufgerüttelt, mir wie ein magisches Mantra den Willen und die Energie zurückgebracht, mich zu wehren, in einer fast kindlichen Trotzreaktion die letzten Reserven im Kampf freizusetzen, stellte ich mit Verwunderung fest, dass sich gar nichts tat. Nichts regte sich, keine Wut, kein Ärger, kein Hass, nicht einmal Trotz. Es blieb die Niedergeschlagenheit, die Verzweiflung angesichts meiner Lage und meiner Zukunft. Und es blieb Florida. Oder Spanien. Es blieb die Verlockung, einfach zu gehen, Robert, Susanne, Katrin und die Steuerfahndung hinter mir zu lassen, zu vergessen, als gehörten sie in eine andere Welt, in eine Parallelwelt mit einer verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit, sie sei jemals real gewesen oder könnte es irgendwann werden.

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Kapitel 21

Der Samstag wurde ein Tag, der nicht zu den vorangegangenen passte und auch nicht zu jenem, der noch kommen sollte, ein Tag zwischen Anfang und Ende, wie ein Atemholen, eine Flucht - eine kleine Flucht -, ein Tag, an dem sich nichts ereignete, nichts ereignen durfte, weil ich es nicht zuließ; und wenn sich doch etwas tat, so erfuhr ich es nicht.

Wieder hatte ich schlecht geschlafen, wenn ich überhaupt geschlafen hatte, denn auch der Schlaf war nichts, was mich vergessen ließ, so als lebte ich in meinen Träumen, in diesem durchsichtigen Wachschlaf in gleicher Gestalt weiter, jemand, der mich endlich aufgespürt hatte und jetzt verfolgte in meine Zukunft hinein und auch zurück in die fernste Vergangenheit.

Noch vor Sonnenaufgang stand ich auf, leise, um Mona nicht zu wecken, nahm den Geländewagen und fuhr in den noch dunklen Morgen hinaus.

Es gab ein Haus in den Bergen an einem See, ein Wochenend- oder Ferienhaus, das ich nur noch selten benutzte. In den ersten Jahren, in denen ich es besaß, war ich häufig dort gewesen, mit Therèse, auch mit Katrin und mit manch einer anderen. Es lag einige Autostunden entfernt im nächstgelegenen Ausland, zu weit um selbst bei schneller Fahrt einen Tag dort zu verbringen oder was ich auch immer gedacht haben mochte, als ich losgefahren war. Oder war ich für einen kurzen Moment dem Reiz der Fluchtpläne erlegen, die ich am Vortag noch gesponnen hatte?

Tatsächlich dachte ich keinen Augenblick daran, nicht zurückzukehren. Als hätte ich keine Wahl, würde ich am Sonntag mit dem Mikrofon in der Hand vor die Menge treten, auflaufen wie ein Sportler, der weiß, dass er keine Chance und doch sich jenem seltsamen Ritus unterwirft, einem archaischen Instinkt folgend, sich dem Gegner zu stellen. Selbstmord, Flucht, Krankheit, alles untaugliche Mittel, sich dieser Stunde zu entziehen. Was ließ einen Menschen sehenden Auges in sein Verderben gehen? Es gab nichts Höheres, um dessentwillen ich mich hätte opfern müssen. War es also Stolz oder Dummheit, war es die Gewissheit, dass es keinen Ort geben konnte, an dem ich sicher gewesen wäre, an dem ich Ruhe oder Frieden gefunden hätte?

Und doch fühlte ich mich befreit, als sich die Schlagbäume hinter mir schlossen. Die Straße war leer und feucht vom Tau oder von dem Nebel, der noch in den Tälern hing, weiß in der tief stehenden Sonne erstrahlte wie Schnee, und ich ließ den großvolumigen Motor im hohen Gang sich gegen den Berg werfen, spürte die Kraft, die uns hinauftrug auf einem schmalen Asphaltband zur nächsten Anhöhe, dorthin, wo es nach einer engen Kurve weiter bergauf ging, unzählige Kehren lang, als sei jeder Pass nur eine Vorstufe, eine Illusion seiner selbst, geschaffen, um Mut zu machen, ein leicht erreichbares Ziel vorzugaukeln. Und doch ging es ohne Anstrengung hinauf, kaum merklich fiel die Drehzahl, wenn ein besonders steiles Wegstück die nächste Kuppe ankündigte.

Ich genoss die Fahrt und wünschte mir ein wenig von dieser Kraft, die ich mit einer winzigen Bewegung meines Fußes zu beherrschen schien.

Ich könnte behaupten, innere Sammlung gesucht zu haben, stille Einkehr angesichts der Entscheidung, die bevorstand, oder vielleicht einen Ort, an dem ich ganz allein um Susanne hätte trauern können. Und doch ist weder das eine noch das andere wahr. In der darauffolgenden Nacht sollte ich genauso nach Hause zurückkehren, wie ich losgefahren war, genauso müde, genauso ratlos und unentschlossen. Nicht einmal viel nachgedacht, sollte ich dann haben, oder etwas verarbeitet, falls es das ist, was man von einer solchen Stunde erwartet. Am ehesten war es das Bedürfnis gewesen, die Initiative zurückzugewinnen, die Kette der unglückseligen Ereignisse zu unterbrechen, irgendetwas zu tun, das mir nicht vorherbestimmt war, das mein Gegner, das Schicksal oder wer es auch immer war, der auf der anderen Seite stand, nicht vorhergesehen hatte. So sorgfältig alles geplant zu sein schien, so naheliegend meine Reaktionen bisher gewesen waren, dieser sinnlose Schritt kam gewiss unerwartet. Und so holte ich mir ein Stück Freiheit zurück, ein Stück, mit dem ich nichts anzufangen wusste, ein nutzloses kleines Stück, aber es gehörte mir.

Etwas Zweites kam hinzu. Die Freiheit zu gehen, gab mir auch die Freiheit zurückzukehren. Was immer sich am nächsten Tag ereignete, ich nahm es freiwillig auf mich.

Das Haus lag am Ende eines Feldweges, am Rand einer vor gelben und roten Blumen strotzenden Wiese, und vom ersten Stock konnte man über das hohe Gras hinweg auf den See schauen. Es war ein schmaler, langer See mit dunklem, fast schwarzem Wasser, und wenn man unten am Bootshaus stand oder auf den Steg hinausging, dorthin, wo das Ufer genauso steil abfiel wie dahinter der Berg, meinte man die Tiefe zu spüren, ein unsichtbarer Abgrund, der an den Füßen zerrte und die Knie weich werden ließ.

Ich ließ das Boot zu Wasser, warf die Ruder hinein und stieß mich ab. Ich ruderte, bis ich ins schwitzen kam, bis meine der Arbeit entwöhnten Hände schmerzten und die Haut sich abzulösen begann. Als ich schließlich wieder anlegte, war die Sonne ein ganzes Stück höher gewandert, und auch das Wasser schien heller, erstrahlte in dem dunklen Blau des bald beginnenden Sommers.

Die körperliche Anstrengung hatte mir gut getan. Ich spürte das kräftige Pochen meines Herzens, das Blut, das durch meine Adern drängte, als habe es endlich etwas zu tun, seit langer Zeit oder zum ersten Mal, und plötzlich bedauerte ich die Untätigkeit, zu der ich mich verurteilt hatte, dieses sitzende Leben, das zwischen zu fettem Essen und zuviel Alkohol pendelte - ein Wunder, dass ich nicht rauchte. Wie lange ich wohl noch zu leben habe?

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Vielleicht sind das die Fragen, die sich am Vorabend des fünfzigsten Geburtstags stellen, und so wurde es doch besinnlich.

Zum wiederholten Male in den letzten Tagen versuchte ich, mir die Zeit vor dem letzten Montag vorzustellen, zu vergegenwärtigen, als läge sie schon Jahre oder Jahrzehnte zurück und nicht erst gut einhundert Stunden. Von Mal zu Mal gelang es mir weniger. Ich erinnerte sie nur noch wie einen Film, wie etwas, was ein anderer erlebt hatte. Sicher, ich hatte keine Mühe, die Fakten zu memorieren, die Ereignisse, kleine Episoden und ganze Dialoge. Mein Gedächtnis war in Ordnung. Und doch fehlte etwas. Die Bewertungen waren verlorengegangen, Gefühle wie Stolz oder Scham, vielleicht Gefühle überhaupt. Wie hatte ich mich in der letzten Woche gefühlt? War ich wirklich zufrieden gewesen, glücklich gar? Hatte ich tatsächlich auf ein erfülltes Leben zurückgeblickt, auf ein Werk, auf das man stolz sein konnte, auf Menschen, die mich geliebt oder zumindest geachtet hatten? Kaum vorstellbar, und doch musste es so gewesen sein. Die Genie und Wahnsinn-Veranstaltung sprach eine deutliche Sprache. Sie wäre der sorgfältig inszenierte Höhepunkt geworden, ein Ort der Selbstdarstellung, der Demonstration von Erfolg und Überlegenheit, ein Ort, an dem mir alle Beifall gezollt hätten, ob freiwillig oder nicht, und ich hätte auf diese Freiwilligkeit gepfiffen: top of the world.

Und stattdessen? Sollte ich tatsächlich vor ihnen treten und um Verzeihung bitten, den Kopf neigen in der Hoffnung, sie schlügen ihn nicht ab, sie stürzten sich nicht auf mich, so wie sie es vielleicht schon unzählige Male in Gedanken getan hatten?

Zum ersten Mal seit langer Zeit wünschte ich mir, es gäbe jemand, der mich jetzt auffinge, wie ein Kind, das man in den Arm nimmt und tröstet. Aber es gab niemanden mehr. Therèse hatte den Punkt, an dem sie so etwas hätte tun können, vor Jahrzehnten überschritten, sehr bald schon, und unsere Beziehung hatte mehr und mehr jener zweier ausgebuffter Geschäftspartner geähnelt, die einander zwar brauchen, aber dennoch versuchen, den anderen bei der erstbesten Gelegenheit über den Tisch zu ziehen. Was jetzt mit der Tennishalle und meinem Geld geschehen war, blieb nur der traurige Höhepunkt in dieser Entwicklung. Mit Mona war es immer einfacher, wenn auch nicht menschlicher gewesen. Es gab ein klares Abkommen, einen regelrechten Vertrag, der zum gegenseitigen Vorteil die jeweiligen Rechte und Pflichten regelte und keine Missverständnisse aufkommen ließ. Wir brauchten uns nur beide daran zu halten, um bis in alle Ewigkeit gut miteinander auszukommen.

Susanne war ein Kind gewesen. Sie war von mir abhängig gewesen und es hatte ihr Spaß gemacht, mich von ihr abhängig zu machen. Vielleicht nicht nur Spaß, es war eher eine Notwendigkeit gewesen, der Versuch der Umkehrung, der Bewältigung, der Verarbeitung. Dennoch hatte das, was zwischen uns geschehen war, wenig mit mir zu tun gehabt. Ich war nicht viel mehr als ein Projektionsschirm gewesen, auf dem sie ihre Konflikte und Ängste, ihre unverarbeitete Vergangenheit abgeladen hatte.

Vielleicht Katrin, am ehesten sie. Sie war jene gewesen, die stets für mich da war, mich auffing, wann immer ich stolperte und mir eine blutige Nase holte. Und sie hatte keine Gegenleistungen verlangt. Es genügte ihr, gebraucht zu werden. Dafür ertrug sie mich, meine kleinen Grausamkeiten, meine Undankbarkeit. Wie einen Blitzableiter, an dem ich meine schlechte Laune abreagieren konnte, hatte ich auf sie abgewälzt, was mich belastet hatte, ein Akt der Hygiene, der inneren Reinigung. Kein Wunder, dass es mir seit einigen Monaten schlecht ging! Ich erstickte an meinem eigenen Dreck.

Und Katrin rechnete nicht auf. Sie war selbstlos genug, um lange Zeit mit einem Gefühlskonto leben zu können, das im Minus war, weit im Minus, und horrende Fehlbeträge aufwies. Vielleicht vertraute sie darauf, irgendwann entschädigt zu werden, vielleicht dachte sie nicht einmal in solchen Kategorien, in Begriffen wie Soll und Haben, in den imaginären Spalten einer Beziehungsbuchhaltung, an Ein- und Ausgängen, die sie fein säuberlich hätte verzeichnen können, wie sie es mit jenen der Klinik tatsächlich tat, so als könne sie geben ohne zu nehmen, ohne jemals zu bekommen oder bekommen zu haben. Seltsam, dachte ich. Ich verstand sie nicht und hatte es wohl niemals getan. Und doch wünschte ich mir, sie sei jetzt da, ich könnte mich an sie anlehnen, könnte loslassen, so wie ich es früher mehr als einmal getan hatte.

Unten beim Bauern herrschte die übliche rege Betriebsamkeit, und für einen kurzen Augenblick vergaß ich, dass es Samstag war, dass mir bis zum Sonntag nur eine kurze Galgenfrist blieb. Die Kühe standen auf der Weide, das Klimpern ihrer Glocken war weithin zu hören, und auch das Hämmern und Klopfen, das von verschiedenen Ecken des weitläufigen Gehöfts herüber schallte, hallte in dem engen Tal nach, klang voll und räumlich wie in einem Konzertsaal.

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Der alte Sebastian - ich nannte ihn so; mir seinen unaussprechbaren Namen zu merken, hatte ich bald aufgegeben - ließ eine schwere Metallplatte sinken, die zu irgendeiner Gerätschaft gehörte, die er gerade auseinander nahm, rieb sich die Hände an seiner schmutzigblauen Arbeitshose ab und kam auf mich zu. In meiner Abwesenheit kümmerte er sich um mein Häuschen und das Grundstück und wurde nicht schlecht dafür bezahlt. Er deutete ein Lächeln an, und die dunkle lederne Haut in seinem Gesicht faltete sich auf, schlug Wellen wie der See bei Sturm. Er brummte etwas, und für zwei Minuten führten wir eine einseitige Unterhaltung, in der ich mich nach Neuigkeiten und für mich wichtigen Vorkommnissen zu erkundigen versuchte. Dann kaufte ich ihm Brot und Milch ab, etwas Schinken und Käse und ging den Weg zurück hinauf.

So verbrachte ich den Tag. Ich saß auf der kleinen Terrasse oder lief das Tal ein Stück hinauf, machte einen Abstecher ins Dorf, ruderte später noch ein wenig, aß zwischendurch ein Schinkenbrot, lehnte mich zurück in meinen Stuhl, schloss die Augen, ohne Schlaf finden zu können.

Hier oben wurde es früh dunkel, und wie so oft vorher, überraschte mich auch an diesem Tag die bald einsetzende Dämmerung. Hatte ich mich bis dahin ein wenig gefasst, die innere Unruhe niedergerungen, die mich am Morgen noch erfüllt hatte, spürte ich, dass der Rhythmus meines Herzschlags sich wieder beschleunigte und ein Kribbeln in meine Gliedmaßen kroch, das sie zucken ließ und zittern, nervös einen unhörbaren Takt schlagen, als zeigten sie selbst die Sekunden oder Sekundenbruchteile an, die gleichmäßig verrannen. Mit der Dunkelheit kam auch die Kühle, ein kalter, feuchter Wind, der über den See die Wiesen hinauf strich, und mich ins Haus zurücktrieb. Aber auch hier war alles klamm, und so fachte ich ein kleines Feuer im Kamin an, obwohl ich wusste, dass es kaum mehr lohnte.

Als die beiden Scheite endlich brannten und der anfängliche Rauch einer trockenen Wärme gewichen war, entspannte ich mich ein wenig. Ich starrte ins Feuer, auf die zischende Glut, und mein Gesicht war heiß, als hätte ich Fieber, eine ungesunde Hitze, die nur oberflächlich wärmte und im Nacken und Rücken frösteln ließ.

So saß ich eine Stunde oder länger auf der alten Couch mit dem geblümten Überzug eine Tasse Tee in der Hand, die ich in regelmäßigen Abständen wieder auffüllte, ohne Lust auf Alkohol oder etwas anderes zu haben. Dann musste ich auf die Toilette. Als ich wieder zurückkam, schien mir das Zimmer verwandelt. Das Feuer brannte höher, loderte in den Schacht des Kamins hinein, und mit der Luft, die in diesem Zug beschleunigt und hoch in die Nacht hinauf geblasen wurde, schien auch die Feuchtigkeit hinausgetrieben worden zu sein. Ich legte mich aufs Polster, die nackten Füße in Feuernähe, und schloss die Augen.

Vielleicht nickte ich ein und träumte, vielleicht lag ich im Halbschlaf oder stellte mir vor, was ich sah, ließ der Phantasie freien Lauf, meiner Vorstellungskraft oder den zuvor sorgsam zurückgehaltenen Halluzinationen.

Jemand sitzt neben mir auf der Couch. Ich spüre das Gewicht eines Körpers, das das Polster eindrückt oder die Matratze, und ich kullere ein winziges Stück darauf zu, auf diese Mulde, die mir wie ein Gravitationszentrum erscheint, das mich anzieht und mich einfängt in eine Kreisbahn, in die ich einschwenke auf eine gemächliche Runde. Eine warme Hand berührt meine Stirn, und jetzt öffne ich die Augen oder glaube dies zu tun. Mona sitzt an meinem Bett. Sie schaut über mich hinweg mit leerem Blick, starrt die Wand an oder etwas, was nur sie sieht. Wie gelähmt liege ich da, ohne mich zu bewegen oder den Mund aufmachen, ihre Hand nehmen und drücken zu können. Trotz ihrer Nähe, ist sie unerreichbar weit weg. Ich stöhne, und vielleicht tue ich es tatsächlich, denn sie löst ihre Augen und schaut mich an, prüfend, um sie nach dieser kurzen Spanne wieder zurückwandern zu lassen.

Sie sagt etwas, leise, als führe sie Selbstgespräche, und ich habe Mühe, sie zu verstehen. Vielleicht sagt sie: Du musst zurückkommen. Es wird alles wieder gut. Du musst es nur wollen. Vielleicht auch: Alleine schaffen wir es nicht. Du musst uns helfen. Ohne dich geht es nicht. Und ich würde ihr gerne antworten oder nicken, mit den Lidern blinzeln, das Auge zusammenkneifen oder was immer man in einer solchen Situation tut oder tun sollte. Ich würde sie gerne bitten, lauter zu sprechen, sich herunter zu beugen an mein Ohr. Komm zurück. Wir wollen dich so, wie du bist, sagt sie, und sie hat Tränen in den Augen, kleine Tropfen, die auf mich herunterfallen, auf meine versteinerte Hand und sie benetzen. Auch ihre Hand ist feucht, und sie legt sie mir auf Stirn und lässt sie dort liegen.

 

Wie spät es war, als ich in den Wagen stieg, um nach Hause zurückzufahren, weiß ich nicht. Ich vermied es, auf die Uhr zu schauen. Auf dem Hof war es aber längst dunkel, und unten im Dorf brannten nur noch wenige Lichter. Die Straße war genauso schwarz und undurchdringlich wie der See, und ich musste das Aufblendlicht einschalten, um mich zwischen den spärlichen Katzenaugen hindurch zu finden.

Wieder zurück in Deutschland bereute ich es, den Geländewagen genommen zu haben. Verlassen lag die Autobahn vor mir, und war der Chrysler kein langsamer Wagen, an die Geschwindigkeit des Mercedes’ oder des Jaguars reichte er nicht heran. Es war nicht die Viertelstunde, die ich länger bräuchte, es war das Fahren am Limit, das mir fehlte, jenes Gefühl, das Äußerste zu tun, das sich nur in Extremsituationen einstellte, beim Bergsteigen vielleicht, auf den letzten Kilometern eines Marathonlaufs... Aber was wusste ich schon davon. Meine Grenzerfahrungen beschränkten sich auf maßlosem Alkoholkonsum und schnellem Autofahren. Aber erst die Kombination dieser beiden Exzesse hatte mich tatsächlich in die gefährliche Nähe dieser Grenze gebracht, an den Rand von etwas, das ich unmittelbar vor mir gespürt hatte, so als hätte ich bloß die Hand auszustrecken brauchen, um es zu berühren. Es hatte mir nicht wirklich Angst gemacht, und doch hatte es mich gemäßigt, hatte mich den Gasfuß einige Millimeter heben lassen, unwillkürlich, mit dem gleichen Reflex, mit dem der Ertrinkende noch einmal die Lungen voll Wasser pumpt, so als genüge es nicht, zu wissen, als müsse jedes stupide Überlebensprogramm auch in der sinnlosesten Situation durchexerziert werden.

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Vielleicht hätte ich mich deshalb heute gerne abermals an diese Grenze herangetastet, mit oder ohne Alkohol im Blut, hätte auf meinen Atem gelauscht, auf meinen Herzschlag - und hätte meinen Fuß beobachtet. Wäre er auch heute zurückgezuckt? Wer hätte in dieser Nacht im ewigen Kampf zwischen Überlebenswillen und Todessehnsucht die Oberhand behalten?

So blieb mir die Musik, und ich stellte die Anlage lauter, und mein Lieblingsstück erfüllte das Auto, durchdrang auch mich, als sei ich nur ein durchsichtiges Schemen, ein Geist, eine papierne Gestalt, und was sich auch außerhalb dieser unserer kleinen Welt befand, die Straße, die Nacht, verschwand, hörte auf zu existieren.

Ein junger Prinz kommt nach China in die Kaiserstadt und erhält Kunde von seltsamen Ereignissen. Des Kaisers Tochter, die heiratsunwillige, aber überirdisch schöne Prinzessin, gibt jedem, der um ihre Hand anhält, drei Rätsel auf. Wer die Antworten weiß, bekommt sie zur Frau, andernfalls wird ihm umgehend der Kopf abgeschlagen. Noch hat kein Bewerber die Rätsel gelöst, und so säumen auf Pfähle gesteckte Köpfe den Weg zum Palast.

Auch unser Prinz, betört von der Schönheit Turandots, beschließt, sich dem grausamen Werberitual zu stellen. Und, welch Wunder!, ohne Mühe gelingt es ihm, alle Fragen richtig zu beantworten. Doch dann wird er Turandots Verzweiflung gewahr, und großmütig, wie er ist, verzichtet er auf den Preis. Stattdessen gibt er ihr selbst ein Rätsel auf. Sie soll bis zum nächsten Morgen herausfinden, wer er ist. Gelingt es ihr, seinen Namen und das Land seiner Herkunft zu erraten, so ist sie frei, andernfalls muss sie ihn zum Manne nehmen.

Es ist die Nacht vor der Entscheidung, und der Prinz wacht. Bangend und hoffend, wartet er auf den Morgen. Wird es Turandot gelingen, seine wahre Identität herauszufinden?

Davon handelte das Nessun dorma.

Der Prinz:

Niemand schlafe!
Auch du, Prinzessin, in deinem kalten Zimmer
schaust die Sterne, die vor Liebe oder vor Hoffnung zittern.
Aber mein Geheimnis liegt hier in mir verschlossen,
Niemals wird jemand meinen Namen erfahren!


Chor der Frauen:

Seinen Namen wird niemand erfahren...
Und, ach, wir werden sterben, sterben!


Der Prinz:

Weiche, oh Nacht, geht unter ihr Sterne!
Morgen schon werde ich siegen!

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Kapitel 22

„Mona! Wo sind meine verdammten Manschettenknöpfe?“

„Woher soll ich das wissen!?“

„Die müssen doch hier irgendwo sein! Vor einer Viertelstunde habe ich sie noch gesehen.“

„Auf dem Nachttisch vielleicht?“

Als hätte ich dort nicht längst nachgesehen, dort und auch sonst überall, auf dem Boden, im Bett, hinter den Kopfkissen, sogar in der schmalen Lücke zwischen Wand und Schrank hatte ich eine Hand hinein gestreckt und doch nur Staub und Spinnweben hervorgeholt. Ächzend kniete ich mich hin, um auch unter dem Bett einen Arm auszustrecken, blind immer weitere Kreise zu ziehen in der Hoffnung, irgendwann auf etwas Hartes zu treffen, auf etwas Hartes und Kaltes, auf etwas, was nicht dorthin gehörte. Natürlich hätte ich auch eines der vielen anderen Paare aus der Schatulle nehmen können. Aber die Verbindungsknöpfe waren meine Lieblingsknöpfe, und sie so leichtfertig aufzugeben, bildete ich mir ein, wäre ein schlechtes Omen. Gerade heute konnte ich mir einen solchen Anfang nicht leisten.

Mona war eingeschnappt, vielleicht verdächtigte sie mich irgendwelcher amourösen Eskapaden, wobei sie sich vermutlich mehr um ihren finanziellen Status sorgte, als dass sie tatsächlich eifersüchtig gewesen wäre, jedenfalls schien sie mein Verschwinden beunruhigt zu haben. Sie fühlte sich ausgeschlossen, hatte wohl auch selbst anhand der Ereignisse der letzten Tage die Fremdheit bemerkt, mit der wir uns begegneten, das Unausgesprochene, das sich zwischen uns türmte und niemand beiseite zu räumen vermochte, und vielleicht hatte sie sich gleichfalls gefragt, ob das jemals anders gewesen war.

Am frühen Morgen erst war ich nach Hause gekommen, und angesichts der Unruhe, die mich mit dem Zwielicht dieser ersten Stunden des Tages erfasst hatte, war an Schlaf nicht zu denken. Zu wertvoll erschien mir die Zeit, die mir noch blieb, und mir war, als müsste ich diese Spanne nutzen, diese Gnadenfrist, die mir jemand oder ich mir selbst zugestanden hatte, mit irgendwas füllen, mit Nachdenken oder Abwägen, mit Erinnern und Schlussfolgern, mit etwas, das mich einer Lösung hätte näher bringen können, auch wenn ich wusste, dass es eine solche nicht gab. Dennoch verspürte ich die Notwendigkeit, zumindest so zu tun, als suchte ich danach. Vielleicht ist ein solches Kreisen der Gedanken reflexartig, vergleichbar mit dem Fluchtreflex, mit dem sich der Körper in Sicherheit zu bringen versucht.

Jedenfalls konnte ich den ganzen Tag keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn, etwas Neues über mich und meine Lage herausfinden. Je näher der Abend rückte, die Veranstaltung, auf die ich mich mechanisch vorbereitete, umso gereizter wurde ich. Ich fand keinen Ausweg, und je länger ich grübelte, umso wütender wurde ich über meine eigene Unfähigkeit.

Plötzlich jaulte der Hund laut auf, und ich zog meine Hand schnell zurück, obwohl ich ihn kaum berührt hatte und ich wusste, dass sich das Tier mit seinem panischen Kläffen nur bemerkbar machen wollte. Zu schnell konnte man aus Versehen darüber stolpern, und so schien es einem genetischen Programm zu folgen, das ihn bei jeder noch so harmlosen Annäherung eine Folge aufgeregter Laute ausstoßen ließ, ein Zwischending zwischen hohlem Bellen und schrillem Gekreische, das, dem Fehlen eines anständigen Resonanzvolumens zum Trotz, durch Mark und Bein ging.

„Monkey, mein Schatz, was hat er dir angetan!?“ Mona kam aus dem Bad gerannt, bückte sich, und der Chihuahua sprang ihr in die Arme. Dort saß er dann zitternd mit seiner rosa Schleife und machte einen erbarmungswürdigen Eindruck. Sie funkelte mich an, als sei ich ein Ungeheuer. „Das arme Tier!“

„Du willst doch nicht wirklich dieses...“, ich suchte nach Worten, „dieses Geschöpf heute Abend mitnehmen?!“

„Monkey kommt mit!“

Ich seufzte, und sie brachte das Hündchen zu seinem Körbchen. Als sie an mir vorbeigingen, meinte ich, es fletsche die Zähne und knurre leise. Heute schienen beide nicht gut auf mich zu sprechen zu sein.

Mein Blick fiel auf die große Spiegelwand des Schlafzimmerschranks, und ich erschrak. Ich sah müde aus, fett und aufgedunsen, mein Gesicht war gerötet, und ich fragte mich, ob die Sonne des Vortags oder mein Bluthochdruck, mein Alkoholkonsum, meine Nervosität oder welche Kombination dieser Faktoren dafür verantwortlich zu machen war. Mein dunkelblauer Anzug spannte um Bauch und Hüften, erschien seltsam aufgebläht wie die Haut eines Ballons - ein zum Reißen gespannter Stoff, der jeden Augenblick nachgeben konnte, um etwas Unappetitliches zum Vorschein zu bringen, herausquellendes Fett, Eingeweide, Exkremente und was ich mir sonst alles in diesem Augenblick vorstellte.

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Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß und mich anstarrte. Ich weiß auch nicht, was ich tatsächlich sah, ob das Bild in diesem Spiegel tatsächlich mich selbst darstellte oder nur eine stümperhafte Kopie, eine verzerrte Projektion, eine Karikatur meiner selbst. So fremd war ich mir geworden. Als Mona plötzlich etwas aus dem Bad herüber rief, schreckte ich auf. Als sei ich gerade aus einer tiefen Trance erwacht, sah mich um, sah an mir herunter. Plötzlich meinte ich, die gleiche lächerlich sinnlose Situation schon einmal erlebt zu haben, einmal erlebt zu haben oder hundertmal. Immer wieder würde ich diese verdammten Knöpfe suchen, würde auf dem Boden des Schlafzimmers sitzen, würde in dieses Tier fassen, sein Gekläffe ertragen und die dümmlichen Bemerkungen Monas.

„Hast du sie gefunden?“

„Was?“

„Na was wohl, deine Manschettenknöpfe!“

Sie kam auf ihren hohen Absätzen herein, und mein Blick wanderte die kniehohen Stiefel hinauf, das bestrumpfte Bein entlang bis zum Ansatz ihres sehr kurzen Rocks.

„Sind sie das nicht?“ Sie nahm die Knöpfe aus dem kristallenem Aschenbecher, der auf meinem Nachttisch stand, und ließ sie mir in den Schoß fallen. Mit dem wiegenden Schritt, den sie für besonders verführerisch hielt, strich sie an mir vorbei ins Bad zurück.

„Musst du rumlaufen wie eine Nutte?“

Du wolltest doch immer, dass ich mehr Figur zeige!“

Tatsächlich hatte es eine Zeit gegeben, da hatte sie nicht aufreizend genug aussehen können, und so hatten wir manch einen Gastgeber in Verlegenheit gebracht. „Mir wäre es lieber, du würdest heute etwas Anständiges anziehen.“

„Wie stellst du dir das vor!? Meinst du, ich kann meine Klamotten wechseln, wie du dein Hemd? Ist dir schon mal aufgefallen, dass alles zusammenpassen muss?“

„Dann übertreib es wenigstens nicht mit der Schminke! Und beeil dich ein bisschen, wir müssen nämlich langsam los!“

Noch immer saß ich auf dem Boden die Manschettenknöpfe in der Hand. Automatisch polierte ich sie am Ärmel meines Sakkos. Als ich sie durch die Knopflöcher des Hemdes stecken wollte, stutzte ich. Die kleinen Silberplättchen, winzige Münzen, die darauf angebracht waren, hätten die Insignien meiner akademischen Verbindung zeigen sollen. Das vielfach geschwungene T! auf der einen, den Wahlspruch (Carpe diem!) auf der anderen Seite. Und sie waren tatsächlich graviert, kunstvoll, doch die Motive waren neu - oder alt, noch älter an Jahren, als es meine schon ehrwürdige Verbindung wohl jemals würde. Ich hatte eine Reproduktion des römischen Dinars vor mir, jener Münze, die ich unlängst im Planetarium bei der Kometenshow gesehen hatte. Groß wie ein aufgehender Mond war sie in den Kunsthimmel projiziert worden, groß genug, dass ich jede Einzelheit erinnerte. Und so sprangen mir die Unstimmigkeiten ins Auge. Es war nicht dieses BONA BONIS, MALA MALIS, das die Rückseite beherrschte und ich zwar kannte, auch wenn es unzweifelhaft nicht dorthin gehörte, es war der Kopf des Cäsars, der mich beunruhigte. Die gerade Nase, die hohe Stirn - ein ernstes, ruhiges Gesicht, das Würde und Autorität ausstrahlte, Selbstachtung. Es war nicht Cäsars Kopf, es hatte Ähnlichkeiten mit meinem eigenen, entfernte Ähnlichkeiten nur, und doch erkannte ich den Mund, die Augen, das vollere Haar meiner Jugend. Die Abbildung schmeichelte mir, das war gewiss, und doch war ich es selbst, oder es war das, was ich gern gewesen wäre. Dann schaute ich wieder in den Spiegel, auf die Tränensäcke, die Hamsterbacken, das spärliche Haar. Vielleicht täuschte ich mich, vielleicht wünschte ich mir diese Ähnlichkeit. Verwirrt wie ich heute war, konnte mir mein Unterbewusstsein dieses und vieles mehr vorgaukeln.

„Du sitzt ja immer noch hier herum! Stimmt irgendwas nicht?“

Ich rappelte mich auf. „Wie? Nein, nein, was soll denn sein?“ Etwas benommen stand ich wieder auf eigenen Füßen und strich mir die Hosenbeine glatt.

Dann gingen wir die Treppe hinunter in den ersten Stock. Unsere Schritte hallten in dem leeren Haus. Schon fast in der Tür machte Mona noch einmal kehrt.

„Liebling, ich habe ganz vergessen, dir das zu geben. Katrin hat es gestern vorbeigebracht.“

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Es war eine Audiokassette. Nachdenklich betrachtete ich sie. Es war eine handelsübliche Kassette, wie wir sie hundertfach in der Klinik verwendeten, und sie war unbeschriftet. Wenn Katrin nur deshalb hier vorbeigekommen war, dann musste sie wichtig sein, und ich fragte mich, was sie enthielt. Das Demoband irgendeines Künstlers, der heute Abend auftrat, vermutete ich, und diese Antwort klang glaubwürdig und naheliegend. Sie beruhigte mich ein wenig.

In der Garage standen vier Autos: der schlammverkrustete Grand Cherokee Geländewagen, ein Jaguar Cabriolet, der rote Fiat Roadster, den ich Mona unlängst zum Geburtstag geschenkt hatte, und eine große, dunkelblaue Mercedes-Limousine, auf die ich zielstrebig zusteuerte.

Das Garagentor schwang auf, und der schwere Wagen rollte hinaus in den vergehenden Tag. Noch war es hell. Tief im Westen stand die matte Abendsonne. Wir mussten ein Stück fahren, aber zeitig, wie wir aufgebrochen waren, bestand kein Anlass zur Eile. Wie schon mehrfach an diesem Tag war ich Katrin und Therèse dankbar, dass ich mich nicht um die organisatorischen Vorbereitungen vor Ort hatte kümmern müssen. In seltener Eintracht hatten sie über Getränke- und Essenslieferungen, das Aufstellen der Bänke und Stühle, die Tausend zu erledigenden Kleinigkeiten gewacht.

Irgendwann auf halbem Wege schob ich die Kassette in den Schlitz des Recorders. Vielleicht erwartete ich tatsächlich, die Stimme eines zweitklassigen Sängers zu hören, vielleicht hatte mir Robert neue Bedingungen diktiert oder Susanne eine Abschiedsbotschaft. Obwohl ich mit allem zu rechnen glaubte, traf mich das, was ich hörte, gänzlich unvorbereitet. So dauerte es einige Sekunden, bis es mir gelang, den Lauten, die ich hörte, Bedeutungen zuzuordnen, den Bedeutungen eine Szene. Erst dann, erst nach dieser langen Zeit, stoppte ich die Wiedergabe.

„Brav, folgsam, gelehrig. Ich soll zu Ihnen aufsehen und Sie bewundern. So als bräuchte ich nur, das zu tun, was Sie von mir erwarten, um irgendwann geheilt zu sein, dann müsste ich Ihnen dankbar sein bis zum Ende meiner Tage, und Sie hätten der ganzen Welt bewiesen, was für ein toller Kerl Sie sind.“

So sehen Sie mich?“

Sie haben sich auf einen Sockel gestellt, unangreifbar und unberührbar, und daneben bleibt kein Platz, weder für mich noch für sonst jemanden. Sie wollen ein braves Mädchen aus mir machen, aber das ist vergebene Liebesmüh’, dafür ist es zu spät. Außerdem hätte niemand etwas davon, Sie nicht und ich schon gar nicht.

Und was wollen Sie aus sich machen?

„Was ich aus mir machen will, weiß ich nicht. Zumindest jetzt nicht. Irgendwann werde ich es vielleicht wissen. Aber ich weiß immerhin, was ich jetzt machen will in diesem Augenblick.“

„Was tun Sie da?“

„Kommen Sie, Doktorchen, spielen Sie nicht das Unschuldslamm. Seit Stunden denken Sie doch an nichts anderes. Meinen Sie, ich hätte das nicht gemerkt? Sehen Sie. Es ist ganz leicht. Die Welt geht nicht unter, und niemanden trifft der Schlag oder der Blitz oder der Bannstrahl. Man muss es nur zulassen. Dann geht es von selbst. Das ist das ganze Geheimnis...“

„Ist das deine Stimme?“

„Ja, ja“, versuchte ich, so beiläufig wie möglich zu sagen, doch meine Hände am Steuer waren feucht geworden. „Es ist die Aufzeichnung einer Therapiesitzung. Ich hatte Katrin drum gebeten.“

Außer meiner Stimme schien Mona nichts Bemerkenswertes diesem kurzen Dialog entnommen zu haben, und ich fragte mich, ob sich nur mir, der ich den Sätzen Bilder zuordnen konnte, die ganze Tragweite ihrer Bedeutung erschloss. Waren es nicht beliebige Chiffren, die für alles Mögliche stehen konnten? War in dieser Stunde tatsächlich etwas Kompromittierendes gesagt worden, ausgesprochen, so unzweideutig, dass kein Zweifel bestehen konnte? Zum ersten Mal war ich froh, dass ich meine Therapiestunden nicht auf Video aufzeichnete.

Ein wenig beruhigte mich diese Überlegung, und doch, es war nicht auszudenken, was geschähe, wenn die Kassette in falsche Hände geriete, in die der Presse zum Beispiel oder noch schlimmer, in die von Susannes Mutter. Sie hätte vermutlich keine Mühe Zwei und Zwei zusammenzuzählen, und irgendwelche hypothetische Interpretationsspielräume ließen sie vermutlich kalt.

Warum aber hatte Katrin mir die Kassette gebracht? Hatte sie die Aufzeichnung aus dem Verkehr ziehen wollen, als Sicherheitsmaßnahme, so als seien solcherart belastende Indizien bei mir besser aufgehoben als in der Klinik? Oder wollte sie mir damit sagen, dass sie wusste, was geschehen war, so genau wusste, als sei sie persönlich anwesend gewesen? Aber konnte ich mir nicht schließlich auch so denken, dass Susanne ihr alles erzählt hatte?

„Wann war Katrin da?“

„Irgendwann gestern. Es war schon dunkel, glaube ich.“

Dann war Susanne bereits tot gewesen.

Wir hatten die Autobahn verlassen und fuhren an Eisenbahnlinien und Schrebergärten vorbei immer weiter in ein Gewirr von engen Straßen hinein. Vereinzelt war noch jemand mit dem Fahrrad unterwegs, und ich hatte Mühe, mit dem breiten Wagen vorbeizukommen. Mehr als einmal klatschten Zweige an die Windschutzscheibe, kratzten Brombeersträucher am Lack.

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Der kleine Parkplatz hinter der Tennisanlage war bereits bis zum letzten Winkel mit Autos vollgestellt, und so fuhr ich auf die Wiese dahinter. Dort hatten wir einige hundert behelfsmäßige Plätze ausgewiesen. Obwohl es am Morgen geregnet hatte, war der Boden fest, das Gras dicht und trocken, und so war nicht zu befürchten, die Gäste müssten nach der Vorstellung mit Seilwinden aus dem Morast gezogen werden.

Wir stiegen aus. Bis zum Eingang waren es kaum fünfzig Meter, und von weiten schon sah ich Menschen stehen und gehen, dunkel gekleidete Grüppchen, die vom Parkplatz kamen, hastende Angestellte mit ihren hellen Schürzen, einzelne Gestalten, die zwischen dem Restaurant und der großen Tennishalle hin und her gingen. Sprachfetzen wehten herüber und vereinzeltes Lachen, laut gerufene Worte, die Schreie von Kindern. Die Dämmerung hatte eingesetzt und die Konturen wurden weicher, Tiefe ging verloren, die Entfernungen dehnten sich aus oder schrumpften, unvorhersehbar und beunruhigend. Schon brannten die ersten Lampen der Außenbeleuchtung.

Noch hatte ich niemanden erkannt und niemand mich, und doch zweifelte ich nicht daran, dass alle da waren oder es bald wären: Therèse und ihr Entsorgungsspezialist, Katrin, Frau Schwarz, die Journalistin von der Rundschau, Robert, Hage, der gesammelte Vorstand des Trägervereins und dann die anderen, Mitarbeiter, Parteifreunde, manch ein Offizieller von Stadt und Land, wenn er sein Versprechen hielt auch ein hoher Beamter des Kanzleramtes. Neben dieser unübersehbaren Schar von Ehrengästen nahmen sich jene zahlenden Besucher, denen es tatsächlich um Kultur oder zumindest um Unterhaltung ging, fast wie eine Minderheit aus. Sie gaben die Staffage ab, füllten die hinteren Reihen, die Räume dazwischen. Und doch, ohne dieses unser Publikum waren wir nichts, sie waren unser Spiegel und wir brauchten sie, um uns glänzen zu sehen.

Plötzlich blieb ich stehen. Mona stakste noch ein paar Meter weiter, um sich dann umzudrehen.

„Ist irgendwas?“

Ohne zu antworten stand ich da, während weitere Autos auf die Wiese fuhren, langsam über Furchen und Bodenwellen rollten und sich die Lichtbündel ihrer Scheinwerfer im Rhythmus dieser Dünung hoben und senkten, abwechselnd in den Himmel und in den Erde bohrten. Es dauerte kaum eine Minute, bis ich weiterging, eine Minute, in der ich noch hätte umkehren können, zurückgehen zum Wagen und davonfahren, Mona hinter mich lassen und alles andere auch. Und es war tatsächlich ein Kampf. Was mich vorwärtstrieb, war das Wissen um die Aussichtslosigkeit von Flucht, die gleiche Gewissheit der Vortage, der ich nichts Neues entgegenzusetzen hatte. Andererseits fühlte ich mich außerstande, mich diesen Gesichtern zu stellen, den bekannten und den namenlosen, den geheuchelten Gratulationen zu meinem Fünfzigsten, zum Klinikjubiläum, dem ganzen Rummel, den ich unter anderen Vorzeichen um meine Person und meine Arbeit inszeniert hatte. Ich bezweifelte, dass es mir gelänge, die Fassade aufrecht zu halten, angesichts dessen, was geschehen war und noch ausstand, meine Rolle in der alten Kunstfertigkeit zu spielen. Für eine kurze Minute hielten sich diese Kräfte die Waage. Als zögen zwei gleichstarke Mannschaften an einem Tau, trat eine seltsame Starre ein, eine angestrengte Bewegungslosigkeit, die nur in den verzerrten Gesichtern der Sportler ein Maß gefunden hätte oder in den bis zum Zittern angespannten Muskeln, den Beinen, die sich der Schwerkraft höhnend weit vor dem Körper in den Boden stemmten, den Füßen, die sich eingruben in den Grund. Mir war nichts von alledem anzusehen.

Und vielleicht wäre ich in diesem stillen und unauffälligen Kampf verharrt für weitere endlose Minuten oder solange, bis einer der beiden Mannschaften die Kräfte geschwunden wären, wenn nicht plötzlich Dr. Babelsberg, der Ewige Bürgermeisterkandidat der Partei, der auch ich angehörte, neben mir gestanden hätte. Als wären die unerfreulichen Neuigkeiten noch nicht bis zu ihm vorgedrungen, begrüßte er mich überschwänglich und herzlich, so dass ich nach dem unverhofften Strohhalm greifend, ihm und seiner Gattin eine ausgiebige Besichtigung der weitläufigen Anlage anbot.

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So gelang es mir den größten Teil jener Stunde zu überbrücken, die bis Veranstaltungsbeginn blieb.

Doch dann holte mich Therèse ein und zog mich mit sich.

„Verdammt, Martin! Wo steckst du? Es geht gleich los!“

Sie hatte mich am Arm gepackt und ließ mich erst los, als wir wieder belebtere Gefilde erreicht hatten. Während ich neben ihr herging, versuchte ich, das strahlende Lächeln nachzuahmen, das auf ihren Lippen erschien, sobald wir uns jemandem näherten, nickte mit der gleichen Ungezwungenheit wie sie dem einen oder anderen zu und schüttelte manch eine Hand, um mich dann weiter durch die Menge zu zwängen, die seit meiner Ankunft gewaltig angewachsen schien, und Eingänge wie Korridore verstopfte. Schon wurden die ersten Bänke aus dem Bierzelt geholt, um zusätzliche Sitzplätze an den Seiten der Bühne zu schaffen. Gleichgültig, ob all diese Menschen wegen des Programms oder meinetwillen gekommen waren, um mich noch einmal leibhaftig zu sehen, um zu tuscheln und zu tratschen, zumindest was den Besuch anging, war die Veranstaltung zweifellos ein Erfolg.

Die Halle war gut gefüllt, und ein vielstimmiges Brausen hing in der Luft. Auf die allzu hellen Neonröhren, die normalerweise den reibungslosen Spielbetrieb gewährleisteten, hatte man gottlob verzichtet, und ein angenehmes Dämmerlicht ließ alles, was stand oder sich bewegte, bereits nach wenigen Metern in ein Halbdunkel verschwinden, das auch mich vor den allzu aufdringlichen Blicken schützte. Nur die Bühne, der schwarze Vorhang, durch den die Künstler sie betraten und verließen, wurde von einer Batterie starker Scheinwerfer bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. An ihrem Rand türmten sich die Lautsprecher.

Dann wurden Lampen und Strahler gelöscht. Nur noch zwei Spots trafen sich in der Bühnenmitte und warfen ihre sich überlappenden Kreise auf die Holzbohlen. Das Gemurmel ebbte ab. Jeder strebte seinem Platz zu. Auch ich beeilte mich, Therèse in die erste Reihe zu folgen. Erst dort, erst als ich zwischen ihr und Mona saß, fühlte ich mich sicherer. Aber es war eine trügerische Sicherheit, denn nun ging es los.

Hilfesuchend sah ich mich um. „Wo ist Katrin?“

Therèse hob sie Schultern. „Gerade war sie noch da. Ich glaube, sie sitzt irgendwo da hinten. So kommt sie notfalls schneller raus.“ Vielleicht war ihr selbst die Mehrdeutigkeit ihrer Formulierung aufgefallen, denn sie fügte hinzu: „Schließlich kann nicht jeder hier vorne den Hampelmann spielen. Jemand muss sich drum kümmern, dass der Laden läuft.“ Doch dann drückte sie mir versöhnlicher die Hand. „Bist du nervös? Du wirst sehen, es ist alles perfekt organisiert. Es kann gar nichts schief gehen. Du musst nur deinen Spruch aufsagen, und das hast du schließlich schon zig Mal getan.“

Gustav Gundelach betrat die Bühne, und die beiden Spots folgten ihm zum vorderen Bühnenrand. Wie üblich trug er einen Frack, glänzende schwarze Schuhe mit roten Spitzen, und das dunkle Haar, das ihm offen bis auf die Schultern fiel, verlieh ihm etwas Diabolisches und gleichzeitig Urkomisches. Eine merkwürdige Mischung, die beim Publikum aber offenbar ankam. Er lächelte breit, verbeugte sich, und mit einem Griff in die Hosentasche brachte er rotes Konfetti zum Vorschein, das er in hohem Bogen in die Luft warf. Während es auf ihn herunter rieselte, verbeugte er sich erneut, machte einen regelrechten Hofknicks, und nahm gesenkten Haupts sowohl die Papierstücke als auch den Applaus gleichmütig auf sich. Dann richtete er sich auf, und in der Halle wurde es still.

„Genie und Wahnsinn.“ Er machte eine lange Pause und ließ den Blick über die vollbesetzten Reihen wandern. „Das sind die beiden Extreme, die die Menschen schon seit jeher faszinieren, und es ist Tradition, dass uns dieses Motto durch den Abend begleiten wird. Wir werden Verwunderliches sehen, Absonderliches, Geheimnisvolles und Unerhörtes. Wir werden lachen und vielleicht weinen, wir werden uns fürchten und wir werden uns freuen. Ich möchte Sie heute Abend entführen in eine andere Welt“, mit einer weit ausholenden Bewegung schien er, die ganze Halle umfassen zu wollen, „in eine magische Welt, in der die Gesetzmäßigkeiten unseres Alltags nicht gelten, wo nichts normal ist, wo nichts so ist, wie wir es kennen. Und doch, ein Stück dieser Welt steckt in jeden von uns, auch daran soll dieser Abend erinnern. Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei.“ Beifall brandete auf, den Gundelach aber bald mit einer Hand erstickte. „Aber zuerst möchte ich einer ebenso notwendigen wie angenehmen Pflicht nachkommen. Wie Sie vielleicht wissen, feiern wir heute das zwanzigjährige Bestehen jener Einrichtung, zu deren Gunsten diese Benefizgala veranstaltet wird. Was Sie vielleicht nicht wissen: Heute feiern wir auch den fünfzigsten Geburtstag jenes Mannes, ohne den es die Klinik Sonnenwende nicht gäbe. Lassen Sie uns gemeinsam Dr. Martin Dorint herzlich gratulieren!“

Zu meiner Überraschung stimmte er ein Happy birthday to you an, und wie ein Dirigent ohne Taktstock hielt er das Publikum an, mitzusingen. Nachdem die letzten Worte im allgemeinen Durcheinander verklungen waren, zog er einen künstlichen Blumenstrauß aus dem Ärmel, streckte ihn mir entgegen und forderte mich mit einer einladenden Geste auf, nach oben zu kommen.

Mit klopfendem Herzen und wackligen Beinen stieg ich hinauf. Gundelach ergriff meine Hand und sagte etwas, was ich im erneut anschwellenden Applaus nicht verstand. Dann drehte er mich dem Publikum zu, und plötzlich stand ich da, das Mikrophon in der Rechten, die Lippen trocken und gefühllos.

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Sie klatschten noch immer, und doch rückte der Augenblick unaufhaltsam näher, an den ich etwas sagen, mich bedanken, die Einrichtung noch einmal vorstellen musste, möglicherweise auf die Gründerjahre und die Anfangszeit eingehen sollte, um dann meinen üblichen Sermon über die Benachteiligung der psychisch Kranken einfließen zu lassen, die verschütteten Fähigkeiten dieser Menschen zu beschwören, die Gesellschaft zu beklagen, die ihnen keine Chance gab, um dann elegant und exemplarisch jene vorzustellen, die später auftreten würden, jene, die es dank mir und meiner vorbildlichen Einrichtung zu etwas gebracht hatten. Therèse hatte recht. Nur das Übliche, ein wenig PR, ein wenig Moderation.

Der Beifall wurde dünner, und während er schnell verebbte, versuchte ich, in der Masse der eng beieinander Sitzenden ein bekanntes Gesicht auszumachen. Das Gegenlicht blendete mich. Halb blind kniff ich die Augen zusammen, kämpfte mich hindurch durch diesen gleißenden Vorhang, und da sah ich ihn. Weit hinten in der Mitte saß Robert Wesselmann. Vielleicht hätte ich ihn nicht erkannt, wenn er mir nicht seine Faust mit hochgerecktem Daumen entgegengestreckt hätte, als wolle er sagen Vorwärts! Das ist der richtige Augenblick, und plötzlich wusste ich, dass es tatsächlich so war. Wann, wenn nicht jetzt, war der richtige Augenblick, um sich der Wahrheit zu stellen, um sich zu offenbaren, um in einer Flucht nach vorne aufzuräumen mit den Unterstellungen und Verdächtigungen, den fremden Lügen und eigenen Halbwahrheiten? Vor all jenen, die es etwas anging, vor meinen Freunden und Mitarbeitern, den Bewunderern und Neidern, vor der Presse, vor Therèse und Katrin würde ich mich bekennen und Frieden schließen, Frieden mit mir und meiner Vergangenheit.

Verlockend erschien mir die Vorstellung, endlich einen Schlussstrich zu ziehen, und in dieser Sekunde glaubte ich tatsächlich, alles könne ein solch einfaches Ende finden. Schon war es still geworden in der Halle, totenstill, und ich räusperte mich. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, entdeckte ich sie.

Katrin saß neben Robert. Aus der Entfernung meinte ich, ein Paar zu sehen, ein Schulter an Schulter einträchtig nebeneinander sitzendes Ehepaar, und wie sie mit dem gleichen aufmerksamen und doch gelassenem Blick auf das warteten, was ich gleich sagen würde, machten sie den Eindruck, als wüssten sie es längst, als hätten sie es schon lange vor mir gewusst.

„Sehr verehrte Damen und Herren! Es ist mir eine große Freude, an diesem für unsere Einrichtung und auch für mich persönlich so wichtigen Abend so viele Menschen hier begrüßen zu dürfen, Freunde und Förderer jener Sache, der wir uns gemeinsam verschreiben haben, verdiente Mitarbeiter, hilfreiche Kollegen und auch Sie, liebe Gäste, die Sie sich vielleicht nur einen schönen und unterhaltsamen, einen bedenkenswerten Abend versprechen, einen Abend, der, wie ich glaube, Ihnen noch lange in Erinnerung bleiben wird.“

Was ich sagte, klang gut, und ich fühlte, wie mein Selbstvertrauen zurückkehrte. Solange ich hier oben stand, hatte ich die Macht, konnte bestimmen, welche Richtung mein Vortrag nähme. Und so hatte ich beschlossen, sie alle ein wenig hinzuhalten, auf die Folter zu spannen, abzuschweifen, den einen wie den anderen etwas hinzuwerfen, meinen Widersachern doppelbödige Anspielungen, die alles bedeuten konnten, allen anderen nichtssagende Floskeln, Versprechen auf ein späteres Mehr.

Während ich sprach, beobachtete ich Katrin und Robert, sprach mehr zu ihnen als zu jemanden sonst in der Halle, und gleichzeitig überlegte ich fieberhaft, woher sie sich kannten, durch welch glückliche oder unglückliche Fügung des Schicksals sie zueinander gefunden hatten. Nicht, dass mir die Kenntnis der Umstände tatsächlich weitergeholfen hätte, und doch, dieses, wie mir schien, letzte Geheimnis stand so körperlich in Gestalt der beiden vor mir, dass es sich geradezu aufdrängte, seine Lösung fast als eine Notwendigkeit, ein Akt des geistigen Aufräumens erschien, des Abschließens und Zurruhekommens.

„Gestatten Sie mir an diesem Tag auch einige persönliche Bemerkungen.“ Mein Blick ging zu Robert, und mir schien, als strafften sich seine Züge, als beuge er sich ein wenig vor. „Oft denke ich zurück an die Anfänge, an die Gründerjahre, wenn Sie so wollen, und auch an die Zeit davor, an meine Studienzeit. Als ich kürzlich vom Ableben meines akademischen Mentors und Lehrers Professor Steinbrecher erfuhr...“

Möglich, dass Robert Wesselmann schon vor einigen Monaten in der Klinik vorgesprochen hatte und von Katrin abgefangen worden war. Mit ihrem Charme hatte sie vermutlich schon nach wenigen Minuten alles Wissenswerte in Erfahrung gebracht. Möglich auch, dass sie sich auf dem Ärztetag kennengelernt hatten. Vielleicht hatte auch einer der beiden gezielt nach einem möglichen Bündnispartner gesucht und war dann auf den jeweils anderen gestoßen. Wie viele Feinde hatte ich, die sich etwas von einem Zusammenschluss gegen mich versprechen konnten?

„Meine sehr verehrten Damen und Herren!“ Noch hatte ich keinen blassen Schimmer, wie ich fortfahren würde. Der Anblick Katrins, die wortlose Übereinstimmung, die ich in diesem Beieinandersitzen zu erkennen glaubte, hatte mich meine Pläne vergessen lassen, die Enthüllungen und Rechtfertigungen und auch die Entschuldigungen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Was ich sah, bewies nichts, und doch war ich außerstande, an einen Zufall zu glauben. Dort war die Allianz, die mich verfolgt, die Verschwörung, die ich allgegenwärtig verspürt hatte, ohne sie benennen zu können. Jetzt, da ich die Namen kannte, ihre kunstvollen Schachzüge verstanden zu haben glaubte, fühlte ich auch meinen Widerstand wachsen, die Bereitschaft schwinden, meinen Kopf zu neigen und hinzuhalten. Mit der Wut war auch frische Energie in meine Adern geströmt, und ich hielt mich für stark genug, ihnen zu trotzen.

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Ob das etwas an meiner Rede geändert hätte, weiß ich nicht. Ich hatte mich noch nicht entschieden, wusste nicht einmal, ob es mir je gelänge, mich zu entscheiden. Sicher, ich konnte nicht endlos hier oben stehen und mich in Andeutungen, in wohlgemeinte Phrasen verlieren, und doch würde die eine oder andere Richtung, die ich früher oder später einschlagen musste, unabschätzbare Folgen nach sich ziehen, mehr jedenfalls, und das war der Kern dessen, was ich fühlte, als ein einzelner Mensch zu tragen vermochte. Wie eine Stunde zuvor auf dem Parkplatz war ich dazu verdammt, in Unbeweglichkeit zu verharren, der Laune der sich anziehenden und abstoßenden Kräfte ausgeliefert, die mich in ihrem quälenden Patt gelähmt, geradezu versteinert hatten.

Und so wäre es vielleicht weitergegangen, wenn nicht etwas völlig Unerwartetes all dem ein Ende bereitet hätte.

Vom äußersten Ende der ersten Reihe hatte sich eine Frau erhoben. Sie trug ein Kopftuch und eine dunkle Brille. Ich erkannte sie erst, als sie zwei Schritte vom Rednerpult entfernt stehen blieb. Es war Dagmar Hallweg, Susannes Mutter. Sie zog etwas Schwarzes aus ihrer halb geöffneten Handtasche und richtete es auf mich. Erst jetzt, erst in dem Augenblick, als ich die Waffe sah, verstand ich Katrin, verstand ich, was sich wirklich zugetragen hatte.

„Du bist das größte Schwein!“

Sie schrie es mir entgegen mit einer schrillen, hasserfüllten Stimme, und ich hatte Zeit, mich halb umzudrehen, vielleicht in der Absicht zu fliehen oder mich einfach fallen zu lassen. Die Schüsse hörte ich nicht. Ich spürte nur einen Schlag, heftig wie einen Stoß, der mich zu Boden warf. Noch während ich fiel, wurde es dunkel.

 

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Kapitel 23

Er ist eingeschlafen und träumt, er liege im Krankenhaus, in einem Krankenzimmer ähnlich jenem, in dem er wirklich liegt. Kabel und Schläuche verbinden ihn mit summenden Maschinen, wachsen ihm aus dem Mund, aus Nase und Armbeuge, aus seiner Brust, selbst sein Kopf bedeckt ein Drahtgeflecht, als versuche jemand tatsächlich, seine Hirnströme abzuleiten, aus den armseligen Zacken, die sich mühevoll über die Nulllinie erheben, seine Gedanken zu lesen, seine Träume. Irgendwo steht ein Herzmonitor und fiept leise im langsamen Rhythmus seines Pulses. Manchmal schauen Ärzte herein und Pfleger oder Schwestern. Immer sind Blumen in der Vase, und neben dem Tisch steht ein Stuhl. Dort sitzt manchmal Mona oder Markus, Therèse und die eine oder andere Person, die er nicht erkennt. Auch eine winzige HiFi-Anlage haben sie aufgebaut, ein CD-Spieler, zwei Boxen. Wenn sie nicht gerade mit ihm reden, dann spielen sie Musik, stellen die Anlage laut und die Boxen rechts und links auf den Nachttischen dröhnen ihm in den Ohren. Von der Decke hängt ein Fernseher herab. Doch der bleibt dunkel. Wie im Zeitraffer vergehen die Tage, so schnell, dass er selten versteht, was sie sagen. Und während die Gestalten durch sein Zimmer huschen, kommen und gehen im Takt der sich unaufhörlich öffnenden und schließenden Tür, der Tageszeiten, die wie Wetterleuchten durch das Fenster flirren, versucht er, ihnen zu antworten, den Mund zu öffnen, Lippen und Zunge zu bewegen, um Buchstaben zu formen, ganze Wörter und mehr. Manchmal gelingt es ihm, etwas zu sagen. Doch niemand scheint ihn zu hören. Vielleicht ist er zu langsam. Niemand vermag, die Stunden zu verdichten, die er dazu braucht, und so halten sie ihn für schlafend oder für tot, für so unbeweglich wie einen Seestern.

Als er wieder erwacht, ist Frau Jung bereits gegangen. Obwohl noch nicht einmal Mittag ist, glaubt er nicht, sie käme zurück. Die Routine der vor- und nachmittäglichen Sitzungen scheint durchbrochen, eine spätere Wiederaufnahme überflüssig angesichts dessen, was sie am Morgen gesehen haben. Bedeutet dies auch das Ende der Mnemographie? Jetzt da er alles zu wissen glaubt, die ganze Vorgeschichte kennt, erscheint ihm eine Fortsetzung sinnlos oder, mehr noch, zerstörerisch, quälend fast.

Er ist niedergeschlagen. Es kam, wie es kommen musste, und mehr als einmal hat er sich über die Folgerichtigkeit gewundert, mit der das Geschehen eine neue, noch fragwürdigere Seite seiner Person zutage gefördert hat. Man hat kein gutes Haar an ihm gelassen, und im Stillen muss er ihnen recht geben: Katrin, Therèse, Robert und wie sie alle heißen. Trotz seines Bemühens, Martin Dorint auf dem Hintergrund seiner eigenen Ziele und Träume zu verstehen, mit ihm eins zu werden, als sei der andere tatsächlich er selbst und nicht eine beliebige Projektion der Ängste und Abgründe, die in jedem und so auch in ihm schlummern mochten, spürt er Ekel in sich und Scham.

Um keinen Preis der Welt hatte er so sein wollen, lieber noch wäre er gestorben damals in den Tagen seines körperlichen Verfalls. Hätte er voraussehen können, was auf ihn zukommt, hätte er das Encephatil beiseitegeschoben und sich seinem Schicksal ergeben. Aber anstatt die gnädige Selbstvergessenheit der Amnesie anzunehmen, die Augenbinde, die ihm die Ereignisse so unverhofft übergezogen hatten, dankbar zu tragen, hatte er wissen wollen, sehen, und es war, als gäbe es nur Schwarz oder Weiß, als bliebe kein Platz für etwas dazwischen, für Schattierungen, ein Sowohl-als-auch, ein wenig Licht in dieser schwärzesten aller Nächte. So bleibt ihm nichts anderes, als Dagmar Hallweg recht zu geben. Er ist das allergrößte Schwein, und damit muss er leben, das kann ihm niemand abnehmen.

Nach dem Mittagessen legt er sich wieder hin, und die Gedanken, die er am Tisch, über seine Mahlzeit gebeugt sitzend, verscheucht hat, kehren zurück, beanspruchen die gleiche Dringlichkeit wie zuvor, und vielleicht ist es diese Eile, die er spürt, die fieberhafte Unruhe, mit der er neue und alte Hypothesen erwägt oder verwirft, jede noch so unwichtig erscheinende Einzelheit dreht und wendet, die ihm sagt, dass er kurz vor der Auflösung steht, wer weiß, das Rätsel unbemerkt schon gelöst hat oder hier und jetzt, in diesem Augenblick nur noch einen winzigen Schritt davon entfernt ist. Eine kleine Anstrengung, und er ist am Ziel. Und doch, es gelingt ihm nicht.

Er hat sich zuerst in einer Glanzrolle gesehen, später als Hauptdarsteller einer Schmierenkomödie. So klischeehaft beide Gestalten waren, perfekt im Guten wie im Schlechten, so unvermittelt stehen sie nebeneinander. Mag sein, dass Frau Jung recht hat und der erste Martin Dorint nur ein Wunschtraum war. Wer aber ist der zweite? Muss er sich wirklich damit abfinden, so zu sein? Und welche Rolle spielen diese Manschettenknöpfe, die Kometen, die seine mnemographischen Träume und Alpträume durchziehen?

Irgendwann steht er auf, um sich einen Kaffee zu holen. Draußen auf dem Gang ist es wie immer: ruhig und hell und menschenleer. Der Getränkeautomat brummt leise vor sich hin, und er wirft eine Münze ein. Ein paar Mal fällt sie durch, fällt mit einem hellen Klimpern durch den Schacht, und er reibt sie, wärmt sie, haucht sie an, um sie erneut in den Schlitz zu stecken. Schließlich gibt er auf. Vielleicht geht er zurück, um in seinem Nachttisch nach einem neuen Geldstück zu suchen, vielleicht hat er den Gedanken an Kaffee ganz aufgegeben. Als er die Tür hinter sich schließt, bleibt er plötzlich stehen. Was ihn dazu veranlasst, die Münze genauer zu betrachten, weiß er nicht. Mag sein, dass sie leichter oder schwerer als jene andere ist, und der Automat sie deshalb wieder ausgeworfen hat, oder dicker, dünner, mit einem geriffelten Rand oder ohne.

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Doch in seiner Hand spürt er nur jene beliebige, fast glatte Kühle des Metalls. Auch einen Verdacht hat er nicht. Als die Münze dann aber wenige Zentimeter vor seiner Nase schwebt, wie von Geisterhand gehalten und nicht von seinem Daumen und Zeigefinger, kommt er nicht umhin, sie genauer zu betrachten. Und da ist der Komet mit seinen Strahlen und der Spruch, dieses Das Gute den Guten, das Schlechte den Schlechten, und er dreht sie um, obwohl er weiß, dass es nur sein Kopf sein wird, der im Profil auf der Rückseite prangen wird.

Er lässt sich gegen die Tür sinken und dann auf den Boden. Dort sitzt er dann, während sich alles um ihn herum zu drehen scheint, Tische und Stühle und die wenigen Gedanken, die er zu fassen vermag.

Dann geht er ins Bad, dreht das kalte Wasser auf und benetzt sich das Gesicht, streckt schließlich seinen Kopf in den Strahl, um ihn zu kühlen ausgiebig lange, als könnte die Kälte, die in sein Gehirn kriecht, die rasende Fahrt seiner Gedanken stoppen, sie einfrieren lassen oder wenigstens auf ein erträgliches Maß verlangsamen. So vergehen einige Minuten, und als er das Wasser abdreht und seine Haare trocknet, fühlt er sich tatsächlich besser, ruhiger.

Irgendwann schaut er auf. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erwartet er, seinen ungekämmten Kopf im Spiegel zu sehen, das weiße Handtuch, mit dem er die Kopfhaut massiert, die feuchte Stirn und das schlecht rasierte Kinn, all die selbstverständlichen Dinge, die zu einer Szene wie diese gehören. Wie so oft in den letzten Wochen prallt sein Blick auf das Bild, das an Stelle des Spiegels hängt, und vielleicht ist es dieses Draufgestoßenwerden, das sich Tag für Tag wiederholt hat, das in der beharrlichen Wiederholung erst seine Wirkung entfaltet und gemeinsam mit der Münze, die noch auf dem Waschbeckenrand liegt, ihn verstehen lässt.

Und er wundert sich, dass er so lange dazu gebraucht hat, dass er die unzähligen Hinweise erst jetzt richtig zu interpretieren weiß, einzuordnen in etwas, das ihm schlüssig und logisch erscheint, zwingend geradezu in seiner Folgerichtigkeit. Am nächsten Tag oder eine Woche später wird er vielleicht wieder daran zweifeln, unsicher werden und neue Erklärungen suchen. Möglich auch, dass er davon überzeugt sein wird, die Lösung tatsächlich gefunden zu haben.

Er sucht seinen Kometen und weiß, dass er ihn nicht finden wird. Zwischen Waage und Skorpion leuchtet nur der hellblaue Fleck des Doppelsterns, und er ist sich nicht mehr sicher, ob er zum einen oder anderen Sternbild gehört, ob es diese ineinander verschmolzenen Punkte waren, die er irrtümlich für einen Kometen gehalten hat.

Das Koma ist das Resultat einer sphärischen Aberration bei schrägem Einfall. Manch ein Gebilde, das in einem Okular als Komet erkannt wurde, erwies sich alsbald als optische Täuschung, ein Doppelstern, ein Sternennebel.

KOMA. Das ist der Schlüssel zu seinem Problem, das Lösungswort, das auf wundersame Weise die Tore zum Verständnis öffnet und wie ein Zauberstab die Rätsel eines nach dem anderen verwandelt, ihre Lösung, kaum angedacht, als einfach und naheliegend erscheinen lässt.

Er liegt im Koma. Nichts von dem um ihn herum ist wirklich. Nicht das Zimmer und auch nicht das Bild vor seiner Nase, nicht die Bildschirmwand und auch nicht der seltsame Gang, der von seiner Zimmertür nirgendwohin führt.

Seltsam, wie sich sein krankes oder zerstörtes Gehirn abgemüht hat zu verstehen, aus den Phantasien oder Träumen, aus diesen Bruchstücken von Erinnerungen und Gedanken, aus den nachhallenden Bildern seines Lebens, den zerfließenden Empfindungen an ein Früher ein zusammenhängendes Ganzes zu zimmern, etwas zusammenzusetzen, das einen Sinn ergibt.

So muss es sein, denkt er, und vielleicht war es tatsächlich Dagmar Hallweg, die ihm in den Kopf geschossen hat, oder sonst jemand, warum nicht Robert oder Katrin selbst, Therèses Müllverwerter oder eine der anderen unzähligen Personen, die Grund dazu hatten. Aber wenn seine beiden Bildschirmleben, das gute wie das schlechte, wenig oder nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, möglicherweise nur die beiden Extrempole aufzeigen, zwischen denen sein Leben möglich gewesen wäre, dann hat es einen solchen Mordanschlag vielleicht nie gegeben. Dann hat es ihn tatsächlich erwischt auf der Autobahn. Dann ist einer jener Laster ausgeschert und hat ihn hinüberbefördert auf die andere Seite, jenseits der Lücke, des Tores, dorthin, wo es ihn schon lange hingezogen hat.

Die Manschettenknöpfe, die Münze, das sind nur die offensichtlichsten Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Hat er sich selbst diese Hinweise gegeben, um verstehen zu lernen?

Frau Jung hatte recht. Sein Gehirn bastelt sich seine Erinnerungen zusammen, Wunschvorstellungen oder Horrorvisionen, je nach Laune - Projektionen seiner Ängste, Projektionen seiner Hoffnungen, nichts weiter. Wie konnte er auch nur einen Augenblick daran glauben, es gäbe tatsächlich ein solches Verfahren wie die Mnemographie?

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Nur seine Träume, sie erscheinen ihm jetzt der Wirklichkeit am nächsten: Mona an seinem Bette sitzend, das Krankenhauszimmer mit den summenden Maschinen, den Kabeln und Schläuchen, und die Musik, die sich durch seine Leben und Träume zieht wie ein roter Faden.

Wenn er aber tatsächlich im Koma liegt und sich alles bis auf die seltenen Erscheinungen, die durch seine tauben Ohren, seine papiernen Lider aus der Wirklichkeit zu ihm herüber sickern, in seinem Kopf abspielt, wer ist dann die Ärztin, wer ist Christine Jung? Ein Teil seiner selbst? Eine innere Instanz, die er hat Gestalt annehmen lassen, um jemanden an seiner Seite zu haben? Vernunft, Ich-Stärke, Bewusstsein, welches der beliebigen Worte beschreibt diese Frau, die ihm ein stückweit auf dem Weg zu sich selbst begleitet hat, geholfen hat, sich zu erkennen, zu ertragen im Guten wie im Schlechten?

Je länger er darüber nachdenkt, umso sicherer ist er, die richtige Antwort auf seine Fragen gefunden zu haben, auf die Ungereimtheiten seiner Bildschirmleben, seines Weißen-Zimmer-Lebens. Nur diese Erklärung vermag mit dem Dickicht der Möglichkeiten aufzuräumen, die er nach und nach in Betracht gezogen hat, ohne sie jemals endgültig verwerfen zu können, mit dem Labyrinth von Wirklichkeitsebenen, in das er sich fast verloren hätte. Er ist nicht tot oder verrückt, kein berühmter Arzt und Wissenschaftler und auch kein Schwein, kein skrupelloser Zyniker und Menschenverächter. Sein wahres Ich, sofern es das überhaupt gibt, denkt er, sein wahres Leben liegt irgendwo dazwischen, vielleicht näher am verabscheuungswürdigen Martin Dorint als am bewundernswerten, aber jetzt fühlt er sich stark genug, sich diesem zu stellen.

Das ist seine einzige Chance jemals wieder aus dem Koma zu erwachen. Das begreift er jetzt. Erst wenn er zu sich selbst findet, das Chaos in seinem Kopf zu einem zusammenhängenden Bild ordnet, zu einer Identität, dann wird er wieder aufwachen. Und er weiß auch, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Und so wird er weitermachen müssen oder von vorne anfangen, mit oder ohne Mnemographie, und er hofft, jemand wird ihm dabei helfen.

 

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