Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Die Nacht wird deinen Namen tragen

Laura und Maximilian, eine Italienerin und ein Deutscher, verlieben sich während eines Sommers. Dauerhaft ist ihre Liebe - wie der Marmor aus den Bergen von Lauras Dorf – und ebenso zerbrechlich, denn die Zeitläufte stellen sie auf verschiedene Seiten.
Ein Roman um Liebe, Verrat, Schuld und Vergebung, der fast ein Jahrhundert deutsch-italienischer Geschichte umspannt.

Die Himmelsleiter

Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.
Ein Wissenschaftsthriller

ISBN 3-931402-08-8 (Hard-Cover - 1996)
ISBN 3-502-51743-6 (Taschenbuch - 2000)
ISBN 3-942574-00-6 (Pdf-Ausgabe - 2010)
ISBN 3-942574-01-3 (epub-Ausgabe - 2010)


Der Schweizer Physiker und Nobelpreisträger Massimo Altomonte kommt bei einem mysteriösen Unfall ums Leben. Thomas Heilant, ein Journalist und früherer Weggefährte Altomontes, begibt sich nach Genf, um die Umstände seines Todes aufzuklären. Im Zuge dieser Ermittlungen gerät er selbst immer mehr ins Zentrum des Geschehens.

Was sich schließlich in einer Nacht Ende Dezember 1989 in der Schweiz erfüllt, hat seinen Anfang mehr als zwanzig Jahre zuvor in Heidelberg genommen. Auf der Suche nach einem eigenen Weg zwischen dem politischen Radikalismus der einen und dem fanatischen Forscherdrang der anderen, gelingt es dem Ich-Erzähler letztlich nicht, sich herauszuhalten. Hatten ihn zunächst die Täter des Wortes eingeholt, sind es jetzt, viele Jahre später, die Jünger des Chaos. Und während Thomas Heilant die Handlungsfäden und die Schicksale der Hauptpersonen über die Jahre 1968 und 1977 zusammenführt, ist da ein anderer, der die Fäden tatsächlich in der Hand hält. Wer es ist, erfährt am Schluss nur der Leser.

Was wie ein Kriminalroman beginnt, entfaltet bald ein facettenreiches Wechselspiel psychologischer, philosophischer und politischer Elemente, die, zu einer verständlichen Einheit verwoben, schließlich eine überraschende Lösung offenbaren. Wie der Ich-Erzähler macht sich auch der Leser auf die Suche nach einer Wirklichkeit, die nach und nach schichtweise freigelegt werden muß.

Die Himmelsleiter ist ein Symbol der Suche nach dem Absoluten und gleichzeitig Sinnbild ihres Scheiterns. Aber es sind nicht nur die Frevler, die hinabgestoßen werden. Thomas Heilant muss schließlich erkennen, daß auch ihm eine tragische Rolle zugedacht wurde. Er ist der Henker und, als Marionette einer ihm überlegenen Macht, doch nur das Opfer. Für ihn wird die Himmelsleiter zum schweren Gang, sich in sein Schicksal zu fügen.


Philosophisch, physikalisch, psychologisch und politisch: ein Wissenschaftskriminalroman, ein Achtundsechzigerroman. Ein Stück Literatur, das an Spannung und Erzählvermögen nichts vermissen läßt. Und ein unheimliches Szenarium, das durchaus Wirklichkeit werden kann.


Eine Danksagung

Literatur lebt vom Zwiegespräch. So wird der geneigte oder auch nur geübte Leser eine Vielzahl von Stimmen vernehmen, die sich in diesen Seiten mehr oder weniger gut verstecken. Und es würde zu weit führen, all jene Autoren und Werke zu benennen, die dieses Buch auf diese oder jene Weise beeinflusst haben. Hierzu mögen sich andere berufen fühlen.

Dennoch ist der Hinweis auf einige der Ziehväter oder -mütter der Himmelsleiter eine Pflicht, der der Autor gerne nachkommt. Schon die Grundidee zu dem Roman, Altomontes Maschine, ist nicht seine Erfindung. So lieb es ihm auch wäre, dieses Un-Ding ganz in den Bereich der Fiktion zu verbannen, so beängstigend wirklich erscheint aus heutiger Sicht die Möglichkeit, eines Tages eine solche Vorrichtung tatsächlich zu bauen. Nach der Atom- oder Wasserstoffbombe rückt auch dieses "letzte Experiment" in den Bereich des zumindest Denkbaren. Darauf aufmerksam gemacht haben ihn John Briggs und F. David Peat (Die Entdeckung des Chaos, Hanser-Verlag). Dieser verständlichen und spannenden Einführung in die Chaostheorie verdankt er auch andere wertvolle Anregungen. Das Gleiche gilt für James Gleicks Übersicht Chaos - die Ordnung des Universums (Knaur Verlag), die viele interessante Einzelheiten über den Werdegang der Begründer dieser neuen Physik enthält. Manches, was über Altomonte gesagt wird, nahm hier seinen Anfang. In dieser Aufzählung darf auch Douglas R. Hofstadter nicht fehlen (Metamagicum und Gödel, Escher, Bach, beide Klett-Cotta Verlag). So bekannt seine Bücher inzwischen sind, so wichtig bleibt es, auf seine einzigartige Fähigkeit hinzuweisen, über herkömmliche Schul- und Disziplingrenzen hinweg neue und überraschende Zusammenhänge aufzuzeigen. Ihm und Malcolm Boyd (Johann Sebastian Bach, Leben und Werk, Deutscher Taschenbuch Verlag) verdankt der Autor einiges, was er über JSB weiß. Aber auch die eine oder andere Aussicht, der man den Weg die Himmelsleiter hinauf begegnet, wäre ohne Hofstadter ärmer.

Ein Roman muss der historischen Genauigkeit nicht notwendigerweise genügen. Dennoch ist, was die Heidelberger Studentenbewegung angeht, eine verlässliche Quelle zu nennen, die mehr als einmal gerne in Anspruch genommen wurde: Dieterich Hildebrandt ist es zu verdanken, dass dieser Seitenarm der Geschichte lebendig geblieben ist ("…und die Studenten freuen sich." Studentenbewegung in Heidelberg 1967-1973, Esprint Verlag). Bleibt noch der Hinweis auf Daniel F. Galouye. Wenn auf diesen Seiten mehr als einmal auf seine Welt am Draht (Goldmann Verlag) Bezug genommen wird, dann vor allem aus dem Bedürfnis heraus, eines dieser Zwiegespräche zu vertiefen.

Zum Schluss. Schreiben ist ein einsamer Job. Das gilt erst recht und insbesondere für das Schreiben eines Erstlingsromans. Umso dankbarer ist der Autor jenen seiner Freunde und Bekannten, die, wie er selbst, an das Zustandekommen dieses Buches geglaubt haben.

Prolog. Der Berg wacht

Er lässt sich in die Wanne gleiten. Noch atmet er heftig, schnauft wie vor einer gewaltigen Anstrengung, und sein Herz läuft sich warm, spurtet vor und zurück, als bereite es sich auf ein Rennen vor, das niemals beginnen wird. Vielleicht ist es die Angst, die ihn plötzlich anlacht, bösartig, als habe sie ihm einen letzten Streich gespielt, vielleicht die Unsicherheit, die wie ein Schatten auf seinen Entschluss fällt. Vielleicht bedingt das eine das andere. Doch bald wird er ruhig.

Jetzt schließt er die Augen. Sein schwerer muskulöser Körper scheint im warmen Wasser zu schweben, und sein Kopf ist der Anker, der, auf dem Wannenrand lastend, ihn am Ablegen hindert. Über die Stirn fallen spärlich die noch dunklen Locken. Die Haare zittern, wenn er über die Unterlippe die Luft nach oben bläst. Seine Hand tastet nach der Flasche. Er nimmt einen letzten tiefen Schluck. Schmatzend kaut er auf dem Rotwein, und für einen Augenblick sieht er die Weinberge unter der abendlichen Spätsommersonne, die prallen Häute der Trauben, auf denen die Insekten tanzen, riecht die Brombeersträucher, die bittere Schwere der gelockerten Erde zwischen den Reben. Er lächelt. Sein Gesicht hat sich entspannt, nur unter der angegrauten Schläfe zappelt eine kleine Ader wie ein vergessener Hering im Netz.

Dann trocknet er sich sorgfältig die Hände. Als er das Netzgerät in der Hand hält, öffnet er noch einmal kurz die Augen. Nachdenklich blickt er auf das grüne Lämpchen, das vor seinen Augen glimmt, fast erstaunt, dass es das sein soll, was er als letztes in seinem Leben sehen wird. Seufzend lehnt er sich zurück.

Es zischt, und ein Zucken durchläuft seinen Körper wie ein wohliger Schauer. Es dauert nicht lange, und seine Schultern, seine behaarten Knie sind nur noch Inseln in einem spiegelglatten See. Als Dr. Moulin gerufen wird, ist das Wasser schon kalt. So stirbt der Retter des Universums.

Dr. Moulin, der therapeutische Leiter des kleinen Sanatoriums, veranlasste routinemäßig alles Notwendige. Als der Leichenwagen vom Hof gefahren war, ließ er sich die Krankenunterlagen heraussuchen.

Nicht, dass er den Deutschen gemocht hätte. Er war ein schwieriger Patient gewesen. Verschlossen, in sich zurückgezogen hatte er jahrelang ein unauffälliges Dasein in der Klinik gefristet. Fast schien es, als hätte er wie ein Mönch allem Irdischen abgeschworen. In der Therapie waren sie nicht über ein paar unergiebige Gespräche hinausgekommen. Erst vor kurzem hatte Moulin jede Selbstmordgefährdung ausgeschlossen. Suicidalität besteht nicht, hatte es lapidar in seinem letzten Entwicklungsbericht geheißen. Er nahm noch einmal die Akte zur Hand.

Herr Thomas H., geboren am 06.08.1945 in Frankfurt am Main (Bundesrepublik Deutschland), wohnhaft im Hause, in stationärer Behandlung seit dem 27.12.1989.

Diagnose: Chronische paranoid-halluzinatorische Schizophrenie (ICD 295.3).

Die ausführliche Vorgeschichte bitten wir unseren letzten Arztberichten zu entnehmen.

Zur jetzigen Aufnahme: Der Patient bat selbst um Klinikeinweisung, nachdem er sich anlässlich einer akuten Krise subjektiv überlastet fühlte und eine Exacerbation der Psychose befürchtete.

Psychischer Aufnahmebefund: Herr H. war bewusstseinsklar und allseits orientiert. Konzentration und Merkfähigkeit waren herabgesetzt. Der Gedankengang war verlangsamt, jedoch formal geordnet. Inhaltlich klangen paranoide Ideen an (z. B. er habe von höherer Seite den Auftrag erhalten, die Menschheit zu erlösen, oder sei gezwungen worden, jemanden zu töten). Das Antriebsniveau war herabgesetzt, der Patient war psychomotorisch verlangsamt und affektiv starr. Er wirkte deprimiert und ratlos, klagte über vermindertes Selbstwertgefühl, Druckgefühl im Kopf und über Schlaflosigkeit.

Die Medikation war bald reduziert worden, ohne dass es zu einer erneuten psychotischen Entgleisung kam. Herr H. nahm an der hauseigenen Arbeitstherapie teil und beschäftigte sich in seiner Freizeit hauptsächlich mit einem tragbaren Computer, den er in die Einrichtung mitgebracht hatte.

 

Es folgten die EEG- und Labordaten, die unauffällig waren und im Bereich der Norm lagen. Der Finanzierungsvermerk wies auf eine offenbar entfernte Verwandte, die jeden Monat pünktlich die nicht unerhebliche Summe überwies.

Der Doktor machte sich auf seine letzte Runde durch das Haus. Er war mehr als nachdenklich. Düster grübelnd, hätte er auf einen aufmerksamen Beobachter geradezu verstört gewirkt.

Er machte sich Vorwürfe, suchte nach einem Anhaltspunkt, nach etwas, was ihn hätte gewarnt haben können. Nach Jahren relativer Ruhe, war der Deutsche in den letzten Wochen und Monaten angespannter und erregter gewesen, hatte sogar ein paar Mal um eine Bedarfsmedikation gebeten. Ungewöhnlich für ihn, gestand Moulin sich jetzt ein. Und doch hatte es keine Hinweise auf eine erneute, akute Krise gegeben.

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Wie üblich wechselte der Arzt mit jedem Patienten, dem er begegnete, ein paar Worte, hörte sich die Berichte der Pfleger an, ging durch die Küche und stattete den verlassenen Räumen der Beschäftigungstherapie einen kurzen Besuch ab. Heute jedoch war er nicht bei der Sache.

"Wie sagt man auf Französisch domenica?" Salvatore grinste schief und sperrte seine Augen so weit auf, als würde er gleich die streng geheime Zahlenkombination des großen Kühlschrankes erfahren.

Er fragte ihn jeden Tag nach einem Wort. Obwohl er nie zweimal nach dem gleichen fragte, hatte Moulin Zweifel, ob er sich die Vokabel länger als eine halbe Stunde merken konnte.

Freundlich antwortete er: "Dimanche, Salvatore, dimanche." Sie standen am Rand der hinteren Terrasse, und der kleine Park mit seinen Wegen und Bänken, den Büschen und Sträuchern, den vereinzelten Bäumen öffnete sich vor ihnen wie ein gut gepflegter Golfplatz.

"Und auf Deutsch?"

"Die Deutschen sagen Sonntag, der Tag der Sonne." Wieder lächelte Dr. Moulin.

Tatsächlich schien die Sonne noch flach durch das Geäst, und unten auf dem See blitzten die Segel der letzten Boote auf.

"Das ist sehr schön, das ist wirklich sehr schön..." Salvatore war begeistert. Nickend und murmelnd trottete er ins Haus zurück.

Von weitem schon, aus den Tiefen des Gartens, winkte ihm Herr Geßler zu. Laut rufend, stakste er unsicheren Schrittes auf Moulin zu. Dieser konnte kein Wort verstehen, blieb aber ergeben stehen, bis ihn Geßler mit seiner knochigen Hand am Arm gepackt hatte.

"Herr Doktor, chöid Ir mir erchlääre, worum i Mädikchamänt bruuch? I bi doch gsund, odär?!" nuschelte er kaum verständlich auf Schwyzerdütsch.

Moulin seufzte. Manchmal kam Geßler überraschend in die Visite, nur um sich dann ratlos umzuschauen, den Kopf zu schütteln und zu sagen: I wüssd ga nid, was i da soll. I bi doch gsund, odär?! Die Medikamente nahm er jedoch, ohne zu murren.

"Herr Geßler", er sprach wie mit einem uneinsichtigen Kind, "solange Sie mit Ihren Milliarden um sich schmeißen, Milliarden, die Sie gar nicht haben, sollten Sie lieber hierbleiben und Ihre Tabletten nehmen."

Letztes Jahr hatte Geßler der Stadt Genf 24 Milliarden Schweizer Franken vermacht. Der Stadtkämmerer hatte sich freundlich bedankt, auf die schwierige Haushaltslage hingewiesen und angefragt, ob die erste Rate von einer Milliarde nicht sofort überwiesen werden könne.

"I han aber e Huuffe Gäld!" Geßler schien einen Augenblick nachzudenken. "Ir chönned s haa, jederzyt. Ir bruuchet numme zu minere Schwöschter z'gaa. Di hebt's für mi uuf!"

Tatsächlich hatte er ihm erst gestern 1,2 Millionen Franken geschenkt und ein Luxusrestaurant in bester Seelage obendrein. Nämmed's, Herr Doktor. I bruuch's ja gäng nid, hatte er traurig gesagt. Göjet eifach hi un säged, Ir chämt vo mir. S gejt scho in Ordnig.

 

Moulin wartete. Wieder zurück saß er im Halbdunkel hinter dem riesigen Schreibtisch, der wie ein Findling vom nahen Berg in sein Büro gekullert schien. Seine kleine, fast zierliche Gestalt versank im rotbraunen Leder des gewaltigen Drehsessels. Die Lehne überragte seinen Kopf wie den eines Kindes. Langsam ließ er sich von rechts nach links schwingen, von links nach rechts und dann wieder zurück. Wie ein Pendel durchmaß er die Zeit. Erst als die Nachtschicht ihre unauffällige Arbeit aufgenommen hatte und die Geräusche des Hauses nach und nach verebbt waren, erst als niemand mehr mit seiner Anwesenheit gerechnet hätte, nahm er die Diskette aus dem Umschlag. Sie war unbeschriftet, nur eine große schwarze Eins prangte darauf.

Irgendwann auf seinem Rundgang hatte er sich im Zimmer des Deutschen wiedergefunden. Etwas hatte ihn mit geheimnisvoller Macht zum Domizil dieses Mannes gezogen, der einige Jahre zuvor wie der unauffällige Dauergast einer Pension Aufnahme gefunden hatte. In der Hektik des Vormittags als Moulin noch unter dem Eindruck des frischen Selbstmords durch das vollgestellte Apartment gehastet war, hatte etwas seine Aufmerksamkeit gestreift, ohne bis in sein Bewusstsein vorzudringen.

Es war nicht die Welle selbst gewesen, eine die halbe Wand hinter dem Bett einnehmende Reproduktion der berühmtesten aller Wellen, der Hokusai-Welle, die den unterschwelligen, fast hypnotischen Zwang ausgelöst hatte, zurückzukehren und sie wie ein andächtiger Museumsbesucher anzustarren. Es war ein kleines, mit Klebeband angebrachtes Stück Papier gewesen, erkannte er jetzt, das mitten im Bild wie eine Wolke weißen Rauchs dem Vulkankrater entquoll. Ein Satz, sauber mit einer runden, schnörkellosen fast weiblichen Schrift aufgetragen, machte sie zu einer Sprechblase. Und während der überirdische Brecher sich wie ein Raubtier über die kärglichen Boote der Fischer wölbte, um sie, wie es schien, im nächsten Augenblick mit einem einzigen Prankenhieb zu zermalmen, sprach Fuji, der heilige Berg: Fürchtet Euch nicht, denn der Berg wacht.

So wenig die halbvolle Wanne und die alles überragende Welle gemein hatten, so wenig konnte Moulin die geheimnisvolle, vielleicht nur vordergründige Verbindung beiseiteschieben, die das Wasser beständig zwischen diesen ungleichen Gebilden schuf.

Dann hatte er den Brief gefunden. Gleich neben dem verlassenen Portable lag der gelbe Umschlag, auf dem der Deutsche ein schwungvolles Moulin gekritzelt hatte und der einen Stoß Aufzeichnungen enthielt: fotokopierte Blätter, Skizzen, Pläne vielleicht, und mehrere Disketten.

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Ein Zeitungsausschnitt fiel zu Boden. Moulin hob ihn auf. Die Neue Weltwoche berichtete von einem kürzlich verabschiedeten europäischen Programm zur Förderung der Fusionsforschung. Im Gegensatz zu den anderen Unterlagen, die verblichen und gelblich waren, schien der Ausriss neueren Datums zu sein. Er schob alles in den Umschlag zurück. Nur die Disketten lagen noch vor ihm auf dem Tisch.

Der Doktor zögerte, atmete mit gerunzelter Stirn tief ein, hielt für einen Moment die Luft an, als müsste er eine schwere Entscheidung fällen, und schob dann schnaubend die dünne Hülle der Nummer Eins in den Schlitz des Laufwerks. Für eine lange Sekunde machte er sich darauf gefasst, in das müde Gesicht des Deutschen zu blicken, ganz so, als könne ein einfaches Handauflegen ihn wieder zum Leben erwecken, und war fast enttäuscht, als sich der Bildschirm nur mit den üblichen Zeichen füllte, langen Ameisenstraßen, die unwillig nach oben krochen, wenn er die Cursortaste drückte.

In der ersten Zeile stand: Das letzte Experiment - oder wie ich das Universum rettete.

Dr. Moulin sah noch einmal hinaus. In den Gläsern seiner Brille spiegelten sich die Lichtbänder, die den See wie einen dunklen Stein umfassten. Fixsternen gleich zitterten die Lichtpünktchen der Häuser und Laternen durch die Nacht zu ihm herauf. Unbeweglich und friedlich lag Genf zu seinen Füßen. Dann fing er an zu lesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wer früher stirbt, ist länger tot

Die Nachricht von Altomontes Tod erreichte mich in der Redaktion. Es war der erste Dezember. Das Gipfeltreffen zwischen Bush und Gorbatschow stand unmittelbar bevor, und die Ticker glichen heiß gelaufenen Webstühlen, die die immer gleichen Verlautbarungen zu neuen, erregenderen Mustern zusammenzustellen versuchten. Sie Meldung, die mich telefonisch eingeholt hatte, mochte irgendwo am Ende einer monströsen Warteschlange stecken, eines gewaltigen Informationsstaus, und es konnte Stunden dauern, bis sie sich als kurze Notiz wie ein Maulwurf durch die Anhäufungen überflüssiger Worte hindurch ans Tageslicht gearbeitet haben würde.

Noch während Liepman ungeschickt versuchte, mich mit dem Unwiderruflichen vertraut zu machen, stellten sich zwei unterschiedliche Empfindungen fast gleichzeitig ein. Da war zunächst ungläubiges Staunen, das Unvermögen, auf Anhieb zu begreifen, jemand wie Altomonte könne sterben, das heißt, sei wie alle Menschen sterblich - die eigene Person vielleicht ausgenommen. Hinzu gesellte sich bald das Gefühl tiefer Bewunderung. Ganz so, als sei das wieder eine seiner grandiosen Ideen, dachte ich: "Schafft es der alte Gauner doch immer aufs Neue, die Welt zu verblüffen!" Es war die gleiche Bewunderung, die ich mehr als zwanzig Jahre lang verspürt, manchmal erfolglos bekämpft, häufiger wie gottgegeben hingenommen hatte.

Tatsächlich ist diese Bewunderung das erste, was ich überhaupt mit Altomonte verbinde.

Auf dem Mäuerchen vor der Theoretischen sitzend, pflegte er ganze Nachmittage lang auf den Neckar hinunter zu starren. Manchmal lag er rauchend da und blickte den Schwaden nach, die er durch Mund und Nase aufsteigen ließ, oder dem Lauf der Wolken, die über den Heiligenberg oder den Königstuhl hinweg zogen. Ging einer der anderen Studenten vorüber, bedachte ihn Altomonte mit einer spöttischen Bemerkung. Dann flogen dumme Sprüche hin und her, ohne darüber hinwegzutäuschen, dass er keine Gesellschaft suchte.

Bei den Kommilitonen galt er als genialisch, verschroben, vielleicht nur verrückt oder größenwahnsinnig, bei den Professoren als faul und aufsässig. Für Altomonte waren die einen wie die anderen zwar ernsthaft bemühte, doch letztlich hoffnungslos zum Scheitern verurteilte Kleingeister, die auch in zweihundert Jahren, zumindest ohne seine Hilfe, nichts von Physik verstanden hätten. Dabei war es keineswegs die Intelligenz, die er ihnen absprach. Nein, über die entsprechende Ausstattung und die rein formalen Fähigkeiten verfügten sie durchaus, bemerkte er mehr als einmal spöttisch, manche sogar im Übermaß. Es war die geistige Beweglichkeit, die ihnen fehlte, der Mut, über den Tellerrand hinauszuschauen, vielleicht nur eine moralische Unabhängigkeit. Das verurteilte sie dazu, wie willenlose Objekte auf den von ihren Lehrern und Eltern vorgegebenen Umlaufbahnen zu verharren.

Später sprach er von einem psychologischen Charakterzug, von etwas, das er Feldunabhängigkeit nannte, eine Eigenschaft, mit der er, aus welchen Gründen auch immer, überreich gesegnet zu sein vorgab und die ihm erlaubte, dem wichtigsten Bestimmungsstück des Menschen zu trotzen: dem Herdentrieb.

"He, Heilant! Wo rennst du hin?"

Ich glaube, es war das erste Mal, dass er mich so ansprach, dass er mehr sagte als "Na, alles klar?!" oder "Hey, was macht's Leben?".

Misstrauisch zögerte ich, weiterzugehen. "In die Stadt, wieso?"

"Warte, ich komm mit!" Er war aufgesprungen, hatte die braune Lederjacke über die Schulter geworfen und stürzte die paar Stufen herunter. Dann packte er mich am Arm und zog mich in die andere Richtung. "Komm, wir nehmen den Schlangenweg!" Es waren diese Imperative, die ihm flüssig von den Lippen kamen, denen selten jemand etwas entgegenzusetzen hatte.

Der Frühling hatte in Heidelberg Einzug gehalten wie in einem besetzten Land. Noch ungläubig traten die Menschen auf die Straße hinaus, blinzelten in die kräftige Sonne und lächelten schüchtern, so als fürchteten sie, die Kälte könne zurückkehren und die Abtrünnigen bestrafen. Die Luft war klar und durchsichtig. Sie roch und schmeckte nach nichts, und doch prickelte jeder Atemzug wie eine überfällige Sauerstoffbehandlung.

Zu unseren Füßen lag die Altstadt. Als habe man sie miniaturisiert, um den ersten Touristen einen allzu kräftezehrenden Rundgang zu ersparen, drängten sich die wenigen Sehenswürdigkeiten unterhalb des Schlosses zu einem Gruppenbild. Durch die knospenden Äste der Bäume schimmerte rostrot die Alte Brücke. In kurzen Bögen schwang sie sich über den Neckar, der - war es das Wetter, war es die Perspektive? - mehr einer schwülstigen Postkarte entnommen schien, als dass er Ähnlichkeiten mit der dunklen Brühe des Winters gehabt hätte.

Altomonte schien es eilig zu haben. Ohne die Stadt oder sonst irgendetwas eines Blickes zu würdigen, hetzte er den Philosophenweg entlang, dass ich Mühe hatte, mit seinen dürren Storchenbeine Schritt zu halten.

"Man sagt, du arbeitest über Hydrodynamik?" Es war kaum eine Frage. Dennoch hatte er seinen Schritt verlangsamt.

Ich runzelte die Stirn. "Ja, thermische Konvektion. Das Verhalten von Fließsystemen…"

Altomonte sah hinunter auf den Neckar, und plötzlich warf er sich in die Brust und deklamierte mit trauriger Stimme:

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"Der fleckige Fluss,
Der immer weiter floss, nicht einmal auf dieselbe Weise,
Floss durch viele Orte, als verharre er in einem."

Auch ich war stehen geblieben. "Was redest du da?" Altomontes Wunderlichkeit war Tagesgespräch am Institut, und doch, obwohl vorgewarnt, gelang es ihm, mich an diesem Tag gehörig zu verwirren.

Er lachte. "Stevens."

Wir gingen langsamer weiter.

"Konvektion, Dissipation", murmelte er ein paar Mal leise vor sich hin. "Interessant, sehr interessant…"

Ich gestehe, ein wenig stolz gewesen zu sein. Noch kam ich mir wie ein interessantes Fundstück vor, eine abgegriffene Münze vielleicht, die er inmitten von wertlosem Gerümpel entdeckt hatte und nun nachdenklich betrachtete, aber es gab keinen Zweifel: ich hatte die Aufmerksamkeit des Meisters erregt.

"Schon, aber keine einfache Materie", gab ich zurück.

"Eh, eh", er kicherte in sich hinein. "Navier-Stokes-Gleichungen, stimmt's?"

Ich horchte auf. "Und du, mit was beschäftigst du dich?"

"Ich? Mit Pendeln." Er hatte es in einem Ton gesagt, als könne es für einen erwachsenen Menschen keine sinnvollere Beschäftigung geben.

Seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten vielleicht interessierte sich kein ernsthafter Physiker mehr für Pendel. Zuerst glaubte ich mich verhört zu haben.

"Mit was?"

"Pendeln, Perpendikeln, Oszillatoren, periodischen Systemen…"

"Ich verstehe", unterbrach ich ihn, obwohl ich gar nichts verstand.

Dann ging es hinunter, Stufe um Stufe eine endlose Treppe, und diesmal war ich es, der ihn abhängte. Schnaufend und hustend stolperte Altomonte hinter mir her. Schnell wuchs die Stadt empor, und wenige Minuten später standen wir unten auf der Uferstraße.

Noch schwer atmend, stützte er sich auf meinen Arm. "Mensch, Heilant!" stammelte er eindringlich. "Du solltest dir das wirklich mal anschauen!"

Meinte er seine Pendel, die Navier-Stokes-Gleichungen oder irgendetwas anderes, was mir entgangen war oder meine bemitleidenswerte Auffassungsgabe überstieg? Das Schloss vielleicht, die mit Burschenschaftsfahnen beflaggten Häuser?

"Und du solltest das Rauchen aufgeben!" erwiderte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

Erneut nahm er Haltung an. Mit Schwung warf er den Kopf zurück und das dunkle Haar aus der Stirn. Er blickte hinauf in den Frühlingshimmel. Seine eingefallenen Wangen bebten theatralisch:

"Dass in der schattenlosen Atmosphäre,
Das Wissen von den Dingen lag,
Doch wahrgenommen nicht.
"

"Wieder Stevens?"

"Ja, du hättest das Ende abwarten sollen." Wie um sich zu entschuldigen, fügte er hinzu: "Das wird das Motto meiner Doktorarbeit."

In den darauffolgenden Wochen und Monaten lernte ich diese augenfälligste Eigenart Altomontes besser kennen. Er war ein Schauspieler, ein Clown. Menschen brauchte er vor allem als Publikum. Sein Spott war manchmal so verletzend, wie seine Selbstironie mitunter peinlich war. So sehr sein Kopf mit erbaulichen Zitaten und absonderlichen Versen, ganzen Szenen klassischer Dramen oder tausendfach wiederholten Lebensweisheiten, Redensarten, kurz Klischees aller Art angefüllt schien: stets inszenierte er sich selbst. Was er auch aufführte, nie sollte jemand daran zweifeln, dass er spielte. Er streifte sich mal diese, mal jene Maske über, und doch durfte auch die kunstvollste Verkleidung niemals darüber hinwegtäuschen, dass sie etwas verbarg. Was es war, blieb ein Rätsel.

Im krassen Widerspruch zu dieser spielerischen Virtuosität, mit der er höchst feinfühlig ein Netz von Täuschung und Einbildung, von Hintersinn und Unsinn spinnen konnte, stand das schroffe, geradezu unversöhnliche Rebellentum, das seine wissenschaftliche Arbeit auszeichnete und ihn schließlich berühmt machen sollte.

"Was ist los?" Ich hatte wohl schon eine Weile, den Hörer noch in der Hand, vor mich hin gestarrt, denn Madelaine, die dunkelhäutige Volontärin, klang besorgt, als sie in meine Erinnerungen eindrang.

"Es ist jemand gestorben." Es war eine Wahrheit, die wenig besagte, der ich im Augenblick aber nichts anzufügen wusste. Und tatsächlich, obwohl es wenig oder nichts erklärte, Verständnis schien über ihr Gesicht zu huschen.

 

 

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"Altomonte ist tot."

"Der Physiker?"

Ich nickte.

"Das war ein Freund von dir?"

Ein Freund? Wieder nickte ich.

"Es tut mir leid."

Es brauchte ihr nicht leid zu tun.

 

Der laufende Fernseher spiegelte sich flackernd in der großen Fensterfront. Ich sah hinaus auf den Hafen. Das rötliche Licht der Lampen strich über die dunklen Bassins und umgab Speicher und Kais wie eine wärmende Aureole. Obwohl es mit Einbruch der Nacht ruhiger geworden war, schwangen die Ladekräne hin und her, und manches Gefährt hastete einer unbekannten Bestimmung entgegen. Es war, als hätte die Aufbruchsstimmung des Hafens heute auch mich erfasst.

"Wie erst heute bekannt wurde, kam am letzten Sonntag in Genf der fünfundvierzigjährige Schweizer Physiker Massimo Altomonte bei einem Unfall ums Leben. Erst im vergangenen Jahr war ihm der Nobelpreis für seine bahnbrechenden Arbeiten im Bereich der Hochenergiephysik zuerkannt worden. Näheres über die Umstände wurde zunächst nicht bekannt."

Als könnte ich mich nicht daran gewöhnen, schrak ich auf. Hinter der Sprecherin prangte ein Schwarzweißfoto. Ein tadellos gekleideter Altomonte sah mich spöttisch an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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The point of no return

Liepman wartete gleich hinter dem Zoll. Die Hände in den Taschen seiner hellbraunen Hose gestemmt, schien er sich für jeden mehr zu interessieren als für mich. Ich musste ihn regelrecht schütteln, um auf mich aufmerksam zu machen. Doch dann strahlte er und klopfte mir mit unerwarteter Vitalität ein paar Mal auf den Rücken, so als habe ich mich verschluckt und drohe jeden Augenblick zu ersticken.

"Willkommen in Genf!" brüllte er ihn gewohnter Lautstärke.

Er erkundigte sich nach meinem Flug, schnaufte, schnaubte, zog den Hosenbund zum Äquator seines riesigen Bauches hinauf und versuchte dann, mir eine meiner Taschen zu entwinden.

In den wenigen Jahren seit unserem letzten Zusammentreffen war er sichtlich gealtert. Sein Gesicht war aufgequollen, und seine blassblauen Augen versanken darin, als müsse man sich Sorgen machen, er sähe eines Tages die Welt nur noch wie vom Grund eines tiefen Brunnens. Auf Schädel und Stirn glänzte der Schweiß. Die wenigen Haarbüschel, die ihm verblieben waren, bildeten verkümmerte gelbliche Oasen auf den Hängen über seinen Ohren. Er war zwei Handbreit kleiner als ich, und wie er uns einen Weg durch die Menge bahnte, erinnerte er an eine altersschwache Dampflok.

"Es war nett, dass Sie an mich gedacht haben", sagte ich später und sah ihn an, während ich meine Gabel zum Mund führen.

Wir hatten uns im Hotelrestaurant verabredet. Um uns herum saßen andere Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters. Zerknitterte Gestalten in grauen, blauen oder braunen Anzügen, die, wie wir, die Enge von Ledertaschen und gut verschlossenen Hotelschränken aussonderten, nach Tabakrauch und teurem Rasierwasser rochen.

"Mich hat, ehrlich gesagt, jemand vom Institut angerufen." Liepman sah nicht auf. Er war ganz mit dem Essen beschäftigt. Während er genussvoll und konzentriert kaute, wanderten seine Augen pausenlos zwischen seinem Teller und den diversen Servierschüsseln hin und her, so als könne er nicht entscheiden, was er als nächstes in sich hineinstopfen wollte. "Die offizielle Pressemitteilung ging erst ein paar Stunden später raus. Ich glaube, ich war einer der ersten, der es erfahren hat."

"Sie meinen, man wollte uns etwas zuspielen?"

"Vielleicht", sagte er unbestimmt, ohne sich ablenken zu lassen.

Liepman arbeitete für das gleiche Nachrichtenmagazin wie ich. Er war Zürcher, saß aber in Bern. Dennoch hatte er in Genf mehr zu tun als sonst wo. Unser Mann in der Schweiz stand mir zur Seite, wann immer ich in der Schweiz zu tun hatte. Allerdings war das bisher nicht oft gewesen, und auch dieses Mal gab es eigentlich keine berufliche Veranlassung für seine Unterstützung. Trotzdem war ich ihm dankbar, dass er mich am Flughafen abgeholt hatte.

"Vielleicht wollte man, dass es überhaupt jemand erfährt. Immerhin hat es fünf volle Tage gedauert." Liepman lächelte breit. Er hatte kurz aufgeblickt. Mit der Zungenspitze beförderte er etwas aus seinem Mundwinkel, und sein Lächeln verrutschte zu einer seltsamen Grimasse. Bald darauf tauchte er erneut in sein aus Kartoffeln und Soßenresten bestehendes Universum ein. Ich fragte mich, was er noch wusste.

Altomonte war kein fünfundneunzigjähriger Filmstar gewesen, den man erst sicher unter der Erde sehen will, bevor die Klatschreporter wie die Heuschrecken einfallen. Vielleicht steckte mehr dahinter, eine der üblichen Umweltskandale beispielsweise, und jemand hatte uns einen Tipp geben wollen. Mein Besuch im Genf war rein privater Natur, doch der Journalist in mir hatte ein Auge geöffnet und schnüffelte argwöhnisch, bereit, die Fährte aufzunehmen.

Als hätte er meine Gedanken erraten, schüttelte er den Kopf. "Machen Sie sich keine Hoffnungen. Ich habe schon ein bisschen recherchiert. Es muss eine ziemlich triviale Sache gewesen sein." Er tupfte sich mit der Serviette den Schweiß von Stirn und Schläfen und strich sie dann über der Brust glatt. Sie glich einem aufgeblähten, voll im Wind liegenden Segel.

"Und die Geheimhaltung?"

"Geheimhaltung?" Er lachte. "Nennen Sie es Diskretion. Wir Schweizer sind gründliche Leute, wissen Sie?" Er war ein bisschen in sein Schwyzerdütsch verfallen. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich darüber lustig machte. "Spuren werden gesichert, es wird ermittelt und rekonstruiert, es wird verhört und autopsiert, und niemand möchte, bitteschön, diesen geregelten Gang behindern, oder?! Glauben Sie mir, das dauert!"

Plötzlich war mir, als hörte ich Altomonte, und so sollte es mir in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder ergehen. Es war nicht die Stimme, die mich an ihn erinnerte, Liepmans seltsam schrilles Krächzen, das im Gleichschritt mit seinem Schnaufen auf und ab schwoll, und auch nicht die vielen zischenden Eigenarten seines Deutsches. Es war die seltsame Sprachmelodie, dieser typische Singsang, der mich zum Lachen reizte. Ich stellte mir dabei gerne einen Knickerbocker tragenden Wanderer vor, mit roten Kniestrümpfen, dunkelgrüner Jägerjacke und Filzhut, der behände von Felsen zu Felsen springt und auf den höchsten Steinen ein triumphierendes oder?! erschallen lässt.

Zumindest hatte es bei Altomonte so geklungen. Es war nicht seine Art gewesen, sich tatsächlich rückzuversichern, jemanden um seine Meinung zu fragen oder Widerspruch anzuregen. Sein oder?! hatte mehr wie Da lässt sich nichts dagegen einwenden! oder Das ist ja sonnenklar! geklungen. Und hatte jemand, der ihn weniger gut kannte, schon zu einer Erwiderung angesetzt, so musste er sich bis zu einem jener seltenen Zeitpunkte vertrösten, an denen Altomonte dann tatsächlich eine Pause machte, um sich selbstzufrieden zurückzulehnen.

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Altomonte redete schnell, sprach fahrig, fast unzusammenhängend, selten schloss er ein Argument richtig ab. Zu jedem Satz schienen ihm zehn neue Ideen einzufallen, und er hatte Mühe, sich im Labyrinth seiner Abschweifungen, Seitenbemerkungen, Exkurse und Fußnoten zurechtzufinden. Das galt erst recht für seine Zuhörer. Und so hatte manch einer den Eindruck, dass er wirres Zeug redete, dass er Zusammenhänge herstellte, die es nicht gab, und Dinge vermischte, die streng auseinandergehalten werden sollten. Nur wer von dieser wilden Kreativität mehr fasziniert als abgestoßen war, schaffte es irgendwann, einen Zipfel seiner Vorstellungswelt zu erhaschen.

So war es auch, als ich ihn zum ersten Mal besuchte. Ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt zu Wort kam. Er redete die ganze Zeit eindringlich auf mich ein und schloss jeden zweiten Satz mit seinem oder?! ab, kritzelte Dutzende von Blättern voll und stand zwischendurch immer wieder auf, um etwas an die Schiefertafel zu schreiben, Diagramme und Pfeile zu malen oder irgendeine Versuchsanordnung zu skizzieren.

Sein Zimmer war für Altstadtverhältnisse riesig, die Decke an die vier Meter hoch. Drei verschwenderische Fenster gingen auf die Bussemer Gasse. Auf der einen Seite überspannte ein Hochbett, groß wie ein hochseetaugliches Floß, den Raum. Es ruhte auf stammdicken Kanthölzern. Eine Leiter führte hinauf wie auf einen Speicher. Unter dem Bett konnte man bequem stehen. Dort war auch die Sitzecke. Matratzen lagen herum, zwei zerschlissene Sessel, Wandteppiche und Papierlampen vervollständigten die Einrichtung. Ein niedriger Wohnzimmerschrank teilte das Zimmer. Hinter dem Schrank hatte Altomonte seine zaghaften Ordnungsbemühungen ganz aufgegeben. Hier befand sich die Arbeitsecke: eine Sperrholzplatte auf zwei Böcken, billige Pressholzregale, auf denen Bücher übereinander fielen, und die Tafel, die an der Rückwand des Schrankes hing und über und über mit unleserlichen Schriftfetzen und den Resten verschmierter Kreide überzogen war. In einer Ecke türmten sich elektrische Bauteile, Spulen, Kondensatoren, Röhren, daneben Messgeräte, Verstärker, ein Mikrofon, Lötkolben und anderes Werkzeug. Sein Arbeitsplatz glich einer Hinterhofwerkstatt und es hätte mich nicht verwundert, wenn aus den Kisten, die überall an den Wänden standen, künstliche Arme oder Beine für eine geheimnisvolle Frankensteinkonstruktion herausgelugt hätten.

Schon auf der Straße hatte ich gestutzt. Die Adresse, die er mir ein paar Tage zuvor zum Abschied zugerufen hatte, gehörte zu einem herrschaftlichen Haus in der Unteren Straße. So ganz anders als die schmalen Fassaden, die sich scheinbar schwankend aneinanderklammerten, thronte es wie eine Kirche über die armseligen weltlichen Hütten ringsum. Es mochte gut und gerne dreihundert Jahre alt sein. Es bedurfte keiner großen Phantasie, eine Burschenschaft darin zu vermuten.

Nun genoss ein Burschenschaftler zu jener Zeit in unseren Kreisen etwa genauso viel Ansehen wie ein Polizeispitzel, Heidelbergs Oberbürgermeister oder ein amerikanischer Bomberpilot in Hanoi. Jedenfalls war ich kurz davor, auf der Stelle kehrt zu zumachen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob das etwas geändert hätte. Vielleicht hätte ich einen Tag, eine Woche später wieder dort gestanden, vielleicht wäre diese seltsame Freundschaft aber genauso abrupt zu Ende gewesen, wie sie am Philosophenweg begonnen hatte. Ich habe in den letzten Jahren oft an diesen Augenblick gedacht, und, obwohl ich weiß, dass es um etwas Höheres geht als um mich, mehr als einmal habe ich mir gewünscht, ich hätte diese Klingel nicht gedrückt.

Tatsächlich war es mit einem Klingeln nicht getan. Erst nach etlichen Minuten, in denen ich meine anfängliche Zurückhaltung schrittweise aufgegeben hatte, um zu morseähnlichen Signalfolgen, später dann zu einem unverhohlenen Dauerklingeln überzugehen, wurde geöffnet. Jemand fluchte von oben ins Treppenhaus hinunter, warum, verdammt noch mal, niemand aufmache, und ich betrat, mich misstrauisch umschauend, den kalten Flur. Besänftigt wurde ich durch eine auffällig attraktive Schwarzhaarige, die in der Küche im ersten Stock gutgelaunt gegen einen Berg dreckigen Geschirrs ankämpfte. Montis Zimmer, sagte sie, sei dort, die nächste Tür.

Monti klang nach Montgomery, dem britischen Oberbefehlshaber. Obwohl ich mich nicht erinnern konnte, dass ihn im Institut jemals jemand so gerufen hatte, war ich mir sicher, dass ihm dieser Spitzname gefiel.

So warf ich mich, kaum eingetreten, in die Brust und brüllte: "Herr General, Jungfux Heilant wie befohlen zum Stiefelputzen angetreten!"

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Er schien sich über meinen Besuch zu freuen und sagte lächelnd: "Lass den Blödsinn!"

"Ich wusste gar nicht, dass in einer Burschenschaft auch Mädchen wohnen."

"Du meinst Alessandra?" Er wog bedächtig den Kopf. "Na ja, offiziell jedenfalls nicht." Einer der Bewohner, ein Theologiestudent, weilte einige Semester im Ausland. Das Zimmer war für diese Zeit einer italienischen Studentin vermietet worden, unter der Hand, sozusagen. "Wir sind zwar progressiv, aber so weit sind wir noch nicht. In zwanzig Jahren vielleicht." Er grinste. "Mensch, fass dich wieder!" Ich sah offenbar immer noch recht betreten drein. "Erstens, ist das hier keine Burschenschaft, sondern eine musische Verbindung." Das schien ihm wichtig zu sein. "Zweitens, sind die Freaks in Ordnung, zumindest die meisten. Und drittens, ist es mir wurscht. So billig kannst du sonst nirgends wohnen, und das Zimmer ist ok, oder?!"

Altomonte sah an diesem Tage besonders müde aus, die Wangen eingefallen, dunkle Ringe um die Augen. Er trug einen schmuddeligen schwarzen Rollkragenpullover. Zwischen den Lippen hing ihm eine seiner dicken gelben Zigaretten, die so gut zu ihm passten wie eine Havanna zu einem Dreijährigen.

"Geht's dir nicht gut?" fragte ich ihn.

"Ich hab die ganze Nacht gearbeitet. Komm, ich muss dir was zeigen!" Er zog mich hinter den Schrank.

 

"Wie ist es passiert?" wollte ich irgendwann von Liepman wissen, erstaunt darüber, dass es mich nicht schon früher interessiert hatte. Längst waren die Teller abgeräumt worden, und in der Espressotasse, in die ich nachdenklich starrte, trocknete eine Spur Kaffeesatz. Liepman rauchte keuchend eine Zigarre.

"Genau weiß man's noch nicht." Irgendwas rasselte in seiner Lunge, und für einen Moment fürchtete ich, ein wichtiges Teil habe seinen Geist aufgegeben. "Es sieht aber so aus, als hätte eine Explosion stattgefunden oder so was Ähnliches. Keine große Sache, ein paar Fensterscheiben … Und ihn hat's zerrissen."

"Ihn allein?"

"Es scheint so."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dem Ingenieur ist nichts zu schwör

Ich beobachtete die Bewegung eines Bootes, das von einem Pferdegespann ziemlich rasch einen engen Kanal entlang gezogen wurde, als das Boot plötzlich anhielt - nicht jedoch die Wassermasse im Kanal, die das Boot in Bewegung gesetzt hatte; sie sammelte sich rund um den Schiffsbug in einem Zustand wilder Erregung, ließ das Schiff dann plötzlich hinter sich, rollte mit hoher Geschwindigkeit vorwärts, nahm dabei die Form einer großen einzelnen Erhöhung an, ein abgerundeter, glatter, wohldefinierter Haufen Wasser, der entlang des Kanals anscheinend ohne Formveränderung oder Geschwindigkeitsabnahme seinen Lauf nahm. Ich begleitete diese Welle auf meinem Pferd und überholte sie, während sie sich immer noch mit einer Geschwindigkeit von etwa acht oder neun Meilen pro Stunde bewegte, wobei sie ihre ursprüngliche Gestalt von etwa dreißig Fuß Länge und ein bis eineinhalb Fuß Höhe beibehielt. Die Höhe nahm allmählich ab, und nachdem ich das Ganze für etwa ein oder zwei Meilen beobachtet hatte, verlor ich es in den Windungen des Kanals aus dem Auge.

John S. Russell, im August 1834

 

Am nächsten Tag wurde Altomonte beerdigt. Noch am gleichen Abend wollte ich wieder in Hamburg sein. Liepman hatte sich entschuldigt, eine familiäre Verpflichtung, und ich hatte - leichtfertigerweise, wie ich jetzt dachte, - auf seine Begleitung verzichtet.

Es nieselte. Dünne Schauer legten sich wie durchsichtige Folien über die zahlreichen Trauergäste, und Graupel oder nassschwerer Schnee prasselte immer wieder auf die Schirme herunter, die von manch einer Böe Auftrieb bekamen und an den Armen ihrer Besitzer zerrten. Wolken jagten über den See, um sich dann in den Bergen zu stauen, zusammenzuklumpen zu schmutzigem Eis.

Im Bestreben, mich im Hintergrund zu halten, stand ich am Rand der im Kreis aufgestellten Menge, dort, wo Betroffenheit nicht einmal der Form halber durchzuhalten ist und manch ein Lachen oder eine zu laut geführte Unterhaltung das andächtige Schweigen der anderen übertönt.

Ein die hundert Menschen mochten zusammengekommen sein. Hauptsächlich Vertreter von Forschungseinrichtungen und Organisationen oder von staatlichen Stellen, wie mir schien. Den größten Teil der Presse hielten ein paar Uniformierte draußen vor dem Eingang in Schach. Jetzt hätte mir Liepman gute Dienste leisten können. Stattdessen versuchte ich zwischen den professionell Trauernden, ein bekanntes Gesicht auszumachen. Außer Riva, einem Kollegen Altomontes, und Bell, dem wissenschaftlichen Direktor, erkannte ich niemanden. Auf dem Kiesweg zur Rechten des offenen Grabes meinte ich, mehrere verschleierte Frauen auszumachen. Das sah Altomonte ähnlich, wenn jemand um ihn trauerte, dann war diese Person zweifellos weiblich.

Ich fröstelte. Aus dem feuchten Laub zu meinen Füßen kroch die Kälte in mir empor. Bald hatten die ersten genug. Die Ansammlung begann sich aufzulösen. Sie zerfiel von ihrem Rand her, zerfranste zu länglichen Fäden, die sich zu den verschiedenen Ausgängen zogen. Um mich aufzuwärmen, ging ich ein paar Schritte, schlenderte zwischen den monumentalen Grabsteinen umher, beschrieb einen Bogen, wartete bis die Zeremonie auch offiziell ihren Abschluss gefunden hatte, und näherte mich schließlich ohne Hast Altomontes letzter Ruhestätte.

Ich las gerade die Bänder der Kränze, als eine Stimme hinter mir ertönte. "Herr Heilant?"

Es klang wie Eilan, und erst einen halben Atemzug später zuckte ich zusammen, als ich mich angesprochen fühlte.

Ich drehte mich um und musste den Blick senken, um überhaupt jemanden zu sehen. Derjenige, der mich angesprochen hatte, mochte knapp Einssechzig groß sein. In der Schweiz, so schien es, hatte ich es mit kleinen Männern zu tun.

"Mein Beileid", er drückte mir die Hand. Tatsächlich hielt er mir nur ein dürres Händchen entgegen, das ich vorsichtig betastete, als umfasste ich eine halb zerfallene Reliquie. Fast meinte ich, seine durchsichtige pergamentartige Haut zwischen meinen Fingern rascheln zu hören.

Er machte eine tiefe Verbeugung, und sein von spärlichem weißen Haar nur notdürftig verhüllter Hinterkopf streckte sich mir entgegen. "Gestatten, Kommissär Montaigne, Kantonspolizei Genf." Er sprach ein passables Deutsch. Auf den ersten Blick hätte ich sein Alter auf Neunzig oder Hundert geschätzt. Das heißt, er sah aus wie jemand, der das für einen Menschen höchstmögliche Alter erreicht hat. Schwer vorstellbar, er könnte in ein paar Wochen oder gar Monaten noch am Leben sein. Wahrscheinlicher war, dass er kurz vor der Pensionierung stand.

"Herr Heilant, ich würde mich gerne ein paar Minuten mit Ihnen unterhalten."

"Über Altomonte?" fragte ich überflüssigerweise.

Er lächelte schüchtern. "Über Altomonte, ja."

Es hatte aufgehört zu regnen, und durch einen langen Riss in der oberen Wolkendecke war die Sonne durchgebrochen. Wenige Gehminuten vom Friedhof entfernt, betraten wir ein Café.

"Sie waren ein Freund Altomontes." Es war keine Frage, aber doch mehr als eine Feststellung.

"Ja." Manchmal ist die kürzeste Antwort nicht die treffendste. So fügte ich hinzu, dies sei aber länger her, als es den Anschein habe.

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"Ich verstehe." Er nestelte eine Packung Zigaretten aus der Tasche seiner hellgrauen Anzugsjacke, zündete sich eine mit zittriger Hand an, lehnte sich zurück und lächelte selig. An der Rechten trug er einen schweren Goldring mit rotem Stein. Montaigne sog den Rauch tief in die Lungen, und wir schwiegen eine Weile. Aus dem Nebenzimmer schallte das fröhliche Lärmen einer Trauergesellschaft herüber. Er schien alle Zeit der Welt zu haben.

"Darf ich fragen, warum Sie mich sprechen wollten?"

Er sah mich erstaunt, fast verständnislos an. "Bitte?" Dann hellte sich seine Miene schlagartig auf, und er schien sich an den Zweck unseres Hierseins zu erinnern. "Natürlich, natürlich. Kommen wir zur Sache."

"Sehen Sie", der Kommissär legte sein Händchen an die Kaffeetasse, als wollte er es wärmen, "wir wissen sehr wenig über Doktor Altomonte." Ich war mir nicht im Klaren, ob er sich oder die Polizei, die Schweizer im Allgemeinen, vielleicht sogar die Öffentlichkeit im weitesten Sinne meinte. "Verstehen Sie mich nicht falsch, Altomonte war ein berühmter Mann und angesehen dazu. Wir verfügen über jede Menge Informationen, was seine Arbeit, seine Vortragsreisen, seine Tätigkeit in den verschiedenen Gremien angeht." So viel, wie jeder gute Journalist in Erfahrung bringen könne, fügte er hinzu, und ich fühlte mich angesprochen. "Wie aber war er als Mensch? Hatte er Sorgen oder Probleme, hatte er Freunde oder Feinde?"

"Ich dachte, der Fall sei klar?" Wie hatte Liepman gesagt? Trivial.

"Es ist unsere Aufgabe, in alle Richtungen zu ermitteln." Er sprach das alle betont vage und ohne Nachdruck aus. "Ich darf Ihnen sogar mitteilen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt ein Fremdverschulden weitestgehend ausschließen können." Trotzdem hätte es mich nicht gewundert, wenn er im gleichen Atemzug nach meinem Alibi gefragt hätte. Stattdessen hielt er sich den Magen und verzog das Gesicht, als habe er Schmerzen. Er bestellte einen Kamillentee.

"Ich habe ihn seit fast zwei Jahren nicht gesehen. Warum fragen Sie nicht jemand anderen?"

"Er hatte nicht viele Freunde, wie es scheint."

"Da können Sie recht haben. Ich glaube, er war in den letzten Jahren ziemlich unerträglich geworden."

"Sie meinen, er hat sich verändert?"

Altomonte hatte sich so verändert, wie die meisten Menschen sich verändern. Manch eine Eigenschaft war ausgeprägter geworden, hatte an Konturen gewonnen wie die Falten, die zunächst nur angedeutet, später aber wie mit breiter Klinge gearbeitet ein altes Gesicht zerfurchen. Andere hatten sich abgeschwächt und waren von bedeutenderen Eigenarten überragt worden. Nein, richtig verändert hatte er sich nicht.

"Hatte er in der letzten Zeit private Probleme? Stimmungsschwankungen vielleicht?"

"Altomonte neigte nicht zu Depressionen, wenn Sie das meinen. Er war jemand, der immer alles im Griff hatte, der genau wusste, was er wollte. So jemand wird nicht trübsinnig." Ich schüttelte den Kopf. "Sie sind auf dem Holzweg, wenn Sie an Selbstmord denken." Altomonte hatte zwar alles bekommen, was er wollte, und einen anderen hätte womöglich eine schwere Sinnkrise befallen: Noch keine Fünfzig und schon am Ziel seiner Träume! Gab es etwas Bedeutenderes als den Nobelpreis? Nicht so Altomonte. Nicht der Altomonte, den ich kannte. Ich war sicher, dass er irgendeine neue Aufgabe gefunden hatte, eine, die ihn genauso faszinierte und forderte wie die anderen davor. Nein, Selbstmord war ausgeschlossen.

"Vielleicht kein Selbstmord. Selbstverschulden, ja. Leichtsinn, Fahrlässigkeit." Der alte Kommissär rutschte auf seinem Polster hin und her. "Schauen Sie, letzte Woche hat ein Ingenieur des Elektrizitätswerkes mit einem Schraubenzieher eine Starkstromleitung berührt. Wieso stochert jemand plötzlich in einer Hunderttausendvoltleitung herum? Noch dazu einer, der seit zwanzig Jahren dort arbeitet und die Risiken genau kennt? War er in Gedanken, abgelenkt? Hat der tägliche Umgang mit der Gefahr dazu geführt, dass er sie nur noch verstandesmäßig erfassen konnte? Hat er sich zu sicher gefühlt? Wir wissen es nicht. Solche Dinge passieren jeden Tag, ohne dass wir sie hinreichend erklären könnten." Er hatte ruhig und lächelnd gesprochen, so als wollte er sagen, die Welt sei zwar nicht so simpel, wie ich sie mir vorstellte, das sei aber nicht tragisch.

"Bei einem Unfall wirken meistens mehrere Dinge zusammen", murmelte ich in Erinnerung an irgendeine Broschüre.

"Sehen Sie! Menschliches Versagen beispielsweise. Ein komplizierter Versuch, große Energiemengen, nicht eingehaltene Sicherheitsvorkehrungen, der eine oder andere kleine Fehler vielleicht, eine falsche Berechnung, das eine kommt zum anderen und schon, peng!, alles fliegt in die Luft."

Es gab eine Grauzone zwischen Absicht und Unbedachtheit.

 

Am späten Nachmittag sollte sich eine weitere Merkwürdigkeit ereignen. Diesmal sollte das Interesse an meiner Person telefonisch angemeldet werden und deutlich machen, dass mir in dieser Geschichte offenbar eine wichtige Rolle zugedacht worden war. Ich wurde in der Hotellounge ausgerufen und eilte zur Telefonzelle in der Erwartung, die Redaktion habe eine Nachricht für mich. Stattdessen war eine mir unbekannte Frau am Apparat.

"Herr Thomas Heilant?"

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"Ja?"

"Ich habe Sie heute auf der Beerdigung gesehen."

"Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?"

"Ich bin … war eine Bekannte von Massimo." Ihre runde und weiche Stimme war mir vom ersten Augenblick an vertraut. Obwohl ich sicher war, sie heute zum ersten Mal zu vernehmen, schien es mir, als hätte ich schon unzählige Male mit dieser Frau gesprochen.

"Was wollen Sie?" fragte ich müde.

"Ich muss mit Ihnen sprechen."

"Ich fürchte, das geht nicht. Ich bin praktisch schon weg." Meine Tasche stand, fertig gepackt, an der Rezeption.

"Dann möchte ich Sie bitten, noch in Genf zu bleiben."

"Warum sollte ich das tun?"

Sie machte eine Pause. Dann sagte sie mit leiser Stimme: "Altomonte ist nicht eines natürlichen Todes gestorben."

"Das ist mir bekannt."

"Nein, ich meine, jemand hat ihn umgebracht …", sie stockte "oder etwas ..." Sie klang geheimnisvoll, zu geheimnisvoll, wie mir schien, und ich stellte mir vor, wie sie diesen Spruch für mich eingeübt hatte.

"Sie meinen, ein paar Außerirdische oder der sowjetische Geheimdienst?"

"Sie glauben mir nicht?" Sie klang ehrlich erstaunt, und ich fragte mich, ob ich nicht vorschnell geurteilt hatte. "Ich bin im Besitz einiger Dinge, die Sie interessieren könnten. Beweise …", fügte sie vielsagend hinzu.

Jetzt war ich an der Reihe, eine Pause einzulegen. Was, wenn sie tatsächlich nicht bluffte? Plötzlich sah ich das Gespräch mit dem Kommissär in einem anderen Licht. Sollte es doch mehr als ein unbedeutender Unfall gewesen sein? Doch, anstatt mein Interesse zu wecken, verursachte diese Vorstellung nur eine Art geistigen Völlegefühls. Nach so vielen Jahren bekam mir diese Überdosis Altomonte nicht. Er war tot. Alles andere war unwichtig. Zumindest für mich. In Gedanken war ich schon in Hamburg. "Gehen Sie zur Polizei. Was habe ich damit zu tun?"

Meine Reaktion schien sie zu verwirren. "Sind Sie nicht Journalist?"

Sie hatte recht, ich war Journalist. Es gab mehr auf der Welt als meine private Beziehung zu Altomonte. Ich seufzte: "Gut, dann sollten wir uns treffen."

"Nicht jetzt", sie zögerte, "ich rufe Sie wieder an."

 

 

 

 

 

 

 

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Die Göttin der Rache tritt auf

Als ich das Ding zum ersten Mal sah, dachte ich an eine Bastelarbeit. Altomonte musterte mich erwartungsvoll. Wie der Hobbyeisenbahner, der viel Zeit und Mühe in eine Vielzahl von Häuschen und Brücken, Bahnhöfen und künstlichen Wäldern gesteckt hat, der ganze Berge aufgebaut und an die richtige Stelle gerückt hat, schien er auf irgendeinen Ausruf der Bewunderung zu warten.

Eine grüne Plastikwanne in der Größe eines Schlauchbootes nahm den ganzen Schreibtisch ein. Sie war nicht besonders tief und nur eine Handbreit mit Wasser gefüllt. Die eigentliche Attraktion stellte aber zweifellos das Gebilde dar, das aus ihrer Mitte wie eine Insel aufragte. Aus dem Laufrad eines Hamsters hatte Altomonte etwas konstruiert, das entfernt an ein Wasserrad erinnerte. Anstelle von Schaufeln hatte er acht rechteckige Metallschächtelchen angebracht, die so aufgehängt waren, dass ihr Boden unabhängig von der Stellung des Rades immer nach unten wies. Über dem Rad endete ein Schlauch, durch den mit Hilfe eines kleinen Elektromotors Wasser hinauf gepumpt werden konnte.

"Was sagst du dazu!"

"Du hast deinen Goldhamster umgebracht?" An diesem Tag stellte ich zum ersten Mal fest, dass Schlagfertigkeit das einzige Mittel war, ihn, wenn auch nur für kurze Zeit, aus der Fassung zu bringen.

Er lachte. "Pass mal genau auf!"

Altomonte stellte die Pumpe an. Mit Hilfe eines Drehwiderstandes regelte er ihre Leistung auf eine bestimmte Stufe, und ein dünner Strahl ergoss sich aus dem Wasserzulauf in die oberste Radschaufel. Im gleichen Augenblick begann es aus ihrem Boden zu tropfen. Jede Gondel hatte mehrere Löcher, die für eine langsame und kontinuierliche Entleerung sorgten. Da aber mehr Wasser zufloss als unten wieder heraustrat, hatte sich die Schaufel bald gefüllt. Sie schwankte unmerklich hin und her und setzte sich schließlich gegen den Uhrzeigersinn in Bewegung. Die nächste Gondel kam heran und wurde im Vorübergehen halb gefüllt. Die Drehbewegung verstärkte sich, und schon nach wenigen Sekunden hatte sich das Rad in ein gleichmäßiges Kreisen eingependelt.

"Gratuliere, du hast das Perpetuum Mobile erfunden."

Wieder sah er mich an, als könnte er nicht entscheiden, ob ich scherzte oder tatsächlich nichts verstand.

"Moment, gleich kommt's!" Ungeduldig drehte er an dem Widerstand. "Schau dir das jetzt an!" sagte er triumphierend.

Das Wasser gurgelte aus dem Schlauch, und die Radschaufeln füllten sich höher als zuvor. Hinzu kam, dass es den Abflüssen in der kürzer gewordenen Zeit nicht mehr gelang, die Gondeln vollständig zu entleeren. So dauerte es nicht lange, bis das Rad langsamer wurde und schließlich stehenblieb. Sofort setzte es sich aber in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung, und bald darauf wiederholte sich das Spiel mit umgekehrtem Vorzeichen.

Munter ging es hin und her.

"Gigantisch, oder?!" Altomontes Augen leuchteten durch die Schwaden seiner stinkenden Maiszigarette.

"Ja", ich tat überrascht, "es oszilliert hin und her."

"Sonst siehst du nichts?"

Während er mich resigniert ansah, beobachtete ich angestrengt das Hamsterrad, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der Altomontes Begeisterung hätte rechtfertigen können. Doch ich konnte nichts Neues entdecken. Das Pendel torkelte hin und her, durchsichtige Fäden seiner Flüssigkeit hinter sich herziehend.

Tatsächlich hatte ich keinen Schimmer, von dem, um was es ihm ging. Ich ahnte noch nicht einmal, in welche Richtung ich denken sollte. Die Demonstrationsanordnung vermittelte mir genauso wenig Einsicht, als wenn ich in einen vollen Abfalleimer gestarrt hätte. Es lag nicht daran, dass irgendwas verborgen gewesen wäre. Es gab keinen doppelten Boden. Alles lag offen zutage. Was mir fehlte, war ein geistiges Gerüst, eine Plattform, in die ich die neuen Informationen wie Legosteine hätte einklinken können. Oder ich hatte ein anderes, ein unverträgliches System im Kopf. Es dauerte Wochen und Monate, bis ich die grundlegenden Begriffe und Mechanismen verstanden hatte. Es tröstet mich zu wissen, dass es Unzähligen nach mir ähnlich erging. Ich weiß nicht, wie lange sich Altomonte schon mit Wasserrädern oder ähnlich exotischen Gebilden beschäftigt hatte. Aber offenbar hatte sich sein Vorstellungsvermögen, sein ganzes Sehen, schon so weit entwickelt, dass er sich in dieser neuen Welt heimisch fühlte.

Er wischte mit der flachen Hand über die Tafel und schrieb schnell drei Differentialgleichungen.

"Damit lässt sich ein solches System vollständig beschreiben."

"Wirkt ein bisschen zu … einfach." Mir hatte primitiv auf der Zunge gelegen, aus Furcht, mich noch mehr zu blamieren, hatte ich aber im letzten Augenblick eine Abschwächung gewählt.

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"Nicht wahr?" sagte er stattdessen.

Er versicherte mir, die drei Gleichungen hätten es in sich. An diesem Tag wurde der Grundstein gelegt, meine halbfertige Dissertation niemals zu beenden.

Altomonte redete über eine Stunde auf mich ein. Er zeigte mir lange Zahlenkolonnen, auf denen er die Zustände seines Systems notiert hatte, malte Achsen auf die schon vollgeschriebene Tafel und kritzelte darin herum, bis er so etwas wie eine Doppelspirale zustande gebracht hatte.

Der Tag war unterdessen zu Ende gegangen, und durch die verstaubten Fenster schimmerten nur noch die matten Überreste des erlöschenden Lichts hindurch.

Ohne es zu wissen, hatte ich den Lorenz-Attraktor vor mir. Heute kennt ihn jeder Student. Ich dagegen war mir damals keineswegs sicher, ob Altomonte nicht einfach einen Haufen Unsinn erzählt hatte.

"Du hast das entdeckt?" fragte ich vorsichtig.

"Dein Vertrauen in Ehren", er schien tatsächlich ein bisschen betrübt, "aber das ist mittlerweile ein alter Hut. Ein Meteorologe, ein gewisser Lorenz, ist draufgekommen." Er suchte aus einem Stapel Papier ein paar verwaschene Nasskopien heraus und reichte sie mir.

Ich las den Titel: Deterministic Nonperiodic Flow. Der Artikel war aus dem Journal of the Atmospheric Sciences von 1963.

Damals dachte ich, Altomonte sei, genauso wie später ich, von der Unberechenbarkeit des Lorenz'schen-Wasserrades fasziniert. Erst viele Jahre später sollte ich verstehen, dass ihn die Stabilität fast mehr interessierte, die verschiedenen Phasen relativer Ruhe, die das System durchlief, ehe es außer Kontrolle geriet. Er suchte den Punkt, an dem alles umkippte, den kritischen Übergang zwischen der beruhigenden Berechenbarkeit und der alles verschlingenden Katastrophe. Er würde sich so weit wie möglich aus der Übersichtlichkeit der festgefügten Ordnung hinauswagen, um auf jener schmalen Kante zu balancieren, die vom Abgrund trennte. Wie der Surfer trachtete er danach, auf der größten aller möglichen Wellen zu reiten. Dort oben würde er ein Gott sein.

"Hanno assassinato Dutschke!"

Alessandra stand plötzlich im Zimmer. Ihre dunklen Augen blitzten. Sie war außer Atem vor Empörung. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf ihren Busen starrte, der unter ihrem karierten Hemd sprang. Obwohl ich ungefähr verstanden hatte, was vorgefallen sein musste, war ich mehr von ihr als von der Ungeheuerlichkeit des Geschehenen beeindruckt. In ihrer ungezügelten Entrüstung schien sie mir die schönste Frau zu sein, die mir jemals begegnet war. Allein schon deshalb hatte sich der Besuch bei Altomonte gelohnt.

Draußen war es frisch. über die Hauptstraße rumpelte eine halbleere Straßenbahn. Die Geschäfte hatten mittags dichtgemacht, und die wenigen Einheimischen, die noch unterwegs waren, schienen mehr an das bevorstehende Osterfest zu denken als an sonst was. Wenn wir erwartet hatten, wütende Menschenmassen zum Universitäts- oder Bismarckplatz strömen zu sehen, wurden wir enttäuscht. Es gab nur wenige Gestalten, die, wie wir, die Straße nach Anzeichen von außergewöhnlichen Aktivitäten absuchten, unschlüssig, was zu tun sei. Schließlich gingen wir zum AStA. Wenn überhaupt jemand wusste, was los war, dann erfuhr man's dort.

Dass wir zu dritt losgezogen waren, hatte wenig mit den sich überschlagenden politischen Ereignissen zu tun. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob Altomonte viel lieber mit seinem Wasserrad weitergespielt hätte. Wir hatten kaum die wichtigsten Einzelheiten erfahren und kommentiert, da wollte er mich wieder hinter den Schrank zu seinem Bassin ziehen.

"Ja, geh hin, schöne Alessandra, und kämpfe für die Revolution. Wir werden deiner gedenken."

Ihre Empörung hatte sich, falls möglich, einen Tick gesteigert. Die Fäuste in die Seiten gestemmt, fragte sie entgeistert: "Willst du sagen, dass ihr weitermacht, so …", sie suchte nach Worten, "als ist nichts passiert?" Wenn sie erregt war, litt ihr ansonsten passables Deutsch, doch das sollte ich erst später herausfinden.

Würdevoll antwortete Altomonte: "Wir sind Intellektuelle und nicht Männer der Tat. Du weißt, die Wissenschaft ist heute die eigentliche revolutionäre Kraft."

"Monti, sei uno sporco reazionario!"

"Alessandra, amore! Ich liebe dich, wenn du wütend bist!" brüllte er, als stehe er auf der Bühne und die letzte Reihe sei hundert Meter entfernt. Dann schaute er mich an, als ob er sagen wollte: Na Heilant, ist das eine Frau?!

"Ich für mein Teil habe durchaus etwas für die direkte Aktion übrig", sagte ich mit einem Seitenblick auf die schöne Rachegöttin, entschlossen, mir diese Chance nicht entgehen zu lassen. Schon machte ich mir Hoffnungen, den Abend mit ihr allein zu verbringen.

Doch Altomonte seufzte: "So sei es! Rudi, wo immer du auf deinem Totenbett liegen magst, wir kommen dich rächen." Er nahm seine Lederjacke und wir stürmten hinaus.

Im Asta hatten sich etwa zwanzig Genossen versammelt. Nach und nach wurden es mehr. Die Stimmung war gedrückt. Wir fühlten, dass das Attentat auf Dutschke alles änderte. Es war nicht wichtig, ob er nun tot war oder nicht. Es war nicht wichtig, ob es die Aktion eines Geisteskranken war oder ob Springer, die Bild-Zeitung oder der deutsche Gartenzwerg, wie einer vom SDS sagte, den Finger am Abzug gehabt hatte.

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Die unbekümmerte Militanz der Spaziergangsdemonstrationen des Herbstes war verflogen. Es war Krieg. Wir mussten jetzt entweder wirklich kämpfen oder aufgeben. Nichts würde wieder so sein wie zuvor.

Es wurde hitzig darüber debattiert, ob sich die Heidelberger in Esslingen oder in Frankfurt an den Blockadeaktionen beteiligen sollten. Altomonte sagte kein Wort. Er rauchte ununterbrochen und beschränkte sich darauf, die Szene, die sich im bot, mit sichtlichem Vergnügen zu beobachten. Als Einziger schien er von den Ereignissen unberührt. Auch ich war in Gedanken woanders. Alessandra saß ein paar Meter von uns entfernt auf dem Boden. Ich beobachtete sie, wie sie der Diskussion folgte, bei dem einen oder anderen Argument trotzig nickte oder entgeistert den Kopf schüttelte. Sie hatte mit den Armen die Knie umfasst. Wenn es ihr zu unbequem wurde, warf sie die Haare zurück und lehnte sich an die Wand. Dann bewegte sie ihre Beine wie jemand, der sich im Bett räkelt, und machte irgendwelche Dehnübungen, um die Nacken- und Schultermuskulatur zu lockern. Sie wirkte sehr ernst, fast verzweifelt.

"Hast du sie schon gevögelt?" fragte ich Altomonte unvermittelt.

Er schüttelte den Kopf. "Noch nicht. Wie haben einmal zusammen gebadet. Aber da ist nicht viel gelaufen." Er lachte. "Die Südländerinnen sind ein bisschen verklemmt." Dann zwinkerte er mir zu. "Aber das werden wir ihr schon austreiben, oder?!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gott würfelt nicht, oder doch?

Der Mai kam. In diesen Tagen sah es so aus, als ginge alles ganz schnell. Die Revolution stand vor der Tür, und dem morschen Establishment schien die Kraft zu fehlen, sich ihr entgegenzustemmen. Atemlos verfolgten wir die Ereignisse in Frankreich, und selbst Altomonte begann sich für Politik zu interessieren.

In der Bundesrepublik galt der Kampf vor allem den Notstandsgesetzen. In Heidelberg wurden die amerikanischen Soldaten zur Fahnenflucht aufgerufen. Zwischendurch zogen immer wieder kleine Gruppen vor die Betriebe in den Pfaffengrund, um die, wie es hieß, proletarischen Kräfte zu aktivieren.

Fast immer war jetzt auch Altomonte dabei. Manchmal schien sein Interesse an der Bewegung mehr akademischer Natur. Mehrmals zitierte er einen gewissen Kuhn, der gerade eine Theorie wissenschaftlicher Revolutionen entwickelt haben sollte, und verglich die Umbrüche im Wissenschaftsbetrieb mit jenen, deren Zeuge wir gerade auf der Straße wurden. Tatsächlich schloss er sich mir, Alessandra oder anderen Kommilitonen und Mitbewohnern nun ohne Murren an, wenn es darum ging, bei der einen oder anderen Aktion mitzumachen. Es kam sogar vor, dass die Initiative von ihm ausging, dass er bei mir die Treppe herauf polterte, um mich in aller Herrgottsfrühe zu irgendeinem Fabriktor zu schleppen.

Gleichgültig wie sehr er sich engagierte, es war offensichtlich, dass er im Hintergrund bleiben wollte. Das erstaunte mich zunächst, denn das war eine Seite seiner Person, die ich bisher nicht kannte. Ein bisschen Mitläufer bis hin zur Dienstbeflissenheit, wenn er sich anbot, eine unbeliebte Aufgabe zu übernehmen, manchmal auch distanzierter Skeptiker, war er vor allem der stille Beobachter, der aufmerksam registrierte. Was er auch tat, er blieb erstaunlich unbeteiligt. So konnte er während eines Sit-ins seelenruhig in irgendeiner Ecke in einem der zerfledderten Taschenbücher schmökern, die er stets bei sich trug, seinen Sartre oder eine wissenssoziologische Abhandlung studieren, ohne sich von der Anspannung, dem aufgeregten Brodeln ringsum anstecken zu lassen. Wenn er die Stimme erhob, eine Einschätzung zum besten gab oder zu irgendwas aufrief, dann schien er nur überprüfen zu wollen, wie gut er zu einem charismatischen Führer taugte, sollte er sich irgendwann entschließen, die Massen unter seine Fittiche zu nehmen.

Auch sonst war er anders als die anderen. Während wir die Stones oder die Beatles hörten, schwärmte er für Duke Ellington oder Bach. "Was hörst du denn da?" hatte ich das erste Mal erstaunt ausgerufen, als ich ihn in seinem Zimmer bei dieser seltsamen Beschäftigung überrascht hatte. "Solche Choräle solltest du dir für deine Beerdigung aufheben! Das klingt ja schauderhaft!" Resigniert, wie es häufig vorkam, hatte er geantwortet: "Du verstehst zu wenig von Musik, sonst würdest du hören, dass dieser Kanon geradewegs in die Unendlichkeit weist."

So unterschiedlich Altomonte und ich den Aufbruch jener Tage erlebten, so sehr ähnelten wir uns in anderer Hinsicht. Wie zwei Kater schlichen wir um Alessandra herum, taten unauffällig, behielten aber stets den anderen wachsam im Auge. Es entspann sich ein subtiler Wettkampf, in dem jeder bestrebt war, seine besten Seiten herauszukehren, und der andere glaubte, ihn entweder übertrumpfen oder aber heruntermachen zu müssen. Um die bessere Ausgangslage zu erwischen, bewegten wir uns vorwärts oder wichen zurück, taten alles Erdenkliche, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dann, wenn sie endlich dem Auserwählten ein eindeutiges Zeichen gäbe. Tatsächlich bleib es nicht bei dieser abwartenden Haltung. Sowohl er als auch ich versuchten mehrmals, die vermeintliche Gunst der Stunde zu nutzen und durch eine allzu durchsichtige Überrumpelung ans Ziel zu kommen. Sie jedoch schien über diesen Schwebezustand keineswegs unglücklich. Im Gegenteil, mit Geschick verstand sie es, uns beide auf Distanz zu halten und uns dennoch glauben zu lassen, jeder habe berechtigte Hoffnungen.

Trotz des fortdauernden Wettbewerbs um die Aufmerksamkeit Alessandras waren Altomonte und ich uns bald nähergekommen. So wie ich seine Geistesblitze schätzte, die selbst die gewöhnlichsten Dinge in ein gänzlich neues Licht zu tauchen vermochten, bewunderte ich die Unabhängigkeit, mit der er über den Dingen schwebte. Im Gegenzug schien er sich nach ein wenig unbeschwerter Normalität zu sehnen. "Mensch Heilant, manchmal wünschte ich mir ein bisschen deiner Selbstzufriedenheit", hatte er mehr als einmal ausgerufen, ganz so, als strahlte ich die Unbekümmertheit des Einfältigen aus. Für einen, der zu Höherem berufen war, mochten Glück oder Zufriedenheit unbedeutende, vielleicht sogar hinderliche Dinge sein.

So hatten wir uns aneinander herangetastet. Nach wenigen Tagen hatte er meinen Besuch erwidert, und bald verabredeten wir uns regelmäßig, um mittags oder abends in der Mensa zu essen. Manchmal versackten wir auch in einer unserer Stammkneipen im überschaubaren Radius der Altstadt, wenn zu fortgeschrittener Stunde Alessandra zufrieden und, wie wir wussten, alleine im Bett lag. Hinzu kam, dass die Schnelllebigkeit jener Wochen alles beschleunigte und intensivierte. Manch eine tiefe Beziehung, zu der es vorher Monate oder gar Jahre bedurft hätte, entwickelte sich innerhalb weniger Tage.

Selbst das gemeinsame Werben um Alessandra verband uns mehr, als dass es uns trennte. Es war mehr wie ein sportlicher Wettkampf, bei dem es darum ging, wer sie als erster herumkriegte. Niemand hätte dem anderen den Erfolg missgönnt. Ich glaube nicht, dass zu jenem Zeitpunkt einer von uns in sie verliebt war und an etwas Ernsteres dachte. Zudem gab es andere, bereitwilligere Genossinnen, bei denen wir uns trösten konnten.

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Vor allem Altomonte nahm diese Gelegenheiten wahr, wann immer sie sich ihm boten. So asketisch und über den weltlichen Verlockungen stehend er sich gab, war er mancherlei Exzessen durchaus zugeneigt. Er rauchte wie ein Besessener, trank reichlich, und lief den Frauen hinterher, als habe er nur noch ein paar Monate zu leben.

Wenn wir nicht gerade demonstrierten, um Alessandra herumscharwenzelten oder anderen Frauen nachstiegen, was bequemerweise oft aufs Gleiche herauskam, arbeiteten wir an unseren Dissertationen. Von mir kann ich behaupten, dass dies nun noch lustloser geschah als zuvor, und auch Altomonte schien nicht gerade zielstrebig auf sein Ziel loszusteuern.

An einem dieser schon warmen Maiabende saßen wir auf seinen Matratzen in der Palatina. Wir waren den halben Tag im Laufschritt hinter einem Schild durch die Stadt gehetzt, auf dem Es lebe der Sieg im Volkskrieg! gestanden hatte. Jetzt spürten wir jeden Knochen. Alessandra hatte uns vor einer Stunde mit einer Zweiliterflasche Lambrusco alleingelassen.

"Weißt du, Heilant", obwohl er mich immer häufiger mit meinem Vornamen anredete, blieb ihm dieses Heilant bis zuletzt geläufig, "ich habe das Gefühl wirklich zu leben."

Es sah ihm nicht ähnlich, sehr persönlich zu werden, und so richtete ich mich ein wenig auf, neugierig, mehr über den Freund zu erfahren. Da ich keine Ahnung hatte, was er meinte, brummte ich etwas, das wie ein "Ach, ja?" klingen sollte.

"Ich weiß nicht, ob es mir jemals vorher schon so ging." Er lag mehr, als dass er saß, und balancierte ein halbvolles Glas auf der knochigen Brust. Im Hintergrund trällerte eine seiner Jazz-Platten. "Kennst du das? Du bist wirklich da?! Du stehst auf der Straße und spürst die Steine unter deinen Füßen, du riechst die Luft, den Staub und den Moder der Häuser, den frischen Asphalt, das Brot vom Café nebenan?! Ein Mädchen kommt dir entgegen und lächelt, und du glaubst, ihre warme Haut zu spüren, wenn sie vorbeigeht?!" Mit einem Ruck setzte er sich auf, und ich spürte, wie mich seine Begeisterung wieder einmal ansteckte und mitriss. "Oder es ist Nacht, und du schaust zu den Sternen, und du fühlst dich geborgen, die Welt um dich herum ist dir freundlich gesinnt!" Er lächelte selig und trank einen Schluck. "Dann fühle ich, dass ich da bin, ohne wenn und aber da! Tommi, es geht mir einfach gut."

Das war das einzige Mal, dass ich einen solchen Satz aus seinem Mund hörte.

Vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht an diesen Maitagen, die auch in mir eine Ahnung von dem geweckt hatten, was Altomonte gerade beschrieben hatte. Ein Gefühl der Allmacht lag in der Luft. Diese Omnipotenz, mit der wir uns alles unterwerfen konnten, schaffte sich ihre eigene Wirklichkeit.

Zu Sartre war es nur ein kleiner Schritt. Wir diskutierten nicht das erste Mal über Existenzialismus, und es sollte auch nicht das letzte Mal bleiben. Und doch, wenn ich heute daran denke, nimmt diese Stunde den bevorzugten Platz in meiner Erinnerung ein.

Altomonte trank und rauchte gleichzeitig. "Das Entscheidende ist: Wie kommst du an diesen Punkt. Wie wirst du dir deiner bewusst?" Er sah auf das unförmige Ding, das zwischen seinen gelblichen Fingern verbrannte, und mochte daran denken, dass Sartre die gleiche Marke rauchte. "Nein, es ist mehr als ein Sich-bewusst-werden, du musst dir deine Existenz schaffen, verstehst du? Regelrecht schaffen!" Er kramte hinter der Matratze und förderte ein Taschenbuch zutage. Bald hatte er die Stelle gefunden:

Die Existenz ist nichts, was man aus der Entfernung denken kann: das muss dich plötzlich überfluten, das bleibt über dir, das lastet schwer auf deinem Herzen wie ein großes unbewegtes Tier - sonst ist da gar nichts.

"Und wie schaffst man sich seine Existenz?" Ich war der Stichwortgeber und sollte es bleiben.

Altomonte grinste. "Durch ein existenzielles Erlebnis natürlich!" Dann zuckte er die Achseln. "Durch Angst, den Tod, für Sartre durch den Ekel, für andere durch die Religion … Vielleicht gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Ich weiß es nicht."

Er könne sich auch andere Situationen vorstellen, meinte er dann, nachdem er nachgedacht hatte. Die Erfahrung von Schuld zum Beispiel oder von Stolz. Das schien ihn auf eine neue Idee zu bringen. "Und weißt du, was die Voraussetzung für Schuld oder Stolz ist? Dass ich eine Wahl hatte, oder?! Dass ich mich so, aber auch anders hätte entscheiden können. Und es gibt tatsächlich diese Freiheit. Nichts ist im Voraus endgültig festgelegt! Es kann sich vorwärts, aber auch plötzlich wieder rückwärts drehen." Er war wieder bei seinem Wasserrad.

Altomonte, der Vorkämpfer für die Freiheit. Er war und blieb ein kleinbürgerlicher Reaktionär. "Du bist ein hoffnungsloser Idealist!" sagte ich.

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"Heilant, du hast einen Scheißdreck verstanden!" brüllte er plötzlich, dass ich zusammenzuckte. Dann fuhr er eindringlich, aber leiser fort: "Es gibt unendlich viele Sachzwänge. Jeder von uns ist das Produkt seiner Erziehung, der Gesellschaft, was du willst! Aber, wenn's darauf ankommt, stehst du alleine. Dann musst du dich entscheiden. Klar, du hast alles da drin!" Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, dass es knallte. "Aber damit kannst du dich nicht rausreden. Da läuft kein Programm ab, das tausendmal immer wieder zum gleichen Ergebnis käme. Vielleicht bist du unkonzentriert oder abgelenkt, einmal fällt dir etwas ein, was dir das andere Mal nicht in den Sinn kommt. Es genügt ein kleines Quäntchen, irgendein Etwas, so winzig es auch sein mag, und du schweigst oder wirst zum Verräter", - er dachte offenbar an Sartres Helden der Resistance, die sich unter der Folter zu beweisen hatten - "oder es bewirkt, dass ich ein Kind zeuge oder es bleiben lasse, dass ich jemanden töte oder mich selbst umbringe. Selbst wenn ich mir eine Tasse Kaffee koche, verändere ich die Welt!"

Gab es einen unabhängigen Willen? Irgendeine Instanz, die schalten und walten konnte, ohne sich um ihre Ursachen zu kümmern? Und falls es nur der Zufall war, den es vielleicht tatsächlich gab, die Unberechenbarkeit, die Altomonte immer wieder beschwor, wie konnte ich dann stolz auf eine Entscheidung sein, die mein Gehirn geradezu ausgewürfelt hatte? Für einen überzeugten Materialisten wie mich klangen Altomontes Theorien abwechselnd phantastisch oder auch nur unverbesserlich idealistisch.

War ich schließlich nicht zuletzt deshalb zur Physik gekommen? In der festen Überzeugung, der Lauf der Geschichte sei genauso zwingend vorgegeben, wie es der berühmte Fall des Apfels war. So wie die großen Entwicklungen von Anbeginn der Zeit bis zu ihrem Ende einem festgelegten Ablauf folgten, war auch das Leben eines jeden Menschen einem geradezu schicksalshaften Plan unterworfen. Erst jenseits davon gab es Freiheit. Wenn ich mit meinen Wünschen und Einstellungen, meinen Gewohnheiten und Ängsten ein Produkt dieser Weltmaschine war, dann bedeutete dieses festgelegt sein keinen Zwang, es war ein Teil von mir. Genauso ernsthaft rang ich um eine Entscheidung, als hätte ich eine Wahl. Dieses Ringen gehörte zu der Entscheidung, und die Freiheit, die ich dabei verspürte, war nicht mehr als das Erleben dieses notwendigen Aktes. Obwohl ich wie Altomonte mit eigenen Augen das unberechenbare Schwanken des Lorenz'schen Wasserrades beobachtet hatte, vermochte ich nicht, das wirkliche Leben darin zu erkennen.

So oder so ähnlich versuchte ich, es auch Altomonte zu erklären. "Das entbindet dich nicht davon, dich so zu entscheiden, als hättest du tatsächlich eine Wahl. Letztlich gehört dieses Sich-Entscheiden dazu. Es ist genauso im Voraus festgelegt wie die Entscheidung, die du schließlich triffst."

Er schüttelte den Kopf. "Und doch ist es nicht dasselbe. Bei dir ist es eine kühle, fast kalte Verantwortung. Klar übernimmst du die Verantwortung für deine Handlungen! Aber es bleibt so abstrakt, als wenn du für die Schulden deiner Kinder geradestehen würdest, oder wie der Politiker, der zurücktritt, weil einer seiner Leute Mist gebaut hat. Es ist eine moralische Verantwortung, die aber nicht dein Innerstes trifft." Es war spät geworden, und ich wunderte mich über Altomontes Wachheit. "Auch Sartre sagt: 'Der Mensch wird von anderen gemacht.' Und doch hat der Mensch die Freiheit, sich selbst zu verstehen, oder?! Und sich somit letztlich selbst neu zu machen. Jeder von uns ist sowohl für das eine als auch für das andere verantwortlich. Gleichgültig wie groß dein Spielraum ist, von dem Augenblick an, an dem du diese Verantwortung übernimmst, bist du nicht mehr der Spielball deines Schicksals."

Plötzlich stand Alessandra in der Tür. Ein dünnes Nachthemd fiel ihr bis auf die Knöchel. Wie hinter einer Milchglasscheibe konnte man darunter den Umriss ihres nackten Körpers erahnen.

"I grande leader della rivoluzione stanno ancora discutendo", sagte sie ironisch. Sie fröstelte.

"Wir haben gerade ausgewürfelt, wer heute Nacht bei dir schlafen darf. Und ich habe gewonnen!" Er blieb mir einen Schritt voraus.

"Da hast du Pech, Monti! Das war nur der Trostpreis. Mit einer Nacht ist es bei mir nämlich nicht getan." Sie lächelte schnippisch und ging.

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Tunnelnde Solitonen und der Sinn des Lebens

Die Japaner haben ihr den Namen gegeben. Eines der größten Unglücke ist für das Jahr 1702 überliefert. Damals soll eine dreißig Meter hohe Wasserwand mehr als einhundert tausend Menschen das Leben gekostet haben. Auch die Riesenwelle nach der Vulkanexplosion von 1882 auf Krakatau tötete Unzählige. Selbst in Lissabon kamen im Jahre 1775 Tausende ums Leben.

Der Tsunami ist eine seismische Wasserwelle. Obwohl manche von einer Flutwelle sprechen, hat der Tsunami nichts mit den Gezeiten zu tun. Tsunamis entstehen dann, wenn ein starkes Seebeben den Ozeanboden erschüttert.

Auf offener See sieht man den Tsunami nicht. Seine Höhe beträgt nur wenige Zentimeter. Dafür können die einzelnen Wellenkämme viele Kilometer, manchmal Hunderte davon, auseinanderliegen. Erst Satellitenaufnahmen geben Aufschluss über die tatsächlichen Größenverhältnisse. Dann durchqueren vier oder fünf Wellenberge in großem Abstand gemächlich den Ozean. Auf den Fotos gleichen sie Reifenspuren in der Wüste. Die Wellenfront kann tausend Kilometer breit sein, und ein Schiff, das ihren Weg kreuzt, wird eine Handbreit angehoben, um Stunden später in ein genauso tiefes Tal zu fallen.

Gefährlich wird der Tsunami erst an Land. Wenn er manchmal nach Tagen auf den Festlandsockel trifft, schieben sich die Wassermassen übereinander. Aus einer langen, niedrigen Welle wird so eine kurze, hohe Welle. Mit der Beständigkeit des Tsunamis ist es dann vorbei. Konnte er vorher tausend und mehr Kilometer unbeschadet zurücklegen, zerfällt er jetzt wie ein ganz gewöhnlicher Brecher. Was dann in wenigen Sekunden das Land verwüstet, ist nichts anderes als die stille Kraft, die vorher den Ozean unbemerkt durchmaß.

 

Womit hatte sich Altomonte zuletzt beschäftigt? Im Vorjahr hatte ich ihn anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für unser Magazin interviewt. Auch die ausführliche Würdigung seines wissenschaftlichen Werkes war meinen angestrengten Bemühungen entsprungen, dem Leser ein zusammenhängendes Bild seiner Leistungen zu präsentieren. Obwohl ich mich seit den Siebzigern vor allem mit Atomanlagen beschäftigte und einiges über Biochemie und Gentechnik wusste, war ich auch im Bereich der Teilchen- und Hochenergiephysik halbwegs auf dem Laufenden.

Trotz des Anrufes der geheimnisvollen Fremden war ich am Abend nach Hamburg zurückgeflogen. Allerdings bat ich die Rezeption, alle Nachrichten zurückzulegen. Bald schon wollte ich zurück sein.

Dass ich Genf überhaupt verließ, hatte mehrere Gründe. Vor allem brauchte ich Abstand. Mit den Erinnerungen, die in den letzten Tagen mit der Heftigkeit von Träumen in mein Denken gedrungen waren, war auch eine alte, fast vergessene Unruhe wieder in mir erwacht. Dann hörte ich auf das angestrengte Pochen meines Herzens, lauschte der Angst nach, einer Angst, die erst ihre Vorboten wie umsichtige Protokollbeamte ausgeschickt hatte, die aber zweifellos persönlich erscheinen würde, wenn ich nicht wachsam war. Hamburgs nüchterne Unverbindlichkeit, so hoffte ich, sollte mir helfen, das innere Gleichgewicht wiederzufinden, das ich mir in den Jahren zuvor mühsam erarbeitet hatte.

Zum anderen musste ich in die Redaktion. Wenn ich weiter recherchieren wollte, brauchte ich einen offiziellen Auftrag. Schließlich gab es noch Meike, meine geschiedene Frau, mit der ich verabredet war und die ich nicht erneut versetzen wollte.

Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich im Archiv, telefonierte herum und hatte schließlich nur das aufgefrischt, was ich sowieso schon wusste. Niemand konnte mir weiterhelfen, und Altomontes neueste wissenschaftliche Veröffentlichungen waren nicht von heute auf morgen zu beschaffen. Außerdem hatte ich Zweifel, ob ich sie überhaupt verstünde.

Altomonte war für eine Entdeckung ausgezeichnet worden, die die Menschheit ihrem Traum unerschöpflicher Energievorräte hätte näherbringen sollen. Als engagierter Kritiker der Atomkraft hielt ich wenig von diesen gigantomanischen Anstrengungen, zumal ich die Gefahren der Kernfusion als kaum geringer ansah als jene der Atomspaltung.

Das Hauptproblem bei einem Fusionsreaktor liegt in der benötigten Temperatur. Erst bei hundert Millionen Grad oder mehr kommt die energiespendende Verschmelzung der Atomkerne richtig in Gang. Findige Physiker kamen deshalb auf die Idee, das Plasma von außen zu erhitzen. Mit Hilfe gebündelter Radiowellen können die Wasserstoffkerne wie in einer Mikrowelle aufgeheizt werden. Doch mit steigender Temperatur wird die Grenzschicht des Plasmas für die Wellen immer undurchlässiger, bis irgendwann der Energieeinsatz in keinem Verhältnis mehr zu der Ausbeute steht. An dieser Stelle tritt Altomonte auf den Plan. Er fand eine Möglichkeit, wie die Radiowellen die Grenzschicht des Plasmas überwinden können. Durch eine Überlagerung nichtlinearer Effekte, so hatte er mir erklärt, werden die Wellen in die Lage versetzt, ohne Verlust an Energie durch die Grenzschicht des Plasmas hindurch zu tunneln. Das war zwar kein grundsätzlicher Durchbruch, reichte aber in jenem Jahr für den Physiknobelpreis.

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So sehr diese Darstellung dem Laien und dem interessierten, aber aus der Übung gekommenen Fachkollegen einleuchtete, so wenig war sie geeignet, den darunterliegenden Vorgang tatsächlich verständlich zu machen. Was bedeutete schon Überlagerung nichtlinearer Effekte? Und was konnte man sich unter diesem geheimnisvollen Tunneln vorstellen? Sicher hatte auch ich damals schon etwas von Solitonen gehört, jenen seltsamen Erscheinungen, die, ebenso dauerhaft wie flüchtig, überall nahezu unbemerkt ihr Unwesen treiben. Viel verstanden hatte ich davon jedoch nicht.

"Hat das irgendwas mit dem Paarungsverhalten der Walfische zu tun?" hatte ich Altomonte während des Interviews gefragt, als er zum ersten Mal das Tunneln von Solitonen erwähnte.

Wir saßen im Arbeitszimmer seines Genfer Domizils gemütlich in unseren schweren Lederfauteuils, zwischen uns ein Tischchen mit Gläsern und einer Karaffe. Im Kamin knisterte ein Holzscheit, und hin und wieder zischte ein Funke. Altomonte hatte sich verändert. Seit ich ihn vor ein paar Jahren zum letzten Mal besucht hatte, trug er eine neuentdeckte Würde zur Schau, schien Wert auf Etikette zu legen, war überaus sorgfältig gekleidet und frisiert. Seine Worte waren gewählt, er sprach langsam und pointiert, und sein typisches oder?! kam seltener, als habe er es in die Randbezirke seines Wortschatzes verbannt. Selbst die Bewegung, mit der er den alten Sherry aus der Kristallkaraffe nachschenkte, hatte jetzt etwas Aristokratisches. Der Erfolg schien aus dem genialen Außenseiter nach und nach eine respektierte Persönlichkeit gemacht zu haben, die im Zentrum der Ereignisse stand. Es war, als wolle er zum Ausdruck bringen, dass er es nun war, der den Ton angab, wie der Politiker, der, nach seiner Position befragt, lächelnd erwidert: 'Die Mitte ist dort, wo ich bin.'

"Heilant, Heilant!" Er schüttelte bekümmert den Kopf. "Es muss schlecht um die deutsche Presse bestellt sein, wenn Leute wie du das Wissenschaftsressort beim Spiegel leiten. Wen wundert's, dass sie dann hoffnungslos überfordert dem Genius gegenüberstehen? Ist es nicht mehr üblich, sich sorgfältig auf ein Gespräch mit einer so wichtigen Persönlichkeit vorzubereiten?"

Wir pflegten immer noch die Ironie früherer Tage wie ein altes Erkennungsritual, aber beide klangen wir müde und waren nicht mehr so recht bei der Sache.

Das Tonbandgerät lief seit fast zwei Stunden. Die Fotos hatte Peter bereits am Nachmittag geschossen. Am Schluss würde ich Altomonte noch fragen, was er als nächstes zu tun gedenke, und er würde mir eine verworrene Geschichte erzählen, eine Geschichte, in der Berge und Täler eine mysteriöse Rolle spielten und die für die Kulisse des Sees wie geschaffen schien.

Später stellte ich das Band ab, meinte noch, dem privaten Teil des Abends stehe nun nichts mehr im Wege, hatte aber Mühe, das Interview in ein zwangloses Gespräch hinübergleiten zu lassen. Trotz der Jahre, die sich wie Nebelschwaden dazwischengeschoben hatten, war es uns niemals gelungen, die Beklemmung jener fernen Ereignisse ganz abzuschütteln. So sehr wir uns auch manchmal bemühten, wir glichen Eltern, deren einziges Kind auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Für den Rest unseres Lebens würde ein unausgesprochener Vorwurf zwischen uns stehen.

"Weißt du, was ich mich manchmal frage?" Altomonte schaute versonnen in die Schwärze des Gartens hinaus. Hinter ihm hing eine altertümliche Weltkarte. "Du hättest es genauso weit bringen können wie ich. Dann hätte ich dich vielleicht interviewt, statt umgekehrt, oder wir wären gemeinsam einem deiner Kollegen in die Finger geraten … Ich will damit sagen, du hast das Zeug dazu gehabt. Du hättest dich dafür ein bisschen mehr anstrengen müssen als ich." Er lachte, als meine er es nicht ernst. Dann schwieg er so lange, dass ich schon antworten wollte. "Stattdessen schmeißt du alles hin", vordergründige Trauer über meine verschwendeten Talente klang an, "und schlägst dich auf die Gegenseite."

Wir sprachen über mich, "seltsam", ging's mir durch den Kopf. Oder wollte er, auf dem Gipfel seines Erfolges, nur mit dem Gedanken spielen, was aus ihm selbst alles hätte werden können?

"Vielleicht wollte ich niemals dort", mein Kopf machte eine vage Bewegung in seine Richtung, "sitzen, wo du jetzt sitzt. Vielleicht hat es mir nie etwas bedeutet."

"So, so." Seine Gedanken schienen abzuschweifen. Zwanzig Jahre waren eine lange Zeit, wenn man versuchen wollte, den roten Faden zu finden. Altomonte nahm sein Glas, sog tief den Geruch des Sherrys ein, trank einen kleinen Schluck und drehte den Stiel spielerisch zwischen den Fingern.

Auch ich dachte zurück, an unsere ersten hitzigen Diskussionen, meine ungläubigen Einwände, an die unzähligen Versuche und Simulationen, die wir gemeinsam durchgeführt hatten, an die Gruppe versponnener Abtrünniger, die sich am Institut um Altomonte wie um einen Sektenführer geschart hatte. Aber auch die allgegenwärtige Alessandra stand wieder im Raum, jene Alessandra, die, in den Strudel der Ereignisse geraten, in wenigen Monaten von der wohlerzogenen höheren Tochter zur unnachgiebigen Kämpferin wider das Unrecht mutiert war. Ich dachte an diesen Frühling zurück, an dem alles begann. Am Tag, an dem mich Altomonte im Garten der Theoretischen angesprochen hatte, war meine bis dahin beschauliche Welt wie eine träge Luftblase zerplatzt.

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Unversehens in eine wirklichere Wirklichkeit hinausgeworfen, hatte ich mich mehr schlecht als recht bemüht, nicht unterzugehen, jene Welle zu reiten, die meine Kräfte bald überstieg und aus der ich mich irgendwann nur noch durch einen Sprung über ihren Kamm in ruhigeres Fahrwasser zurück hatte retten können. Tatsächlich war ich bald ausgestiegen, hatte sowohl die Jünger des Chaos als auch jene des bewaffneten Kampfes hinter mich gelassen und war schließlich wieder eingeholt worden, zuerst von den einen, viel später dann von den anderen.

Passend in meine Gedanken hinein, sagte er: "Du hast nie wirklich dazu gehört. Du hast dich nie voll und ganz auf etwas eingelassen, warum eigentlich?"

Das fragte er mich nicht zum ersten Mal, und so wie meine Versuche damals fehlgeschlagen waren, ihn zu überzeugen, waren später auch meine Bemühungen gescheitert, ihm wenigstens meine Motive verständlich zu machen.

"Weil es immer ein paar Dinge gab, die mir mindestens genauso wichtig waren, oder weil mich eine einzige Aufgabe auf Dauer nicht ausfüllt, oder weil ich mehr bin, als eine Idee, so großartig sie auch sein mag, oder … " Ich brach ab. "Es gibt tausend solcher Gründe", schloss ich meinen Gedanken ab, "und alle laufen darauf hinaus, dass ich vielleicht einfach nur leben wollte."

"Und, hast du gelebt?"

So wie wir uns gegenübersaßen, wäre es mir lächerlich erschienen, mein Leben als Gegenmodell zu dem seinem zu propagieren. Stattdessen antwortete ich: "Ich habe es versucht. Ob etwas dabei herausgekommen ist, werde ich irgendwann wissen. So oder so bleibt dir nichts anderes übrig, als es zu übernehmen.

"He, he, Sartre!" Er schien nicht wirklich die Absicht zu haben, das Thema zu vertiefen. "Vielleicht unterscheiden wir uns darin, dass du nur im Mittelmaß wirklich leben kannst, dort, wo du von allem etwas hast. Dort kannst du es dir gemütlich einrichten." An seine wenig schmeichelhaften Interpretationen hatte ich mich vor langer Zeit gewöhnt. "Mich würde es umbringen. Ich brauche das Außergewöhnliche, das Äußerste, nur dort finde ich die Luft zum Atmen."

So sprach der Wirklichkeitssüchtige. Er hatte immer höhere Dosen gebraucht, nur immer extremere Taten und größere Erfolge hatten ihm für eine immer kürzere Zeit einen Zipfel jenes Lebensgefühl zurückgebracht, das er im Mai entdeckt hatte. Die Lambrusco-Nacht aus einem anderen Universum fiel mir wieder ein. Sich seine Existenz schaffen, hatte er gesagt - und: 'Mensch Heilant, mir geht's wirklich gut!'

"Geht's dir gut?"

"Muss es mir doch, oder?!" Er lachte. "Nein, wirklich, es ist großartig." Dann wurde er wieder ernst. "Man sagt Frauen nach, dass sie nach der Geburt eines Kindes in ein tiefes Loch fallen. Mir geht es manchmal ähnlich. Wenn ich ein Buch geschrieben habe oder wenn ein wichtiges Experiment endlich geklappt hat, verfliegt die erste Euphorie auch ganz schnell. 'Was jetzt?' denkst du. Werde ich jemals wieder die Kraft finden, etwas genauso Großes oder Schönes oder Wichtiges zu vollbringen? Mit dem Nobelpreis war es ein Stück anders. Ich hatte nicht damit gerechnet." Er lächelte fast verlegen. "Zumindest nicht jetzt. Es war fast wie ein Geschenk. Und doch fühlst du, als liefe alles in dir plötzlich ins Leere. Es ist, als wüsstest du nicht wohin, als müsstest du losrennen, hättest aber keine Ahnung, in welche Richtung."

Er sah ein wenig verloren aus, ein hagerer, fast knochiger Mann, in dessen dunklem Haar die ersten grauen Fädchen schwammen. Es roch nach Leder und dem fast schwarzen Holz der Täfelung.

"Was wirst du tun?" Ich dachte an die Berge und Täler, von denen er zuvor gesprochen hatte, an die Minima und Maxima, die irgendwo gefangen waren und die er zu befreien gedachte, an die Tunnel, die er deshalb graben wollte.

"Ich arbeite an einem neuen Experiment", sagte er leichthin. "Wenn alles gutgeht, wird es das letzte sein."

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Der Wettlauf beginnt

SCHILDKRÖTE: Sie sehen nicht gerade fröhlich aus.

ACHILLES: Habe ich denn einen Grund dazu?

SCHILDKRÖTE: Na ja, schließlich ist es unser großer Tag.

ACHILLES: Sie meinen wohl, ihr großer Tag.

SCHILDKRÖTE: Vergessen Sie nicht, dass Sie es unserem Wettkampf verdanken (winkt der Menge), wenn wir in die Geschichte eingehen und noch in ein paar tausend Jahren in aller Munde sind.

ACHILLES: (braust auf) So sprechen Sie über den größten aller griechischen Helden, den Stärksten, Tapfersten und Schnellfüßigsten aller Sterblichen? Wenn jemand dankbar sein sollte, dann zweifellos Sie. Waren Sie nicht bis zum heutigen Tag der Inbegriff der Langsamkeit, der Schwerfälligkeit, man könnte sagen, der geistigen Unbeweglichkeit?

SCHILDKRÖTE: (eingeschnappt) Sie stehen auch nicht gerade wegen Ihrer überragenden Intelligenz hier!

ACHILLES: Ich wollte Sie nicht beleidigen.

SCHILDKRÖTE: (Zeno rudert mit den Armen) Ich glaube, es geht los. Ich muss auf meine Startposition.

ACHILLES: Geben Sie sich keine Mühe. Ich laufe nicht.

SCHILDKRÖTE: Sie wollen nicht laufen?! Sie können doch nicht das Rennen so kurz vor dem Start absagen! Schauen Sie sich die vielen Leute an, die den weiten Weg ins Stadion gemacht haben! Und was soll aus mir werden?

ACHILLES: Ich bin vielleicht nicht für meine Intelligenz berühmt, aber doof bin ich auch nicht. Warum sollte ich mich auf dieses aussichtslose Unterfangen einlassen?

SCHILDKRÖTE: Letzte Woche als Zeno Ihnen sein Paradoxon und die Spielregeln erklärt hat, haben Sie fast auf dem Boden gelegen vor Lachen. Sie sagten, das wäre das Dümmste, was Sie je gehört hätten.

 

ACHILLES: Ich habe nachgedacht. Er hat recht: Ich kann Sie tatsächlich niemals einholen. Warum sich also blamieren? Ich werde öffentlich erklären, dass ich mich geschlagen gebe. Sie sind aus dem Schneider und der schlaue Herr Zeno auch.

SCHILDKRÖTE: Nein, nein, nein! Dass Zeno theoretisch recht hat, ist unbestritten. Es ging doch gerade darum, zu zeigen, dass sein Satz auch praktisch richtig ist!

ACHILLES: Ist das mein Problem?

SCHILDKRÖTE: Der gesunde Menschenverstand - und der gesunde Schildkrötenverstand auch - sagt, dass Zeno Blödsinn geredet hat. Waren Sie es nicht, der so viel auf diesen gesunden Menschenverstand gegeben hat?

ACHILLES: Und sein Beweis? All die Abstände, die immer kleiner werden, die ich aber bis zum Ende aller Zeiten niemals überwinden kann?

SCHILDKRÖTE: Das macht gerade den Reiz eines Paradoxon aus. Man weiß, dass Zenos Aussage nicht stimmen kann, ist aber nicht in der Lage, es zu beweisen.

ACHILLES: Und hat er nun recht oder nicht?

SCHILDKRÖTE: (listig) Natürlich nicht! Das Paradoxon beruht auf der irrigen Annahme, dass die Summe unendlich vieler Teile - Entfernungen oder Zeitabstände - unendlich groß ist.

ACHILLES: (ungläubig) Und das ist sie nicht?

SCHILDKRÖTE: Warum denn auch?! Die Anzahl der Abschnitte, die ich berechnen kann, wächst zwar ins Unendliche, dafür werden sie aber auch unendlich klein. Nicht nur der Weg, den Sie jeweils noch zurücklegen müssen, um mich einzuholen, wird irgendwann lächerlich gering, auch die Zeitabstände werden immer kleiner. Wenn ich die unendlich vielen Zeitabstände zusammenzähle, kann ich einen ganz genauen Zeitpunkt bestimmen, nämlich jenen, an dem Sie mich eingeholt haben werden. Und da die Zeit an diesem Punkt logischerweise nicht stehenbleibt, werden Sie mich nicht nur einholen, sondern blitzschnell auch überholt haben!

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ACHILLES: (halb überzeugt) Klingt logisch.

SCHILDKRÖTE: Dann gehe ich auf meine Startposition?

ACHILLES: Ja … Das heißt, warten Sie! Wir hatten zehn Ruten Vorsprung ausgemacht?

SCHILDKRÖTE: Ja, zehn.

ACHILLES: Wenn Zeno recht hat, dann dürfte die Größe des Vorsprungs eigentlich keine Rolle spielen …

SCHILDKRÖTE: (denkt nach) Nein, es funktioniert, solange ich überhaupt irgendeinen Vorsprung habe.

ACHILLES: Würde es Ihnen dann etwas ausmachen, wenn wir auf fünf Ruten runtergingen?

 

Als ich zurückkehrte, war Genf genauso unfreundlich wie ein paar Tage zuvor. Es nieselte aus tiefhängenden Wolken, und der See verschmolz mit dem grauen Himmel darüber. Nur die verschwenderisch beleuchteten Schaufenster in den überfüllten Einkaufsstraßen spendeten ein wenig Trost. Das Weihnachtsfest rückte näher, und die Stadt hatte sich entsprechend eingekleidet, unauffälliger als andere, aber auf den Rummel mochte man offenbar auch hier nicht ganz verzichten. Überall hingen Dekorationen und Lichterketten.

Ich hatte mich nicht wieder im Les Armures einquartiert, obwohl ich wusste, dass ich die unaufdringliche Eleganz des Hotels und vor allem dessen Küche bald vermissen würde. Es war völlig ungewiss, wie lange sich mein Aufenthalt in der Schweiz hinziehen konnte, und ich durfte meinen Spesenetat nicht aus den Augen verlieren. So hatte ich mir eine - falls man dieses Adjektiv in Genf überhaupt sinnvoll gebrauchen konnte - billigere Unterkunft am Rand der Altstadt gesucht. Im Armures hatte ich meine Durchwahl hinterlassen.

Der erste Tag verstrich ereignislos. Lange saß ich in der Hotelhalle, als hätte ich eine Verabredung, und beobachtete das Kommen und Gehen der wenigen anderen Gäste. Dann machte ich einen ausgedehnten Spaziergang am See, trank einen Kaffee, aß eine Kleinigkeit und verbrachte den Rest des Abends lesend auf meinem Zimmer. Ich war ratlos. Der Strom der Ereignisse schien mich unversehens ausgeschieden zu haben, noch ehe richtig begonnen hatte, was immer auf mich wartete. Erst später sollte mir bewusst werden, dass ich längst mittendrin schwamm und selbst in dieser ruhigen Beschaulichkeit ein unmerklicher Sog an mir zerrte.

Eine mysteriöse, wenn auch angenehme Frauenstimme hatte mir aufsehenerregende Enthüllungen in Aussicht gestellt. Von regelrechten Beweisen hatte sie gesprochen. Und schon warf ich meine Pläne um, kehrte nach Genf zurück und quartierte mich auf unbestimmte Zeit in ein drittklassiges Hotel ein.

Bald wurde mir klar, dass ich selbst etwas unternehmen musste. Sollte ich Liepman, meinen zuverlässigen Wasserträger, auf etwas ansetzen? Blieb nur die Frage, mit welchen Aufgaben ich ihn betrauen sollte. Oder machte es Sinn, den Kommissär aufzusuchen in der Hoffnung, er sei noch am Leben und im Besitz neuer Erkenntnisse, die er bereitwillig mit mir teilen würde? Ich beschloss, systematisch vorzugehen und zunächst alle mir bekannten Fakten zu sammeln und zu ordnen.

Das Hotel war nicht so schlecht, dass ich nicht hauseigenes Briefpapier in einer Schublade gefunden hätte. Wie ich es von Altomonte gelernt hatte, begann ich, Kästchen auf ein Blatt zu verteilen und sie mit Begriffen und Namen zu füllen. Dazwischen ließ ich versuchsweise Pfeile hin und her wandern, strich eine Angabe, eine Verbindung wieder durch oder, hatte ich es mir erneut anders überlegt, stellte eine überkritzelte Linie notdürftig wieder her. Viel, so wurde mir klar, wusste ich nicht.

Der Unfall - noch hatte ich keine Veranlassung, etwas anderes anzunehmen - hatte sich in den frühen Morgenstunden des letzten Sonntags im November, am 26.11.1989, ereignet. Auch die Zeit stand fest: wenige Minuten nach drei. Warum wurde ein solches Experiment mitten in der Nacht durchgeführt? Ich malte ein großes Fragezeichen hinter die Uhrzeit. Offenbar sollte die Wirkung starker Laserstrahlen auf ein spezifisches Plasma getestet werden. Näheres war mir nicht bekannt. Neben Altomonte waren mindestens zwei weitere Personen anwesend: sein engster Mitarbeiter Dr. Kenneth White aus Boulder, Colorado, und eine namentlich nicht genannte Assistentin. Diese hatte auch später die Leiche zweifelsfrei identifiziert. Der Amerikaner dagegen war verschwunden. Wie es schien, hatte er überstürzt das Institut verlassen. Dafür gab es einen Zeugen, den Pförtner, der ihn vom Hof hatte fahren sehen. Auch die Schließanlage hatte die Benutzung seiner Magnetkarte für drei Uhr zwanzig registriert. Eine Durchsuchung von Whites Wohnung durch die Polizei hatte nichts ergeben. Wenn er noch einmal dort gewesen war, so hatte er nicht viel mitgenommen. Interpol war eingeschaltet worden, die internationale Fahndung war aber bislang erfolglos verlaufen. Tagelang wurde der Vorfall geheim gehalten. Erst am Donnerstag, den dreißigsten, wurde Liepman von einer Unbekannten, vermutlich einer Mitarbeiterin des Instituts, telefonisch und anonym über den Unfall informiert. Wenige Stunden später unterrichtete dann Professor Bell, der wissenschaftliche Direktor der Einrichtung, die Öffentlichkeit auch offiziell.

Das war alles, was ich in den letzten Tagen mit Liepmans Hilfe hatte zusammentragen können. Minutenlang starrte ich meine Kästchen und Ablaufdiagramme in der Hoffnung an, diese neu geschaffene Ordnung könnte das Rätsel lösen, und ein bislang übersehenes Detail oder ein unerkannt gebliebener Zusammenhang spränge mir ohne weiteres Zutun ins Auge.

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Aber gab es überhaupt ein Rätsel? Sicher, White hatte sich verdächtig gemacht und es lag nahe, ein Verbrechen, zumindest ein Verschulden zu vermuten, doch konnte sein Untertauchen vieles, wenn nicht alles bedeuten. Vielleicht hatte er Altomonte tatsächlich vorsätzlich ermordet. Hier fehlte das Motiv, doch es war nicht ausgeschlossen, dass sich eines fände, forschte man danach. Vielleicht hatte dieser engste Mitarbeiter und Freund aber nur Mist gebaut - wer konnte das ausschließen? - und die Anlage aus Versehen in die Luft gejagt. Er sieht, was er angerichtet hat, rennt in einer Kurzschlusshandlung Hals über Kopf aus dem Haus und findet Unterschlupf bei seiner Großtante in St. Moritz. Möglich, dass er zu dieser Stunde dem Kommissär gegenübersaß und zerknirscht seine Verfehlungen zu Protokoll gab. Aber auch andere Versionen waren denkbar. Vielleicht hatte White tatsächlich nichts mit dem Unfall zu tun. Als er seinen wissenschaftlichen Förderer plötzlich in seinem Blut am Boden liegen sieht, erkennt er seine Chance. Er, White, ist der einzige, der die bahnbrechende Entdeckung, an der sie bis dahin gemeinsam gearbeitet haben, zur Gänze überblickt. So rafft er die wichtigsten Unterlagen zusammen und beschließt, seine Dienste für gutes Geld, den Sowjets, den Chinesen, Amerikanern, Franzosen oder Engländern anzudienen.

Mehr gab mein Hirn um diese Zeit nicht her, aber schon diese drei nächstliegenden Szenarien klangen gleichermaßen unwahrscheinlich.

Gerade wollte ich mich vom wackligen Tischchen erheben, um ins Bett zu gehen, als mir dann doch eine Ungereimtheit auffiel, die meiner Aufmerksamkeit bis dahin entgangen war. Selbst wenn Altomonte keine näheren Verwandten mehr hatte, gab es keinen Grund, ihn von einer Studentin identifizieren zu lassen, mochte diese auch seine Assistentin sein. Ganz anders verhielte es sich, wenn sie mehr als das gewesen war, seine Geliebte zum Beispiel. Nein, davon hätte vermutlich niemand gewusst. Es musste mehr dahinter stecken, es musste sich um eine in irgendeiner Weise gesellschaftsfähige Verbindung handeln.

Einer Eingebung folgend, griff ich zum Telefon und ließ mich vom Nachtportier mit Montaigne verbinden.

"Monsieur le Commissaire, ich hoffe, ich störe Sie nicht." Schon hatte ich meine Unbedachtheit bereut. Es war zwar erst kurz nach zweiundzwanzig Uhr, aber der Kommissär schien jede Minute Ruhe bitter nötig zu haben.

"Ah, Monsieur Heilant! Wobei wollen Sie einen alten Mann schon stören?" Sein dünnes Stimmchen zitterte in der Leitung, als befände er sich auf einer weit entfernten Umlaufbahn. "Wie ich höre, sind Sie wieder unser Gast?"

"Ja, die Redaktion meinte, die Umstände seien, wie soll ich sagen, noch aufklärungsbedürftig."

"So, sind sie das?"

"Eine Informantin" - die weibliche Form war mir herausgerutscht - "deutete die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens an."

"Gerüchte, Monsieur Heilant, nur Gerüchte. Ich versichere Ihnen, wir haben keine Beweise, die die These einer Sabotage erhärten könnten. Sicher, es gibt einige Ungereimtheiten … Aber das alles wurde bereits gestern auf der Pressekonferenz ausführlich erläutert. Der sehr geschätzte Monsieur Liepman hat sie sicherlich informiert", sagte er müde.

Bisher hatte er die Fragen gestellt. Wenn ich mehr erfahren wollte, musste ich das Heft selbst in die Hand nehmen. "Und der Amerikaner ist nicht aufgetaucht?"

"Ähm, leider nicht. Mister Whites Verbleib liegt uns natürlich sehr am Herzen."

Ich hatte ihm schon eine gute Nacht gewünscht, um dann wie zufällig den entscheidenden Punkt anzusprechen. "Da fällt mir noch etwas ein, Herr Kommissär. Altomonte wurde von einer Studentin zweifelsfrei identifiziert, einer gewissen …"

"Ja, einer gewissen … Sagen wir, seiner Assistentin." Der alte Fuchs mochte grau und blind sein, meiner zugegebenermaßen wenig einfallsreichen Falle war er aber im letzten Moment noch humpelnd ausgewichen.

"Ist das nicht ungewöhnlich?"

"Sie kannten sich sehr gut, wenn Sie darauf hinauswollen."

"Wie gut?"

"Sagen wir, Mademoiselle Jamorí und er standen in einem besonderen Verhältnis zueinander."

Er hatte den Namen beiläufig erwähnt, fast so, als habe er sein Versehen gar nicht bemerkt. Und doch war ich mir sicher, dass er es absichtlich getan hatte. Was konnte ihn dazu bewogen haben? Wollte er mir helfen oder wollte er mir nur zeigen, dass man ihn nicht so einfach überrumpeln konnte?

Auch wenn ich jetzt ihren Namen kannte, viel weiterzuhelfen schien er mir nicht. Vielleicht konnte ich später herausfinden, wo sie wohnte. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, griff ich den Faden wieder auf und sagte: "Darf man fragen, in welchem Verhältnis beide denn genauer zueinander standen?"

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"Ich fürchte, das muss ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für mich behalten. Nur so viel: Es ist nicht so, wie Sie denken. Für die Ermittlungen ist dieser Aspekt übrigens völlig ohne Belang."

Wir verabschiedeten uns erneut und diesmal endgültig. Von der Telefonauskunft erfuhr ich, dass der Name Jamorí in Genf und Umgebung unbekannt war. Etwas über sie in Erfahrung zu bringen, konnte also länger dauern. In welchem besonderen Verhältnis hatte sie zu Altomonte gestanden, wenn nicht in einem amourösen? Das Telefon lag auf meinem Schoß. Ich legte die Hände darauf und wartete. Wenn meine Informantin jetzt anriefe, wüsste sie vielleicht eine Antwort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Täter des Wortes

Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrügt. Denn so jemand ist ein Hörer des Worts und nicht ein Täter, der ist gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut. Denn nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergisst von Stund an, wie er gestaltet war. Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darin beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat. (Jakobus, 1/23-25)

 

Wir saßen eng beisammen auf dem Boden. Manche hatten sich gegenseitig untergehakt, andere lagen kreuz und quer wie bei einem Happening am Strand. Wer den Hörsaal 13 betreten wollte, hätte über unzählige Körper hinweg steigen müssen. Bis jetzt hatte das noch niemand versucht, aber während sich die Gänge mit Studenten füllten, Sympathisanten, Studienwilligen oder bloß Neugierigen, stieg die Spannung. Längst hätten die ersten Vorlesungen beginnen sollen, doch von den Professoren fehlte noch jede Spur.

Durch die hohen Fenster, die auf den Innenhof der Neuen Universität gingen, knallte die Morgensonne. Es wurde heiß. Dichte Rauchschwaden trieben über uns hinweg. Überall wurde geraucht, als sei dies bereits eine revolutionäre Tat. Vielleicht war es die Nervosität, der Hunger - wer hatte schon gefrühstückt? - die Langeweile, vielleicht ein okkulter Ritus, um sich der Gemeinschaft zu versichern. Es hatte nicht viele Momente in meinem Leben gegeben, in denen das Rauchen eine Anziehungskraft auf mich ausgeübt hatte, im Gegenteil, wenn mir aber jetzt jemand eine Zigarette angeboten hätte, ich hätte sie dankbar angenommen.

Alessandra saß neben mir. Sie war sehr ernst und hatte noch kein Wort gesprochen. Unsere Beine berührten sich, und durch den Stoff drang die Wärme ihres Oberschenkels herüber. Sie schmiegte sich an mich, und ich spürte ein leichtes Zittern durch ihren Körper laufen. Ich legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie. Sie lächelte matt.

"Angst?"

Sie nickte. Mir war auch ein wenig mulmig zumute. Ich war kein Held, und zum Barrikadenkämpfer hätte ich nicht getaugt.

"Vielleicht sollten wir uns ein ruhigeres Plätzchen suchen." Ich deutete zum Treppenhaus, wo die Schaulustigen der Dinge harrten.

Heftig schüttelte sie den Kopf.

Wir hatten uns schon damit angefreundet, dass unsere Aktion rein symbolischer Natur bleiben würde, als es dann doch zu einem Zwischenfall kam. An der Spitze einer Handvoll wissbegieriger Studenten näherte sich offenbar derjenige, der um diese Zeit seine Vorlesung im größten Hörsaal der Universität hielt. Hellbrauner Anzug, Krawatte, graues fliegendes Haar, auf der blassen Nase eine unförmige Kassenbrille. Er mochte an die Sechzig sein. Wie einen Schild trug er eine dicke Aktentasche vor sich her.

Der Stoßtrupp blieb unmittelbar vor der ersten Reihe der Sitzenden stehen. Die Blockadebrecher, darunter einige Korpsstudenten, blickten unentschlossen auf uns hinab. Der Professor begann, halblaut auf die ersten Studenten einzureden.

Die Wortfetzen, die zu mir durchdrangen, klangen wie: "Darf ich Sie bitten, mich durchzulassen. Ich muss Sie dringend auffordern, den Weg freizugeben." Trotz seiner Beherrschtheit, war ihm die Erregung anzusehen.

Die Menge zischte wie eine Schlange, und als der Professor sich einen Weg durch die dicht Sitzenden bahnen wollte, erschollen laute Rufe der Empörung. Es gab eine Rangelei, bei der er fast zu Boden gegangen wäre. Auf unsicheren Beinen wich er ein paar Meter zurück. Er atmete heftig.

"Das ist Hausfriedensbruch! Jawohl, Hausfriedensbruch!" Es klang, als sei ihm plötzlich der richtige Paragraph eingefallen. Vielleicht gab er Strafrecht.

"Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" brüllte jemand zurück, andere lachten.

"Meine Damen und Herren!" Seine Stimme überschlug sich. "Zum ersten Mal seit dreißig Jahren wird ein deutscher Professor mit Gewalt daran gehindert, seine Vorlesung zu halten!"

"Pfuuui!" erscholl es prompt vielstimmig. Von verschiedenen Seiten wurde gerufen: "Scheiß-Freiheit der Lehre." "Spar dir den Käse!" "Dich hätte vor dreißig Jahren niemand abgehalten." "Verpiss dich!"

Der Jura-Professor machte kehrt und strebte an der Spitze der Studienwilligen irgendeinem Ausweichquartier zu.

Nach diesem großartigen Sieg hatte sich die Menge bald zerstreut. Niemand rechnete damit, dass es zu einem Polizeieinsatz kommen könnte. Nur ein kleiner Rest blieb diskutierend auf den kalten Steinplatten sitzen.

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Auch wir hatten irgendwann genug. Ich hatte Alessandra schon überredet, mit mir in die Cafeteria zu kommen, als Altomonte unverhofft vor uns stand. Er war aus dem Gewusel ringsum aufgetaucht, ohne dass wir hätten sagen können, woher er gekommen sei. Vielleicht hatte er die ganze Zeit irgendwo im Hintergrund gestanden und die Szene beobachtet. Das passte zum konspirativen Flair, mit dem er sich neuerdings umgab.

In seinem Verhalten hatte sich eine Wandlung vollzogen. Vom skeptischen Beobachter war er zum akribischen Kundschafter avanciert. Auch wenn ich mich manchmal fragte, ob das tatsächlich ein Fortschritt war, erschien er jetzt beteiligter. Wo immer sich etwas tat, Altomonte drückte sich in der Nähe herum und betrieb sorgfältigste Freund- und Feindaufklärung. Auf Demonstrationen zählte er die Teilnehmer. Zeigte sich Polizei, hatte er uns längst über Stärke und Ausrüstung informiert. Er konnte genau angeben, in welchen Seitenstraßen wie viele Mannschaftswagen standen und welche der Herren mittleren Alters am Straßenrand Zivilbeamte oder tatsächlich neugierige Touristen waren. Er notierte die Nummern der Zivilfahrzeuge, postierte sich vor dem Polizeipräsidium, um verdächtige Fahrzeugbewegungen zu registrieren, oder fuhr mit seinem R4 in der Gegend herum, um sich ein genaues Bild über anrückende Verstärkungen zu machen. Obwohl manchmal ein wenig als wichtigtuerisch belächelt, gehörte er bald dazu. Als Stratego-Max wurde er in der Szene bekannt, und seine Dienste wurden allseits dankbar angenommen.

Im Treppenhaus wurde heftig diskutiert. Gut zwanzig Kommilitonen standen auf dem Treppenabsatz, und es wurde mit den Armen herumgefuchtelt oder versucht, sich mit den besseren Argumenten oder der lauteren Stimme durchzusetzen. Neugierig gesellten wir uns dazu. Ich fragte einen rotblonden Hünen mit schulterlangem Haar, um was es gehe. Der SDS habe ein Ho Chi-Minh Poster aufgehängt - wir hatten es übersehen oder uns nichts dabei gedacht -, einige Kommilitonen bestünden nun darauf, dass es wieder abgehängt werde. Etwas ratlos verfolgten wir die Diskussion. Es ging offenbar darum, was der Vietnam-Krieg mit der Universität, den Notstandsgesetzen und mit diesem und jenem zu tun habe. Trotz ihrer Wortgewalt standen die SDSler auf verlorenem Posten.

Alessandra schnaubte wütend: "Questi stupidi non hanno capito niente!" Und ich fragte mich, was diese Idioten nicht verstanden hatten.

Am Abend während der Vollversammlung sollte ich an diese Bemerkung zurückdenken. Wie an jenem Osternachmittag, als sie uns die Nachricht vom Attentat auf Dutschke überbracht hatte, geschah es immer häufiger, dass so etwas wie Wut, Hass geradezu, aus ihr herausbrach. So sanftmütig sie auf den ersten Blick wirkte, so heftig schien es manchmal unter dieser Oberfläche zu brodeln. Nie ging es ihr schnell genug. Sie verachtete die Halbherzigkeit, die mühsamen Kompromisse, die immer wieder geschlossen werden mussten. Über die Unentschlossenheit der anderen konnte sie regelrecht verzweifeln.

Als sie mitten im Tumult der Diskussion plötzlich aufstand, um nach vorne zu gehen, dachte ich mir nichts dabei. Sie mochte einen Bekannten entdeckt haben, mit dem sie ein paar Worte wechseln wollte. Erst als ich erkannte, was sie tatsächlich vorhatte, erschrak ich. Die Neue Aula war zum bersten gefüllt. Altomonte war anderweitig beschäftigt, und so musste ich die Zahl der Anwesenden selbst schätzen. Es mochten zweitausend sein. Das Rednerpult wurde wie üblich von einer Menschentraube umlagert. Jeder schrie dem Diskussionsleiter seinen Namen, die Instituts- oder Gruppenzugehörigkeit zu. Es war ein mühsames, manchmal unmögliches Unterfangen auf die Rednerliste zu gelangen. Ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, schritt Alessandra durch die Gruppe hindurch, stieg zum Rednerpult hinauf und nahm das Mikrofon in beide Hände, als halte sie ein Kreuz. Niemand wagte, sie zurückzuhalten.

"Genossen", begann sie. Sie sprach nicht sehr laut, und über den Saal senkte sich eine andächtige Stille. Selbst das Feilschen um die Listenplätze wurde für einige Minuten unterbrochen.

"Ich habe Angst. Ich habe Angst, hier vorne zu stehen und vor so vielen Menschen zu sprechen." Sie packte es geschickt an. Obwohl die Subjektivität, die sie in die Waagschale warf, erst einige Jahre später zum Standardrepertoire solcher Auftritte gehören sollte, verfehlte sie auch an diesem Tag ihre Wirkung nicht. Ermunternder Beifall brandete auf.

"Wenn ich es trotzdem tue", fuhr sie fort, nachdem der Beifall abgeebbt war, "dann vor allem aus einem Grund: Seit zwei Stunden diskutieren wir darüber, ob die Studentenschaft an der neuen Grundordnung mitarbeiten soll oder nicht. Als ob es darum ginge, hier und dort eine kleine Verbesserung durchzusetzen und mit diesem Feigenblatt dann dieses ganze repressive Machwerk zu legitimieren." Sie warf ihre Worte wie Fleischbrocken einer hungernden Meute zu, und der leichte Akzent, der sie untermalte, glich dem beruhigenden Gebrumme des Wärters. "Kommilitonen, Genossen, jetzt, zu dieser Stunde, stehen in Frankreich Arbeiter und Studenten gemeinsam auf der Straße und kämpfen. Das ist nicht die Stunde der Diskussion, das ist nicht die Stunde der Theorie! Das ist die Stunde der Tat!" Sie ließ die vielen Ausrufezeichen auf uns einwirken. "Ich weiß, wir alle haben gelernt zu reden, wir haben gelernt zu schreiben. Mehr können wir uns nicht einmal im Traum vorstellen. Die Welt aber, die wirkliche Welt ist dort draußen." An den Köpfen, die ihrem ausgestreckten Arm folgten, wurde deutlich, wie sehr sie uns in ihren Bann gezogen hatte. "Wenn wir es nicht schaffen, über unseren Schatten zu springen, wenn aus unseren ach so klugen Diskussionen, aus unserer unfehlbaren Theorie keine Praxis folgt, dann wird alles vergebens sein!"

Sie kam zum eigentlichen Thema, sprach sich für einen Boykott der Grundordnung aus, und so eindringlich, wie sie dieses Mikrofon zwischen ihren Händen beschwor, so sehr schienen ihre Worte vielen im Saal unter die Haut zu gehen.

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Die Ablehnung, zu der der Vorschlag des SDS noch Minuten zuvor verurteilt gewesen schien, begann abzubröckeln. Längst war ich nicht mehr in der Lage, jedem einzelnen ihrer Worte zu folgen. Als habe sie mich in einen tranceartigen Zustand hineingeredet, war es, als empfänge ich ihre Botschaft auf direkterem Wege. Und wie sie dort oben stand in ihrer weißen Bluse, das schwarze Haar wie ein weiter Umhang, wie sie die Masse mit sanfter Stimme und sparsamen Bewegungen beherrschte, bewunderte ich sie. Aber es war mehr. Ich glaube, von diesem Augenblick an wusste ich, dass ich sie liebte.

"Doch das kann nicht alles sein", drang es wieder klarer in mein euphorisches Hirn. "Lasst uns mit einer symbolischen Aktion beginnen! Lasst uns ein Zeichen setzen! Verbinden wir den Kampf gegen die Notstandsgesetze mit jenem gegen die Hochschulgesetze. Das ist eine Front, Genossen! Ich schlage vor, dass wir heute Nacht hierbleiben und die Universität besetzen." Ein Raunen kam auf. "Genossen, ich danke euch." Stürmischer Applaus begleitete sie, als sie hocherhobenen Hauptes zu mir zurückkam.

Stolz, geradezu überwältigt, drückte und küsste ich sie. "Du warst fantastisch." Sie strahlte.

Vielleicht war es die Abwesenheit Altomontes, der sich an diesem Abend mit anderen Doktoranden und Assistenten traf, um einen geheimnisvollen Zirkel ins Leben zu rufen. Vielleicht war es ihr Triumph oder meine Bewunderung, die Aufgeregtheiten dieser Nacht, die uns so wirklich schien, als sei sie tatsächlich der Zipfel jener ersehnten anderen Welt. Möglich auch, dass es einfach kommen musste, weil die Zeit reif war. Es war ein unsichtbares Ereignis, ein unausgesprochenes dazu. Wir wärmten uns aneinander, wachten oder dösten Arm in Arm, streichelten uns besänftigend oder, war die Lust gewachsen, küssten und schmeckten uns, als versuchten wir auszuloten, welche Erfüllung eine solche Verbindung uns geben könnte. Über allem schwebte aber eine stillschweigende Übereinkunft, ein Einverständnis, das weder sie noch ich in Abrede stellten, was auch immer sich noch ereignen sollte.

An die siebzig Kommilitonen waren in der Universität geblieben. Bald war ein Vertreter des Rektorats erschienen und hatte uns mit gerötetem Gesicht aufgefordert, die Räumlichkeiten sofort zu verlassen. Wieder war von Hausfriedensbruch die Rede gewesen. Jeden Augenblick erwarteten wir, die Polizei ins Haus stürmen zu sehnen. Dann hieß es plötzlich, der AStA habe mit dem Rektorat ein Abkommen getroffen und die Verantwortung für ein ordentliches und rechtmäßiges Verhalten der Studenten übernommen. Es gab großes Gelächter.

Alessandra war die Heldin des Abends. Wie ein Feldherr lief sie herum, bedachte jeden mit einem freundlichen Wort und selbst die Typen vom SDS schienen sie ernst zu nehmen. So vertrieb ich mir die ersten Stunden dieser Nacht ohne sie. In einem kleinen Grüppchen diskutierte ich mit einigen Jura-Studenten über Gott und die Welt. Unter ihnen war auch Robert, der Rotblonde mit den langen Haaren, den wir am Nachmittag kennengelernt hatten. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er gerade das mit Abstand beste Examen seines Jahrgangs abgelegt, ein Umstand, der ihm später vor Gericht helfen sollte.

Als ich ihn fragte, wie die Diskussion über das Ho Chi-Minh Plakat ausgegangen sei, zeigte er mit dem Daumen nach unten. Der SDS sei abgeschifft, habe aber das Plakat brav wieder abgehängt. "Was blieb ihnen auch anderes übrig", dachte ich.

Erst später, als viele schon schliefen und eine trügerische Ruhe eingekehrt war, sollte Alessandra sich zu mir gesellen. Bis dahin blieb mir die freudige Erwartung, und dass sie berechtigt war, bewiesen mir ihre Augen, das Lächeln, mit dem sie mich bedachte, wann immer sich unsere Blicke trafen.

Schließlich mussten wir richtig eingenickt sein. Als mir die anschwellende Geräuschkulisse ins Bewusstsein drang, lag Alessandras Kopf auf meiner Brust, und ich hatte Mühe, mich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Draußen war es noch dunkel. Es war früh am Morgen. Es hatte Gerüchte gegeben, Korporierte organisierten einen Sturm auf die Universität, und von überallher drang das Quietschen und Knarren der Tische und Stühle, die über die Steinböden geschoben wurden, um die Eingänge zu verbarrikadieren.

Tatsächlich versammelten sich im Morgengrauen zwei Dutzend Burschenschaftler vor dem Hauptportal. Es waren vor allem Alemannen, vorzugsweise Juristen, wie es hieß, und ich sollte Altomonte beim verspäteten Frühstück ironisch fragen, wo sich seine Palatiner in der Stunde der Wahrheit versteckt hätten.

"Kossak, du Faschistenschwein!" brüllte jemand hinter mir. Und einer raunte mir zu, das sei ein Landtagsabgeordneter der NPD.

Es gab eine heftige, aber harmlose Rangelei, in deren Verlauf einzelne Blockadebrecher immer wieder ins Foyer gelangten, von dort aber schnell und unsanft wieder hinausbefördert wurden.

Robert schleppte gerade einen dünnen mausgrauen Verbindungsstudenten im Schwitzkasten zum Ausgang, als diesem ein Stilett aus der Tasche fiel.

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Wie eine erbeutete Waffe hielt Robert das Messer triumphierend in die Höhe und verursachte einen Sturm der Entrüstung bei uns anderen. Ratzenbach, so hieß der Student, der später in einigen Flugblättern mit dem Zusatz stud. stiletti betitelt werden sollte, zeigte ihn wegen Körperverletzung an. Vor Gericht konnte Robert dann unter allgemeinem Geschmunzel glaubhaft machen, er habe Ratzenbach nur gekitzelt, um ihn kampfunfähig zu machen. Der erste Studentenprozess endete in Heidelberg mit einem Freispruch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Jünger des Chaos

Der Gruppe, die Altomonte um sich geschart hatte, gehörten zunächst nur wenige feste Mitglieder an. Sie sollte allerdings schnell anwachsen und Ende der Siebziger zu einer fast legendären Einrichtung geworden sein. Wie viele andere Neugierige, die, von den abenteuerlichsten Gerüchten angelockt, im Laufe der Zeit dazu stießen und mehr zuhörten, als selbst viel beisteuerten, nahm auch ich an den meisten Zusammenkünften der ersten Jahre teil, ohne zum harten Kern zu gehören.

Später sollte sich die Gruppe einen richtigen Namen geben und Arbeitsgemeinschaft Dynamische Systeme heißen. Während Altomonte und andere vollmundig und mehr ernst als ironisch von sich als den Jüngern des Chaos sprachen, bürgerte sich bei Außenstehenden die despektierliche Bezeichnung Chaos-Clique ein.

Das angesehenste Mitglied der ersten Stunde war Stephan Schmal. Er war ein bedeutender Mathematiker und mit fünfundvierzig Jahren der Älteste. Er hatte einige Jahre in den Vereinigten Staaten gelehrt. Seine unfreiwillige Rückkehr in die Bundesrepublik verdankte er seinem politischen Engagement. Schon zu Beginn des Vietnam-Krieges hatte er in Kalifornien auf Eisenbahnschienen gesessen, um Truppentransporte zu den Verladehäfen am Pazifik zu verhindern. Das Komitee zur Bekämpfung unamerikanischer Umtriebe soll das Seine dazu beigetragen haben, dass ihm das Forschungsstipendium entzogen wurde. Am Institut waren Gerüchte in Umlauf, nach denen ein Interview auf der Haupttreppe der Moskauer Universität, das Fass zum überlaufen brachte. Schmal war nach Moskau gereist, um am Internationalen Mathematikkongress teilzunehmen und eine der bedeutendsten Auszeichnungen seines Faches entgegenzunehmen. Im Interview, das er einem nordvietnamesischen Journalisten gab, verurteilte er die amerikanische Invasion in Vietnam. Es nutzte ihm nichts, dass er im gleichen Atemzug den sowjetischen Einmarsch in Ungarn genauso heftig kritisierte. Auch dass die Sowjets, keineswegs erfreut, ihn eingehend verhörten, rehabilitierte ihn in den Augen der Amerikaner nicht.

Neben Altomonte und Schmal gehörten Hans Spiegel und Michael Guckenheimer zum inneren Kreis. Während dieser Strömungsphysiker war und sich mit Turbulenzen beschäftigte, kam Spiegel aus einer ganz anderen Ecke. Er war Artenbiologe. Von denen aus dem weiteren Dunstkreis der Gruppe ist Günter Leicht hervorzuheben, ein echter Technikfreak, der am Rechenzentrum arbeitete und uns einige gute Dienste leistete.

Was alle miteinander teilten und was sie schließlich zusammengebracht und zu einer verschworenen Gemeinschaft gemacht hatte, war die kindliche Begeisterung, die fieberhafte intellektuelle Erregung, die nur das wirklich Neue hervorzurufen vermag. Jeder hatte zunächst für sich einen Zipfel dieser anderen wissenschaftlichen Welt in Händen gehalten. Zuerst hatten sie gezweifelt, hatten sich für verrückt erklärt, hatten dann, durch einen verstreuten Artikel, durch die Bemerkung eines Kollegen ermutigt, weitergemacht. Altomonte brachte sie schließlich zusammen - weiß der Teufel, wie er sie gefunden hatte -, und plötzlich wussten sie, dass sie nicht allein waren. Sie waren keine verschrobenen Spinner, sie waren Visionäre, sie waren die Speerspitze einer Revolution, die ganze Bibliotheken, unzählige Professoren rund um den Globus der Geschichte überantworten würde, einer Geschichte, die von nun an verstaubt und langweilig erscheinen sollte.

Ein ganzes Weltbild zerplatzte wie eine Seifenblase, und sie durften zusehen. Es war ihnen vergönnt, eine epochale Umwälzung miterleben, sie mit etwas Glück sogar mitzugestalten. Eine Chance, die es, das brauchte ihnen niemand zu sagen, nur alle paar hundert Jahre gab. Jedem hätte es offen gestanden, es ihnen gleichzutun. Doch die etablierte Wissenschaft machte keine Anstalten, sich den neuen Erkenntnissen zu öffnen. Sie ignorierte sie zunächst, bekämpfte sie dann, wo immer es ging, um sich schließlich einzuigeln und Schritt für Schritt auch von den altehrwürdigsten Lehrstühlen verdrängt zu werden.

Doch das war Zukunftsmusik. Noch waren die Jünger des Chaos Rebellen. Sie fühlten sich als die Galileis oder Newtons, als die Einsteins und Plancks, die den Sprung vom alten zum neuen Denken gewagt hatten. Niemand, nicht einmal Altomonte, hätte die Richtung anzugeben gewagt, in die die Reise ging. Alles schien möglich. Neben Physik und Mathematik gab es unzählige andere Bereiche, an denen man sich versuchen wollte. Das Wetter war ein Thema. War nicht schließlich Lorenz, eines ihrer Vorbilder, Meteorologe? Astronomie, Biologie, Medizin … Es war, als wartete die ganze Wissenschaft nur darauf, durch die Chaosforschung zum Leben erweckt zu werden.

Ein bezeichnendes Licht auf die fast wahnhafte Euphorie der Gruppe wirft ein Zwischenspiel, das sich Mitte der siebziger Jahre zugetragen hat. Zwei Mathematiker machten den ernstgemeinten Vorschlag, Kongressreisen durch das Roulettespiel zu finanzieren, das sie zu entschlüsseln hofften.

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Nach kurzer Diskussion erhielten sie den offiziellen Auftrag, ins Spielcasino nach Baden-Baden zu fahren, um die notwendigen Zahlenreihen zu ermitteln. Es gab wenig Zweifler. Und als die beiden später ihre Überlegungen vortrugen, opferte man bereitwillig einen Teil des bescheidenen Gruppenetats, um ihnen ein paar Abende am Roulettetisch zu ermöglichen. Unnötig zu erwähnen, dass sie nichts gewannen und in kürzester Zeit ihr Startkapital restlos verspielt hatten. Dennoch galt der Versuch lange Zeit nicht als gescheitert. Die verfügbare Rechenleistung, so hieß es, habe bessere Ergebnisse verhindert.

War die Gruppe zunächst Diskussionsforum, in das jeder auch neue, manchmal bizarre, manchmal nur unausgegorene Ideen einbringen konnte, kam bald eine zweite Aufgabe hinzu. Das Hauptproblem der ersten Jahre lag weniger darin, wissenschaftliche Erfolge zu erzielen, als vielmehr diese Erkenntnisse der scientific community, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, nahezubringen, sie also in Zeitschriftenartikeln zu veröffentlichen und auf Kongressen vortragen zu dürfen. Zu abwegig erschien der Ansatz der Gruppe. Ihre Forschungen bewegten sich im Niemandsland zwischen den etablierten Fächern. Im traditionellen Raster wissenschaftlichen Denkens gab es für sie keinen Platz. Stets hätte man weiter ausholen müssen, um den Hintergrund der Theorie zu verdeutlichen. So wurden Kompromisse geschlossen. Man passte sich sprachlich dem herrschenden Duktus an, drapierte wirklich Neues in altbewährter Manier, schickte manch ein trojanisches Pferd in die Schlacht und war schon zufrieden, hier und da einen Samen des neuen Gedankenguts unauffällig ausstreuen zu dürfen.

Dennoch hagelte es zunächst Ablehnungen. Wurden diese überhaupt begründet, dann sprach aus ihnen ein so grundsätzliches Unverständnis, das uns immer wieder neu vor Augen führte, wie weit wir uns von der vormals gemeinsamen Basis entfernt hatten. Etwas anderes kam hinzu. Wir hatten damit gerechnet, lächerlich gemacht zu werden. Auf die offene Feindseligkeit, die uns entgegenschlug, waren wir schlecht vorbereitet. Zu ignorant und kleinlich erschienen die Polemiken, mit denen wir bedacht wurden, die Seitenhiebe, die wütenden Angriffe der Gutachter und Veranstalter. Für die einen waren diese Reaktionen der augenfällige Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg waren, für die anderen, dass wir es niemals schaffen konnten.

Später erfuhr ich, dass es Schmal gewesen war, der Altomonte auf die Idee mit den Pendeln gebracht hatte. Sie kannten sich schon eine Weile, und der Mathematiker war einer der wenigen, denen er einen gewissen Einfluss auf sein Denken gestattete.

Schon damals, zu Beginn seines Studiums, betrachtete Altomonte die Physik mit anderen Augen als seine Kommilitonen. Er interessierte sich nicht so sehr für die großen Theorien, die Standardexperimente und die bekannten Effekte. Hellhörig wurde er erst, wenn auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen wurde. Es schien, als sammelte er seltsame Befunde, unerwartete Ergebnisse und gescheiterte Replikationen, Ausnahmen, Sonderfälle, Abweichungen, Unstimmigkeiten aller Art, als fahndete er nach Theorien und Modellen, die nirgendwohin passten, nach jeder Anomalie, die in Vergessenheit geraten oder mit fadenscheinigen Begründungen aus dem anerkannten Fundus wissenschaftlicher Erkenntnis getilgt worden war. Er glich einem Ermittler, der noch keinen Fall hat, aber felsenfest davon überzeugt ist, dass etwas faul ist. Als müsse er nur genau hinschauen, akribisch verdächtige Hinweise aufspüren und katalogisieren, um daraus irgendwann, das, was er suchte, wie ein Puzzle zusammensetzen zu können, gerade so streifte er durch die verschiedenen Teilgebiete der Physik. Er trieb sich in den antiquarischen Abteilungen der Institute herum, verbrachte ganze Tage im Katalogsaal der Universitätsbibliothek und wurde hin und wieder fündig. Er stieß auf einen Henri Poincaré, auf John Russell, Debois Reymond und auf viele andere.

Und doch hatte es eines Mannes wie Stephan Schmal bedurft, jemanden mit seiner Erfahrung und seinen Kontakten, um aus dem Sammelsurium die Umrisse eines zusammenhängenden Bildes hervortreten zu lassen. Schmal hatte ihm die entscheidende Hilfestellung gegeben.

Im Gegenzug sollte Schmal von Altomontes Besessenheit und seiner manchmal fast erschreckenden geistigen Unabhängigkeit profitieren. Also genau von der Fähigkeit, die Altomontes Ansehen in der Gruppe begründen und seine Führerschaft selbstverständlich erscheinen lassen sollte.

Als Altomonte mir erzählte, er arbeite mit Pendeln, hatte ich erst gelacht und dann gestutzt. Zu abwegig war mir die ernsthafte Beschäftigung mit dieser so offensichtlich simplen Materie erschienen.

Pendel waren das Aushängeschild der klassischen Mechanik. Was der Apfel für Newton, das war das Perpendikel für Galilei gewesen: Symbol für ein ganzes wissenschaftliches Zeitalter. Jedem Schüler war jener Galilei geläufig, der im Gewölbe einer dunklen Kirche die Schwingungen einer an einem langen Seil aufgehängten Lampe misst und Freunde und Bekannte in Schichten einteilt, um die Durchläufe des Pendels zu zählen und sie mit der vorher berechneten Anzahl zu vergleichen.

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Auch das Experiment Foucaults, der im Pariser Pantheon ein fünfzig Meter hohes Perpendikel angebracht hatte, um die Erddrehung sichtbar zu machen, war in den Treppenhäusern der naturwissenschaftlichen Gymnasien im kleineren Maßstab, aber mit dem gleichen Erfolg nachgestellt worden. In den Einführungsvorlesungen wurden Pendel aber nur flüchtig gestreift. Es gab interessantere Bereiche der Physik, die man uns Studenten näherzubringen gedachte. Im Zeitalter der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik schien der angemessene Platz, den diese kleinen Kunstwerke der Mechanik an einer Universität einzunehmen hatten, der in den Ausstellungsvitrinen der historischen Demonstrationsanordnungen

Nicht, dass sie bedeutungslos geworden wären. Im Gegenteil. Sie waren nur gezähmt und wissenschaftlich abgehakt worden. Die Ingenieure arbeiteten jetzt mit ihnen. In jeder Maschine steckte irgendetwas, das oszillierte. Unauffällig wie Heinzelmännchen versahen sie überall ihren Dienst. Aber sie bargen keine Geheimnisse mehr. Vernachlässigte man die Reibung, waren sie dazu verurteilt, einfachen Gesetzen gemäß, bis in alle Ewigkeit hin und her zu schwingen. Pendel waren der Inbegriff der Vorherbestimmtheit. Nicht umsonst bildeten sie die Grundlage jeder Zeitmessung, und auf was konnte man sich - Einstein hin, Einstein her - sonst verlassen, wenn nicht auf den stetigen Ablauf der Zeit? Wie konnte dieses armselige Gebilde also zum bevorzugten Untersuchungsobjekt, zur Labormaus der neuen Wissenschaft werden?Wie viele andere natürliche Systeme unterlagen auch Pendel zwei grundlegenden Prozessen. So geschickt sie auch konstruiert waren, ihre Energie fiel unweigerlich der Reibung anheim. Um sie in Bewegung zu halten, mussten sie deshalb angetrieben werden. Das vermeintliche Gleichgewicht dieser beiden Triebkräfte entpuppte sich, sah man genauer hin, als ein hochkomplexes Wechselspiel, das sowohl Regelmäßigkeiten als auch Unregelmäßigkeiten aufwies. Ein solches System schwankte in engen Grenzen und war stabil, ohne dass sich seine Zustände tatsächlich immer exakt wiederholt hätten. Obwohl im Kleinen chaotisch, folgte es im Großen einer höheren Ordnung.

Dieser Anschein vollständiger Vorherbestimmtheit, dem die klassische Mechanik aufgesessen war, verschwand sofort, erhöhte man die Energiezufuhr. Wie beim Lorenz'schen Wasserrad offenbarte sich dann auch dem unwilligsten Betrachter die Unberechenbarkeit eines solchen Systems.

Es war aber nicht diese Unberechenbarkeit allein, die Menschen wie Schmal und Altomonte in den sechziger Jahren dazu brachte, sich wieder Pendeln zuzuwenden. Sie waren von der Entdeckung fasziniert, dass selbst einfachste Systeme facettenreiche Muster hervorbrachten. Strukturen, die unendlich weit ineinander verschachtelt sein konnten, die, gleichgültig, welchen Bereich man genauer untersuchte, stets neue, feinere Details offenbarten. Nichts wiederholte sich blind. Wie ein musikalisches Thema wurden bestimmte Elemente immer wieder aufgegriffen und phantasievoll variiert. Tatsächlich erschien ein solches System kreativ. Es war, als ob es lebte.

Als Altomonte mir am nächsten Tag von dem ersten Treffen der Gruppe berichtete, glänzten seine Augen.

Er hatte mich am Mittag aus meinem nur wenige Stunden alten Schlaf gerissen. Und als ich mit schwerem Kopf in die Helle dieses Frühsommertages blinzelte, war ich froh, dass Alessandra mein Angebot abgelehnt hatte und nach Hause gegangen war, um sich dort von der durchwachten Nacht zu erholen. Es klingt seltsam, aber ich hätte mich so ertappt gefühlt, als hätte er mich in flagranti mit seiner eigenen Freundin erwischt. Tief in mir meinte ich, sein Vertrauen missbraucht oder zumindest eine kleine Unaufmerksamkeit schamlos ausgenutzt zu haben.

Ich weiß nicht, ob er etwas ahnte, als er sich auf meine durchgelegene Matratze setzte und mich heftig schüttelte. Irgendwelche sichtbaren Spuren hatte diese Nacht nicht hinterlassen. Meine Klamotten lagen wie immer auf dem Boden verstreut, und in den Holzkisten, die mir als Regale dienten, standen zwischen Büchern und Zeitschriften die üblichen leeren Weinflaschen und halb abgebrannten Kerzen.

So sehr jeder von uns das Bedürfnis hatte, seine Freude mit dem anderen zu teilen, so wenig wollte uns das gelingen. Nur schwer konnte man jemandem etwas abgeben, wenn dieser selbst so voll davon war.

Begeistert erzählte Altomonte von seinen Mitstreitern, nannte Namen, die ich gleich wieder vergaß, schwärmte von Projekten und Experimenten, von den tausend Ideen, die seine Phantasie bevölkerten. Ich dagegen fieberte nur einer günstigen Gelegenheit entgegen, um von der Vollversammlung zu berichten, der Universitätsbesetzung, von dem, was sich zwischen Alessandra und mir anbahnte. Obwohl ich die entscheidenden Details ausließ, wollte ich keinen Zweifel aufkommen lassen, dass das vormals gemeinsame Objekt der Begierde mir jetzt alleine zustand.

Das alles stand plötzlich zwischen uns. Es war, als habe am Vorabend jeder von uns eine folgenschwere Entscheidung getroffen.

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Suchet, so werdet ihr finden

Quarendo invenietis

So oft ich meine Tabaks Pfeife
mit gutem Knaster angefüllt,
zur Lust und Zeitvertreib ergreife,
so gibt sie mir ein Trauerbild -
und füget diese Lehre bei,
dass ich derselben ähnlich sei.

Die Pfeife stammt von Ton und Erde,
auch ich bin gleichfalls draus gemacht,
auch ich muß einst zur Erde werden,
sie fällt und bricht, eh ichs gedacht
mir oftmals in der Hand entzwey
mein Schicksal ist auch einerley.

Die Pfeife pflegt man nicht zu färben
sie bleibet weiß. Also der Schluß,
dass ich auch dermaleins im Sterben
dem Leibe nach erblassen muß
im Grabe wird der Körper auch -
so schwarz wie sie nach langem Brauch.

Wenn nun die Pfeife angezündet
so sieht man, wie im Augenblick -
der Rauch in freier Luft verschwindet
nichts als Asche bleibt zurück,
so wird des Menschen Ruhm verzehrt -
und dessen Leib in Staub gekehrt.

Wie oft geschiehts nicht bei dem Rauchen
dass wenn der Stopfer nicht zur Hand
man pflegt den Finger zu gebrauchen
dann denk ich, wenn ich mich verbrannt:
O macht die Kohle solche Pein!
Wie heiss mag erst die Hölle sein?

Ich kann bey so gestallten Sachen
mir bei dem Taback jederzeit
erbauliche Gedanken machen.
Drum schmauch ich voll Zufriedenheit
zu Land - zu Wasser und zu Haus
mein Pfeifchen stets in Andacht aus.

(Johann Sebastian Bach)

Das Telefon, das ich auf dem Schoß wie eine kranke Katze gestreichelt hatte, klingelte erst am nächsten Morgen. Aber es war Liepman, der mir weiterhalf, und nicht meine schöne Unbekannte - tatsächlich, daran, dass sie schön war, zweifelte ich keinen Augenblick.

Altomontes rechte Hand, der verschwundene Amerikaner, hatte eine Schwester in Biel. Das war die Kurzfassung dessen, was mir Liepman mühsam zu erklären versuchte. Ich stellte ihn mir vor, wie er an seinem Schreibtisch schwitzte, stündlich von seiner Frau mit Unmengen Kaffee und kleinen Happen versorgt wurde und die Kinder verscheuchte, die regelmäßig wie Meeresbrandung durch sein Arbeitszimmer schwappten.

Zwei Stunden später war ich da. Vielleicht lag es an meiner Untätigkeit, zu der ich zu lange verdammt gewesen war, vielleicht haben wir Nicht-Schweizer ein besonderes Verhältnis zu diesem Land. Klammert man den italienischsprachigen Teil aus, der hinter hohen Pässen zu einem anderen Kontinent zu gehören scheint, so meint man, die Spielzeuglandschaft einer Modelleisenbahn vor sich zu haben.

Aus Genf kommend, wirkt Biel nüchtern und zweckmäßig, fast bedürftig. Die Stadt hat nichts Aufsehenerregendes, und auch der See bleibt seltsam unverbunden, so als liege er mehr zufällig dort.

Frau Demmonaie war zehn Jahre jünger als ich. Sie war eine jener repräsentativen Hausfrauen und Mütter, die die Villen erfolgreicher Männer bevölkern. Sie hatte einen Mitarbeiter jenes Instituts geheiratet, an dem auch ihr Bruder arbeitete, einen ehrgeizigen Wissenschaftler, der irgendwann dahintergekommen war, das ihm Geld mehr bedeutete als die Häufigkeit, mit der er von Fachkollegen zitiert wurde. Er war in die Industrie gegangen, hatte sich ein großes Grundstück am See unweit der Stadt gekauft, und jetzt parkten zwei große amerikanische Straßenkreuzer in der Einfahrt. Im Sommer verbrachte er die Samstagnachmittage auf dem Golfplatz bei Neuchâtel.

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Abgesehen davon, dass ihr Mann tatsächlich ein früherer Kollege von White gewesen war und auch die Villa ihren Eindruck auf mich nicht verfehlte, hatte ich keinen Anlass, das anzunehmen, was ich gerade geschildert habe. Es entsprach nur dem Bild, das sich unwillkürlich einstellte, als Frau Demonnaie mir, wie vor laufenden Kameras verbindlich lächelnd, die eisenbeschlagene Tür öffnete, etwas zu gönnerhaft, wie ich fand, die Hand hinhielt und mich dann, Artigkeiten austeilend, ins Kaminzimmer geleitete.

Unter ihrer glatten, fast unechten Freundlichkeit spürte ich die Beunruhigung angesichts des Verschwindens ihres Bruders. Vielleicht waren meine Recherchen der Strohhalm, an den sie sich klammerte. Was konnte sie sonst veranlasst haben, mich bereitwillig zu empfangen? Auch die Polizei war mehr als einmal hier gewesen, zuerst in der Hoffnung, White habe bei der Schwester Unterschlupf gefunden, später auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, der ein wenig Licht auf sein Verschwinden hätte werfen können.

Madame Demonnaie hatte sorgfältig frisierte halblange blonde Haare, war dezent geschminkt und einfach, aber elegant gekleidet. Unter ihren grünblauen Augen schwammen die ersten Fältchen wie Segelboote auf einem glatten See. Trotz der Jahre in der Schweiz, war ihre amerikanische Herkunft unverkennbar. Vor allem ihre Stimme, ihre eigentümliche Färbung - wir sprachen Englisch -, die Worte, die sie formte, die gleichzeitig auszuufern und sich wieder zusammenzuziehen schienen, all das passte nicht in dieses Land, in dieses Haus. Ob es ihrem Bruder genauso ergangen war? Sie hatte mir gleich ein Foto von ihm gezeigt: ein großer aufgeschlossener, etwas naiv wirkender Junge, der gerade vom Baseball oder Football kommen mochte. Anders als die Schwester hatte er dunkle, fast schwarze Haare und die Hautfarbe von jemandem, der sich viel im Freien aufhält.

Ein wenig hilflos stellte ich die Fragen, die ich glaubte, stellen zu müssen - "Wann haben Sie Ihren Bruder zum letzten Mal gesehen? Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen? Wie war er als Mensch?" -, ohne die Hoffnung zu haben, etwas Nennenswertes zu erfahren. Wir spielten beide eine seltsam sinnlose Rolle. Sie allerdings ernsthafter als ich. Jetzt rächte sich mein überhasteter Aufbruch. Ich war schlecht vorbereitet. Wie ein Ermittler, der nicht ganz bei der Sache ist, spulte ich mein Repertoire ab.

Was hatte ich mir von diesem Besuch versprochen? Hatte ich wirklich geglaubt, White in einem Verschlag versteckt vorzufinden? Und sollte ich dann nicht tatsächlich Keller und Speicher unter einem fadenscheinigen Vorwand in Augenschein nehmen?

Frau Demonnaie taute langsam auf. Von Minute zu Minute wurde sie natürlicher, ungezwungener. Sie schien die gesellschaftlichen Rollenerwartungen wie unpassende, zu warme Kleidungsstücke nach und nach abzulegen. Ihre Augen wurden lebendiger, die Pupillen größer. Sie saß entspannter und presste nicht mehr die Beine wie ein Schulmädchen zusammen. Dennoch wirkte sie jetzt schüchterner als zuvor. Auch die gelangweilte Welterfahrenheit war verblasst. Ich bildete mir ein, die Ursache für diese Verwandlung zu sein. Dabei hatte ich weniger meine Wirkung als Mann im Sinn. Ratlos, wie ich vor ihr saß und sie mit großen Augen freundlich anblickte, mochte ich auf sie, aufgeschlossen und aufnahmebereit wirken. Obwohl ich mich mehr für dunkelhaarige Frauen interessiere, gefiel sie mir umso besser, je länger sie mir gegenübersaß und nervös mit ihren Armbändern herumspielte. Sie hatte lange, feingliedrige Hände.

Wir waren bei der Collegezeit angekommen. Sie erzählte von der Karriere des Bruders, wie er Altomonte in Santa Cruz kennengelernt und wie ihn dieser später ans European Laboratory nach Genf geholt hatte. Ihren Mann hatte sie bei einem ihrer Besuche in der Schweiz kennengelernt.

Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Während ich in regelmäßigen Abständen fast mechanisch an meinem Kaffee nippte, beobachtete ich sie. Tatsächlich war es mehr als das. Ich ruhte mich regelrecht auf ihr aus. In der wohligen Wärme des vormittäglichen Hauses kroch eine angenehme Schwere an mir hoch. Ohne viel zu denken, ließ ich ihre Stimme auf mich einwirken, nahm den Ausdruck ihres Gesichtes, das Spiel ihrer Hände, ihre ganze Gestalt in mich auf, als handele es sich dabei um etwas, was mich satt und zufrieden machen könnte. Vor mich hin träumend ertappte ich mich, wie ich mir ihren Busen vorstellte, die Kuppen ihrer Schultern, die helle Haut ihres Bauches. Vielleicht hätte mich meine nunmehr geweckte Vorstellungskraft in heiklere Gefilde getragen, hätte mich ihre Stimme nicht in eine wirklichere Welt zurückgeholt.

"Mister Heilant?" Sie sah mich halb fragend, halb besorgt an. So wie eine stehengebliebene Uhr den verwirrten Blick auf sich zieht, mochte ihr plötzlich meine Abwesenheit aufgefallen sein.

"Ich habe mir gerade vorgestellt, was sie gesagt haben", behauptete ich geistesgegenwärtig.

Das schien sie zu freuen. Dann flocht ich meinerseits eine passende Anekdote aus der Zeit meines ersten Besuches bei Altomonte in Genf ein, eine harmlose, wenn auch lustige Geschichte, bei der falsch verstandenes Schwyzerdütsch zu einer Verwechslung geführt hatte.

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Mit ihr zu plaudern, war fast genauso angenehm, wie ihr zuzuhören. Dennoch, irgendwann musste ich auf mein eigentliches Anliegen zurückkommen.

"Karen", sie hatte mich aufgefordert, sie so zu nennen, "überlegen Sie bitte noch einmal! Ist Ihnen etwas Seltsames oder Außergewöhnliches am Verhalten Ihres Bruders aufgefallen? War er in letzter Zeit anders als sonst? Machte er irgendwelche Andeutungen? Alles, wirklich alles könnte uns weiterhelfen. Wir haben keine anderen Anhaltspunkte", fügte ich fast beschwörend hinzu.

"Das habe ich mich in den letzten Tagen schon selbst mehr als einmal gefragt." Sie dachte lange nach und schüttelte dabei immer wieder bekümmert zu Kopf. "Wissen Sie, im Nachhinein erscheint vieles bemerkenswert. Kleinigkeiten, ein einzelnes Wort, ein Gesichtsausdruck oder eine Geste, solche Dinge fallen einem ein, und man denkt: Das war ungewöhnlich, wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen? Doch dann kommen Zweifel. Man braucht nur ganz nahe heranzugehen, und man findet immer etwas." Sie presste die Lippen zusammen. "Es wäre so einfach, zu sagen: ja, er war anders als sonst. Nervöser vielleicht, angespannter. Aber Kenneth war oft so, wenn er an etwas Wichtigem arbeitete. Schon früher stand er Tag und Nacht im Labor. Manchmal musste er regelrecht zum Essen getragen werden." Sie lächelte. "Vor einem wichtigen Experiment schlief er schlecht. Er sprach von nichts anderem."

"Hat er auch diesmal etwas über das Experiment erzählt?"

"Es war ein paar Wochen vor dem … Unfall. Es war Thanksgiving." Sie sah hinüber zum Esstisch, der durch eine breite Schiebetür getrennt an der Fensterfront zur Gartenterrasse stand. Ein runder blankpolierter Tisch aus Birnenholz mit strengen hochlehnigen Stühlen drumherum. Wie sie, stellte ich mir die Kinder, die Gäste vor, die festliche Ausgelassenheit an einer überbordenden Tafel. Dann sah sie mich wieder offen an und lachte. "Es gab so viel zu tun, wissen Sie … Ich habe nur ein paar Worte mit ihm gewechselt. Und bei Tisch hat er wenig gesagt. Mein Mann saß später noch mit ihm zusammen." Sie dachte nach. "Ja, da fällt mir ein, Alain, mein Mann, meinte noch: 'Da scheint eine große Sache zu laufen. Kenny wollte aber nicht so recht mit der Sprache raus.'"

Als ihr Blick wieder einmal die Jugendstiluhr auf der Anrichte streifte, beschloss ich aufzubrechen. Gerne hätte ich meinen Besuch noch weiter ausgedehnt, hätte mich mit ihr in den Niederungen des frühen Nachmittags verloren. Längst ging es mir nicht nur um meine Recherche. Doch spürte ich, wie ich mich den unausgesprochenen Grenzen dessen näherte, was die Situation noch als angemessen erscheinen ließ. Keinesfalls wollte ich sie verstimmen.

In der Tür nahm ich ihre Hand. Sie war warm und fest. Manchmal denke ich, dass ich einen Menschen erst kenne, wenn ich ihn berührt habe.

"Ich hoffe, Sie finden etwas heraus." Sie machte keine Anstalten, ihre Hand zurückzuziehen.

"Machen Sie sich keine Sorgen, Karen." Etwas Besseres fiel mir nicht ein. Dann fügte ich noch ein paar Floskeln hinzu, die beruhigend wirken, aber vor allem den Augenblick hinausschieben sollten, an dem die pochende Verbindung zwischen uns wieder abrisse.

"Ich habe Angst, dass ihm etwas zugestoßen ist", sagte sie leise. Zögernd, fast bedauernd trennten wir uns.

Auf dem Weg zu meinem Mietwagen kamen mir ihre Zwillinge entgegen. Sie waren jünger als ich sie mir vorgestellt hatte.

Anstatt zurück ins Hotel zu fahren, verließ ich in Genf die Autobahn Richtung Flughafen. Gleich dahinter bog ich nach Westen ab. Schon nach wenigen Kilometern stellte ich den Wagen auf dem Besucherplatz des European Laboratory ab.

Obwohl ich nicht zum ersten Mal hier oben stand, war ich erneut von der Unauffälligkeit der Anlage überrascht. Eine Forschungseinrichtung von Weltrang wie diese muss irgendwie beeindruckender, gewaltiger sein - ein Gefühl, das sich ohne mein Zutun aufdrängte, so als spiegelte sich Autorität zwangsläufig in der äußeren Erscheinung wider.

Stattdessen versanken wenige flache Bauten im dichten Nadelwald. Nur den wissenden oder wenigstens aufmerksamen Beobachter befiel eine Vorstellung der tatsächlichen Größe des Komplexes, wenn irgendwo unverhofft das Rot eines Ziegeldachs, die weiße Wand einer Halle oder eines Schuppens durch das Grün brachen oder ein Sonnenstrahl in einem unsichtbaren Fenster aufblitzte. Es gab nichts, was den eigentlichen Zweck der Anlage verraten hätte. Wäre nicht das meterhohe Schild am Ende der Zufahrt gewesen, das bekannte Symbol mit dem verschlungenen Ring, der zufällige Besucher hätte vielleicht auf ein großes Sanatorium getippt, eine Rehabilitationseinrichtung für geistig und körperlich Behinderte oder ein modernes psychiatrisches Krankenhaus.

Fast schien es Absicht, eine sorgsam kalkulierte Unauffälligkeit. Nicht umsonst bestand ein Großteil der Anlage aus endlosen in den Granit des Berges gesprengten Labyrinthen: hell erleuchtete sterile Gänge, Maschinenräume aller Art, kathedralenartige Detektorhallen mit mehreren Stockwerke hohen Apparaturen, aus denen armdicke Kabelbündel wie Haarbüschel heraushingen. Und nicht zu vergessen das Herz der Anlage, der Kilometer durchmessende Beschleunigerring. Ein kreisrunder Tunnel, dem man stundenlang folgen konnte, ohne das Gefühl zu haben, im Kreis gegangen zu sein.

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An der Pforte musste ich warten. Die Ausweisprozedur dauerte länger als sonst. Außer dem Foto musste jetzt auch ein Metallstreifen in die Hülle eingeschweißt werden. Bell wollte mich persönlich abholen. Auf gut Glück hatte ich ihn von der letzten Raststätte aus angerufen und war erstaunt gewesen, als er sagte, er könne etwas Zeit für mich erübrigen.

Mittag war zwar schon lange vorüber, aber da er noch nicht dazu gekommen war und auch mein Hunger sich schon eine Weile nachhaltig zu Wort meldete, gingen wir zuerst in die Kantine. Überall wurden wir freundlich und respektvoll gegrüßt, und ich bekam einen Eindruck von der Position meines Begleiters.

Bell war eine Managerpersönlichkeit Mitte Fünfzig. In seinem dunkelblauen Anzug, gebräunt und selbstsicher hätte er in die Vorstandsetage jedes beliebigen Unternehmens gepasst. Nur sein weißes Haar war etwas zu lang, noch voll fiel es ihm ungeordnet in die Stirn. Er schien um den Ruf der Einrichtung besorgt. Gerade jetzt, wo die Bewilligung der Mittel für den Ausbau den Zyklotrons unmittelbar bevorstehe, eine Summe in Milliardenhöhe, sei eine solche Publicity höchst schädlich, sagte er. Er hoffe nicht, dass auch ich in das gleiche Horn zu blasen gedächte. Ich beruhigte ihn und versicherte, mir liege die Aufklärung des Unfalles vor allem aus privaten Gründen am Herzen.

Was er von Altomonte erzählte, hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Über alle Details des fraglichen Experiments hatte ihn dieser offenbar nicht informiert, und während die Polizei ermittelte, konnte von Seiten des Instituts wenig zur Klärung des Unglücks unternommen werden. So sehr Bell meinen früheren Freund und Wegbegleiter fachlich zu schätzen schien und dessen Leistungen wohl nicht zuletzt deshalb anerkannte, weil sie seine eigene Reputation vergrößerten, meinte ich, aus seinen Worten auch Verärgerung herauszuhören, Unmut über den Stil, mit dem Altomonte seit der Verleihung des Nobelpreises mit ihm und den anderen Kollegen umgesprungen war. Ich stellte mir vor, wie er auf der Welle seines Ruhmes schwimmend, die letzten Hemmungen fallengelassen hatte und wie eine launische Primadonna die Geduld selbst der Gutwilligsten auf eine harte Probe stellte.

Nach dem Kaffee fragte ich Bell, ob ich einen Blick in Altomontes Büro und auf seine Forschungsapparaturen werfen könne. Ich sah deutlich, was er dachte. Obwohl Dutzende von Experten jedes Staubkorn dreimal umgedreht hatten, glaubte ich, noch etwas Neues entdecken zu können, ein Detail, das allen anderen entgangen war, einen Hinweis, der nur mir aufgrund irgendwelcher geheimnisvollen Fähigkeiten zufallen könne. Ich war der dümmliche Abenteurer, der sich als letzter auf die Goldsuche machte, und tatsächlich noch fest davon überzeugt war, er bräuchte die Nuggets nur vom Boden aufzuheben. Für einen Moment dachte ich, er würde mich auslachen. Doch stattdessen stand er seufzend auf und sagte, dass es nicht viel zu sehen gebe und ich mir nicht allzu viel davon versprechen sollte.

Halle 7, Altomontes Experimentierreich, war noch verplombt, und ich musste mich mit einem Blick durch die dicke Panzerglasscheibe zufrieden geben, die sich zum Gang hin öffnete. Drinnen türmten sich Spulen und Generatoren. Große Schalttafeln mit unzähligen Anzeigeinstrumenten, Knöpfen und Reglern erinnerten an die Kontrollzentrale eines Atomkraftwerks.

Dann ging es aus dem Inneren des Bergs zurück in einen freundlicheren Trakt. Wieder musste eine Vielzahl Türen, Schranken und Barrieren passiert werden. Sogar eine regelrechte Schleuse, in die man nur einzeln eintreten durfte, war dabei. Sie trennte den sicherheitsempfindlichsten Bereich vom Rest des Komplexes. Der Gleichmut, mit dem Bell die umständlichen Überprüfungsprozeduren über sich ergehen ließ, schien den hohen Sicherheitsstandard der Anlage herausstellen zu sollen.

Ich erkannte Altomontes Büro fast nicht wieder. Anstatt dessen gewohnte unordentliche Geschäftigkeit widerzuspiegeln, wirkte es jetzt geradezu steril. Die Papierberge, die seinen Schreibtisch unter sich begraben hatten, die aufgehäuften Fotokopien und Broschüren waren verschwunden und gaben den Blick auf die riesige glänzende Edelholzplatte frei. Nur noch ein Telefon, die Schreibtischlampe und eine einsame Work-Station zeugten von geschäftigeren Tagen. Ein ledernes Schreibtischset vervollständigte die Dekoration. Auch der Rest des Raumes erinnerte an einen halb durchgeführten Umzug. Die Sessel der Sitzecke waren sauber ausgerichtet, und auf dem niedrigen Tisch war nichts als ein schwerer Aschenbecher. Die Regale, in denen die Ordner gestanden hatten, waren leer. Nur die Bücher, die die ganze hintere Wand wie die Teile eines Puzzles füllten, hatte man nicht angerührt. Am auffälligsten war das Fehlen der Computerausdrucke, die sich auf jedem Quadratmeter Boden gestapelt und nur ein schmales Wegenetz zwischen ihren Türmen freigelassen hatten.

Das Büro glich jetzt einem jener Chefzimmer, die man vom Fernsehen kennt. So als sitze eine Führungspersönlichkeit wie Altomonte nur sinnend in seinem überhohen gepolsterten Ledersessel oder begnüge sich mit dem öffnen und Schließen der Unterschriftenmappe.

Etwas ratlos ging ich herum. Auf einem Bücherstapel lag ein dickes Typoskript mit Titel Nonlinear waves, solitons and chaos. Ich nahm es in die Hand und blätterte darin herum. Trotz der vielen mathematischen Formeln war es einfach geschrieben. Zu einfach, als dass es Altomontes Interesse hätte wecken können. Hatte er es im Auftrag eines Verlages durchgesehen? Hatten ihn die Autoren drum gebeten? Altomonte, falls es tatsächlich Altomonte gewesen war, hatte eine Textstelle mit einem farbigen Leuchtstift markiert. Sie lautete auf Deutsch: "Solche Solitonen zumindest können unser tägliches Leben beeinflussen, gelegentlich sogar dadurch, dass sie es beenden." Das Wort beenden war mehrfach dick unterstrichen. Ich legte es zurück und setzte meinen Rundgang fort.

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"Sie sehen …" Bell brach ab. Es klang wie: "Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt?"

"Darf ich?" fragte ich, auf die Schubladen zeigend.

Er hob abwehrend die Hände, als wollte er sagen: "Aber bitte, tun Sie sich doch keinen Zwang an!"

Die Schubladen waren leer. Nicht einmal eine Büroklammer erinnerte an ihre eigentliche Bestimmung. Sogar den Staub hatte man sorgsam aufgewischt. Auch die Schränke glichen schwarzen Löchern. Ich wollte schon aufgeben, als ich einer Eingebung folgend die schwarze Schreibunterlage anhob. Ein Blatt lag darunter, und mein Herz machte einen Sprung, als hätte ich die wertvolle Briefmarkensammlung des Großvaters auf dem Speicher entdeckt.

Vorsichtig nahm ich das Papier in die Hand und hielt es mir mit vielsagendem Gesicht vor die Nase. Bell kam näher. Der Fund hatte ihn offenbar verblüfft.

"Ich kann Ihnen versichern, dass diese, ähm, dieses Ding vor ein paar Tagen noch nicht dort lag", sagte er wenig überzeugt.

Ein flüchtiger Blick genügte mir, um die Zeilen wiederzuerkennen. Es war ein Gedicht, das Altomonte seinerzeit gern und oft rezitiert hatte. Bei manch einer Gelegenheit hatte er sich in die Brust geworfen, um die eine oder andere Strophe gestelzt zu deklamieren. Es ging ums Rauchen, um das Leben und den Tod. Eine gewisse Bescheidenheit sprach daraus. Es war kein Meisterwerk, hatte aber zweifellos Witz. Irgendwie hatte es ihm gefallen.

Bell hatte mir über die Schulter geschaut. Er runzelte die Stirn: "Das hat wohl nicht viel zu bedeuten?!"

"Wahrscheinlich nicht." Ich dachte nach. Etwas stimmte nicht. Dann fiel es mir ein. Es war der Titel. Er war falsch. Er passte nicht und passte doch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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B-A-C-H

Das Blatt in Händen hatte ich schon die ersten vertrauten Strophen überflogen, als ich plötzlich stockte. Hinter den fast heiteren Erinnerungen, die sich überraschend eingestellt hatten, lauerte etwas Unheimliches. Etwas, das sich versteckt, verstellt hatte, das wie ein harmloser Tourist durch die Sicherheitskontrolle meines Bewusstseins geschlendert und schon lange meinem Blick entschwunden war als der Alarm schrillte. Glücklicherweise brauchte ich die Augen nur wenige Zentimeter hinauf wandern zu lassen, um das verdächtige Objekt erneut und diesmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Der richtige Titel hätte Erbauliche Gedanken eines Pfeifenrauchers oder so ähnlich heißen müssen. Zweifelsohne bezog sich dieses Quarendo invenietis auch auf Bach. Nur war es ein anderer Titel, er gehörte zu einem der Kanons des Musikalischen Opfers. Auf Deutsch bedeutete er: Suchet, so werdet ihr finden.

Ich blinzelte. Mit einem Mal war ich mir nicht mehr sicher, ob das, was sich zu ereignen schien, tatsächlich geschah. Eine neue Wirklichkeit öffnete sich hinter der vermeintlichen, und plötzlich war mir, als sei ich schon durch viele solcher Türen gegangen. Doch diese Beliebigkeit währte nur einen kurzen Augenblick. Als sei ich durch irgendetwas hindurch gefallen und unsanft gelandet, blickte ich mich um. Hier in seinem geplünderten Büro spürte ich die Gegenwart Altomontes, des Toten. Aber es war eine Szene aus der Vergangenheit, die ich sah und die in mein Jetzt herüber gesickert war.

 

Vom zweiten Stock, aus Alessandras Zimmer kommend, hatte ich bei Altomonte geklopft. Die Tür war wie üblich unverschlossen, von ihm aber fehlte jede Spur. Durch das Treppenhaus drang leises Klaviergeklimper, und ich ging hinunter in den großen Saal. Dieser nahm fast das ganze Erdgeschoß ein, wurde aber nur selten bestimmungsgemäß für Festlichkeiten, Konzerte oder den Darbietungen der hauseigenen Theatergruppe genutzt. Meistens verlor sich nur die Tischtennisplatte auf dem hochglanzpolierten Parkett, und wir hatten uns angewöhnt, dann und wann ein paar Sätze zu spielen. Wie es sich für eine musische Vereinigung gehörte, vervollständigten zwei schöne Flügel die karge Einrichtung. Stühle wurden erst bei Bedarf aufgestellt.

Altomonte saß am kleinen Bechstein. Den anderen, einen großen Konzertflügel, mochte er nicht.

Wahrscheinlich kam ich hereingestürmt und machte eine zu laute oder dumme Bemerkung. Musik bedeutete mir damals wenig. Ich hörte das, was alle hörten, doch tat ich es vermutlich vor allem deshalb, weil das ständige Gedudel dazugehörte.

Er machte mir ein Zeichen mir, still zu sein, und spielte weiter. Nach wenigen Takten aber entspannte er sich, drehte sich halb zu mir um und begann zu erzählen. Während er sprach, spielte er den einen oder anderen Ton an, manchmal eine längere Passage. An diesem Tag sollte ich einiges über Bach erfahren.

"Friedrich der Große war ein großer Musikliebhaber. Er spielte selber Flöte und komponierte auch ein wenig. Ganz besonders schätzte er aber JSB." So wie er LBJ für Lyndon B. Johnson oder JFK für Kennedy sagte, sprach er auch das JSB englisch aus. "Bach war schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war wohl schon über die Sechzig drüber, als er zum ersten Mal nach Potsdam kam. Jedenfalls musste der alte Bach sofort die verschiedenen Pianofortes des Königs ausprobieren und darauf improvisieren. Ihm wurde ein Thema vorgegeben, aus dem er auf der Stelle eine vielstimmige Fuge - überliefert sind sechs- oder gar achtstimmige - komponierte. Daheim arbeitete er das Königliche Thema weiter aus und schickte es als Musikalisches Opfer nach Potsdam."

Wieder einmal war ich über den Freund mehr befremdet als erstaunt. Nur er konnte sich für so Absonderliches interessieren.

"Auf dem Vorsatzblatt, das Bach den Noten beigelegt hatte, stand die lateinische Inschrift: 'Auf Geheiß des Königs, die Melodie und der Rest durch kanonische Kunst aufgelöst'. Die Anfangsbuchstaben ergeben RICERCAR. Das bedeutet auf Italienisch suchen. Ricercar war im Übrigen auch die ursprüngliche Bezeichnung für Fuge. Und im Musikalischen Opfer gibt es tatsächlich viel zu suchen." Altomonte schien in sich versunken. Vielleicht sprach er gar nicht zu mir, sondern dachte nur laut. "Zum Musikalischen Opfer gehören auch zehn Kanons. Die hat Bach aber absichtlich nicht vollständig ausgeführt, sondern nur jeweils angedeutet. Sie wurden dem König als Rätsel dargeboten, damals übrigens ein beliebtes Gesellschaftsspiel." Zum ersten Mal sprach er mich direkt an. "Weißt du, wie ein Kanon komponiert wird?"

Mir blieb nichts anderes, als stumm zu verneinen.

"Na komm! Du kennst doch sicherlich dieses unsägliche Ding", er schlug ein paar Tasten an, "Bruuder Jaakob, Bruuder Jaakob …"

Ich nickte.

"Das Thema wird einfach zeitlich versetzt wiederholt. Die einfachste Form des Kanons. Man kann aber auch die Tonhöhe oder das Tempo variieren. Dann kann man das Thema umkehren oder rückwärts spielen."

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Er verhaspelte sich beim Nachspielen und lachte. "Und dann gibt es noch ein paar Kniffe mehr. Natürlich kann man alles auch miteinander kombinieren. Das wird dann schnell unheimlich komplex." Er versuchte sich an einigen Variationen

Obwohl ich nur eine Ahnung von dem erhaschte, was er mir zeigen wollte, war ich beeindruckt. Niemals hätte ich gedacht, dass in so wenigen Takten so viel stecken konnte. Ein bisschen kam ich mir wie ein Analphabet vor, der im einen oder anderen Buch geblättert hatte, um es dann als zu langweilig beiseite zu legen.

"Außer dem RICERCAR gibt es noch einen weiteren Hinweis auf die Rätsel. Über einem der schwierigsten Kanons steht Quarendo invenietis." Ich muss etwas angestrengt dreingeschaut haben, denn er beeilte sich zu übersetzen. "Suchet, so werdet ihr finden. Habe ich schon gesagt, dass alle Kanonrätsel gelöst wurden? Zumindest glaubt man das, obwohl natürlich niemand ausschließen kann, dass JSB noch ein paar Asse im Ärmel hat."

Noch bevor ich von einer Überdosis an musikalischer Bildung niedergestreckt werden konnte, stand Alessandra in der Tür. Ihre kurze Anwesenheit genügte, um unserer einseitigen Unterhaltung ein abruptes Ende zu bescheren. Als sei die Sonne gerade durch dunkle Wolken gebrochen, leuchtete Altomontes Gesicht auf. Schlagartig schien alles wie weggefegt, was er an tiefschürfenden Lektionen noch für mich vorbereitet haben mochte.

"Sei ancora qui? Du bist noch da?" Sie kam auf mich zu und gab mir einen flüchtigen Kuss. "Ich muss los! Ciao, ihr beiden." Und weg war sie.

Seit ihrem triumphalen Auftritt auf der Vollversammlung gehörte sie zum politischen Establishment der Uni. Immer häufiger nahm sie an irgendwelchen Sitzungen teil, organisierte Aktionen aller Art oder grübelte stundenlang vor einer Wachsmatritze, die sie in ihre Reiseschreibmaschine gespannt hatte.

So verschieden die Gedanken waren, denen jeder von uns nachhing, so wenig angebracht schien es, sie auszusprechen. Es dauerte eine Weile, bis einer die Stille brach. Ich glaube, es war Altomonte.

"Hmm …" Er räusperte sich. "Hast du eigentlich mit ihr geschlafen?"

Seine Frage machte mich stolz und verlegen zugleich. Zum ersten Mal meinte ich, aus seinem Schatten herausgetreten zu sein. Die Unruhe, die Angst vielleicht, die aus ihm sprach, schien mich aus den vormaligen Niederungen emporzuheben. Ich war nicht mehr der Lehrling, den er nach Belieben scheuchen konnte. Da ich aber andererseits noch nicht mit Alessandra geschlafen hatte - war das tatsächlich der entscheidende Punkt? -, wurde ich befangener, je länger ich darüber nachdachte, wie ich es ihm beibringen konnte, ohne mich zu blamieren.

Ein Schulfreund hatte vor Jahren auf die gleiche Frage geantwortet, mit seiner Festen sollte man sich schon ein paar Monate Zeit lassen. Vielleicht antwortete ich deshalb: "Nein, wir haben es nicht eilig. Ich glaube, es ist was Ernsteres."

Hatte ich geglaubt, diese Äußerung würde ihn erst recht beunruhigen, wurde ich enttäuscht. Er lächelte nur spöttisch und sagte leichthin: "Na, da habe ich wohl keine großen Chancen mehr."

Zu jenem Zeitpunkt war ich mir recht sicher, den Freund, zumindest in Hinsicht auf Alessandra, klar auf die Plätze verwiesen zu haben. Die Beziehung war zugegebenermaßen nicht im eigentlichen Sinne vollzogen worden - selbst die Kirche schien darauf zu bestehen -, und doch gab es eine zunehmende Verbindlichkeit, eine Zugehörigkeit, die sich auch nach außen zeigte. Wir waren unzweifelhaft ein Paar.

Plötzlich fing Altomonte wieder zu spielen an. Seine Finger huschten über die Tasten, und ich bewunderte die Leichtigkeit, mit der sie sich darauf bewegten. Am Klavier wirkte er ernster als irgendwo sonst. Verschwunden war dann die Ironie, die sonst in seinen Augen blitzte, der Spott, mit dem er auf uns gewöhnliche Sterbliche hinabsah. Vielleicht waren die großen Komponisten die einzigen, die er neben sich duldete. Die Musik war nicht seine Welt, aber er war in der Lage, die Leistung, die darin steckte, nachzuvollziehen und anzuerkennen.

"Das war das letzte, was Bach je schrieb. Am Ende dieser Fuge war er tot. Sein Sohn notierte auf dem Manuskript: 'Im Verlauf dieser Fuge, an dem Punkt, an dem der Name B-A-C-H als Gegenthema eingeführt wurde, starb der Komponist.'" Auch Altomonte war jetzt fertig. Er lehnte sich zurück. "Ein verrückter Hund dieser JSB. Er komponierte sich seine eigene Grabinschrift: b-a-c-h." Er schlug die Noten noch einmal an. "Selbst sein Tod sollte der Nachwelt noch Rätsel aufgeben", sagte er lachend.

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Der Schaum der Tage

Als ich Alessandra kennenlernte, hatte ich wesentlich mehr Erfahrung als sie. Nicht nur, dass ich ein paar Jahre älter war, sie hatte auch nie eine feste Beziehung gehabt, die länger als ein paar Monate gehalten hätte. Von Susanne hatte ich mich ein Jahr zuvor getrennt. Sie war meine erste ernstzunehmende Liebe gewesen, meine erste Erwachsenenliebe, falls das einen Unterschied macht. Wir hatten uns kurz vor dem Abitur kennengelernt und mehr als vier Jahre zusammen verbracht, hatten sogar regelrecht zusammen gelebt, eine unendlich lange Zeit lang in einem Heidelberger Vorort. Getrennt hatten wir uns vielleicht vor allem aus der Angst heraus, etwas zu verpassen. Zu verlockend erschienen uns die Versuchungen, die das Studentenleben im Übermaß für uns bereithielt.

Jedenfalls hatte ich schon bald damit begonnen, meinen leichtbekleideten Kommilitoninnen auf den Busen zu schauen, wenn sie mir im Sommer auf der Hauptstraße entgegenkamen oder in den stickigen Seminarräumen schwitzend gegenübersaßen. So ganz anders als auf dem Gymnasium, wo es in einer Klasse nur zwei oder drei Mädchen gab, die wie wertvolle Vitrinenstücke die Begierden von uns allen auf sich zogen, strotzten Stadt und Uni nur so vor Leben, schien alles um einen herum einen Duft zu verströmen, der die Sinne und den Verstand verwirrte. Ich sehnte mich nach dieser Haut, die sich im Gras der Neckarwiese sonnte, sehnte mich nach den nachlässigen Blicken der langhaarigen Schönheiten in den Kneipen der Altstadt, nach den Bewegungen ihrer Arme und Hüften auf der winzigen Tanzfläche des Jazzkellers. Es war schwer. Und so wie es einem Novizen am Anfang seines Weges ergehen musste, so zweifelte auch ich, ob meiner scheinbaren Bestimmung.

Susanne und ich verstanden uns gut, auch im Bett. Doch irgendwann machte mich jedes noch so gelungene Liebesspiel nur neugieriger auf die, die kommen sollten. Nie sah ich mich mehr nach anderen Frauen um, als dann, wenn wir gerade aus dem Bett gestiegen waren. Und wir lebten im Schlaraffenland. Nirgendwo sonst konnte es so viele gleichaltrige und ungebundene Menschen im heiratsfähigen Alter geben. Es herrschte ein Überfluss, den wir uns in der provinziellen Kleinstadt nicht einmal erträumt hatten. Wie hätten wir wie ein altes Ehepaar abends vor dem kleinen Schwarzweißfernseher hocken und Händchen halten, das lockende Abenteuer unserer langweilig gewordenen Geborgenheit und Vertrautheit opfern können? Susanne ist es vielleicht genauso ergangen.

Sie lernte irgendwann einen Musiker kennen, knutschte mit ihm herum und erzählte mir davon. Ich hatte mich gerade in eine Physikerin aus meiner Arbeitsgruppe verliebt. Waren unsere neuen Errungenschaften auch nicht so aufregend, dass jede für sich eine Trennung gerechtfertigt hätte, wir betrachteten sie als Vorboten von etwas Verheißungsvollerem. Noch einige Jahre lang sollten wir uns regelmäßig sehen und sogar ein paarmal zusammen schlafen.

Was dann folgte, war das Chaos. Begünstigt durch die Aufbruchsstimmung, die auch die privatesten Winkel des Studentenlebens erfasst hatte, vermehrten sich meine Beziehungen binnen weniger Wochen, bis ich jede Übersicht verloren hatte. Die sexuelle Befreiung gehörte zum Pflichtprogramm eines jeden, der nicht als spießiger Kleinbürger angesehen werden wollte, und wir Männer taten das unsere, um den Kommilitoninnen und Genossinnen die letzten Skrupel auszureden. Erst nach Monaten begannen aus dem Durcheinander von kürzeren und längeren Beziehungen, von leidenschaftlichen Verhältnissen und unbedeutenden einmaligen Affären stabile Strukturen wie durchsichtige Fäden hindurch zu schimmern. Als müsse alles erst ordentlich durchgeschüttelt werden, um etwas Sinnvolles zu ergeben, bildeten sich wiederkehrende Muster, Vorlieben und Gewohnheiten heraus. All dies geschah ganz von allein und ohne mein bewusstes Zutun. So war ich frei und ungebunden, aber nicht allein.

Auch nachdem ich Alessandra zum ersten Mal in der kleinen Küche von Altomontes Wohnheim erblickt hatte, änderte sich zunächst nichts. Selbst in der spannungsreichen Zeit unseres gemeinsamen Werbens steuerte ich regelmäßig, manchmal frustriert, manchmal aber auch in freudiger Erwartung, die Fixpunkte auf meiner ganz privaten Landkarte der Altstadt an. Sie hatten schöne, biedere deutsche Namen, hießen Karin, Doris oder Gabi, und stammten aus dem Schwäbischen, aus der Pfalz, seltener aus dem hohen Norden. Sie waren bereitwillig und unkompliziert. So wie ich auf einen kurzen Besuch am Nachmittag aufkreuzen konnte, klopfte ich manchmal mitten in der Nacht an ihre Tür und nahm es ihnen nicht übel, wenn ein anderer schneller gewesen war.

Bald jedoch wurden diese Besuche seltener, um irgendwann ganz aufzuhören. Je mehr ich mich in Alessandra verliebte, ein Vorgang, den ich zunächst als schiere Hartnäckigkeit angesichts ihres anhaltenden Widerstandes missdeutete, desto nichtssagender erschienen mir diese anderen Körper, über die ich nach Belieben verfügte.

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Was mir mit Susanne am Ende unserer Beziehung widerfahren war, ereignete sich jetzt in umgekehrter Reihenfolge. Die beliebige Lust, nach der ich mich jahrelang gesehnt hatte, langweilte mich, und ich war bereit, sie wieder für das Altbekannte herzugeben, auch wenn dieses Vertraute in neuen und zunächst aufregenderen Kleidern daherkam.

Was in der Nacht der Universitätsbesetzung seinen Anfang genommen hatte, enttäuschte meine hochgesteckten Erwartungen nicht. Die fast vergessene Spannung, die neben dem Neuen auch Nähe braucht, war wieder da. Wie damals bei Susanne meinte ich, Alessandra sei die allererste Frau, die ich je wirklich geliebt hätte.

Unser Liebesleben hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: sie wollte nicht mit mir schlafen. Es war nicht so, dass sie sich noch nicht sicher gewesen wäre und mich auf später vertröstet hätte. Sie schien ein für allemal damit abgeschlossen zu haben. Mit dem Hinweis, sie habe es vor längerer Zeit ausprobiert und es bedeute ihr nichts, wischte sie meine zaghaften Versuche, darüber zu sprechen, vom Tisch. Ich solle mich nicht so anstellen, schließlich gehe es nur um diese eine Sache, sagte sie dann manchmal, so als handele es sich um eine seltene und besonders abwegige, in jedem Falle aber völlig überflüssige Perversion. So taten wir all das miteinander, was jedes Liebespaar miteinander tut, nur eben nicht diese eine Sache. Zuerst tröstete ich mich damit, sie würde irgendwann, selbst Lust darauf bekommen und ihre Meinung ändern, dann gewöhnte ich mich daran. Es war eine Form der Sexualität, die mir bald genauso intensiv erschien wie jede andere.

Mag sein, dass das der Grund war, warum ich auf Altomontes Frage, ob ich mit ihr geschlafen habe, etwas ängstlich reagierte. So erfüllt unser Liebesleben war, so zerbrechlich erschien mir diese vordergründige Idylle. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Dieser Zwiespalt dauerte noch einige Wochen an.

In dieser Zeit wurde unser Umgang verbindlicher. Nach wenigen Tagen schien sie akzeptiert zu haben, mit mir fest zusammen zu sein. Genauso wie ich, legte sie Wert darauf, es öffentlich zu zeigen. Selbst Altomonte hatte sich mit dieser Tatsache offenbar abgefunden. Er war ein guter Verlierer, und wir verstanden uns besser als zuvor. Die Unterlegenheit, die ich bisher ihm gegenüber empfunden und die unsere Beziehung belastet hatte, war verflogen. Er mochte mir in vielem haushoch überlegen sein, mochte sich in intellektuellen Gefilden ungezwungen bewegen, die mir immer verschlossen bleiben würden, er mochte durch seine Unmittelbarkeit, seine fiebrige Wachheit Frauen genauso unwiderstehlich anziehen, wie er seine Professoren gegen sich aufbrachte, in einem Punkt war ich ihm voraus. Ich war vertrauenswürdiger, verlässlicher, ich war der bessere Kandidat für eine ernstgemeinte Beziehung.

Altomonte war für das normale, das gewöhnliche Leben nicht geschaffen. Das war die Quintessenz von dem, was mir in jener Zeit durch den Kopf ging, eine Einschätzung, die ich, trotz allem, was sich in den folgenden Monaten und Jahren noch ereignen sollte, nicht zu revidieren brauchte. Alle Qualitäten, die er im Übermaß besaß, halfen ihm nicht, sein Leben besser zu meistern. Im Gegenteil, er wirkte wie ein überzüchteter Sportwagen, der sich durch den Feierabendverkehr quält. Und ich glaube, er spürte, dass er den Raum, in dem seine Stärken wirklich hätte ausspielen können, nicht finden würde, dass es eine ihm gemäße Welt nicht geben konnte.

Es wurde Sommer, und Alessandra und ich sahen uns fast täglich. Oft schlief ich in ihrem Dachzimmer in der Palatina. Dann frühstückten wir manchmal mit Altomonte im kleinen Aufenthaltsraum im ersten Stock. Überhaupt hatte die an Konturen gewinnende Beziehung zwischen Alessandra und mir wenige Veränderungen in unserem Verhältnis zu Altomonte gebracht. So wie früher, als wir beide noch gemeinsam hinter ihr her gewesen waren, verbrachten wir einen Gutteil unserer Zeit zu dritt. Wir fühlten uns fast wie eine Großfamilie, wir drei im Zentrum, die anderen, Mitbewohner oder Freunde, locker um uns herum gruppiert. So recht mir das meistens war, so sehr wünschte ich mir manchmal, Alessandra zeigte mehr Interesse an einer ausschließlicheren Zweisamkeit.

Im gleichen Tempo wie die Temperaturen Tag für Tag gestiegen waren, hatten die politischen Aktivitäten nachgelassen. Das Semester neigte sich seinem Ende entgegen, und die Hörsäle und Seminarräume leerten sich von Woche zu Woche. Es war, als versickerten die Studenten wie Wasser in ausgedörrtem Boden. Auch das Stadtbild hatte sich gewandelt. Einer wachsenden Anzahl von Touristen standen immer weniger Einheimische etwas verloren gegenüber. Nach den hektischen Wochen des Mai und der Beruhigung, die der Juni gebracht hatte, hatte sich Enttäuschung breitgemacht. Die Revolution war offenbar doch keine Sache von wenigen Wochen, und die Hoffnungen richteten sich auf den Herbst, einen heißen Herbst, wie man sich gegenseitig versicherte.

Anfang August fuhr Alessandra nach Mailand. Vierzehn Tage später trafen wir uns, wie verabredet, im Ferienhaus ihrer Eltern an der Riviera bei Portofino. Ferragosto, der Höhepunkt der Saison, war gerade vorüber, und die Verwandtschaft hatte sich schon auf den Weg zurück in die Großstadt gemacht. So hatten wir das Haus für uns alleine. Nur an den Wochenenden stieß ihre große Schwester mit ihrem Mann zu uns.

Dieser Urlaub war in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Besonders beeindruckt war ich vom Luxus, in dem ich mich dort unverhofft wiederfand. Alessandra war das Entree zu vielerlei Festen und gesellschaftlichen Anlässen in den Villen der Umgebung, zu Bootsfahrten und anderen Vergnügungen, die ich bisher nur vom Hörensagen gekannt hatte. Das Wichtigste jedoch, was diese Ferien brachten, war ein grundlegender Wandel in Alessandras Haltung.

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Schon nach wenigen Tagen wollte sie mit mir schlafen, und von da an taten wir es mit der größten Selbstverständlichkeit, so als sei es niemals diese eine Sache gewesen, die wir aus unserem Repertoire unwiderruflich gestrichen zu haben glaubten. Diese plötzliche Wandlung kam zwar überraschend, erschien mir aber bei näherem Hinsehen als absehbar und folgerichtig. Schließlich kannten wir uns erst wenige Monate, und der Umgebungswechsel, die Sonne, die uns wie Akkus bis zur Überhitzung auflud, der Vergnügungshunger, mit dem sich jeder ringsum ins Leben zu stürzen schien, mochten den Ausschlag gegeben haben, das sie jetzt und nicht irgendwann sonst dort hingelangt war.

Zunächst war ich enttäuscht. Zu oft hatte ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, welche Geheimnisse sie eifersüchtig vor mir hütete und welche neuartigen Genüsse ihr Körper mir würde bieten können. Tatsächlich verspürte ich nichts Besonderes; es war wie immer. Zu meiner Enttäuschung mischte sich Erstaunen. Es war das gleiche Gefühl, das ich nach meinem allerersten Mal mit Siebzehn gehabt hatte: War das alles? Und, wenn es so war, warum machte man dann so ein Aufheben drum? Wie der ungeübte Trinker, der einen guten Wein nicht von einem schlechten zu unterscheiden weiß, war auch mir, als verfügte ich nicht über die notwendigen Rezeptoren. Erst durch Wiederholung, durch behutsame Variation, durch spielerisches Ausprobieren, verfeinerte sich meine Wahrnehmung, konnte ich die verschiedenen Nuancen herausschmecken und jene pflegen, die am vielversprechendsten waren. Es dauerte den ganzen Urlaub bis aus dieser einen Sache ein richtiges Liebesleben geworden war.

Wir waren seit ein paar Wochen zurück. Der September stand kurz vor seinem mäßig ereignisreichen Ausklang, als Alessandra mir eröffnete, sie sei schwanger. Wir hatten gerade Flugblätter beim AStA geholt, um sie vor der Mensa zu verteilen. Es hatte geregnet. Es hätte nicht viel gefehlt, und mir wäre der ganze Stapel in eine große Pfütze gefallen. Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte. In diesem Augenblick schien es mir wichtigere Dinge als die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zu geben. Natürlich war es eine Sauerei, dass dieser senegalesische Massenmörder geehrt werden sollte, und auch hinter dem Aufruf, den wir in der Hand hielten - Belagert die Buchmesse! Besetzt die Paulskirche! - standen wir ohne Wenn und Aber. Doch angesichts des Bebens, der unsere kleine, ganz private Welt heimsuchte, verblasste die geplante Aktion des SDS zu einer unbedeutenden Notiz auf den hintersten Seiten der Geschichtsbücher. Sollten wir nicht lieber irgendwo in Ruhe das Angemessene oder zumindest Notwendige besprechen? Vielleicht dachte ich, ich müsste Alessandra gegenüber jetzt besonders aufmerksam sein, der fürsorgliche Vater in spe, den ich aus Filmen kannte.

Sie dagegen schien völlig unberührt, fast unbeteiligt. Wieder spürte ich diese Kälte, die mir unheimlich war. So hart wie sie sich selbst gegenüber sein konnte, würde sie zweifellos auch anderen gegenüber sein. Instinktiv spürte ich, dass sie bei mir keine Ausnahme machen würde.

Sie bestand darauf, die Flugblätter, wie vorgesehen, auszuteilen, und wir stellten uns an den Haupteingang der Mensa in die lange Reihe der Flugblattverteiler. Während ich automatisch ein Blatt nach dem anderen vom Stapel nahm und es den hungrigen Kommilitonen wie einen Vorgeschmack auf das, was sie weiter hinten an der Essensausgabe erwartete, entgegenhielt, versuchte ich, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Alessandra stand mir gegenüber und versorgte diejenigen, die satt und zufriedener wieder in die Sonne traten. Durch diesen Strom sich hinein und heraus drängender Körper beobachtete ich sie. Sie war blass, aber gefasst. Gleichgültig ließ sie sich ihre Flugblätter aus der Hand nehmen.

Zwei Dinge begannen sich in meinem Kopf aus dem Gewühl der Empfindungen und Gedankenfetzen umrissartig herauszubilden. Zum einen war ich maßlos erstaunt. Wie, um alles in der Welt, konnte das so schnell passiert sein? Sicher, selbst ein einziges Mal genügte, das wusste auch ich. Wie oft hatte ich aber mit einer Frau geschlafen, ohne an Verhütung, geschweige denn an Schwangerschaft auch nur zu denken! Als zweites stand plötzlich das Wort Abtreibung fast bildhaft vor mir, und ich versuchte, mir zu vergegenwärtigen, was zu tun sei, mich an Gespräche zu erinnern, in denen es um Hollandfahrten oder Ähnliches gegangen war.

Vielleicht spiegelte sich all das in meinem Gesicht wider, vielleicht waren diese Überlegungen aber zu naheliegend, um nicht von ihr mit Leichtigkeit vorweggenommen worden zu sein. Hatte sie nicht Stunden, Tage, Wochen gar gehabt - wer wollte das wissen? -, um sich auf genau diesen Augenblick vorzubereiten? Jedenfalls sagte sie unvermittelt: "Erstens ist es nicht von dir, und zweitens werde ich es behalten."

"Was sagst du da?" brüllte ich zurück, ohne mich um das Gewühl der Menschen um uns herum zu kümmern. Zu unwirklich erschien mir die Situation.

"Ѐ di Massimo", antwortete sie leiser, und das brauchte sie mir nicht zu übersetzen.

 

Chloé wurde am achten März geboren. Fast vier Wochen zu früh, so als habe sie es eilig gehabt, auf die Welt zu kommen. Sie war ein wunderschönes Kind. Ich sage das ohne Neid, denn es gab nichts an ihr, was an ihren Vater erinnert hätte.

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Welt am Draht

Für uns war der Jüngste Tag angebrochen, aber nur ich wusste es.

Den Augenblick zuvor würde das Leben in normalen Bahnen verlaufen - mit Leuten, die sich auf den Rollbändern drängten, mit dichtem Verkehr. Im Wald würden die Bäume wachsen und die Tiere äsen. Die sanften Wellen des Sees würden gegen den Strand schlagen.

Einen Augenblick später würde die ganze Illusion zerfallen. Das endlose Fließen der lebenserhaltenden Energieströme würde in Myriaden von Umwandlern plötzlich erstarren, im Sprung von Kathode zu Anode aufhören, im atemlosen Rasen über die Kontaktpunkte Tausender von Elektronenspeicher stillstehen. In diesem Augenblick würde die anheimelnde und überzeugende Wirklichkeit ausgelöscht werden - ein ganzes Universum in einem einzigen, endgültigen Augenblick totaler simulektronischer Entropie verloren sein.

Daniel F. Galouye

 

Es war kalt geworden, die Luft klar wie selten. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, und die Gipfel des Juras glitzerten weiß in der Mittagssonne. Als habe man eilig die schmutziggrauen Stellwände um die Stadt weggeräumt, öffneten sich überall neue Weiten. Die Berge waren nah an die Ufer herangetreten und türmten sich zu langen Ketten bis zum Horizont auf. Die Häuser hatten sich um das Wasser geschoben. Sie überzogen Bucht um Bucht wie eine wildwachsende Flechte. Nach Norden hin verlor sich der See. Im Rücken der Stadt sanftere Hügel. Straßen schlängelten sich hinauf zu Dörfern, von denen man nicht wusste, ob sie über den Niederungen thronten oder dorthin verbannt worden waren. Hin und wieder blitzte eine Windschutzscheibe in einer der Spitzkehren auf.

Wie üblich war ich zu früh. So umkreiste ich noch einmal den Jardin Anglais, bevor ich mich zu meinem Treffpunkt aufmachte. Es war zu kalt, um sich auf eine der Bänke zu setzen. Außer den üblichen Genfern, die wie zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre eleganten Hunde ausführten, war keine Menschenseele unterwegs. Selbst die Touristen mieden heute die langen Seepromenaden.

Am Quai Gustave Ador parkten nur wenige Autos. Ein paar Boote standen herum wie an Land gespülte Muscheln, aufgebockte oder auf dem Kiel liegende Barkassen, deren Farbe aufgesprungen und brüchig war, kleine Jachten und Boote, die unter einer dicken Persenning dem Sommer entgegen dösten. Die Segelboote füllten die Piers und die Landungsbrücken. Wie Entwässerungsgräben ragten die Stege in den See hinein, verschränkten sich ineinander, als handele es sich um eine richtige Hafeneinfahrt. Am Ende des Kais stand ein Leuchtturm, ein Türmchen mehr, das, was sich der durchschnittliche Tourist unter einem solchen Bauwerk vorstellen mochte.

Obwohl das leichte Schaukeln der Boote die einzige Bewegung weit und breit war, wirkte die Szene seltsam belebt. Wäre diese eiskalte Brise nicht gewesen, die vom See her ins Rhônedelta hinauf blies, dem flüchtigen Ansehen nach hätte es früh im Sommer oder Herbst sein können.

Riva kam fast zehn Minuten zu spät, tat abgehetzt, entschuldigte sich, und ich war froh, ihn überhaupt noch auftauchen zu sehen. Am Morgen erst hatte ich ihn angerufen, und hatte ihn regelrecht bedrängen, mit verschwommenen Andeutungen ködern müssen, um die halbe Stunde zu ergattern, die er mir vor seinem Abflug nach Neapel opfern wollte. Während des Gesprächs würde er immer wieder prüfend auf den schweren vergoldeten Zeitmesser an seinem linken Handgelenk starren, als erwarte er dort Aufschluss über die Gründe, warum die eine Minute im Nu verging, während die andere sich endlos von einem Ufer des Sees zum anderen zu dehnen schien.

Riva hatte viel Ähnlichkeit mit Altomonte. Beide kamen aus dem Tessin, waren nur wenige Dörfer voneinander entfernt am Lago Maggiore aufgewachsen. So wie die italienische Schweiz den bestmöglichen Kompromiss zwischen mitteleuropäischer Ordnung und Tüchtigkeit auf der einen Seite und mediterraner Lebensart auf der anderen darstellte, strahlte auch Riva eine gezähmte, sozial verbindlichere Form des Italienischseins aus. Ihn begleitete eine heitere Gelassenheit, bei der von Oleandern und Geranien eingerahmte Steinhäuser vor dem inneren Auge auferstanden, freundliche und aufgeräumte Dörfer, die sich im lauen Wasser bei Lugano oder Locarno spiegelten. Bei Altomonte war dieses In-sich-ruhen zu einer sarkastischen, manchmal zynischen Selbstsucht pervertiert, ein fortschreitender und unumkehrbarer Prozess, der sich in den Jahren, die er in Deutschland und den Vereinigten Staaten verbrachte, beschleunigte. Nur selten, in den wenigen glücklichen Stunden seines Lebens, hatte uns diese andere, tiefere Seite seiner Person überrascht. Vielleicht war das der Grund, warum wir so lange zu ihm gehalten hatten.

Man hatte White gefunden, den verschwundenen Amerikaner. Das war die Neuigkeit, mit der ich Riva konfrontierte, als sei er der Verdächtige und ich der Kommissar, der ihn zu überrumpeln trachtete.

"Na, Gott sei Dank!" entfuhr es ihm, und seine Miene hellte sich auf. Dann verdüsterte sie sich wieder, als sei die Sonne von einer Wolke direkt hinter die nächste verschwunden. Sein Blick suchte zum ersten Mal die Uhr. "Und deswegen wollten Sie mich sprechen?!"

"Er ist tot. Man hat ihn mit zwei Kugeln im Kopf aus dem See gefischt." Das schien mir Erklärung genug, und auch Riva vergaß für einen Augenblick seinen Kongress, seinen Vortrag oder was immer er in Neapel vorhatte.

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Was ich als unumstößliche Tatsache hingestellt hatte, war bislang nur eine Vermutung - mehr wahrscheinliche Hypothese allerdings als dunkle Ahnung. Noch hatte man White nicht zweifelsfrei identifiziert, und ich stellte mir Karen im kalten Keller des Gerichtsmedizinischen Instituts vor: blass, mühsam gefasst und letztlich schon wissend, so als könnten sich ihre Alpträume nur in dieser langen Metallschublade versteckt haben, die gleich wie eine Registratur auf ihren Führungsschienen heraus rumpeln würde. Dann fände auch das Wechselspiel in ihrem Gesicht ein Ende, dieses Schwanken zwischen tiefer Beunruhigung und matter Hoffnungslosigkeit, das mich am Vortag so berührt hatte.

Auch der Kommissär hatte keinen Zweifel daran gelassen. Genf war nicht Miami, und niemand wusste das besser als er. Wenn man einen Vermissten hatte und eine Leiche, die genau zu der Beschreibung passte, dann konnte man nur ein berufsmäßiger Skeptiker sein, um den fast greifbaren Zusammenhang als Spekulation abzutun.

Am Morgen hatte der Kommissär plötzlich an meinem Frühstückstisch gesessen. Zwischen zwei Bissen hatte sich seine durchscheinende Gestalt vor mir materialisiert, und ich muss ihn mit offenem Mund angeglotzt haben, unsicher darüber, wie wirklich eine solche Erscheinung sein konnte, denn er lächelte und bat, mich nicht stören zu lassen.

Seit unserem letzten Treffen auf dem Friedhof hatte er sich überhaupt nicht verändert. Er trug den gleichen zerknitterten grauen Anzug und eine locker sitzende, in sich verdrehte Krawatte, die an einen Strick erinnerte. Matt lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme und sah mir beim Essen zu. In seinem bleichen Gesicht konnte ich die Wirkung der verschiedenen Bestandteile meines Frühstücks auf seinen Magen ablesen. Je nachdem, was ich mir gerade in den Mund schob, mischte sich ein mehr oder weniger gequälter Zug in sein Lächeln. Es war als äße nicht ich, sondern er an meiner statt. Dann zog er eine Zigarette aus der Tasche, und weil er mir leid tat, nickte ich ihm zu. Er steckte sie sich halb in den Mund, sog daran wie an einem Schnuller und paffte dann ruhiger vor sich hin.

Schnell erzählte er mir die Neuigkeit. Dann fragte er mich, was ich bei der Schwester in Erfahrung gebracht habe. Auch wenn ich nicht regelrecht überwacht wurde, schien er doch über meine Schritte bestens im Bilde. Ich wollte mich für sein Entgegenkommen revanchieren und berichtete in groben Zügen von meinem Besuch bei Karen Demonnaie. Während ich sprach, nickte er traurig vor sich hin, so als bestätigten meine Worte das, was er sowieso schon wusste oder vermutete. Tatsächlich war mein Bericht mehr als dürftig.

Da ich fürchtete, Montaigne könnte jetzt, da er das wenige Wissenswerte erfahren hatte, genauso überraschend verschwinden wie er Minuten zuvor erschienen war, bestellte ich ihm einen koffeinfreien Kaffee. Ich fragte ihn, in welche Richtung er jetzt ermittele und ob der Mord nicht all seine Überlegungen hinfällig gemacht habe.

Trotz seiner vordergründigen Freundlichkeit wirkte der Kommissär müde und niedergeschlagen, mitunter fast abwesend. Man habe ihm den Fall entzogen, gab er mir irgendwann zu verstehen. Die Drecksarbeit liege zwar nach wie vor bei ihm, die Gesamtleitung habe aber eine höhere Stelle an sich gezogen. Sein Blick war ergeben zur Decke gewandert, so als könne es sich hierbei nur um irgendein allmächtiges Gremium handeln, und ich fragte mich, ob es in der Schweiz eine Bundespolizei gab oder ob der Geheimdienst eingeschaltet worden war.

Wir spekulierten noch eine Weile lustlos über mögliche Hintergründe der Tat. Ich wusste zu wenig über die wissenschaftliche, wirtschaftliche oder militärische Bedeutung von Altomontes Arbeit. Falls der Kommissär mehr wusste, behielt er es für sich. Ohne seinen Kaffee anzurühren, verabschiedete er sich, und ich beschloss, mich an jemanden zu wenden, von dem ich mir einen tieferen Einblick versprach. So rief ich Riva an.

Wir standen noch immer unweit des Jet d'Eau. Genfs Wahrzeichen war unser Treffpunkt gewesen. Riva schien ratlos, die Hände in den Taschen vergraben, mochte er nach einer Erklärung für das suchen, was in die Abgeschiedenheit seiner gut abgeschirmten Wissenschaftlerwelt hereingebrochen war. War Altomontes Tod im Kreis der Kollegen noch wie ein Schicksalsschlag hingenommen worden, kam man angesichts von Whites Ermordung nicht mehr umhin, sich neue und unangenehme Fragen zu stellen. Hatte man sich bisher nur in der Arbeit gestört gefühlt, drohten jetzt Einmischungen der Aufsichtsbehörden und rufschädigende Kampagnen der Medien. Ich wartete und hoffte, Rivas Grübeln würde etwas Verwertbares zutage fördern. Die Wassersäule hing wie eingefroren senkrecht in der Luft, kaum etwas von der Gischt trieb hinüber in Richtung Stadt.

Minuten verstrichen, und der in sich versunkene Riva machte keine Anstalten, mich an das, was in ihm vorging, teilhaben zu lassen.

"Es muss irgendeinen Grund geben für das, was passiert ist." Plötzlich hatte ich es eilig. Zum ersten Mal, seit ich in Genf war, spürte ich die Zeit, die lautlos verrann, ein endloser Sandfaden, der aus einem unsichtbaren Glas fallend, einen großen unnützen Haufen vor meinen Füßen aufgetürmt hatte. "Es muss etwas mit Altomontes Experiment zu tun haben."

"Massimos Experiment?" Er sah mich an, als sei er gerade aus tiefster Trance erwacht.

"Was genau hat er vorgehabt?" drängte ich ihn.

"Ich kenne den Aufbau nicht im Detail." Er überlegte. "Massimo sprach nur sehr allgemein darüber. Vielleicht hatte er Angst, jemand wollte ihm etwas klauen." Er schüttelte den Kopf. "Seit Stockholm war er noch merkwürdiger als sonst."

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Altomonte hatte offenbar an der gleichen Sache weitergearbeitet, für die er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Ein Plasma sollte mit Hilfe gebündelter Energie soweit erhitzt werden, dass eine kontrollierte Fusion in Gang kam.

"Massimo schnippte nur mit dem Finger, und schon bekam er, was er wollte. Nicht einmal die Versuchsanordnung musste er sich genehmigen lassen." Es war nicht Neid, was aus ihm sprach, obwohl er sich selber zweifellos das gleiche wünschte. "Ein Dutzend Hochenergielaser der neuesten Generation. Allein die haben Millionen gekostet. Einen ganzen Keller voll Kondensatoren. Sogar eine eigene Leitung haben sie ihm vom Umspannwerk raufgelegt."

"Er brauchte viel Energie?"

Riva lachte. "Viel Energie ist überhaupt kein Ausdruck. Wenn er da oben loslegte, mussten vorher ein paar französische Atomkraftwerke zugeschaltet werden. Na ja, fast. Jedenfalls musste alles mit dem Elektrizitätswerk abgestimmt werden." Er wurde wieder ernst. "Sein Problem war, dass er eine Tausendstelsekunde lang eine unvorstellbare Energieleistung benötigte. Man sollte denken, es sei einerlei, ob man lange Zeit wenig oder kurze Zeit viel Leistung bereitstellt. Aber es hat fast ein Jahr gedauert, bis er in den Bereich vorstieß, wo er den Effekt erwartete."

"Das war das große Experiment, von dem er immer wieder gesprochen hat?"

"Nein, wie kommen Sie darauf? Eigentlich war's nur ein Vorversuch, ein wichtiger, vielleicht entscheidender Vorversuch, aber nicht mehr. Er arbeitete nicht am großen Plasmaring, das hätte er mit seinem kleinen Team auch gar nicht gekonnt." Riva dachte nach. "Man könnte sagen, er hat den Zünder entwickelt. Den wollte er testen. Hätte alles funktioniert, wäre er an den Reaktor gegangen. In einem Jahr oder zwei, sicherlich nicht früher." Er zuckte die Schultern. "Und jetzt ist völlig ungewiss, ob es jemals so weit kommt."

Altomonte steuerte die Laser mit Hilfe eines eigens dafür entwickelten Parallelrechners. Er hatte sie so zusammengeschaltet, dass durch Überlagerungen stabile Interferenzen erzeugt werden konnten, Solitonen, die energiereich genug waren, um durch die Außenschicht des Plasmas zu tunneln. Das war der Zünder, mit dem er das ewige Feuer zu entfachen gedachte.

"Hat eine solche Apparatur irgendeine ökonomische oder militärische Bedeutung?" In Rivas Benehmen deutete sich eine zunehmende Ungeduld an, und ich wollte mein eigentliches Anliegen loswerden.

Er sah mich an, als habe er noch nie darüber nachgedacht.

"Wirtschaftliche sicherlich, militärische … weiß ich nicht. Auszuschließen ist das aber nicht. Ganz und gar nicht."

Mit dieser wenig ergiebigen Antwort musste ich ihn ziehen lassen.

 

Als nächstes stand ein Besuch in Altomontes Haus auf dem Programm. In meinem Mietwagen fuhr ich die wenigen Kilometer den See entlang. Kurz vor dem Dorf hielt ich an einem unscheinbaren Restaurant direkt am See an, um etwas zu essen. Mittag war schon geraume Zeit vorüber, und es war wärmer geworden. Wie ein Rekonvaleszent, der nach den ersten Stunden auf unsicheren Beinen sich mehr und mehr zutraut, schien auch die Sonne zu Kräften gekommen zu sein.

Der Schankraum war menschenleer, und über die weißgedeckten Tische sah man auf das glitzernde Wasser hinaus. Ich aß einen Wurstsalat. Auf der leeren Sonnenterrasse kreiselte das trockene Laub im Wind. Gleich hinter einem schmalen Rasenstreifen ragte ein hölzerner Steg in den See hinein. Ein Ruderboot war daran festgemacht. Schaukelnd hob und senkte es sich im unregelmäßigen Rhythmus der Dünung.

Am Vortag, am Abend und sogar in der Nacht - gegen drei war ich plötzlich hellwach gewesen - hatte ich über meinen Fund im Büro des Europäischen Instituts nachgedacht, über Bachs kleines Gedicht, den vertauschten Titel. Es war unwahrscheinlich, dass das Blatt der Kriminalpolizei entgangen war. Montaigne mochte jenseits von Gut und Böse sein, auf sein Handwerk verstand er sich. Möglich, dass es als unbedeutend einfach beiseitegelegt worden war. Schließlich war ich der einzige, der etwas damit anzufangen wusste. Auch der sybillinische Hinweis, den ich in der Überschrift zu sehen glaubte, dieses Suchet, so werdet ihr finden, war entweder für mich bestimmt oder aber meiner Einbildung entsprungen. Selbst jetzt, da ich mich anschickte, meine Vermutung an der Wirklichkeit zu messen, war ich mir keineswegs sicher, das Gesuchte zu finden. Möglich auch, dass die geheimnisvolle Seite, erst nach dem Unfall, nach Altomontes Tod, nach den verschiedenen Durchsuchungen der Polizei dorthin gelangt war, wo sie mir in die Hände fallen musste.

Als ich auf den unbefestigten Parkplatz vor dem Haus einbog, wartete Madame Combray schon auf mich. Altomontes Hauswirtschafterin hatte die Fensterläden aufgezogen, um zu lüften, die Gartentür geöffnet und hantierte neben dem Holzschuppen an einer großen Wasserzisterne herum. Mit der vagen Begründung, ich müsse etwas Wichtiges abholen, hatte ich sie überredet, mir Zugang zu Altomontes kleinem Anwesen zu verschaffen.

Es war keine Bruchbude und auch keine Villa. Altomonte hatte ein älteres Haus bewohnt, ganz aus Holz besaß es einen zweiten Stock, der sich bis weit ins Dach hineinzog, einen gleichfalls hölzernen Vorbau mit einem Wintergarten und ein großes, ungepflegtes Grundstück. Das Haus lag unweit des Sees, ohne direkten Zugang zum Wasser zu haben. Für Schweizer Verhältnisse mochte es regelrecht bescheiden sein.

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Madame Combray begleitete mich ins Innere. Ich hatte sie schon bei früheren Besuchen bei Altomonte kennengelernt und als unumschränkte und unerbittliche Herrscherin über Haus und Hof in Erinnerung. Sie war Mitte Fünfzig, hatte einen schleppenden Gang - das rechte Bein holte in kreisförmigen Bewegungen Schwung, um sich vorwärtszuarbeiten - und wirkte abweisend, mürrisch bis zur Griesgrämigkeit. Es schien, als erlaubte ihr ihre mütterliche Strenge nicht, jemanden offen ihre Zuneigung zu zeigen. Fürsorge tarnte sie als Härte, und die Art und Weise, wie sie die Teller auf den Tisch knallen konnte, hätte einer Gefängniswärterin zur Ehre gereicht. Altomonte hatte ihr bereitwillig das Regiment über alle häuslichen Angelegenheiten überlassen. Manchmal hatten sie wie ein altes Ehepaar gestritten - oder wie Mutter und Sohn. Vielleicht hatte er diese Reibungsflächen gebraucht.

Wie im Büro hatte die Polizei auch hier einiges beschlagnahmt. Trotz der großen Lücken in den Regalen und Schränken, trotz der ungewohnten Ordnung auf den Schreib- und Arbeitstischen machte das Haus einen wohnlichen, fast bewohnten Eindruck. Es war, als sei Altomonte gerade fünf Minuten zuvor hinausgegangen, um einen Spaziergang zu machen.

Im geräumigen Wohnzimmer, in dem wir so oft zusammengesessen hatten, ließ ich meinen Blick unschlüssig herum schweifen. Noch tat ich so, als wüsste ich nicht, wo ich mit meiner Suche beginnen sollte.

Der Flügel stand in der Ecke nahe der Terrassentür. Auf dem Notenständer lag eine zusammengeklappte dunkelbraune Ledermappe. Darauf war in goldener Prägung die Inschrift zu lesen: Johann Sebastian Bach: Das Musikalische Opfer. Ein kurzer Blick hinein genügte, um mich zu vergewissern, dass ihr Inhalt tatsächlich nicht aus Notenblättern bestand. Ich lächelte der misstrauisch dreinblickenden Madame Combray zu und nahm die Mappe an mich.

Auf dem Klavier lag noch etwas anderes: ein dünnes Taschenbuch. Der billige grünlichblaue Einband erschien auf dem blank polierten Holz seltsam fehl am Platz.

Madame Combray, die das Objekt noch vor mir entdeckt hatte, murmelte, sie habe erst vor ein paar Tagen alles aufgeräumt, nachdem die Polizei dagewesen sei, schüttelte missbilligend den Kopf, als sei die neuerliche Unordnung ganz allein mein Verschulden, und machte Anstalten, das abgegriffene Exemplar nach einem unergründlichen System in einem der untersten Regale des großen Bücherschranks zu verbannen.

Möglich, dass allein schon die Farben auf dem Umschlag die Erinnerung in mir wachgerufen hatten, die Menschen darauf, die als düstere Schatten wie Marionetten oder zum Tode Verurteilte an einem Faden, einem Seil hingen. Jedenfalls erkannte ich das vergilbte Exemplar sofort wieder. Es war ein Science Fiction-Roman und hieß: Welt am Draht. Ich selbst hatte es gelesen, sogar zweimal, und es hatte eine Zeit gegeben, in der Altomonte und ich darüber genauso eifrig diskutiert hatten wie über das Kapital oder Reichs Charakterkunde.

Ohne ein Wort nahm ich es der resoluten Madame Combray aus der Hand. Verblüfft richtete sie sich wieder auf.

Es war Altomontes Exemplar. Innen auf der Umschlagseite stand in kleinen unauffälligen Buchstaben: altomonte. Irgendwer hatte ihm einmal gesagt, dass Einstein und Freud eine bescheidene und gut lesbare Unterschrift gehabt hatten. Selbst auf einen großen Anfangsbuchstaben hätten sie verzichtet. Zwei Tage hatte er geübt, um seine eigene schnörkelreiche Signatur auf das normale Geniemaß zurechtzustutzen.

Einige Stellen waren mit Bleistift angestrichen. Ich fächerte die Seiten auf. Staub stieg mir in die Nase.

Auf der hinteren Umschlagseite stand eine kurze Zusammenfassung:

 

Daniel F. Galouye schildert in diesem utopisch-technischen Roman zwei Welten. Die eine ist wirklich, die andere unwirklich. In ihr sind Materie und Bewegung nichts anderes als das Spiel elektronischer Kräfte: grenzenlose Illusion, Fälschung. Wer aber betreibt sie? Jene unbegreifliche Macht, die vernunftbegabte Wesen wie Marionetten dirigiert …? Trotzdem gelingt einem Mann namens Douglas Hall der Durchbruch aus der Welt der Illusion in die Wirklichkeit.

 

"Meinen Sie, ich kann das auch noch mitnehmen?"

Als hätte ich um die Hand ihrer minderjährigen Tochter angehalten, wog Madame Combray sorgenvoll ihren Kopf. Schließlich sagte sie: "Nur weil Sie es sind, Monsieur Heilant, nur weil Sie es sind."

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Rätsel und jede Menge Auflösungen

In natürlicher Umgebung kann man niemals eine Null-Fehler-Rate erreichen. Die Natur, brillant wie sie ist, findet also Mittel und Wege, Fehler in ihrem Sinne wirken zu lassen. Es ist irgendwie so: Grobe Fehler sind tödlich, kleine flüchtige Fehler geben den Dingen genügend Lockerheit, damit sich Neues auftun kann. Wenn die Schrittweite der Fehler klein genug gehalten werden kann, lässt sich schrittweise eine Annäherung zum fast Perfekten erreichen.

Es fällt mir schwer, es in Worte zu kleiden, aber wenn ich an Kreativität denke, fallen mir Eigenschaften wie 'nervöses Zittern' und 'Verletzlichkeit' ein. Die Struktur eines großangelegten Anordnungsschemas kann durch das Einlassen kleiner Teilchen von etwas, was nicht dazugehört, dramatisch verändert werden. Nicht der Zufallscharakter ist in Wirklichkeit die lebenswichtige Ingredienz in der Kreativität, sondern eher die fast unmerkliche Färbung der subtilen Wahrheiten, die die Kreativität findet.

Kleine kräuselnde Wellen sind die niedrigsten Formen, die das besitzen, was man eine Persönlichkeit nennt. Felsen und Schnee haben tendenziell sehr wenig Persönlichkeit, weil deren Kräusel sehr klein sind. Da hat Qualm schon mehr Persönlichkeit. Ich glaube tatsächlich, dass Bach und Magritte aus diesem Grunde Pfeifenrauch liebten.

Eine Qualmwolke ist irgendwie wie ein Neffe von uns. Kleine Luftströmungen, die locker verbundenen Systeme wirbeln Schäfchenwolken auf, und wir können beobachten, wie das Ganze sanft und gemächlich durch die Luft gleitet. Wogende Flüsse und Ströme besitzen diese Eigenschaft, wie auch brechende Ozeanwellen. Das Kochen am Herd und das eigene innere Kochen, die kleinen Stücke, jedes mit seinem eigenem Leben, jeder kleinen Welle verbunden, interagierend und trotzdem am Ganzen partizipierend.

R. R.

Tod durch Selbstmord im April 1984

 

Am nächsten Tag löste sich ein Rätsel. Es war nicht das wichtigste Rätsel, aber es war jenes, das mich in Gedanken am meisten beschäftigt hatte. Im Gegenzug tauchte eine Reihe neuer Fragezeichen auf, so dass die ganze verworrene Geschichte unterm Strich nicht viel klarer wurde.

Noch im Auto hatte ich den Inhalt der Mappe überflogen, mit vor Aufregung klopfendem Herzen, so als enthielte sie das dreimal beglaubigte Geständnis des mysteriösen Täters. Tatsächlich schien mich das Musikalische Opfer, meine Bach-Spur, wie ich sie insgeheim nannte, keinen Zentimeter weiterzubringen, und ich zweifelte im ersten Augenblick sogar, ob der große Komponist in irgendeinem Zusammenhang mit dem Unfall und Altomontes Tod stand.

Statt einer wie immer gearteten Lösung, enthielt die Mappe einen Stapel Fotokopien. Darunter Notizen, Zeichnungen, aus dem Zusammenhang gerissene Textauszüge, unverbunden nebeneinander stehende Zitate und andere Papiere, deren Herkunft und Bedeutung mir völlig unklar lag. Vielleicht handelte es sich um eine Stoffsammlung, war mir durch den Kopf gegangen, und die Umrisse eines gewaltigen Projekts bildeten sich heraus, beschäftigte ich mich nur intensiv genug damit.

Zuoberst lag ein englischer Text. Darin berichtete ein Ingenieur Namens Russell von einer Beobachtung, die er im Jahre 1834 in einem Kanal gemacht hatte. Dann kam ein Auszug aus einem naturkundlichen Werk. Es ging um Seebeben, um die großen Flutwellen, die Tsunamis genannt werden. Auf der Rückseite war ein Bild, die Reproduktion eines Holzschnitts eines japanischen Meisters. "Dreiunddreißig Ansichten des Berges Fuji" stand darunter. Zwei engbeschriebene Seiten folgten, Originale, wie es schien, die eine kurze Szene enthielten, einen Dialog zwischen Achilles und der Schildkröte. Auch hierzu fand ich eine Illustration, die ungelenke Bleistiftzeichnung eines Kriegers, der ein topfförmiges Gebilde verfolgt. In diesem Stil ging es weiter, und ich beschloss, die sorgfältige Untersuchung des Materials auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Selbst einige Notenblätter waren dabei.

Wie am Vortag als der Kommissar, einem durchsichtigen Unglücksboten gleich, plötzlich an meinem Frühstückstisch gesessen hatte, glaubte ich in der ersten Verwirrung auch an diesem Tag, eine unmögliche Erscheinung zu erblicken.

Ein Besucher war mir gemeldet worden, eine junge Dame, um genauer zu sein. Kaum hatte ich das vernommen, spürte ich eine seltsame Veränderung in mir vorgehen. Mir war, als sei ich eben erst in Genf angekommen und nicht fast eine Woche zuvor. Was ich bisher getan hatte, waren Verlegenheitsgesten gewesen, Übersprunghandlungen, wohlgemeinte Versuche, mein Warten mit etwas Nützlichem zu füllen. Jetzt aber ginge es los. Keinen Augenblick zweifelte ich daran, dass es meine geheimnisvolle Fremde war, die unten auf mich wartete.

Als ich sie dann sah, war alles schlagartig ganz anders, und trotzdem schien es sich auf wundersame Weise zu erfüllen. Sie war's und war's doch nicht. In jedem Film hätte ich erstaunt den falschen Namen ausgerufen, verwirrt über das Unmögliche, das sich mir darbot. In der wirklicheren Wirklichkeit aber brauchte ich nur die Bruchteile einer Sekunde, um das Gefühl, das mir den Mund schon geöffnet hatte, wie einen ungezogenen Hund zurückzuscheuchen.

So nahm ich ihre Rechte in beide Hände, lächelte mein schönstes Lächeln und sagte: "Chloé!"

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In diesem einen Wort lag alles, was ich gerade fühlte: maßloses Erstaunen, Trauer, über das, was ich verloren hatte, kindliche Vorfreude angesichts dessen, was kommen mochte. Als wollte ich sie von einem überreichen Buffet wenigstens kosten lassen, legte ich von allem ein wenig hinein.

Auch sie strahlte, sagte, wie sehr sie sich freue, mich nach so langer Zeit wiederzusehen.

Äußerlich glich Chloé in Größe und Gestalt, dem Ton ihres Haars und ihrer Haut, in allem, was einer genauen Beschreibung zugänglich war, der Mutter. Selbst den Schwung ihrer Brauen, der beiden dünnen Striche, die eine stille Nachdenklichkeit auf ihrem Gesicht zauberten, kannte ich aus jener anderen Zeit. Nur ihre Augen waren eine Winzigkeit heller als die Alessandras, so als habe sich die Natur nach langem Hin und Her zu einem kleinen Zugeständnis an den Vater durchgerungen.

Dennoch war Chloé unverwechselbar sie selbst. Sie war viel erwachsener, als es Alessandra in ihrem Alter gewesen war, erwachsener sogar, als es Alessandra jemals gewesen war. In ihrem goldgelben Kostüm, den hochhackigen Schuhen, dem teuren Wollmantel, den sie weit aufgeschlagen hatte, wirkte sie damenhaft, weltgewandt, fast distanziert. Daran änderte auch der Pferdeschwanz nichts, zu dem sie ihr Haar mit einem schwarzen Band zusammengebunden hatte. Sie war insgesamt reifer, ruhiger. Ihrer Stimme fehlte das Anklagende, das Entblößende, das der der Mutter eigen gewesen war.

Während wir uns begrüßten, auf eine Sitzgruppe zugingen und jene Fragen und Antworten austauschten, die nur Unbekannten auf der Zunge liegen, die so viel gemeinsam haben wie wir, beobachtete ich sie aufmerksam. Wie in der Rätselecke, wo es darum geht, zehn Unterschiede bei ansonsten identischen Bildern zu finden, sprang mein Blick jene zwanzig Jahre hin und her, die zwischen Altomontes Küche in Heidelberg und dieser Hotelhalle lagen. Chloé war in allem vollkommener als das Original. Es war, als sei dem Schöpfer beim zweiten Versuch alles geglückt, und für einen Moment haderte ich mit meinem Schicksal. Warum hatte ausgerechnet ich der Leidtragende seiner Schludrigkeit, seiner mangelnden Liebe zum Detail sein müssen? Dann stellte ich mir vor, nicht Alessandra, sondern Chloé wäre mir in jenem Frühling begegnet. Keine der Eigenschaften, die sie heute über die Mutter erhoben, hätte mich damals angezogen. Wenn jemand Fehler gemacht hatte, dann hatte er sie zweifellos an uns allen verbrochen.

Schnell stellte sich heraus, dass sie jene Studentin war, die Altomonte beim fraglichen Experiment assistiert hatte. Noch keine achtzehn Jahre alt hatte sie ein Physik- und Mathematikstudium in Lugano begonnen. Nach dem Vordiplom war sie ihrem Vater nach Genf gefolgt.

Unnötig zu erwähnen, dass sie ein halbes Dutzend Sprachen fließend sprach, wie sie überhaupt mit der Bürde des hochbegabten Kindes spielend fertiggeworden zu sein schien. Einen Großteil ihres Lebens hatte sie in Schweizer Internaten verbracht, und nicht einmal das, nahm sie ihrem Vater, ihrer Mutter oder sonst jemandem übel. Vielleicht war das das einzige, was mich ein wenig störte. Sie hatte ein hochentwickeltes Verantwortungsbewusstsein, hatte die Fähigkeit, die verschiedenen Seiten zu berücksichtigen, um dann Entscheidungen zu treffen, die klar durchdacht und nach höchsten Maßstäben richtig schienen. Bildete ich mir selbst ein, nicht gerade in den Tag hineinzuleben, kam ich mir an ihrer Seite ein bisschen wie ein sattes, selbstzufriedenes Tier vor. In dieser Hinsicht war sie das krasse Gegenteil ihres Vaters. Vielleicht hatten die strengen Schweizer Schulen einen gelungenen Kompromiss zwischen der grenzenlosen Egozentrik Altomontes und dem schließlich pervertierten sozialen Engagement Alessandras zuwege gebracht. Natürlich bewunderte ich Chloé auch dafür. Doch so wie kleine Schwächen Menschen sympathischer erscheinen lassen, machte eine solche Vollkommenheit auch misstrauisch, schüchterte ein. Sie war ein Missklang, der nicht in das gewohnte Bild passte.

Als habe sie sich von der Bürde der Berühmtheit ihrer Eltern losmachen wollen, hatte sie ihren Namen geändert. Es hatte eine Zeit gegeben, da der Name Miraio, so hatte Alessandra geheißen, eine traurige Bekanntheit erlangt hatte, die Altomonte, wenn auch aus anderen Gründen, selbst in der Stunde seines größten Triumphes nicht hatte erreichen können. Noch heute, fünfzehn Jahre danach, ist die Miraio ein Synonym für das weibliche Pendant zum Schwarzen Mann. War es ihrer Tochter zu verdenken, dass sie die Spuren ihres Ursprungs so weit wie möglich verwischen wollte?

"Und wie bist du auf Jamorí gekommen?" fragte ich sie, als säßen wir gemeinsam an einem Kreuzworträtsel, an dem die letzten zwei oder drei Buchstaben fehlten.

Sie lächelte. "Kommst du nicht selbst drauf?"

Wenn ich die beiden Namen schwarz auf weiß vor mir gehabt hätte, wäre mir die Gemeinsamkeit wahrscheinlich aufgefallen, zumal Chloé mich mit der Nase darauf gestoßen hatte. Sie klangen aber so unterschiedlich, der eine italienisch, der andere französisch, und auch meine Assoziationen mit den Frauen, die sie trugen, waren, trotz der äußeren Ähnlichkeit, so gegensätzlich, dass ich passen musste.

"Es ist ein Anagramm." Warm sahen mich ihre Augen an, und ein Prickeln durchlief mich. "Du nimmst die Buchstaben Miraio - zu viele Vokale, aber es geht -, schüttelst sie kräftig, und schon kommt Jamorí heraus, ein Akzent drauf, damit es französischer klingt, ein i wird zu einem j und fertig ist die neue Identität!" Sie warf den Kopf zurück und lachte.

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Ohne zu antworten, beschränkte ich mich darauf, sie mit freundlichem Gesicht vielsagend anzuschauen. Ein bisschen kam ich mir wie einer der Typen vor, die im Fernsehen Werbung für parfümierte Duschlotionen machen. Genauso ratlos und unwiderstehlich fühlte ich mich.

Dann sagte ich: "Wieso hast du dir nicht gleich einen ganz anderen Namen ausgesucht?"

Sie wurde ernst. "Sie war meine Mutter. Ich hänge an ihr, trotz allem. An beiden." Es war, als müsse sie sich dafür entschuldigen.

"Warum hast du am Telefon nicht gesagt, dass du es bist? Warum so geheimnisvoll?" Nicht alles schien geklärt, und trotz der Unbeschwertheit, in die mich ihre Anwesenheit tauchte, regte sich in einem versteckten Winkel meines Hinterkopfes eine Erinnerung an unser erstes, einem schlechten Krimi entsprungenes Gespräch.

"Wärst du für mich in Genf geblieben?"

So wie sie vor mir saß, war das überhaupt keine Frage. Anders stellte es sich am Telefon dar. Ob diese Spannung zwischen Fremdem und Vertrautem, das ich in ihrer Stimme ausgemacht hatte, ausgereicht hätte? Ich wusste es nicht.

"Dann waren diese mysteriösen Andeutungen, diese Beweise, auch nur ein Trick? Was hast du gesagt: 'Jemand hat ihn umgebracht - oder etwas …' Eine starke Nummer!"

Sie war verlegen geworden, fing sich aber sofort wieder. "Nicht ganz. Beweise habe ich keine, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es kein Unfall war." Dann schilderte sie mir die Versuchsanordnung und den Unfallhergang. Einer der Phasengleichrichter habe sich überhitzt. Technisch eigentlich ausgeschlossen, meinte sie. Vermutlich sei er kurzgeschlossen worden. Mehr als das. Eine gezielte Rückkopplung habe zur Überlastung und schließlich zur Explosion geführt. "Es war ganz offensichtlich Sabotage, und wenn ich die Teile hätte, die die Polizei beschlagnahmt hat, könnte ich es auch beweisen." Sie stockte.

"Hast du das dem Kommissar erzählt?"

"Es ist besser, wenn er selbst draufkommt."

Chloé sah durch die schweren Rauchglasscheiben des Foyers hinaus auf die Straße. Sie dachte nach. Offenbar hatte sie beschlossen, mir noch mehr zu erzählen: "Massimo", selten nannte sie ihn mein Vater, "hat an etwas anderem gearbeitet, als an dem, was er vorgab. Ihm ging es schon lange nicht mehr um die kontrollierte Kernfusion. Er hatte eine neue, eine größere Idee."

Obwohl ich mir keine größere Idee als einen Fusionsreaktor vorstellen konnte, nickte ich. Das passte zu Altomonte. Ich sah sie fragend an.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß es nicht. Es hatte schon etwas mit dieser Laseranordnung zu tun. Zweifellos wollte er auch eine Solitonenwelle erzeugen. Nur warum, das wusste er allein." Sie sah mich an. "Gemeinsam finden wir es vielleicht heraus."

Ich nahm die Gelegenheit wahr, ihre Hand zu ergreifen und zu drücken. Dann war ich an der Reihe, ihr Neuigkeiten mitzuteilen.

"White ist tot."

Sie nickte, als habe sie nichts anderes erwartet. "Ist er gefunden worden?"

Ich berichtete von Montaignes Besuch am Vortag, seinem unverhofften Erscheinen, schmückte meine Schilderung mit allerlei Details aus. Schließlich saßen wir uns schweigend gegenüber. Alles schien gesagt, und niemand war bereit, zuerst aufzubrechen.

Wie um zusammenzufassen, sagte ich: "Altomonte arbeitete an einem Experiment, das jemand mit allen Mitteln verhindern wollte."

"Ja, davon bin ich fest überzeugt. Und dieser jemand muss gute Gründe dafür gehabt haben."

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Der Scheitelpunkt der Parabel
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